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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 18.11.2021:

„Leseförderung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Seit 18 Jahren gibt es den Bundesweiten Vorlesetag

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Sabine Uehlein
Bildrechte: Stiftung Lesen / Alexander Sell

Jedes Jahr am dritten Freitag im November richtet die Stiftung Lesen den Bundesweiten Vorlesetag aus. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Sabine Uehlein, Geschäftsführerin Programme der Stiftung Lesen, darüber, welche Bedeutung das Vorlesen für Kinder hat, welche Rolle der Kita in der Leseförderung zukommt und mit welchen Aktionen die Stiftung Lesen das (Vor-)Lesen noch fördert.


Online-Redaktion: Wie kamen Sie 2004 auf die Idee, einen Vorlesetag auszurichten?

Uehlein: In jeder dritten Familie in Deutschland mit Kindern zwischen drei und acht Jahren wird nicht regelmäßig oder gar nicht vorgelesen. Das wollten und wollen wir mit unserer Arbeit, unseren Partnern und Initiativen ändern. Wir haben vor 18 Jahren den Bundesweiten Vorlesetag ins Leben gerufen, um ein Zeichen zu setzen und Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Lesen und Vorlesen in der Familie brauchen Sichtbarkeit und Erlebbarkeit. Der Bundesweite Vorlesetag ist die sichtbarste und interaktivste Komponente all unserer Aktivitäten, bei der allein in diesem Jahr über 500.000 Personen mitmachen. Jede*r in Deutschland ist an dem Tag eingeladen, vorzulesen oder sich vorlesen zu lassen. Viele Lesungen finden in Schulen, Kitas, Bibliotheken und Buchhandlungen statt, aber auch in Fußgängerzonen und Parks. Dieses Jahr gibt es natürlich auch viele digitale Veranstaltungen.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung hat das Vorlesen für Kinder?

Uehlein: Wir wissen aus vielen Studien, welche positiven Auswirkungen das Vorlesen hat. Vorleseimpulse stärken Kinder in ihrer Entwicklung. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, fällt das Lesenlernen leichter, sie sind besser in der Schule, haben einen guten Wortschatz, aber sie sind häufig auch sensibler, empathischer, phantasievoller und kreativer als Kinder, denen nicht vorgelesen wird. Lesen eröffnet außerdem Perspektiven für ein selbstbestimmtes Leben. An den Ergebnissen der LEO-Studie kann man sehr genau sehen, dass gering literalisierte Erwachsene von sehr vielem ausgeschlossen sind. Sie wählen zum Beispiel signifikant weniger und sind weniger ehrenamtlich aktiv. Es geht also auch um Teilhabe an der Gesellschaft.

Online-Redaktion: Am 27. Oktober ist die Vorlesestudie 2021 erschienen, die auch die Rolle von Kitas in der Leseförderung herausstellt. Welche Ergebnisse zeigt die Studie?

Uehlein: Kitas spielen in der frühkindlichen Sprach- und Leseförderung eine wichtige Rolle. Die Studie zeigt, dass sie Schlüsselakteure in der frühen Leseförderung und neben der Familie das wichtigste Lernumfeld für Kinder vor der Schulzeit sind. Insofern ist die gute Nachricht der Vorlesestudie, dass in über 90 Prozent der Kitas Kinder mindestens einmal am Tag Impulse durch Vorlesen, Geschichten, Hörspiele etc. erhalten.

Online-Redaktion:
Sie untersuchen in der Studie auch, wie Kita-Fachkräfte die Vorlesesituation in den Familien wahrnehmen.

Uehlein:
Ja, in 41 Prozent der Kitas nehmen Fachkräfte überdurchschnittlich viele Kinder wahr, denen Impulse durch Vorlesen zuhause fehlen. Das ist ein noch höherer Wert als das Drittel, das wir belegen können. Die Gründe dafür sind vielfältig: Zu wenig Zeit, zu wenig Lust, die Nutzung anderer Medien. In Familien mit nicht deutscher Herkunftssprache fehlt es manchmal auch an Lese- bzw. Vorlesematerial in der eigenen Familiensprache. Dazu kommen Unsicherheit und fehlende Erfahrung beim Vorlesen oder manchmal auch eine niedrige Lesekompetenz und Literalisierung der Eltern.

Online-Redaktion:
Kann die Kita die Familie ersetzen, wenn dort nicht vorgelesen wird?

