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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 25.11.2021:

„Übung ist zentral fürs Lesen.“

Die Lesegeschwindigkeit entscheidet über das Leseverständnis mit

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Bildrechte: Dr. Telse Nagler

Lesen ist eine der zentralen Kulturtechniken und unerlässlich für die Aneignung von Wissen und das Verstehen von Aufgaben in allen Schulfächern. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Dr. Telse Nagler, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Habilitandin am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt am Main, über den Leseerwerb bei Kindern und darüber, welche Rolle die Leseflüssigkeit dabei spielt.


Online-Redaktion: Gut lesen zu können ist für die gesamte Schullaufbahn entscheidend. Warum haben so viele Kinder Schwierigkeiten mit dem Lesen und dem Leseverständnis?

Nagler: Etwa vier bis sieben Prozent der Kinder haben so große Schwierigkeiten mit dem Lesen, dass eine Lese-Rechtschreibstörung diagnostiziert werden kann. Das ist ein großer Anteil, den man unbedingt berücksichtigen muss. Wer nicht gut lesen kann, läuft Gefahr die schulischen Anforderungen nicht ausreichend meistern zu können, was nicht selten mit schulischem Misserfolg, geringem Selbstwertgefühl und Ängsten in Verbindung steht. Schwierigkeiten mit dem Lesen und dem Leseverständnis hängen vor allen Dingen mit Defiziten in der phonologischen Verarbeitung zusammen, also der phonologischen Fähigkeit, Laute (Phoneme) voneinander unterscheiden, identifizieren, zerlegen bzw. zusammensetzen zu können oder größere lautliche Einheit zu erfassen.

Lesen ist ein hoch komplexer Prozess. Man muss beim Lesen zunächst die Graphem-Phonem-Korrespondenz, also die Buchstaben-Laut-Zuordnung lernen, die den Zusammenhang zwischen gesprochenen Lauten und geschriebenen Schriftzeichen beschreibt, bevor man Schriftsprache entziffern kann. Um einen schnelleren und flüssigeren Leseprozess zu erreichen, muss man wissen, welcher Buchstabe und welcher Laut zusammengehören. Gibt es Schwierigkeiten beim Graphem-Phonem-Korrespondenzaufbau - kann der Zusammenhang nicht erfasst werden oder gelingt das Entziffern nur schwerfällig - kann dadurch keine ausreichende Lesegeschwindigkeit bzw. Leseflüssigkeit aufgebaut werden, was sich wiederum negativ auf das Leseverständnis ausübt.

Online-Redaktion: Also hängen Leseverständnis und Leseflüssigkeit eng zusammen?

Nagler: Empirische Studien zeigen, dass die Lesegeschwindigkeit einen sehr engen Zusammenhang mit dem Leseverständnis hat. Wenn Worteinheiten als Ganzes erkannt und die Schnelligkeit bzw. die Flüssigkeit gesteigert wird, werden kognitive Kapazitäten frei, die für höhere Prozesse wie dem Leseverstehen zur Verfügung stehen. Je schneller ich also lesen kann, desto höher ist auch mein Leseverständnis. Das heißt im Umkehrschluss aber auch, wenn ich große Probleme mit der Lesegeschwindigkeit und -flüssigkeit habe, leidet in der Regel auch mein Leseverständnis.
Daneben spielen aber auch andere Faktoren beim Leseerwerb eine wichtige Rolle, wie beispielsweise das orthographische Wissen, das sich auf das Wissen über den Aufbau und die Regeln einer Sprache bezieht, oder die Verarbeitungsgeschwindigkeit.

Online-Redaktion: Klingt nach harter Übung! Es ist wahrscheinlich ein Vorteil, wenn Kinder in einem Umfeld aufwachsen, in dem sie viel in Kontakt mit Sprache kommen.

Nagler: Übung ist zentral fürs Lesen. Gerade weil Lesen ein hochkomplexer Prozess ist, der geschult werden muss, um mühelos zu gelingen. Die häusliche Lernumgebung ist durchaus ein Faktor für den frühen sprachlichen Entwicklungsverlauf, auch für die spätere Lesekompetenz, und variiert stark. Wenn Eltern gemeinsam mit den Kindern lesen, über Bücher sprechen, auch selber lesen, hat das einen großen Einfluss darauf, wie der Leseerwerb bei den Kindern abläuft.

Online-Redaktion: In der Grundschule lernen Kinder lesen. Wie wird dort die Lesefähigkeit von Kindern gefördert, die eine Leseschwäche haben?

Nagler: In der Grundschule gibt es natürlich schon einige Interventionsprogramme, die insbesondere auch für leseschwache Kinder eingesetzt werden. Das sind in der Regel Förderprogramme, die an den zugrundeliegenden Schwierigkeiten ansetzen, wie beispielsweise das Training der Graphem-Phonem-Korrespondenzsteigerung, der Wortteilanalyse oder der Leseflüssigkeit. Dabei ist es wichtig, dass man auf evaluierte Förderprogramme zurückgreift, damit die Effekte bzw. die präsentierten Ergebnisse auf kontrollierten Studien basieren und ihre Wirksamkeit geprüft wurde. Beispiele für Programme, die evaluiert und wissenschaftlich begleitet wurden, sind „Flüssig lesen lernen“ oder der „Kieler Leseaufbau“ sowie die „Lautgetreue Lese-Rechtschreibförderung“, aber es gibt natürlich noch andere.

