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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 23.12.2021:

„Diese Technologien bieten so viele Möglichkeiten für Beteiligung.“

Digitale Unterstützungsformen zur Alltagsbewältigung inklusiv entwickelt

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Bildrechte: Prof. Dr. Isabel Zorn

Im Projekt INTIA werden inklusive Methoden und Technologien für Hilfen zur Alltagsbewältigung in der Behinderten- und Erziehungshilfe entwickelt. In dem Projekt kooperiert der Forschungsschwerpunkt Digitale Technologien und Soziale Dienste mit Einrichtungen der Behinderten- und Erziehungshilfe sowie der Fachstelle Jugendmedienkultur. Das von der TH Köln koordinierte Projekt hat am 1. Mai 2019 begonnen und wird noch bis Juli 2023 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Die Online-Redaktion sprach mit Prof. Dr. Isabel Zorn, Fachbereich Soziale Arbeit Medien + Bildung und Projektleiterin von INTIA, über die Ziele, Ergebnisse und Schwierigkeiten des Projekts, die bei der Umsetzung während der Corona-Pandemie auftraten.


Online-Redaktion: Wie kamen Sie darauf, inklusive Methoden und Technologien für Hilfen zur Alltagsbewältigung in der Behinderten- und Erziehungshilfe zu entwickeln?

Zorn: Wir haben einen großen Bedarf in den stationären Einrichtungen der Jugend-, Erziehungs- und Behindertenhilfe gesehen. Es gibt dort wenig Angebote zur Unterstützung der anfallenden Aufgaben, auch fehlt es an Konzepten, Infrastruktur und Finanzierungsmöglichkeiten. Als die Ausschreibung vom BMBF kam, haben wir mit Trägern der sozialen Arbeit überlegt, welche digitalen Technologien ihnen in den Einrichtungen helfen könnten. Diese Technologien bieten so viele Möglichkeiten für Beteiligung, für neue assoziative Funktionen und Selbstausdruck. Solange es sie in den stationären Einrichtungen nicht gibt, sind die benachteiligten Jugendlichen, die dort leben, doppelt von Ungleichheit betroffen.

Online-Redaktion: Wer arbeitet in dem Projekt zusammen?

Zorn:
INTIA ist ein von der TH Köln koordiniertes Projekt, in dem der Forschungsschwerpunkt Digitale Technologien und Soziale Dienste (DITES) mit seinen Bereichen Soziale Arbeit Medien + Bildung (unter meiner Leitung), Informatik und Soziotechnik (unter der Leitung von Prof. Dr. Stefan Bente und Prof. Dr. Christian Kohls) sowie Service-Design & Co-Creation (Prof. Birgit Mager) mit Einrichtungen der Behinderten- und Erziehungshilfe sowie der Fachstelle Jugendmedienkultur (FJMK) kooperiert. Die beteiligten Einrichtungen sind die Diakonie Michaelshoven, Kinder und Familienhilfen Michaelshoven gGmbH und die Evangelische Jugendhilfe Godesheim gGmbH.

Online-Redaktion: Was genau wollen Sie im Rahmen des Projekts erreichen?

Zorn: Das Ziel ist, digitale Unterstützungsformen für die Klient*innen zu finden, mit denen sie ihren Alltag besser bewältigen können. Wir alle benutzen digitale Tools in unserer Alltagsbewältigung. Wir lassen uns wecken, an Termine erinnern, benutzen Navigationssysteme und führen digitale Kalender. In Sozialer Arbeit passiert das meiste davon nicht digital, obwohl es für die Jugendlichen und Klient*innen mit Behinderung wirksame Möglichkeiten gäbe.

Online-Redaktion: Welche Fragen standen zu Beginn des Projekts im Fokus?

Zorn: Am Anfang stand die Überlegung, was sind die Alltagsbedarfe, die man technologisch unterstützen kann und welche Technologien eignen sich dafür. Wir haben mit den Jugendlichen Workshops durchgeführt, in denen wir ihnen Internet of Things-Technologien vorgestellt und erklärt haben, was sie können. Zum Beispiel, dass ein Sensor wahrnimmt, dass eine Person, die man sprechen möchte, sich jetzt in ihrem Büro befindet. Der Sensor gibt dann einem anderen Tool, einem Aktuator, die Meldung, dass es etwas tun muss - blinken, eine SMS-Nachricht schicken oder einen Klingelton auslösen - worüber man erfährt, dass der Sozialarbeiter da ist. Dazu entwickelten wir eine Art digitales Escape-Game.

