„Ganztagsangebote können Bildungsgerechtigkeit fördern - jedoch nur bei hoher Qualität und verlässlicher Teilnahme.“

09.07.2026: Ab dem 1. August 2026 haben Kinder im Grundschulalter in Deutschland schrittweise Anspruch auf ganztägige Förderung. Was macht einen guten Ganztag aus, damit er auch zu mehr Chancengerechtigkeit beiträgt? Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Dr. Amina Kielblock, wissenschaftliche Mitarbeiterin am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, über wichtige Faktoren eines kind- und jugendorientierten Ganztags, eine gute Steuerung und eine Zusammenarbeit aller an Ganztagsschule Beteiligter.
Seit Anfang der 2000er Jahre wird der Ausbau der Ganztagsschulen in Deutschland vorangetrieben. Welche Erkenntnisse gibt es darüber, wie Ganztagsschulen wirken und ob sie zur Chancengerechtigkeit – insbesondere für bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche – beitragen?
Amina Kielblock: Seit dem Ausbau der Ganztagsschulen untersucht die Begleitforschung, welche Vorteile Ganztagsangebote bieten. Sie zeigt: Eine hohe Qualitätswahrnehmung der Angebote stärkt bei Jugendlichen in der Sekundarstufe I – besonders bei kontinuierlicher Teilnahme – die Lesemotivation, soziale Kompetenzen, Wohlbefinden und Noten. Für Grundschulkinder aus benachteiligten Familien wirkt eine Teilnahme an guten Angeboten positiv auf das Selbstkonzept sowohl im naturwissenschaftlichen Bereich als auch beim Lesen sowie auf die Lesemotivation. Unsere Analysen auf Basis der World Vision Kinderstudie 2018 unterstreichen die Bedeutung des Ganztags – dazu zählen neben Ganztagsschulen auch Horte und weitere Betreuungsformen – für Kinder aus bildungsfernen Familien. Eine regelmäßige Teilnahme geht mit höherer Bildungsaspiration einher, beteiligte Kinder lesen, basteln und musizieren auch häufiger und nehmen öfter an kulturellen Aktivitäten teil. Der Ganztag eröffnet vielfältige Teilhabe- und Fördermöglichkeiten über den Unterricht hinaus. Damit zeigt sich: Ganztagsangebote können Bildungsgerechtigkeit fördern – jedoch nur bei hoher Qualität und verlässlicher Teilnahme. Bislang nutzen etwa die Hälfte der Kinder den Ganztag, damit bleiben viele Potenziale ungenutzt.
Was ist ein guter Ganztag? Welche Faktoren sind neben der Qualität der Angebote für seine positive Wirkung zuständig?
Amina Kielblock: Wir haben in dem Projekt „Wissenschaftsgeleiteter Qualitätsdialog zum Ganztag“ sechs Handlungsfelder identifiziert, die maßgeblich zum Gelingen des Ganztags beitragen und damit auch zu seiner positiven Wirkung und zu mehr Bildungsteilhabe. Dazu gehören: ein nachhaltiges Ganztagskonzept, das Kindern und Jugendlichen eine verlässliche und langfristige Teilnahme an den Angeboten ermöglicht, eine kooperative und strukturierte Leitung bzw. Steuerung, eine produktive Zusammenarbeit der beteiligten Professionen mit klar abgestimmten Zuständigkeiten, positive soziale Beziehungen als Grundlage für Wohlbefinden und Entwicklung, gut geplante, zielorientierte Angebotskonzepte sowie eine partizipative, kind- und jugendorientierte Durchführung der Angebote.
Was versteht man unter einem kind- und jugendorientierten Ganztag?
Amina Kielblock: Ein kind- und jugendorientierter Ganztag stellt die Lebenslagen, Rechte und Entwicklungsperspektiven der Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt. Er bewegt sich dabei in einem Spannungsfeld zwischen individuellen Bedürfnissen, objektiven Entwicklungsanforderungen und gesellschaftlichen Erwartungen. Entscheidend ist, dass der Ganztag angemessene Entwicklungsräume eröffnet und ganzheitlich unterstützt. Orientierung bietet das von Hurrelmann und Quenzel entwickelte Konzept der Entwicklungsaufgaben. Es beschreibt Anforderungen, die Kinder und Jugendliche bewältigen müssen, um zu eigenständigen Persönlichkeiten zu werden und gesellschaftliche Rollen übernehmen zu können. Dazu gehören u.a. schulisches Qualifizieren, der Aufbau eines positiven Selbstbildes, das Eingehen von Bindungen, der Umgang mit Konsum, die Entwicklung eines eigenen Werte- und Normensystems sowie Partizipation. Sozialisationsinstanzen wie Schule und insbesondere der Ganztag sollten Rahmenbedingungen schaffen, in denen junge Menschen diese Aufgaben erfolgreich bewältigen können.