Uehlein: Sie kann die Vorlesesituation zuhause nicht eins zu eins ersetzen, denn in der Familie geht es auch um Vertrautheit, Nähe, um eine familiäre Lebenswelt. Aber sie kann dafür sorgen, dass Kinder, die zuhause diese Impulse nicht erhalten, sie zumindest in der Kita bekommen. Wir wollen Kitas und das Fachpersonal vor Ort dabei unterstützen, Eltern zu Bildungspartnern zu machen und mehr für ein Vorlesen zuhause werben. Ein Flyer, auf dem steht „Lies deinem Kind vor“ reicht da nicht. Wir müssen stattdessen Eltern, die keine eigene Vorlesepraxis haben, ermöglichen, dass sie zum Beispiel an einem Elternnachmittag in der Kita eine Vorlesesituation erleben. Durch diese direkte Erlebbarkeit können wir bestimmt einige Eltern dafür begeistern, ihren Kindern zuhause vorzulesen.

Online-Redaktion: Mit welchen Aktionen und Veranstaltungen fördern Sie noch die Lesekompetenz und Zugänge zum Lesen?

Uehlein: Wir versuchen Familien so früh wie möglich zu kontaktieren, damit sie mit Geschichten und Büchern in Kontakt kommen. Über das Programm Lesestart 1-2-3, das vom Bildungsministerium gefördert wird, erhalten Familien drei Buchgeschenke in den ersten drei Lebensjahren ihrer Kinder. Die ersten beiden Sets gibt es in teilnehmenden Kinderarztpraxen im Rahmen der U6- und U7-Vorsorgeuntersuchungen. Das dritte Set für die Dreijährigen erhalten sie in teilnehmenden Büchereien vor Ort. Zu allen drei Sets gehören ein altersgerechtes Bilderbuch und Informationen für die Eltern mit Alltagstipps zum Vorlesen und Erzählen.
Uns ist es wichtig, dass Familien dem Thema „Lesen“ in ihren Alltagswelten begegnen. Wenn sie Bücher im Lebensmitteleinzelhandel oder im „Happy Meal“ finden, schauen sie vielleicht einmal rein und lesen ihren Kindern vor. Für die Situation, dass sie unterwegs sind und ihren Kindern gern vorlesen würden, aber kein Buch dabei haben, haben wir den digitalen Geschichtenservice www.einfachvorlesen.de eingerichtet. Hier kann man sich jederzeit kuratierte Vorlesegeschichten auf das Smartphone oder Tablet laden. Für unsere Aktionen suchen wir immer reichweitenstarke und große Partner, wie die Deutsche Bahn Stiftung oder McDonald’s, damit wir Familien mit Kindern besser erreichen.

Online-Redaktion: Welche Angebote haben Sie für ältere Kinder?

Uehlein: Für Grundschulkinder bieten wir Leseclubs an, für ältere MediaLabs, in denen sie zweimal die Woche zusammenkommen, basteln, lesen und selbst Geschichten schreiben. Jedes 5. Kind verlässt die Grundschule ohne ausreichend lesen und schreiben zu können. Der Leseclub kann einen Beitrag dazu leisten, dass Kinder gemeinschaftlich mit Freund*innen spielerisch Kontakt zum Lesen bekommen. Meiner Meinung nach muss es unser oberstes Ziel sein, dass jedes Kind mit Verlassen der Grundschule lesen kann. Das muss uns als Gesellschaft gelingen und dafür müssen wir alle Kräfte mobilisieren.

Online-Redaktion: Hat sich aus Ihrer Beobachtung heraus in den letzten 20 bis 30 Jahren etwas am Vorlese- und Leseverhalten verändert?

Uehlein: Interessanterweise hat sich das Leseverhalten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in den letzten 20 Jahren kaum verändert. Der Anteil derjenigen, die regelmäßig, also mehrmals täglich oder wöchentlich in gedruckten Büchern lesen, ist in allen Altersgruppen mit geringfügigen Schwankungen relativ stabil geblieben. Man spricht eigentlich seit Jahrzehnten von der Drittelformel „Nichtleser, Wenigleser und Vielleser“. Das gilt auch für Kinder und Jugendliche und daran ändern auch die digitalen Medien wenig. Diese Medien nehmen zwar Zeit in Anspruch, führen aber nicht dazu, dass lesebegeisterte Kinder weniger lesen. Aber die Zahl derjenigen, die nicht lesen, ist eben leider auch stabil geblieben. Wir arbeiten sehr intensiv daran, dass sich das ändert.

Online-Redaktion: Binden Sie digitale Medien auch in Ihre Leseförderung ein?

