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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 18.03.2021:

„Teilhabe in, an und durch Medien.“

Inklusive Medienbildung an Schulen

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Bildrechte: Anna-Maria Kamin

Die Corona-Pandemie macht deutlich, wie wichtig digitale Kompetenzen für die gesellschaftliche Teilhabe sind, und zwar sowohl für Menschen ohne als auch mit Beeinträchtigung. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Prof.in Dr. Anna-Maria Kamin von der Universität Bielefeld, die schon seit mehreren Jahren Fragen im Themenfeld Medienbildung in inklusiven Bildungskontexten bearbeitet, darüber, wie Medienbildung und Inklusion zusammen umgesetzt werden können.


Online-Redaktion: Medienbildung und Inklusion - wie passt das für Sie zusammen?

Kamin: Medienbildung und Inklusion sollten aus meiner Sicht konsequent zusammen gedacht werden, so können die wechselseitigen Partizipationsgewinne am besten ausgeschöpft werden. Auch in der UN-Behindertenrechtskonvention und anderen bildungspolitischen Papieren lassen sich klare Bezüge zwischen Medien bzw. Digitalisierung und Inklusion herstellen. In der UN-Behindertenrechtskonvention wird deutlich, dass Zugang zu Information und Bildung, zu Teilhabe an politischem, öffentlichem und kulturellem Leben angesichts der Digitalisierung der heutigen Lebenswelten eng an Medien gebunden ist. Genauso heißt es in der Strategie der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“, dass alle Schüler*innen für eine aktive selbstbestimmte Teilhabe in einer digitalen Welt vorbereitet werden und digitale Kompetenzen erwerben sollen, unabhängig von ihrer individuellen Disposition.

Online-Redaktion: In Schulen werden inklusive und digitale Schul- und Unterrichtsentwicklung meist als getrennte Aufgaben wahrgenommen, wie kann man sie synergetisch miteinander verbinden und umsetzen?

Kamin: Es wäre wünschenswert, dass Schulen, wenn sie sich als inklusive Schulen weiterentwickeln wollen, medienbezogene Aspekte direkt mitdenken, oder wenn sie ein Medienkonzept entwickeln, inklusive Aspekte berücksichtigen. Ich denke, es funktioniert am besten, wenn die Bildungspolitik Vorgaben macht, dann wird auch zukünftig in der Praxis Medienbildung und Inklusion zusammen gedacht.

Online-Redaktion:
Wie kann man sich den Einsatz von digitalen Medien in inklusiven Settings im Unterricht vorstellen?

Kamin: Aus meiner Sicht und auch der anderer Wissenschaftler*innen heißt inklusive Medienbildung an Schulen die Teilhabe in, an und durch Medien. Teilhabe in Medien ermöglicht es, stereotypen, klischeebehafteten und stigmatisierenden Darstellungen vulnerabler Gruppen entgegen zu wirken, und eröffnet die Chance, massenmedial vermittelten Bildern von Behinderung eine Eigensicht von Menschen mit Behinderung gegenüberzustellen. Weiterhin bedeutet Teilhabe in Medien auch, dass die Diversität aller Menschen, also auch von Menschen mit Beeinträchtigungen und unterschiedlicher Herkunft, in den Medien - also auch in Arbeits- und Lernmaterialien, in Büchern, Webseiten usw. - dargestellt wird. Teilhabe an Medien heißt, dass alle Menschen Medien umfänglich nutzen können sollen, auch Menschen mit Beeinträchtigungen. Medien wie Smartphones oder Tablets, die über viele Funktionen der erleichterten Bedienbarkeit verfügen, können dafür nutzbar gemacht werden, sie sind sehr gut dazu geeignet, zu Barrierefreiheit beizutragen. Teilhabe durch Medien umfasst das Lernen und Arbeiten sowie die Freizeitgestaltung mit digitalen Medien, den Medienkompetenzerwerb. Das können Apps sein, die auf individuelle Leistungsvoraussetzungen eingehen und fachliche Kompetenzen fördern, aber das allein wäre zu defizitorientiert. Medien sollten auch an den Ressourcen, Fähigkeiten und Fertigkeiten der Einzelnen ansetzen, indem mit ihnen kreativ und produktiv gearbeitet wird. Apps bieten für den Bereich Inklusion sehr große Potenziale, wenn sie zum Beispiel dafür genutzt werden, Filme und Fotos zu erstellen. Dann können sich alle Menschen mit ihren Stärken einbringen.

Online-Redaktion: Welche Infrastruktur ist dafür notwendig?

Kamin: Dafür braucht man natürlich erst einmal die nötigen medientechnischen infrastrukturellen Rahmenbedingungen, d.h. sowohl die Schulen als auch die Lehrer*innen und Schüler*innen müssen über stabiles Internet, WLAN-Verbindungen und intuitiv zu bedienende Endgeräte verfügen. Außerdem müssen Lehrkräfte neben den technischen auch die pädagogischen und fachlichen Kompetenzen haben, um Inhalte mediendidaktisch einzubinden.

Online-Redaktion: Gibt es Schulen, die Medienbildung und Inklusion bereits miteinander verbinden?

Kamin: Ja, auf jeden Fall, es machen sich viele Schulen auf den Weg. Es sind vor allem inklusive Schulen, die medienbezogene Schulentwicklung voranbringen wollen und den Aspekt der Inklusion natürlich sehr stark mitdenken.

