„Unser Verständnis für Ganztagsschule muss mit einem weiten Bildungsbegriff einhergehen“

02.07.2026: Mit der Einführung der Ganztagsschule in Deutschland verbinden sich verschiedene Erwartungen; eine davon ist die Erreichung von mehr Chancengerechtigkeit. Entscheidend dafür ist die Qualität der Ganztagsbetreuung: Wie kann sie Bildungsbenachteiligungen abbauen und die soziale Teilhabe stärken? Was kann eine gemeinsame Ausbildung der verschiedenen pädagogischen Fachkräfte zu einer höheren pädagogischen Qualität beitragen? Im Interview spricht Marianne Schüpbach über ihre Forschung zum Thema Ganztagsschule und zur gemeinsamen Qualifizierung der pädagogischen Fachkräfte in der inklusiven Ganztagsgrundschule.
Frau Schüpbach, im Projekt GeLeGanz – Gestaltung von Lernumwelten in der Ganztagsgrundschule – haben Sie international Beispiele erfolgreicher Ganztagsmodelle untersucht. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Marianne Schüpbach: Im Projekt GeleGanz haben wir die Qualität von Ganztagsschulen in den Blick genommen, oder, wie wir es nennen, die Qualität von erweiterter Bildung. Wir haben uns an dem englischen Begriff „Extended Education“ orientiert – Ganztag ist ja schon etwas sehr Deutsches. „Erweiterte Bildung“ ist ein Sammelbegriff für erweiterte Bildungsangebote, die über den Unterricht hinausgehen und auch in anderen Ländern angeboten werden.
Im Englischen spricht man nicht von Ganztagsschule, sondern von „Extended Education“.
Für die Untersuchung selbst hatten wir ein interessantes Forschungsdesign: Wir haben in verschiedenen Ländern – inklusive Deutschland – Experteninterviews mit Forschenden geführt und erfragt, welche Befunde sie zur Wirksamkeit und der pädagogischen Qualität in ihrem Land kennen, und was sie darüber wissen.
Die anhand der Antworten herausgearbeiteten Ergebnisse zu Wirksamkeit und Qualität von erweiterter Bildung haben wir im nächsten Schritt in einer zweiten Runde mit den Expertinnen und Experten diskutiert und danach über Fokusgruppen das Feedback aus der Praxis in vier deutschen Bundesländern eingeholt. Es war spannend zu erfahren, wo Schulleitungen, Lehrkräfte und weitere Pädagoginnen und Pädagogen selbst Anknüpfungspunkte sehen - oder auch rückmelden, dass sich das in Deutschland nicht so leicht umsetzen lässt. Zusätzlich haben wir Fokusgruppen mit vier Bildungsministerien geführt.
Wie sollte „erweiterte Bildung“ in der Ganztagsschule aussehen, damit bildungsbenachteiligte Kinder profitieren?
Marianne Schüpbach: Wichtig ist, sich grundsätzlich stärker als bisher an den Interessen und individuellen pädagogischen Bedarfen der Schülerinnen und Schüler zu orientieren; das gilt für alle Kinder, in besonderem Maß aber für sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund.
Das bedeutet zum einen, dass den Kindern ganz niederschwellig Gelegenheit zur Partizipation ermöglicht werden sollte, indem sie beispielsweise regelmäßig zwischen verschiedenen Aktivitäten wählen können. Die Wünsche der Schülerschaft können z.B. regelmäßig in anonymen Umfragen erhoben werden. Natürlich müssen zudem die pädagogischen Bedarfe der einzelnen Schüler und Schülerinnen in den Ganztagsgrundschulen berücksichtigt werden.
Zum anderen sollte es für bildungsbenachteiligte Kinder im Ganztag ein breites Spektrum an Aktivitäten geben – sowohl freies Spiel, als auch stärker von Pädagoginnen und Pädagogen angeleitete Angebote – aus dem die Schülerinnen und Schüler selbst wählen können. Hier gibt es sehr große Unterschiede zwischen den Schulen und teilweise auch zwischen den Bundesländern. Wirkungen auf bestimmte kognitive und oder sozio-emotionale Kompetenzen haben aber vor allem die geleiteten Aktivitäten, wenn sie aufeinander aufbauen und aktivieren, der Fokus der Angebote auf spezifische Fähigkeiten gerichtet ist und die Ziele der Angebote für alle Beteiligten klar erkennbar sind.
Wichtig ist eine Variation der Formate: Spielerische Lernförderung, forschend entdeckende Lerngelegenheiten oder auch semi-strukturierte Lernzeiten.
Ein dritter Bereich betrifft die Interaktion zwischen dem pädagogischen Personal und den Schülerinnen und Schülern. Hier geht es darum, ein wertschätzendes Klima zu schaffen, und gleichzeitig das Lernen kontinuierlich und differenziert zu begleiten. Zum Beispiel, indem man Herkunft und Hintergrund des sozial benachteiligten Kindes mit Migration stärker berücksichtigt und das als Thema ins Schulleben insgesamt integriert.
