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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 14.04.2022:

„Menschen mitnehmen steht bei uns über allem.“

Die Schiller-Schule aus Bochum überzeugt mit ihrem Medienkonzept „Digitales Lernen“

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Bildrechte: Eike Völker

Die Schiller-Schule aus Bochum belegte am 25. März 2022 den ersten Platz bei der Verleihung des Schulpreises für das beste Konzept zum Einsatz digitaler Medien im Unterricht. Der Preis wurde von der Dieter Schwarz Stiftung gemeinsam mit der Akademie für Innovative Bildung und Management (aim) ausgelobt. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit dem stellvertretenden Schulleiter Eike Völker über das Medienkonzept seiner Schule, den Einsatz digitaler Medien im Unterricht und wie wichtig es ist, den Digitalisierungsprozess gemeinsam mit der Schulgemeinschaft anzugehen.

Online-Redaktion: Herr Völker, Sie haben vor Kurzem einen Preis für Ihr Medienkonzept erhalten. Seit wann ist digitales Lernen an Ihrer Schule Thema?

Völker: Wir haben 2015 eine große Planungsgruppe gebildet, die aus Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern bestand und damit begonnen, unser Konzept für das digitale Lernen zu erarbeiten. Nach knapp vier Jahren Planungszeit sind wir 2019 mit zwei kompletten Jahrgängen, den Jahrgängen 5 und 7, gestartet. Das war eine lange Vorbereitungszeit, aber damals war die technische Infrastruktur noch nicht so weit. Auch haben wir viel Vorarbeit in Sachen Struktur, Serverleistung, pädagogische Begleitung und Fortbildungen geleistet. Wir sind auch zu Schulen gefahren, die schon digital gearbeitet haben, und haben dort hospitiert.

Online-Redaktion: Arbeiten heute alle Klassen und Stufen digital?

Völker: Ja, wir haben heute eine 100 Prozent-Ausstattung. Jede*r Schüler*in arbeitet mit einem eigenen Device, das von uns verwaltet wird. Wir installieren auf die Geräte alle Apps, die benötigt werden. Die Eltern finanzieren die iPads, weil wir nicht so viele von der Stadt bekommen. Zudem erfahren sie dann eine höhere Wertschätzung. Die technischen Geräte sind für uns absolute Hilfs- und Arbeitsmittel und müssen allen Schüler*innen zu jeder Zeit zur Verfügung stehen.

Online-Redaktion:
Wie werden die digitalen Medien im Unterricht eingesetzt?

Völker: Es geht uns darum, mit den digitalen Möglichkeiten eine Erweiterung des Lernraumes zu schaffen. Wir arbeiten mit den Lernplattformen IServ, Teams und Moodle. Teams nutzen wir für die kollaborative Zusammenarbeit. Über die Plattform können mehrere Schüler*innen gemeinsam miteinander an Dokumenten arbeiten, sie bearbeiten und an andere Gruppen weitergeben. Ergebnisse können dort gut strukturiert ablegt werden, so dass sie zu einem späteren Zeitpunkt leicht auffindbar sind. Die Schüler*innen können auch selbst Medien erstellen, zum Beispiel Erklärfilme, Podcasts oder sich nachmittags mit Mitschüler*innen zu einer Videokonferenz treffen, um gemeinsam an einem Referat oder Projekt zu arbeiten. Auch Expert*innen können per Videokonferenz in den Unterricht zugeschaltet werden, was früher undenkbar war. Was wir zusehends intensiver betreiben ist projektbasiertes Arbeiten, Auflösung der Unterrichtsräume und 90 Minuten Zeiten und viel mehr fächerübergreifendes Lernen.

Online-Redaktion: Arbeiten Sie auch mit digitalen Schulbüchern?

Völker:
Es gibt noch nicht so viele digitale Schulbücher. Deshalb benutzen wir noch überwiegend klassische Schulbücher, was aber völlig in Ordnung ist, denn digital arbeiten heißt ja nicht, dass ich alles was im Analogen da ist, digital ersetze.

Online-Redaktion:
Sie lernen also analog und digital parallel?