Online-Redaktion: Klient*innen und Fachkräfte wurden von vorneherein an dem Prozess beteiligt. Wie gelingt dieser Prozess der partizipativen Technikentwicklung?

Zorn: Wir wollten mit den Jugendlichen ihren Alltag erforschen und von der Ideenfindung bis zum ersten Prototypen, zum ersten funktionsfähigen Blinken, alles mit ihnen gemeinsam entwickeln. Doch dann kam Corona und wir durften wegen der Kontaktbeschränkungen die Einrichtungen nicht betreten. Das hat unser ganzes Konzept durcheinander gebracht. Wir haben uns daraufhin virtuelle Konzepte überlegt und die Workshops per Videokonferenz durchgeführt. Doch dabei sind wir schon auf ein zentrales Problem gestoßen: Die Einrichtungen verfügten nicht über stabiles Wlan, so dass nicht immer von mehreren Geräten gleichzeitig die Teilnahme an der Videokonferenz möglich war.

Online-Redaktion: Waren die Fachkräfte an den Sitzungen beteiligt?

Zorn: Ja, sie sind sehr interessiert an den Technologien und ihrem möglichen Einsatz in den stationären Einrichtungen. Sie waren an den Sitzungen beteiligt, haben sich aber zurückgehalten und nur eingegriffen, wenn es technische Probleme gab.

Online-Redaktion: Wenn Sie mit den Jugendlichen nicht gemeinsam durch die Einrichtungen gehen konnten - wie haben sie Ihnen dann erklärt, für welche Situationen sie technologische Unterstützung gebrauchen könnten?

Zorn: Um trotz der Corona-Pandemie eine Beteiligung der Jugendlichen zu ermöglichen, haben wir Probe Kits und ein „Nerv-Quartett“ entwickelt, die eine Einbindung der Teilnehmenden in den Prozess ermöglichten. Wir haben sie gebeten, Fotos von Alltagssituationen zu machen, in denen sie zum Ausdruck bringen, was sie nervt bzw. wovon sie glauben, dass es anderen helfen könnte. Ein Beispiel: Sie müssen oft mehrmals hintereinander in den Keller laufen, weil sie Wäsche waschen wollen und die Waschmaschine ist jedes Mal voll. Das nervt sie und dann schicken sie uns ein Foto von der Waschmaschine oder ein Foto von der Treppe, die sie immer hoch und herunterlaufen müssen. Wir interpretieren mit ihnen gemeinsam, was das Foto bedeutet und wie man das Problem lösen könnte. Und dann sind sie auf Ideen gekommen, wie, wenn die Waschmaschine mitteilen könnte, dass sie fertig ist - dann weiß derjenige, der die Wäsche gewaschen hat, dass er runtergehen und sie aufhängen kann und ein anderer weiß, dass die Waschmaschine jetzt frei ist. Dann kam aber zunächst die schwierige Frage auf: Wie kommen diese Fotos zu uns?

Online-Redaktion: Wieso war die Frage so schwierig?

Zorn: Der übliche Weg heutzutage ist, Fotos über Whattsapp zu verschicken. Doch da gibt es gewaltige Datenschutzprobleme, per E-Mail noch mehr und über den Postweg dauert es zu lang. Da dieses Problem alle sozialen Einrichtungen betrifft, haben wir recherchiert und sind auf ein digitales Kommunikationsmittel gestoßen, mit dem man innerhalb und außerhalb einer Einrichtung schnell und datenschutzgerecht kommunizieren kann.

Online-Redaktion: Welche Ideen hatten die Jugendlichen? Was „nervt“ sie noch?

Zorn: Sie würden zum Beispiel gerne wissen, wann der Sozialarbeiter im Büro ist, damit sie nicht immer umsonst gehen müssen, wenn sie ihre Post aus dem Büro holen oder den Sozialarbeiter sprechen wollen. Oder Lernende mit Lernschwierigkeiten einer Eingliederungshilfe Berufliche Qualifizierung wünschten sich, dass sie die Anleiterin (Ausbilderin) rufen können, wenn sie zum Beispiel Fragen dazu haben, mit welchem Messer sie das Gemüse oder Fleisch schneiden oder in welcher Abfolge sie das Bad putzen sollen. Sie wollen dann auch nicht warten, weil sie ja weiterarbeiten möchten. Es gab auch Wünsche wie, dass eine Diskokugel im Bad aufgehängt wird, die immer leuchtet und Musik spielt, wenn jemand duscht.

Online-Redaktion:
Wie haben Sie die Entscheidung darüber getroffen, welche Alltagshilfen entwickelt werden?

