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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 24.10.2019:

„Mir geht es darum, die Diskussion über KI anzustoßen.“

Künstliche Intelligenz im und für den Bildungsbereich

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Bildrechte: Prof. Dr. Matthias Ballod

Vom 16. bis 18. September 2019 fand das 4. DGI-Forum Wittenberg statt. Thema war die Bedeutung Künstlicher Intelligenz (KI) im und für den Bildungsbereich. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Prof. Dr. Matthias Ballod von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Mitorganisator und Initiator des Forums, über die Inhalte der Fachtagung und den Einfluss Künstlicher Intelligenz auf die Bildung.


Online-Redaktion: Die Deutsche Gesellschaft für Information und Wissen e.V. (DGI) hat Mitte September das 4. DGI-Forum zum Thema „KI macht Schule“ durchgeführt. Welche Fragestellungen standen im Fokus?

Ballod:
Es gab ein breites Spektrum an Fragen bzw. an Vorträgen, in erster Linie ging es aber um die generelle Frage, welche Auswirkungen KI auf den Bildungsbereich haben kann. Im Bereich des Lernens kommen jetzt schon zunehmend Systeme zum Einsatz, die unter dem Stichwort „Learning Analytics“ gefasst sind und die unendlich viele Daten über Personen sammeln, die z.B. mittels einer Lernplattform arbeiten, wie Einloggzeiten, die Beendigung des Arbeitspensums usw., und deren Auswertung Auskunft über die Lernmotivation und den Lernstand der User geben können. Diese Algorithmen werden immer leistungsfähiger, und es ist absehbar, dass Lernempfehlungen nicht mehr von den Lehrkräften gegeben werden, sondern von Systemen, die zuvor Lernverhalten auswerten und Stärken sowie Schwächen analysieren. Ich möchte nicht bewerten, ob das gut oder schlecht ist. Es geht mir nur darum, darauf aufmerksam zu machen, dass es diese Systeme bereits gibt und dass sie mit Sicherheit irgendwann eingesetzt werden. Deshalb sind Veranstaltungen wie das DGI-Forum Wittenberg so wichtig. Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem wir den moralischen und vielleicht auch rechtlichen Rahmen noch mitbestimmen und gestalten können, unter dem wir uns KI in der Schule wünschen.

Online-Redaktion:
Welche Vorträge gab es auf dem DGI-Forum?

Ballod: Es waren drei sehr anregende Tage mit sehr interessanten Beiträgen. Als Eröffnungsvortrag hat Stefan Holtel von PricewaterhouseCoopers, einem Wirtschafts- und Beratungsunternehmen, das Technologien und Entwicklungen im Arbeitsleben und anderen Bereichen aufspürt, aus einer Metaperspektive sehr interessant beschrieben, was KI bereits leistet, was noch nicht und wohin die großen Thinktanks und Entwicklungen, von denen wir nur ahnen können, dass es sie gibt, führen. Des Weiteren haben Vertreter von Verlagen, klassischen Schulbuchverlagen, die sich im Umfeld von Digitalisierung bewegen, gezeigt, welche Möglichkeiten sie im Selbstlernbereich mit interaktiven Systemen bereits vorzuweisen haben. Außerdem gab es viele Fachvorträge von Experten aus dem Bereich der Texterkennung und der Textanalyse. Dabei ging es auch um die Frage, ob es im Bildungsbereich schon KI gibt oder lediglich algorithmisierte Prozesse, die nur zu kleinen, klar definierten Problemen Lösungen anbieten. Hierzu gab es verschiedene Meinungen. Kontrovers wurde auch diskutiert, ob man die aktuelle KI-Welle nicht so ernst nehmen solle, oder ob es schon längst fertige Pläne gebe, die nur noch zurückgehalten werden.

Online-Redaktion: Sie haben einen Vortrag zum Thema „Ermächtigung oder Entmündigung durch KI in der Bildung“ gehalten. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Ballod: Ich habe in meinem Vortrag darauf hingewiesen, dass ich mich nicht auf eine Seite schlagen möchte, sondern dass es mir hauptsächlich darum geht, diese Diskussion über KI anzustoßen. Das ist meiner Ansicht nach Aufgabe von Experten, Fachleuten und Wissenschaftlern und nicht von Lehrkräften und Informatikern. Experten müssen den Bildungsbereich unter dem Stichwort, was passiert, wenn die Entscheidungen den Pädagogen entzogen und dem persönlichen Lernprofil zugeschlagen werden, beobachten und Antworten zum Datenschutz, Datentransport, zur Programmierung etc. finden. In Erwartung des Bildungspaktes spricht man zurzeit zwar viel über WLAN, über Rechner, Technik, über grundsätzliche Dinge, die an Schulen nicht vorhanden sind. Wichtig ist aber, dass die Experten jetzt auch eine Diskussion über die Folgen von KI führen, unabhängig davon, ob man sie positiv oder negativ bewertet.

Online-Redaktion: Welche Ergebnisse brachte die DGI-Umfrage zu KI in der Bildung hervor?