Völker: Absolut und das muss auch so sein. Es gibt nicht den analogen und den digitalen Unterricht. Wenn man sich Lernen als Säulen vorstellt, dann gibt es die drei Säulen mit den klassischen Kompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen. Digitalisierung ist nach unserem Konzept nicht eine vierte Säule, sondern zieht sich durch alle drei Säulen hindurch und ergänzt immer da, wo es nötig ist, das Arbeiten digital. Das führt in andere Lernräume und Lernerweiterungen, die sehr viel nachhaltiger sind in der Art der Wissensbeschaffung, -hinterlegung, -aufbereitung und ihres Zugriffs. Jede*r Schüler*in kann jederzeit Ergebnisse präsentieren und andere können in die Diskussion mit einsteigen. Dadurch werden Schülerprodukte viel stärker in den Vordergrund gerückt, was auch zu einer größeren Zufriedenheit bei den Schüler*innen führt.

Online-Redaktion:
Und die digitalen Mittel können in ihrer ganzen Bandbreite gewählt werden, von der Informationsbeschaffung bis zur Nutzung oder Erstellung von Filmen?

Völker: Ja, das ist ja auch genau das Wichtige, dass wir ein deutlich größeres Portfolio an Lernmaterialien ansprechen können, auch in der Weiterbearbeitung. Fast alle unsere Schüler*innen führen nur noch digitale Mappen, sie sind sehr übersichtlich und neues Material lässt sich leicht einfügen und weiterbearbeiten. Diejenigen, die aber lieber mit einer Pappmappe arbeiten möchten, können das auch. Wir wollen die Schüler*innen ja in ihrer Medienkompetenz erziehen, sie sollen selbst entscheiden können, welches Medium zu welchem Zeitpunkt das Geeignete für sie zum Lernen und zum Arbeiten ist.

Online-Redaktion:
Was gehört für Sie alles zur Medienkompetenz von Schüler*innen?

Völker: Alles das, was man im 21. Jahrhundert braucht. Es gibt ja die 21 Century Skills, die von der OECD ausgerufen wurden und die darauf basieren, welche Kompetenzen wir benötigen. Es gibt durch das Internet einen riesigen Wissenszuwachs, den wir bearbeiten und anwenden können müssen. Zwar brauchen wir einen Grundstock an Wissen, aber junge Menschen müssen auch lernen, Material, zum Beispiel Fake News, die es unter Corona viel gab und auch jetzt während des Ukraine-Kriegs wieder gibt, zu bewerten. Außerdem geht es um Aufklärung bei Computerspielen und der Art und Weise wie und wie lange sich Schüler*innen bei Social Media präsentieren, denn gerade junge Menschen sollen ja auch noch am realen Leben teilnehmen.

Online-Redaktion: Wie bereiten Sie die Lehrkräfte auf das Unterrichten mit digitalen Medien vor?

Völker: Das ist für mich der wichtigste Punkt. Menschen mitnehmen steht bei uns über allem, deshalb muss man das Mindset der Institutionen und seiner Beteiligten auch verändern. Als wir 2015 beschlossen hatten, digital zu arbeiten, haben wir auf einer Lehrerkonferenz den übergroßen Begriff „Digitalisierung“ für uns klein gebrochen und ihn erst einmal „Arbeiten mit digitalen Hilfsmitteln“ genannt. Parallel dazu haben wir Fortbildungen aufgesetzt. In Mikrofortbildungen wurden die Kolleg*innen immer wieder an den iPads geschult, damit sie gut vorbereitet in den Unterricht starten konnten. Zusätzlich haben wir den Lehrkräften versprochen, dass sie sich nicht um die Verwaltung der Geräte kümmern müssen, sondern dass diese jederzeit einsatzbereit sind. Wir wollten es für die Lehrer*innen so einfach wie möglich machen. Jede*r kann sich in allen Räumen mit appleTV verbinden, alle Tafeln sind vernetzt. Wir haben sogar einen Datenschutzbeauftragten, der uns bei allen Punkten unterstützt, damit die Lehrkräfte dieses Thema komplett ausklammern können. All das gibt Sicherheit, so dass sich die Lehrer*innen auf ihren Unterricht konzentrieren können.

Online-Redaktion:
Gibt es ein Unterstützungssystem, Lehrkräfte oder Schüler*innen, die als Medienberater*innen aktiv sind?

Völker: Viele Schulen sind ja so aufgestellt, dass ein (Informatik)lehrer sich um alles alleine kümmert. Bei uns sind 25 Prozent des Kollegiums mit administrativen Aufgaben betraut, die dann aber auch machbar und schaffbar sind. Wir haben ein Medienteam, das explizit für pädagogische Inhalte zur Verfügung steht, ein kleines Team, das sich um den technischen Support kümmert, Schüler*innen, die als Medienpaten, Medienscouts ausgebildet sind und Lehrer*innen und Schüler*innen helfen. Und ganz wichtig, wir nehmen auch die Eltern mit in den Blick. Auch sie lernen an einem Elternabend, mit dem iPad zu arbeiten.