Uehlein: Auf jeden Fall. Wir erleben oft Aha-Effekte, wenn wir darüber sprechen, dass Lesekompetenz natürlich im digitalen Raum genauso notwendig ist, da ein Großteil der Angebote textgestützt ist. Digitale Angebote wie www.einfachvorlesen.de können Menschen aber auch einen Einstieg ins Lesen geben, weil hier Geschichten ganz einfach übers Smartphone abgerufen werden können. Daneben stellen wir eine Vielzahl von Lese- und Bilderbuchapps vor, mit denen Kinder gut interagieren können, und bieten einen Prüfservice an, mit dem wir geeignete Apps zum Thema prüfen, bewerten und empfehlen.

Online-Redaktion: Hat sich die Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen seit Corona verschlechtert?

Uehlein: Es gibt erste Ergebnisse aus den Ländern, die zeigen, dass sich die langen Schulschließungen vor allem bei Kindern, die aus Haushalten mit anderen Familiensprachen kommen, nachteilig ausgewirkt haben.

Online-Redaktion: Am 3. November haben Sie den Deutschen Lesepreis verliehen. Wer wurde mit dem Preis geehrt?

Uehlein: Wir haben den Deutschen Lesepreis 2021 an 16 Personen und Einrichtungen in fünf Kategorien verliehen, die sich nachhaltig für Leseförderung einsetzen. Zu den Kategorien zählen herausragendes individuelles und kommunales Engagement, herausragende Lese- und Sprachförderung in Kitas, an Schulen und herausragende Leseförderung mit digitalen Medien. Außerdem übergab die Commerzbank-Stiftung einen Sonderpreis für prominentes Engagement. Wir wollen damit zum Ausdruck bringen, dass es nicht den einen Weg in der Leseförderung gibt, der zum Erfolg führt, sondern dass es ein Bündel an Angeboten und Akteur*innen braucht, das zusammenwirkt. Leseförderung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Bibliotheken, Kitas, Schulen, aber auch einzelne Personen tragen dazu bei.

Online-Redaktion: Wer hat den Preis in diesem Jahr erhalten?

Uehlein:
Fußballer Thomas Müller hat dieses Jahr den Sonderpreis von der Commerzbank-Stiftung bekommen. Er ist prominenter Lesebotschafter der Stiftung Lesen und engagiert sich sehr bei unseren Aktionen, wie dem Welttag des Buches, dem Bundesweiten Vorlesetag oder dem Internationalen Kinderbuchtag. Er hat auch selbst schon ein Kinderbuch geschrieben und berichtet regelmäßig seinen zahlreichen Followern, wie wichtig er Lesen und Vorlesen findet. Im Bereich „Herausragendes individuelles Engagement“ wurde der „Vorlesefrisör“ Danny Beuerbach ausgezeichnet. Er hatte die charmante Idee, Kindern einen Haarschnitt zu schenken, wenn sie ihm, während er ihnen die Haare schneidet, vorlesen. Ein einfaches Konzept, das Lesebarrieren sehr erfolgreich abbaut und Leselust steigert.

(Vor-)Lesen ist eine Aktivität, die Spaß machen kann und die auch noch eine tolle Wirkung zeigt. Diesen positiven Lesebegriff wollen wir mehr in die Breite tragen.



Sabine Uehlein gestaltet und verantwortet als Programmgeschäftsführerin die inhaltliche Strategie sowie alle Angebote der Stiftung Lesen für unterschiedlichste Zielgruppen. Sie studierte an den Universitäten Erlangen und Mainz Deutsche Philologie, Publizistik und Buchwissenschaft und schloss ihr Studium 1994 als Magister Artium ab. Seit 1995 arbeitet sie in unterschiedlichen Positionen bei der Stiftung Lesen, leitete zuerst den Bereich Schule, dann die gesamte Programmarbeit, und wurde vom Vorstand der Stiftung Lesen 2010 in die Geschäftsführung berufen. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Entwicklung und Realisierung deutschlandweiter Programme für im Lesen benachteiligte Zielgruppen wie die Bundesprogramme LESESTART und LESECLUBS sowie gemeinsame Aktionen mit reichweitenstarken Partnern wie Google, McDonald´s und ALDI SÜD. Als Mitglied von Gremien und Beiräten und als Beraterin für Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen national wie international begleitet Sabine Uehlein mit ihrer langjährigen Expertise Leseförderung in Strategie und Umsetzung und unterrichtet an der Hochschule der Medien in Stuttgart als Lehrbeauftragte.






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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 18.11.2021
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