Was das pädagogische Personal angeht, hat es sich als sehr sinnvoll herausgestellt, Fachkräfte mit unterschiedlichen beruflichen, sozialen, aber auch kulturellen und sprachlichen Hintergründen einzubinden. Das wird noch viel zu wenig gemacht! Zudem sind ein guter Betreuungsschlüssel, ein bedarfsorientierter Tagesablauf sowie eine geteilte Verantwortung zwischen Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten wichtig.
Stichwort Pädagogisches Personal: Sie haben die Ausbildung verschiedener pädagogischer Berufe für die Ganztagsschule im Projekt ProGanz untersucht. Was haben Sie herausgefunden?
Marianne Schüpbach: Im Projekt ProGanz haben wir einen multiperspektivischen Ansatz gewählt. Wir haben einerseits die Qualifikationswege für Grundschullehrkräfte, kindheitspädagogische Fachkräfte und Erzieherinnen und Erzieher sowie deren Modulpläne und Curricula bezüglich Lerninhalte zum Thema Ganztagsgrundschule analysiert; andererseits haben wir Dozierende und Studierende nach diesen Lerninhalten befragt.
Das Ergebnis: Die Ganztagsgrundschule wird in den Ausbildungsordnungen der drei untersuchten Qualifizierungswege grundsätzlich als mögliches Handlungsfeld benannt.
Ganztagsgrundschulspezifische Inhalte und Ziele sind jedoch bislang nur punktuell verankert. Aus der Perspektive der Dozierenden kann zusammenfassend festgehalten werden, dass Themen der strukturellen Rahmenbedingungen der Ganztagsgrundschule, Fragen von Bildung und Förderung sowie multiprofessionelle Kooperation nach Einschätzung von Dozierenden bereits aufgegriffen werden, jedoch mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen. Deshalb erweist es sich für angehende Pädagoginnen und Pädagogen – welche die vorhandenen Lerngelegenheiten als eher gering einschätzen – als schwierig, eine realistische Vorstellung von Ganztagsgrundschulen und die erforderlichen ganztagsschulbezogenen professionellen Kompetenzen für die Gestaltung von qualitativ hochwertigen Ganztagsgrundschulen zu entwickeln.
Studierende und Auszubildende haben wenig Gelegenheit, sich ausreichend auf die Arbeit an einer Ganztagsgrundschule vorzubereiten.
Sie haben auch international verschiedene Modelle untersucht. Welches würden Sie in Deutschland zum Vorbild nehmen?
Marianne Schüpbach: Wir haben uns insbesondere das Modell von Schweden angeschaut. Dort wurde 2011 eine akademische Qualifizierung von Pädagoginnen und Pädagogen für erweiterte Bildung zum sogenannten School-Age Educare Teacher eingeführt.
In Schweden gibt es drei verschiedene Studiengänge: einen für die Vorschule und die ersten drei Grundschuljahre, einen weiteren für die Grundschulstufen vier bis sechs und schließlich die Spezialisierung zum School-Age Educare Teacher, der auch in den Schuljahren vier bis sechs unterrichten kann. Interessant ist, dass sie alle an Universitäten angesiedelt sind und teilweise gemeinsame Module umfassen. Das heißt: Angehende Lehrkräfte und Fachkräfte für den außerunterrichtlichen Bereich lernen bereits in der Ausbildung gemeinsam und erwerben ein gemeinsames Bildungsverständnis und früh Kompetenzen für die Zusammenarbeit.
Beim Deutschen Bildungsserver
Wie ist es in Schweden gelungen, eine gemeinsame Basis für die Qualifizierung in den verschiedenen Berufen zu schaffen?
Marianne Schüpbach: Zum einen durch eine zentrale politische Entscheidung: Schweden hat kein föderales, sondern ein zentralisiertes Bildungssystem. Zum anderen war das Engagement der Universitäten entscheidend. Wichtig war zudem der Einbezug der Schulpraxis.
Gibt es in Deutschland auch Modelle, in denen Fachschulen mit Fachhochschulen oder Universitäten zusammenarbeiten?
Marianne Schüpbach: Ja, es gibt einige Modellprojekte. Unsere Interviews zeigen, dass dabei vor allem die strukturellen und organisatorischen Bedingungen entscheidend sind. Unterschiedliche Vorlesungszeiten, Modulstrukturen und auch Räumlichkeiten erschweren allerdings die Zusammenarbeit von Fachschulen, Fachhochschulen und Universitäten. Letztlich hängt der Erfolg stark vom Engagement der beteiligten Akteure ab, oft auch über das normale Arbeitspensum hinaus. Außerdem bleibt die Verstetigung solcher Projekte auch finanziell eine Herausforderung.
Welche Inhalte empfehlen Sie in die Ausbildung der verschiedenen Professionen zu implementieren?