Ballod: Diese Umfrage wurde zum ersten Mal durchgeführt, wobei 320 Teilnehmer mitgemacht und Fragen dazu beantwortet haben, wie sie zu KI in der Bildung stehen. Die Ergebnisse waren sehr ausgewogen. Ein Großteil der Teilnehmer sagte, dass er sich für das Thema interessiere. Die prinzipielle Bereitschaft, sich mit KI auseinanderzusetzen und sich zu informieren, war hoch bis sehr hoch einzuschätzen. Der Einsatz von KI im Bereich der Bildung wurde aber durchaus auch kritisch gesehen, insbesondere unter den Aspekten Transparenz, Datenschutz und Persönlichkeitsrechte. Beim Thema Gefahren und Potenziale von KI gab es ebenfalls eine Reihe von offenen Fragen zu den Persönlichkeitsrechten und der Verwaltung von Daten, u.a. dazu, wo die Daten gespeichert werden, wer Zugriff auf sie hat, was mit den persönlichen Daten passiert, die in ein Lernsystem eingegeben werden, und wer darüber wacht, dass sie nicht in falsche Hände geraten. Viele Teilnehmer haben aber auch rückgemeldet, dass sie auch die Potenziale sehen, die es durch „Learning Analytics“, also die Individualisierung des Lernens gebe, denn so wie Bildung heute an Schulen praktiziert werde - 45-Minuten-Taktung, ein Lehrer mit 30 Schülern, die alle zur gleichen Zeit das gleiche präsentiert bekommen etc, -, sei auch nicht optimal. Meine Hoffnung ist, dass man die Diskussion über Digitalisierung und KI in der Schule dazu nutzt, die aktuellen reformbedürftigen Lehr- und Lernmethoden neu zu bewerten, ebenso wie die Individualisierung, die Flexibilisierung und die Transparenz von Unterricht.

Online-Redaktion: Sollten Schüler und Lehrkräfte noch besser auf Digitale Bildung und KI vorbereitet werden?

Ballod: Definitiv. Vor allem die Lehrkräfte müssten darauf besser vorbereitet werden. Ich bin ganz froh, dass sich die Institutionen Schule und Hochschule bisher sehr stark resistent gezeigt haben gegen Entwicklungen wie Sprachlabore, programmiertes Lernen oder Telelernen mit Fernsehen und Video etc., aber mit der Digitalisierung ist es doch etwas anders. Alle Lebensbereiche bis hin zur Schulverwaltung sind längst digitalisiert, nur die Klassenräume und die Lehrer hinken weit hinter unseren europäischen Nachbarn, wie Estland, Dänemark oder überhaupt die nordischen Länder, hinterher, das sollte man schleunigst korrigieren. Und ja, man braucht die Infrastruktur - WLAN, Tablet, Computer -, aber noch mehr braucht man eine Didaktik und Lehrer, die in der Lage sind, diese sinnvoll einzusetzen. Ich glaube, dass unter der Lehrerschaft noch ein großes Informationsdefizit vorherrscht, und man wäre gut beraten, sie auf die neue Entwicklung, die auf uns zukommt, vorzubereiten.

Online-Redaktion: Wo sind Chancen und Problematiken beim Einsatz von KI in der Schule?

Ballod: Wir sind auf der Konferenz immer wieder auf einen Punkt gestoßen, der für mich eine einfache und gangbare Lösung in diesem Konfliktfeld KI und Bildung wäre. Es gibt den Begriff der „Explainable AI“ - erklärbare Künstliche Intelligenz. Dieser beschreibt ein System, in dem die Aktivitäten einer Künstlichen Intelligenz für den Menschen nachvollziehbar gemacht werden. Als Beispiel: Wenn ich als Professor für Germanistik Studenten im Fach Deutsch ausbilde und ihre Argumentationsfähigkeit stärken möchte, dann gebe ich ihnen zwar das Handwerkszeug dazu an die Hand, das Ergebnis aber liegt in der Verantwortung der Lernenden selbst. Sie müssen nicht meine Meinung wiedergeben oder etwas, was ich ihnen vorgebe, replizieren, sondern sie müssen auf Grundlage einer breiteren Informationsmasse, wovon ich nur einen Teil abdecke, ihren eigenen Argumentationsstil finden. Nicht die Lösung oder das, was am Ende herauskommt, ist wichtig, sondern der Weg dahin, d.h. wie argumentiert wird, welche Schlussformel und welche rhetorischen Muster gewählt werden, um überzeugend zu argumentieren. Ähnlich verhält es sich meiner Ansicht nach bei KI-Programmen oder KI-Technologien. Man muss wissen, auf welcher Grundlage die KI die Entscheidung getroffen hat. Ich kann nur dann ein Urteil oder ein Ergebnis einer Auswertung nachvollziehen, wenn ich die Schritte kenne, die zu dem Ergebnis geführt haben.

Online-Redaktion: „KI macht Schule“ - gab es ein Fazit der Veranstaltung?

Ballod: Ja, dass wir bei dem Thema nicht genau wissen, worauf wir uns einstellen müssen, aber gut beraten sind, uns jetzt Gedanken darüber zu machen, ehe die Lawine über uns hereinbricht und wir dann keine Entscheidungsmöglichkeiten mehr haben. Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass uns das Thema KI dauerhaft und intensiv beschäftigen wird, und je früher wir eine Position dazu bilden und sagen, das wollen wir und das nicht, da sehen wir Möglichkeiten, das befürchten wir, desto weniger kann der Einsatz der Technologie uns überrollen.


Prof. Dr. Matthias Ballod hat in der Linguistik zu automatisierten Verfahren der Textanalyse promoviert und in der Didaktik zu „Wissenstransfer und Wissenstransformation“ habilitiert. Nach Stationen in der Lehrerbildung an den Universitäten Köln, Koblenz und Gießen ist er seit 2009 Professor für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Sein Forschungs- u. Arbeitsschwerpunkt ist die „Wissenskommunikation“. Als Informationsdidaktiker umspannt er mit diesem Feld sowohl die Integration moderner, digitaler Medien in Lehr-Lernkontexte - in Schule und Universität - als auch deren organisationales Wissensmanagement und den interkulturellen Wissenstransfer. Im Hinblick auf Erfassung des Wissenserwerbs und der Wissensweitergabe kommen korpuslinguistische Verfahren ebenso zum Einsatz wie Konzepte zur Didaktisierung von Information und die Untersuchung von Verständlichkeit und User Experience.






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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 24.10.2019
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