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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 09.01.2020:

„Inklusion bedeutet für uns die Akzeptanz und Wertschätzung der Heterogenität aller Kinder.“

Gelungene Beispiele für inklusive Schulen

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Bildrechte: Jakob Muth-Preis

Zehn Jahre nach dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention ist Inklusion an Schulen noch nicht selbstverständlich. Der Jakob Muth-Preis zeichnet Schulen aus, denen inklusive Bildung gelingt.


2009 trat in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft. Seitdem vergeben der/die jeweilige Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, die Bertelsmann Stiftung und die Deutsche UNESCO-Kommission gemeinsam den Jakob Muth-Preis für inklusive Schule. Über 600 Schulen haben sich in dieser Zeit beworben, rund 30 Preisträger wurden ermittelt. Der Preis stand zunächst unter dem Motto „Gemeinsam lernen mit und ohne Behinderung“, seit 2014 heißt er nur noch „Jakob Muth-Preis für inklusive Schule“. Denn nach und nach wurde deutlich, dass gelingende Inklusion weit über das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung hinausgeht. Inklusion umfasst vielmehr die Wertschätzung jedes Einzelnen, die Beachtung der Bedürfnisse und Fähigkeiten aller Kinder und eine bessere Teilhabe für alle.

Eine „Schule für alle“
Ausgezeichnet mit dem Preis wurden 2019 vier Schulen, denen inklusive Bildung besonders gut gelingt. Die staatliche Gemeinschaftsschule „Kulturanum“ in Jena überzeugte die Jury durch die systematische Verbindung inklusiven Lernens mit einem umfassenden kulturellen Bildungsangebot. Im Jahr 2012 nahm die Schule, die von Anfang an eine „Schule für alle“ sein wollte, ihre Arbeit zunächst mit einer Untergruppe (1. - 3. Jahrgang) und einer Mittelgruppe (4. - 6. Jahrgang) auf, in denen Kinder mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf von Anfang an gemeinsam lernten. Heute findet der Unterricht für alle Kinder von der ersten bis zur zwölften Klasse jahrgangsübergreifend statt, in einer Gruppe sind jeweils Schülerinnen und Schüler aus drei Jahrgängen. Der Unterricht erfolgt nach einem Lernplan, über das Lerntempo und die Wahl der Lernpartner sowie des Lernweges entscheiden die Lernenden oft selbst. Eine Ausnahme bildet der Jahrgang 10, hier werden die Schülerinnen und Schüler auf ihre unterschiedlichen Schulabschlüsse und/oder den Übergang in die gymnasiale Oberstufe vorbereitet.

Das projektorientierte Lernen bildet das Herzstück der Schule: Es ermöglicht in kooperativen Lernformen und offenen Lernsettings gelingenden gemeinsamen Unterricht. Im Projektunterricht lernen alle am gleichen Thema auf ihren individuellen Anforderungsniveaus. Im 3-Jahreszyklus werden fächerübergreifend verschiedene Themen aus allen Lehrplanbereichen bearbeitet. Zusätzlich können die Schülerinnen und Schüler jährlich ein freies Thema wählen. Ein paar Mal im Monat wird der Unterricht in den Untergruppen durch einen „Draußentag“ ergänzt, an dem die nähere Umgebung Jenas zu Fuß erkundet wird. Die Schülerinnen und Schüler der Obergruppen hingegen besuchen - als Teil des Projekts „Raus ins Leben“ -  einmal wöchentlich für 90 Minuten Betriebe, Vereine und Bildungseinrichtungen der Stadt. Und auch Musik spielt am „Kulturanum“ eine wichtige Rolle: Musikalisch-kulturelle Projekte prägen ab Jahrgangsstufe 4 den Schulalltag.