Wie wichtig sind dabei verbindliche Strukturen?
Amina Kielblock: Forschungsbefunde zeigen, dass gebundene Ganztagsschulen die Kopplung zwischen Schulnoten und sozialer Herkunft etwas abmildern können. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass sich Jugendliche dem Ganztag mitunter entziehen – etwa durch häufigere Krankmeldungen. Entscheidend ist weniger die Verbindlichkeit als vielmehr die motivationsfördernde und nicht an Schwächen orientierte Gestaltung des Ganztags. Wenn Kinder und Jugendliche von den Angeboten profitieren und sie Lehrkräfte sowie Mitschüler*innen in anderen Rollen erleben, stärkt das auch ihr schulisches Wohlbefinden.
„Eine gute Steuerung im Ganztag ist zentral, muss jedoch konsequent von einer kind- und jugendorientierten Haltung ausgehen.“
Welche Rollen spielen eine gute Steuerung des Ganztags und eine Zusammenarbeit aller an Ganztagsschule Beteiligter?
Amina Kielblock: Eine gute Steuerung im Ganztag ist zentral, muss jedoch konsequent von einer kind- und jugendorientierten Haltung ausgehen. Das bedeutet, dass die Perspektiven der Kinder und Jugendlichen auf allen Ebenen berücksichtigt werden und die Ziele des Ganztags an ihren Bedürfnissen, ihrem Alltag und ihrer Entwicklung ausgerichtet sind. Gleichzeitig sollen Kinder aktiv an der Gestaltung des Ganztags mitwirken können. Dafür ist eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten entscheidend, da sie unterschiedliche Kompetenzen einbringen, die Kinder bei der Bewältigung ihrer Entwicklungsaufgaben unterstützen. Um Entscheidungen für alle Altersstufen gemeinsam treffen zu können, braucht es eine Steuerungsgruppe, in der Leitung, pädagogisches Personal, Eltern, deren Kinder am Ganztag teilnehmen, Kinder, die am Ganztag teilnehmen, Kooperationspartner wie Sportvereine und auch der Träger vertreten sind.
Kinder und Jugendliche sind sehr verschieden. Wie können Ganztagsangebote so gestaltet werden, dass sie ihrer Vielfalt gerecht werden?
Amina Kielblock: Um der Vielfalt von Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden, braucht es ein breites, interessenorientiertes Angebot, das sich nicht an den Vorstellungen der Erwachsenen, sondern an den Bedürfnissen der Kinder orientiert. Ausschlaggebend ist, dass Kinder selbst wählen können, welche Angebote sie nutzen möchten. Neben Kursen sollten auch offene Formate Raum haben, in denen Kinder selbstständig spielen, sich entspannen oder voneinander lernen können. Solche offenen Situationen ermöglichen es, dass Kinder eigene Fähigkeiten einbringen und weitergeben – etwa, wenn ein Kind eine Fertigkeit wie Häkeln ausübt und andere es aus Neugierde auch lernen möchten. Kinder können auch aktiv an der Gestaltung des Ganztags beteiligt werden oder selbst Angebote übernehmen. Flexibilität ist dabei zentral: Angebote müssen nicht halbjährlich laufen, sondern können auch einmalig, als Themenwoche oder offen zugänglich gestaltet sein. Einige Ganztagsschulen ermöglichen Kindern sogar, jeden Tag neu zu entscheiden, an welchem Angebot sie teilnehmen möchten. Das kommt gut bei den Kindern an.
Wie wichtig ist eine gute pädagogische Qualifizierung des Personals, wenn ab August 2026 deutlich mehr Mitarbeitende für den Ausbau des Ganztags benötigt werden?