Zorn: Das war eine schwere Entscheidung. Wir wollten darauf achten, dass die Jugendlichen nicht nur als Informations- und Ideengeber fungieren und sie dann aber nicht mitentscheiden dürfen. Deshalb haben wir uns an den Bereichen der ICF - International Classification of Functioning, Disability and Health der Weltgesundheitsorganisation orientiert. Das ist eine internationale Aufschlüsselung von Funktionsbereichen, die schildert, an welchen Stellen Menschen mit Beeinträchtigungen für Teilhabe Unterstützung brauchen. Diejenigen Wünsche und Bedarfe der Jugendlichen, die sich in diese Klassifizierung einordnen ließen, haben wir entwickelt.

Online-Redaktion: Wofür haben Sie sich schließlich entschieden?

Zorn: Mit einem Jugendlichen entwickeln wir eine technisch unterstützte Lösung für sein Problem, dass er nicht immer vergeblich gucken muss, ob das Büro offen ist, wenn er seine Post holen möchte. Auch haben wir einen ersten Prototypen hergestellt für das Problem, dass die Anleiterin kommen soll, damit die Jugendlichen das Gemüse weiter schneiden können. Beides sind Rufsysteme. Außerdem haben wir einen Proof of concept, ein erstes Konzept, von einem datenschutzgerechten Sprachassistenten erstellt.
Wegen der Kontaktbeschränkungen hat sich unser Schwerpunkt aber zusehends von der Prototypentwicklung verlagert hin zur Methodenentwicklung. Wir nehmen in der Praxis und Forschung zunehmend wahr, dass es den Wunsch danach gibt, gerne mit Menschen, auch mit Behinderungen, zusammen Technologien für Hilfen zur Alltagsbewältigung in der Behinderten- und Erziehungshilfe zu entwickeln. Es gibt aber keine beschriebenen Methoden dazu. Deswegen beschreiben wir die von uns entwickelten Methoden sowie die Basisvoraussetzungen und Basisüberlegungen. Auch lassen wir das Material vorher von Fachkräften und Menschen mit Behinderungen testen, damit wir wissen, was bei der einfachen Sprache berücksichtigt werden muss.

Online-Redaktion: Welche Basisüberlegungen sind das?

Zorn: Zum Beispiel, welche Bilder und Texte man braucht. Welche Texte in einfacher Sprache vorliegen müssen. Ob die Anleitungen nur für Fachkräfte oder für alle Beteiligten gestaltet werden, weil man dann unterschiedliche Sprach- und Textniveaus braucht. Auch, in welchen Bildern, Kontrasten und Farben das Material zur Verfügung stehen soll. Und was heißt überhaupt Alltagsbewältigung, partizipativ, inklusiv? Das sind Fragen und Entscheidungen, denen sich jedes Projekt, das sich inklusiv entwickeln möchte, zunächst stellen wird.

Online-Redaktion: Anfang Dezember ist das Portal zum Projekt online gegangen. Was findet man auf der Seite INTIA?

Zorn: Auf dem Portal werden alle Ergebnisse des Projekts eingepflegt. Die Spiele, Methoden, Erklärungstexte, also zum Beispiel, wie und an welchen Stellen einfache Sprache eingesetzt werden sollte, welche Beteiligungsformate es gibt, wie Entscheidungen über die Auswahl der Technologien getroffen werden. Außerdem entwickeln wir gerade einen Koffer, der die Technologien, Workshop-Materialien und Methoden enthält. Die Kofferinhalte sind genauso auf dem Portal zu finden wie die Baupläne für unsere Prototypen. Wir wollen damit allen Interessierten die inklusive Arbeit an Technologien zur Alltagsbewältigung erleichtern.



Prof. Dr. Isabel Zorn, Professorin für Medienpädagogik am Institut für Medienforschung und Medienpädagogik an der TH Köln. Sie ist Leiterin des Forschungsschwerpunkts 'Digitale Technologien und Soziale Dienste' (DiTeS), Mitglied im Forschungsschwerpunkt 'Medienwelten' und hat die Leitung der Forschungsprojekte in den Themenbereichen Evaluation von Technikbildung und partizipative Technologieentwicklung mit Adressat*innen der Sozialen Arbeit, Medienbildung & Inklusion. Dabei entwickelt sie Konzepte zur Integration digitaler Medien in einem wenig technologieaffinen Umfeld und analysiert Teilhabepotenziale von inklusiven Technikentwicklungsprozessen. In der BMBF-Programmlinie FH-Sozial evaluiert sie im Projekt INTIA partizipative inklusive Technikentwicklungsprozesse mit benachteiligten Jugendlichen.





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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 23.12.2021
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