Vielfältige Angebote zur Berufsvorbereitung für Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf
Die im Jahr 2012 aus insgesamt vier Schulen - zwei Grund-, einer Haupt- und einer Realschule - fusionierte Friedenauer Gemeinschaftsschule in Berlin gewann den Jakob Muth-Preis wegen ihres Konzepts der individuellen Förderung, der engen Verzahnung des Ganztagsangebots mit dem Unterricht sowie der vielfältigen Angebote zur Berufsvorbereitung für Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf. „Inklusion bedeutet für uns die Akzeptanz und Wertschätzung der Heterogenität aller Kinder, unabhängig von ihren Begabungen, Beeinträchtigungen, Geschlechterrollen, ihrer ethnischen, nationalen und/oder sozialen Herkunft oder anderen kategorialen Eigenschaften“, heißt es im Schulprofil. Von den rund 840 Schülerinnen und Schülern haben im Durchschnitt ca. 60 Prozent einen Migrationshintergrund und 14 Prozent einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Auch an der Friedenauer Gemeinschaftsschule wird in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen unterrichtet, die jeweils drei Jahrgänge umfassen. Eine gymnasiale Oberstufe ist in Planung und soll ab 2021/22 aufgebaut werden. Außerdem gibt es eine Willkommensklasse für Kinder ohne Deutschkenntnisse in den ersten beiden Jahrgängen und weitere vier Willkommensklassen für Jugendliche ab dem 7. Schuljahr. Eine Besonderheit der Schule ist das produktive Lernen. Es richtet sich an Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Jahrgangsstufe, deren Schulabschluss gefährdet ist, und enthält einen starken praktischen Anteil. Diejenigen, die am produktiven Lernen teilnehmen, haben nur an zwei Tagen Unterricht und sammeln an drei Tagen in der Woche erste berufliche Erfahrungen in Berliner Betrieben.

Kinder und Jugendliche aller Jahrgänge, die sich im Unterricht nicht dauerhaft konzentrieren können oder in ihrem Verhalten auffällig sind, können am Projekt „Übergang“ teilnehmen. Das Projekt setzt auf Kooperation, Beratung, Anerkennung und Vernetzung und will die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler darüber besser in den Klassenverband integrieren. Sie lernen stundenweise außerhalb der Klasse, bleiben aber Teil der Gemeinschaft. Ein ähnliches Konzept verfolgt das Projekt „Lernbüro 2.0“, in dem Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“ an drei Tagen in der Woche Unterstützung erhalten. Im Fachunterricht bekommen Kinder und Jugendliche mit den Förderbedarfen geistige Entwicklung und Lernen auf ihren Lernstand angepasstes Material, thematisch werden aber gemeinsame Lernmöglichkeiten mit den Mitschülerinnen und Mitschülern geschaffen.

Weitere Preisträger
Neben dem „Kulturanum“ und der Friedenauer Gemeinschaftsschule wurden auch noch die Schule An der Burgweide in Hamburg und die Marie-Kahle-Gesamtschule in Bonn prämiert. Zum Profil der sechsjährigen Grundschule An der Burgweide gehören jahrgangsübergreifendes Lernen, individuelle Förderung, musikalische und künstlerische Angebote sowie eine systematische Elternarbeit. Die Marie-Kahle-Gesamtschule arbeitet mit der sogenannten Dalton-Methode, einem aus den USA stammenden Unterrichtskonzept, das inklusives Lernen unterstützt und begünstigt. Dabei arbeiten die Schülerinnen und Schüler in ihrem eigenen Tempo und wählen Raum, Fach und Lernpartner selbstständig aus.

Alle Schulen erhielten ein Preisgeld in Höhe von jeweils 3.000 Euro. Der zum ersten Mal vergebene und ebenfalls mit 3.000 Euro dotierte Publikumspreis ging an das Projekt „Herausspaziert“ der Matthias-Claudius-Gesamtschule in Bochum. Seit dem Schuljahr 2017/18 ermöglicht die Schule mit dem Projekt allen Schülerinnen und Schülern der 8. Klassen, eine selbstgewählte Herausforderung zu bestehen. Das kann eine Fahrradtour sein, ein Job auf dem Bauernhof oder der Versuch, ein Buch zu schreiben. Die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler, mit oder ohne Beeinträchtigung, erhalten ein Budget von 150 € für Reisekosten und Verpflegung und drei Wochen Zeit für ihre Abenteuer. „Raus aus der Schule, rein ins Leben“, beschreibt Schulleiter Holger Jeppel die Idee von „Herausspaziert“. Mit dem Projekt will die Schule Jugendlichen am Übergang zwischen Kindheit und Erwachsensein dabei helfen, Mut und Vertrauen in sich selbst und andere zu entwickeln.





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Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 09.01.2020
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