Amina Kielblock: Die pädagogische Qualifikation des Personals spielt in einer von mir durchgeführten Studie vor allem an sozialräumlich benachteiligten Standorten eine wichtige Rolle. Dort berichten Fachkräfte mit pädagogischem Abschluss von einer deutlich höheren Qualität der Angebote und ihrer Durchführung als Personen ohne entsprechende Ausbildung. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass an diesen Standorten häufiger pädagogisch herausfordernde Situationen auftreten, mit denen qualifiziertes Personal reflektierter umgehen kann. Gleichzeitig zeigen die Daten, dass Faktoren wie die Selbstwirksamkeit des Personals und die Überzeugung vom Mehrwert der Angebote noch stärkere Prädiktoren für die Qualität der Angebotsdurchführung sind. Das bedeutet: Auch nicht-pädagogisch ausgebildete Personen können wertvolle Beiträge leisten – wenn sie entsprechend unterstützt und nachqualifiziert werden. Ansätze dafür existieren bereits, etwa der Kompetenzrahmen für den Ganztag, der speziell auf die Professionalisierung von nicht-qualifiziertem Personal eingeht.
Inwiefern unterstützen die Materialien und Handreichungen, die Sie im Rahmen der Projekte „Wissenschaftsgeleiteter Qualitätsdialog zum Ganztag“ und „Schule macht stark – SchuMaS“ entwickelt haben und die 2026 veröffentlicht wurden, die Arbeit an den Ganztagsschulen?
Amina Kielblock: Die Materialien unterstützen die Qualitätsentwicklung des Ganztags auf mehreren Ebenen. Das Manual bietet wissenschaftlich fundierte, praxisnahe Impulse für einen systematischen, teilweise datengestützten Qualitätsprozess mit Fokus auf Kind- und Jugendorientierung. Es richtet sich vor allem an Beratungs- und Steuerungsakteur*innen.
Für Leitung und Koordination wurde ein Workbook entwickelt, das kurze Einordnungen und verschiedene Entwicklungstools enthält, darunter eine egozentrierte Netzwerkkarte zur Reflexion von Kooperationen. Es erfasst zudem Perspektiven des Personals zu Zielen, Angebotsqualität und Herausforderungen als datengestützte Grundlage für Verbesserungen. Entsprechende Instrumente gibt es auch für Kinder und Jugendliche, Eltern und die gesamte Steuerungsgruppe. Weitere Materialien sind eine Strukturierungshilfe für das Ganztagskonzept, Unterstützungshinweise für einzelne Angebote sowie ein Journal für Angebotsleitungen, das Impulse zur Angebotsdurchführung, zum Umgang mit Verhalten und zur Gestaltung von Übergängen gibt. Alle Materialien sind wissenschaftlich fundiert, ko-konstruktiv mit der Praxis entwickelt und greifen ineinander, sodass sie Beratung, Leitung, Ganztagsteam und Angebotsleitung kohärent und praxisnah unterstützen.
Beim Deutschen Bildungsserver
Sie gehören dem Projektteam des CHANCEN-Verbunds zur wissenschaftlichen Begleitung des Startchancen-Programms an. Was ist Ihre Aufgabe dabei und wie entwickeln Sie die oben genannten Materialien weiter?
Amina Kielblock: Im CHANCEN-Verbund arbeite ich im Rahmen des Interdisziplinären Kompetenzzentrums „Multiprofessionelle Schulentwicklung im Sozialraum“ am Themenschwerpunkt Weiterentwicklung des Ganztags. Meine Aufgabe sehe ich darin, wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie für das Unterstützungssystem und die Praxis im Startchancen-Programm nutzbar werden — also für Steuerung, Qualifizierung und Beratung im Themenfeld der Ganztagsentwicklung. Dazu gehört, bestehende Ansätze und Materialien systematisch zu analysieren, Gelingensbedingungen von Ganztagsentwicklung zu untersuchen und daraus handlungsrelevante Formate zu entwickeln. Dazu zählt für mich auch, Leerstellen und Angebotsbedarfe zu identifizieren.
Ein Angebotsbedarf besteht aus meiner Sicht in der Qualifizierung von Multiplizierenden. Hierfür werden die in SchuMaS entwickelten Materialien genutzt und zugleich mit Akteur*innen aus dem Unterstützungssystem weiterentwickelt. Genau darin sehe ich auch für das Startchancen-Programm einen wichtigen Ansatz: Materialien evidenzbasiert entwickeln und sie so weiterzudenken, dass sie praxisnah, anschlussfähig und leicht nutzbar sind.
Dr. Amina Kielblock ist Bildungsforscherin am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. Sie forscht zur Qualität ganztägiger Bildung, zur Rolle des pädagogischen Personals und zur Weiterentwicklung des Ganztags. Im CHANCEN-Verbund begleitet sie die Frage, wie Ganztagsangebote nachhaltig, kind- und jugendorientiert sowie chancengerecht gestaltet werden können.
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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 09.07.2026
© Bildung + Innovation
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