Marianne Schüpbach: Ganztagsspezifische Inhalte kommen bislang zu wenig vor und sollten in allen Ausbildungsgängen stärker verankert werden. Dafür braucht es dringend eine gemeinsame verbindliche Grundlage. Unsere inhaltlichen Vorschläge sind: Fokus auf pädagogische Qualität, stärkere Verzahnung von Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten, multiprofessionelle Kooperation sowie Schulentwicklung als Ganztagsschulentwicklung.
Zudem sollen gemeinsame Ausbildungsangebote von Universitäten, Fachhochschulen und Fachschulen ausgebaut werden. Mittelfristig wären auch Studiengänge mit gemeinsamer Basis und unterschiedlichen Vertiefungen denkbar – ähnlich wie in Schweden. Außerdem ein wichtiges Thema für alle: die multiprofessionelle Kooperation
Gemeinsame Lerninhalte, also pädagogische Qualität, Verzahnung (außer)unterrichtlicher Angebote, multiprofessionelle Kooperation sowie gemeinsame Qualifizierungsangebote.
Nebenbei: Das Modell stammt aus der DDR! Dort gab es einen gemeinsamen Studiengang für Erzieherinnen und Erzieher sowie Grundschullehrkräfte – die Schweden haben sich das abgeguckt und andere skandinavische Länder wie Norwegen und Dänemark folgen mittlerweile Schweden.
Welche Empfehlungen haben Sie für Schulen und Schulleitungen?
Marianne Schüpbach: Für sozial bildungsbenachteiligte Schülerinnen und Schüler empfehlen wir ein diversitätssensibles Angebot – sowohl im Unterricht als auch im Ganztag. Davon profitieren letztlich alle!
Haben Sie Beispiele für diversitätssensible Angebote?
Marianne Schüpbach: Individualisierende und differenzierende Angebote zur Sprach- und Talentförderung oder auch zur Förderung sozio-emotionaler Kompetenzen. Wichtig ist, die Angebote entsprechend der Interessen und Bedarfe der Kinder auszurichten.
Angeleitete Angebote wie AGs sind noch nicht flächendeckend verbreitet. Dabei braucht es klare Ziele - so entwickeln sich etwa soziale Kompetenzen oder digitale Kompetenzen nicht nebenbei, sondern durch gezielte Förderung.
Wir haben Interventionsprogramme mit strukturierten Workshops / AGs entwickelt, die über mehrere Wochen laufen und soziale oder digitale Kompetenzen fördern. Kindern macht es Spaß, etwas auszuprobieren!
Das erinnert an Projektwochen?
Marianne Schüpbach: Ja, solche Formate lassen sich gut übertragen. Entscheidend ist jedoch, sie ausdrücklich als Bildungsangebote zu verstehen - im Sinne eines erweiterten Bildungsbegriffs. Unser Verständnis für Ganztagsschule muss mit einem weiten Bildungsbegriff (formale, non-formale und informelle Bildung) einhergehen.
Was empfehlen Sie der Bildungsverwaltung und der Bildungspolitik?
Marianne Schüpbach: Die Ganztagsschule und im speziellen der Ganztag ist bislang nicht ausreichend in der Lehrkräftebildung verankert. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat zwar Standards für die Lehrkräftebildung formuliert, aber ganztagsschulbezogene Inhalte sind da nicht vorhanden. Es braucht verbindliche Qualifizierungsstandards für die Lehrkräftebildung sowie auch für alle anderen in der Ganztagsschule tätigen pädagogischen Professionen.
Wenn wir den Ganztag weiter ausbauen wollen - was durch den Rechtsanspruch ja notwendig ist -, braucht es auch den politischen Willen, die Rahmenbedingungen zu verbessern und die Qualität der Angebote deutlich zu steigern.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Schüpbach!
Marianne Schüpbach ist Professorin für Allgemeine Grundschulpädagogik an der Freien Universität Berlin. Sie forscht seit Jahren zu Qualität von Ganztagsschule und Bildungsbenachteiligung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund.
Mehr Informationen zum Thema
- Verbundprojekt-Projekt GeLeGanz: Bildungserfolg und soziale Teilhabe von sozial bildungsbenachteiligten Schüler:innen mit Migrationshintergrund im Ganztag
- Projekt ProGanz: Gemeinsame Professionalisierung in der Pädagog:innenausbildung für die inklusive Ganztagsgrundschule
- Interventionsstudie "Wie erklär ich’s? Erklärvideos selber produzieren"
- Schüpbach, M. (2020). Professionalität und Professionalisierung in der Ganztagsschule in Deutschland - was können wir aus dem internationalen Vergleich lernen? In B. Jungkamp & M. Pfafferott (Hrsg.), Ein ganz Tag Ganztag - Auf der Suche nach Chancengleic
Autor(in): Christine Schumann
Kontakt zur Redaktion
Datum: 02.07.2026
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