Online-Redaktion: Wie steigern Sie die Leseflüssigkeit in dem Projekt LeA-Training?

Nagler: Die deutsche Orthographie ist eine transparente Sprache, die Graphem-Phonem-Korrespondenzen sind in der Regel eindeutig. Ein a wird immer wie ein a ausgesprochen und nicht wie beispielsweise im Englischen auf unterschiedliche Art und Weise. In einer intransparenten Sprache wie dem Englischen spielt die Lesegenauigkeit eine viel größere Rolle als in transparenten Sprachen. In einer transparenten Sprache hingegen können Kinder die Wörter zwar oft genau lesen, verstehen aber nicht immer, was sie lesen. Hier macht insbesondere die Leseflüssigkeit häufig Probleme.

Im Projekt LeA-Training (Learning Acceleration Training) haben wir zur Steigerung der Leseflüssigkeit eine Ausblendetechnik eingesetzt, die in Zusammenarbeit mit einer israelischen Arbeitsgruppe von der Universität Haifa entwickelt wurde. Kindern wird Lesematerial präsentiert und der Text dann - basierend auf der individuellen Lesegeschwindigkeit, die vorher ermittelt wurde - Buchstabe für Buchstabe ausgeblendet. Die Kinder haben dadurch nur begrenzt Zeit, um das Satzmaterial zu lesen und werden so dazu gebracht, schneller zu lesen und möglicherweise effizientere Strategien anzuwenden. Wir gehen davon aus, dass es den Kindern gelingt von sehr aufwändigen phonologischen Strategien - Buchstabe für Buchstabe oder Silben lesen - zu effizienteren orthographischen Strategien, wie dem Ganzwortabruf, zu gelangen. Die Kinder in der Experimentalgruppe zeigen nach dem Training eine bessere Lese- und Leseflüssigkeitsleistung als die Kinder in der Kontrollgruppe, bei der die Ausblendetechnik nicht angewendet wurde.

Online-Redaktion: Sie leiten außerdem gemeinsam mit Ihrer Kollegin Fenke Kachisi das Projekt LEGA - Lesestrategien im Grundschulalter. Worum geht es hier?

Nagler: Das Projekt LEGA knüpft an die Idee an, dass es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen Strategien und Leseleistung gibt. Es wird davon ausgegangen, dass es weniger und höher effiziente Strategien gibt, die beim Lesen angewendet werden können. Buchstaben lesen ist zum Beispiel eine weniger effiziente Strategie, weil sie sehr mühsam und fehleranfällig ist, während die Strategie, ein ganzes Wort abrufen zu können, effizient und schnell ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir die richtige Bedeutung abrufen, ist hier sehr hoch. Im Projekt LEGA beobachten wir die Anwendung der Strategien in der Grundschule genauer und überprüfen, ob es Unterschiede in den einzelnen Stufen gibt. Welche Strategien werden im Verlauf der Grundschulzeit aufgebaut und mehr oder weniger häufig in den verschiedenen Klassenstufen angewendet? Zusätzlich untersuchen wir, ob Wörter, die im Kontext eingebettet werden, einfacher als Ganzes erkannt werden können bzw. mit effizienteren Strategien verarbeitet werden, als Wörter, die isoliert, als Einzelnes, präsentiert werden.

Online-Redaktion: Bis zum Ende der Grundschule sollten alle Kinder das Lesen beherrschen. Wie können die weiterführenden Schulen reagieren, wenn zu viele Kinder in der 5. Klasse noch nicht über eine ausreichende Lesekompetenz verfügen?

Nagler: In der weiterführenden Schule wird vorausgesetzt, dass die Kinder lesen können, trotzdem ist das Lesen natürlich für viele Kinder in der 5. Klasse noch ein großes und schwieriges Thema. Weitere Übung ist wichtig, wenn möglich mit Unterstützung der Lehrkräfte und der Eltern. Auch in den Unterricht können verschiedene Maßnahmen eingebaut werden. Zum Beispiel das Modell des Lautlese-Tandems, bei dem ein stark lesendes Kind mit einem eher schwach lesenden Kind zu einem Tandem zusammengesetzt wird und sie gemeinsam die Leseaufgaben bewältigen. Die Idee dahinter ist, dass die schwächere Person „mitgezogen“ wird und die stärkere lernt, auf Details zu achten und die eigenen Kompetenzen zu vermitteln. Auch für die Lernverlaufsdiagnostik gibt es Möglichkeiten, wie zum Beispiel das Programm „quop“, mit dem über das ganze Schuljahr hinweg die individuellen Lernverläufe unter anderem im Lesen abgefragt und ein Verlaufsdiagramm erstellt werden kann. Die Lehrkräfte werden so über die Stärken und Schwächen der Kinder informiert und können individuell sinnvolle Unterstützungsmöglichkeiten anbieten. Reicht die Förderung im Unterricht nicht aus, sollte mit allen Beteiligten - Eltern, Lehrkräften, Schulpsycholog*innen, Lerntherapeut*innen etc. - nach einer zusätzlichen außerschulischen Förderung gesucht werden.



Dr. Telse Nagler hat Psychologie studiert und eine Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie) für Erwachsene mit Zusatzqualifikation für Kinder und Jugendliche absolviert. Von 2009 bis 2012 war sie Doktorandin im Projekt LeA. Seit 2013 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Habilitandin am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt am Main. Sie leitet zurzeit die Projekte LeA-Training (DFG gefördert) und LEGA.




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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 25.11.2021
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