Online-Redaktion: Wie werden angehende Lehrkräfte in der Lehrer*innenbildung auf die beiden großen Themen „Inklusion“ und „Digitalisierung“ vorbereitet, und lernen sie auch, die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung für die inklusive Schule zu verstehen und digitale Medien passgenau einzusetzen?

Kamin: Leider noch unzureichend. Verbindlich ist Medienbildung zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen (NRW) nur in der zweiten Phase der Lehramtsausbildung im Vorbereitungsdienst, wo bei einem Unterrichtsbesuch der Fokus auf den Medieneinsatz gelegt ist. Ansonsten ist es sehr stark davon abhängig, ob die Hochschulen die entsprechenden Module anbieten. Die verbindliche Verankerung von medienpädagogischen Inhalten in allen Phasen der Lehrer*innenbildung ist noch ein riesiges Desiderat, insbesondere die inklusive Medienbildung, die wird bislang lediglich in Pilotprojekten und Förderinitiativen initiiert. Ich arbeite selbst in verschiedenen Pilotprojekten, in denen wir in Fortbildungs- und Lehrkonzepten beides zusammen erproben und evaluieren und die Entwicklung von digitalisierungsbezogenen Kompetenzen von (angehenden) Lehrer*innen ganz stark implizit unter der Perspektive von Inklusion und Heterogenität betrachten. Solche Initiativen gibt es natürlich auch an anderen Instituten.

Online-Redaktion: Ist inklusives Lernen mit digitalen Medien auch in der beruflichen Bildung denkbar?

Kamin: Auf jeden Fall. Inklusive Medienbildung hat aber bisher auch in der beruflichen Bildung noch nicht systematisch Eingang gefunden. Da wird Inklusion eher bildungstheoretisch gedacht, sozusagen im Hinblick auf die Eröffnung von Bildungschancen und Weiterqualifikationschancen. Aber es gibt auch in der beruflichen Bildung Förderinitiativen, die versuchen, berufliche Qualifizierung mit digitalen Medien, sei es mit innovativen Technologien wie VR-Brillen oder Ähnlichem, zu erproben, um Best-Practice-Beispiele zu generieren. Ich arbeite selbst an einem Pilotprojekt mit, in dem wir in einem Inklusionsbetrieb digital unterstützte Qualifizierungsmöglichkeiten für Menschen mit und ohne Behinderungen erproben und untersuchen, wie arbeitsintegriertes Lernen mit digitalen Medien unterstützt werden kann.

Online-Redaktion: Bildung ist in Deutschland stark abhängig von der sozialen Herkunft. Haben digitale Medien das Potenzial, Bildungs- und Teilhabechancen zu eröffnen und Bildungsungleichheiten zu verringern?

Kamin: Das Potenzial dazu bergen sie auf jeden Fall, weil sie eben so viele Möglichkeiten für umfängliche Teilhabe bieten. Gleichsam dürfen die Exklusionsrisiken nicht aus dem Blick geraten, denn wenn der Zugang zu Medien nicht für alle möglich ist, können sie auch einen gegenteiligen Effekt hervorrufen und Ungleichheiten verstärken. Und so ist es empirisch gesehen auch. Das sieht man angesichts des aktuellen Distanzunterrichts sehr deutlich. Es werden leider viele Schüler*innen aus belastenden Lebenslagen zusätzlich benachteiligt, und sie stehen in der Gefahr, zurückgelassen zu werden.
Aber wenn Menschen mit Beeinträchtigungen technisch und pädagogisch-didaktisch sowie sozial eingebunden werden, dann verfügen Medien tatsächlich über das Potenzial, Bildungs- und Teilhabechancen zu eröffnen. Wenn wir zum Beispiel die Infrastrukturen und didaktisch-methodischen Konzepte, die für den Distanzunterricht entwickelt wurden, auch nach der Corona-Pandemie nutzbar machen würden, wäre es in Zukunft zum Beispiel viel einfacher, Kinder mit chronischen Erkrankungen oder mit Behinderungen in der Zeit, in der sie nicht am Unterricht teilnehmen können, in den Schulunterricht einzubinden. Gleiches gilt für die berufliche Bildung. Die Teilnahme an einer traditionellen Berufsausbildung ist für viele - nicht nur für Personen mit Beeinträchtigungen, sondern auch für Personen mit Migrationshintergrund oder für diejenigen, die familiär stark eingebunden sind - von der Geschwindigkeit her schwer zu schaffen. Wenn sie die Ausbildung aber zeit- und ortsunabhängig bewältigen könnten, wäre das eine erhebliche Ausweitung ihrer Teilhabechancen.



Anna-Maria Kamin studierte von 2002 bis 2007 Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik und den Nebenfächern Psychologie und Soziologie an der Universität Paderborn. Im Anschluss an das Studium war sie bis 2017 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Medienpädagogik und empirische Medienforschung am Institut für Medienwissenschaften der Universität Paderborn tätig. Ihre Promotion zum Dr. phil. schloss sie im Jahr 2013 an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn ab. Parallel nahm sie Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen und Universitäten wahr und vertrat von 2014 bis 2015 die Juniorprofessur für Mediendidaktik und Medienpädagogik an der Universität zu Köln. 2017 nahm sie den Ruf auf die Professur für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Medienpädagogik im Kontext schulischer Inklusion an der Universität Bielefeld an.






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Inklusion durch digitale Medien in der beruflichen Bildung

diBAss - digital Blended Assistance

miTAS - ein multimediales individuelles Trainings- und Arbeitsassistenz-System

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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 18.03.2021
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