Online-Redaktion: Hat sich das digitale Konzept Ihrer Schule während der Corona-Pandemie und des damit einhergehenden Homeschoolings/Wechselunterrichts bewährt?

Völker:
Corona hat den Digitalisierungsprozess an unserer Schule stark beschleunigt. 2019 sind wir mit zwei Jahrgängen und 240 Schüler*innen gestartet, am Ende des Schuljahres, also im Sommer 2020, waren alle Schüler*innen mit Endgeräten versorgt. Wir sind auch sehr zügig auf Videokonferenzen umgestiegen. Wir haben den Stundenplan zwar nicht 1 zu 1 mit Videokonferenzen abgebildet - sechs Stunden Videokonferenz am Stück ist zu viel, genauso wie 90 Minuten digitaler Frontalunterricht - aber uns schon an ihm orientiert. Es war wichtig für die Schüler*innen, dass die Lehrer*innen zu bestimmten Zeiten ansprechbar waren, wenn sie Fragen hatten. Inhaltlich haben wir mehr auf projektbasiertes Arbeiten gesetzt und in digitalen Boards - Padlets und Task Cards - gekennzeichnet, wann jede*r Schüler*in eine Videokonferenz hat oder eine Projektarbeit machen muss. Uns war die ganze Zeit über wichtig, den Schüler*innen Orientierung darüber zu geben, an welchem Material sie wann und mit welchem Tool arbeiten sollen.

Wir sind jetzt auch froh, dass wir wieder gemeinsam im Schulgebäude zusammenkommen, denn durch die Nähe wird doch alles intensiver wahrgenommen, aber wenn wir die Schule kurzfristig wegen Sturmwarnung o.ä. schließen müssen, können wir ohne Probleme im Digitalen Raum weiterarbeiten, und das ist natürlich ein großer Fortschritt an unserer Schule.

Online-Redaktion: Führen Sie auch Hybridunterricht durch?

Völker: Wir machen das, wir nehmen auch Schüler*innen, die in Quarantäne sind mit dazu, aber das ist nicht ganz einfach. Hybridunterricht ist eine große Herausforderung für die Lehrkräfte, weil sie sich immer ein Stück weit zerteilen zwischen denen, die vor Ort sind und denen, die im digitalen Raum sind. Dieser Spagat lässt sich nur mit einer wirklich guten technischen Ausstattung zufriedenstellend realisieren. Das Geld, das wir für den Schulpreis bekommen haben, wollen wir jetzt in eine neue Lernkultur des hybriden und selbstgesteuerten Lernens investieren. Dafür wollen wir Lernräume sowohl für die Lehrer*innen als auch für die Schüler*innen neu gestalten. Es wird also in haptische Dinge gesteckt.

Online-Redaktion: Was raten Sie Schulen, die auf digitales Lernen umstellen möchten?

Völker:
Die pädagogische Neuausrichtung braucht Zeit und fordert immer wieder Innovationsgeist ein. Keiner kann von den Schulen verlangen, dass die Umstellung in kürzester Zeit erledigt ist. Man muss das Mindset von rund 1000 Menschen, die im Schnitt an einem Gymnasium lernen und arbeiten, neu ausrichten. Und man braucht eine Idee, wohin man als Schule gehen möchte. Das ist ja gerade die Schwierigkeit vor der viele Schulen jetzt stehen. Sie bekommen Geräte, wissen aber gar nicht, was sie damit machen sollen.

Meiner Ansicht nach ist es wichtig, alle an Schule Beteiligte ins Boot zu holen und das Konzept gemeinsam in einer großen Arbeitsgruppe zu entwickeln. Dabei sollten auf jeden Fall auch die Schüler*innen mit einbezogen werden, die letztendlich am meisten digital arbeiten werden. Wichtig ist es auch, den Kolleg*innen die Ängste zu nehmen und sie gut zu begleiten, damit sie möglichst wenig Stress mit der Umstellung haben.


Eike Völker
, Schulleitung und Lehrer (D/Sowi) eines Gymnasiums in Bochum, das voll digital arbeitet, Fortbilder BezReg Arnsberg für Managementprozesse in Schulen, Gesellschafter EDU:digital für die digitale, pädagogische Architektur von Schulen, Beiratsmitglied 21Future, Keyspeaker, Autor von zahlreichen Artikeln zur digitalen Ausrichtung von Schule, u.a. Wirtschaftswoche, Pädagogik, WAZ






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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 14.04.2022
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