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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 16.07.2020:

„Wir brauchen kontinuierliche Abstimmungs- und Austauschprozesse.“

Achter nationaler Bildungsbericht veröffentlicht

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Bildrechte: Prof. Dr. Kai Maaz

Die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) haben am 23. Juni gemeinsam mit dem DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation den Bericht „Bildung in Deutschland 2020“ vorgestellt. Der achte nationale Bildungsbericht beschreibt die Gesamtentwicklung des deutschen Bildungswesens entlang der Bildungsbiografie, von der frühen Bildung bis zur Weiterbildung im Erwachsenenalter. Das Schwerpunktkapitel widmet sich dem Thema „Bildung in einer digitalisierten Welt“. Der Bericht wurde unter Federführung des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation von einer wissenschaftlichen Autorengruppe erstellt. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Prof. Dr. Kai Maaz, dem Sprecher der Autorengruppe, über die Ergebnisse.

Online-Redaktion:
Am 23. Juni ist der achte nationale Bildungsbericht veröffentlicht worden. Welche zentralen Ergebnisse hat er hervorgebracht?

Maaz: Die Autorengruppe hat aus den einzelnen Befunden vier übergreifende Entwicklungslinien herausgearbeitet. Seit dem ersten Bildungsbericht im Jahr 2006 gab es einen Trend zu höherer Bildung, der sich in den Schulabschlüssen abbildete. In dem aktuellen Bericht stoßen wir erstmalig an eine Grenze. Der Trend entwickelt sich nicht weiter, d.h. es machen weniger junge Menschen das Abitur. Aber diese Entwicklung ist noch nicht in den Folgesystemen angekommen, im Bereich der beruflichen Bildung und auch im Bereich der Hochschulbildung sind die Zugänge stabil. Die zweite Entwicklungslinie zeigt, dass der Zugang zu Bildung sowie Bildungserfolg, Bildungspartizipation und Kompetenzen etc. nach wie vor von der sozialen Herkunft abhängen. Aber es gibt auch eine größere Durchlässigkeit zwischen den Systemen über alle Bildungsbereiche hinweg. Bildungswege werden offener, es wird nicht mehr in der Grundschule entschieden, welcher Abschluss gemacht wird. In den Folgesystemen und im beruflichen Schulsystem werden Schulabschlüsse nachgeholt, in besonderer Weise der Hauptschulabschluss und das Abitur, und auch in der Weiterbildung werden entsprechende Bildungsangebote genutzt.

Negativ hingegen ist, dass die Gruppe der Geringqualifizierten größer wird. Deshalb müssen über alle Bildungsbereiche hinweg passgenaue Angebote für diese Gruppe entwickelt werden. Um die Anzahl derer, die die Schule ohne Abschluss verlassen, langfristig abzubauen, dürfen wir nicht erst am Ende der Schullaufbahn intervenieren, sondern müssen die gesamte Schullaufzeit in den Blick nehmen, idealerweise auch schon den vorschulischen Bereich. Die vierte Entwicklungslinie zeigt: Die Digitalisierung, die rasant die gesamte Gesellschaft durchdringt, muss sich auch in den Bildungsbereichen widerspiegeln. Wir haben in der letzten Zeit in allen Bildungsbereichen einen deutlichen Digitalisierungsschub erfahren, auch schon vor der Corona-Pandemie, aber wir sind noch lange nicht da, wo wir im internationalen Vergleich sein müssten.

Online-Redaktion: Bildung ist in Deutschland nach wie vor an die soziale Herkunft gekoppelt. Es gibt schon lange Bemühungen, dies aufzubrechen, wie zum Beispiel durch Ganztagsschulen. Wieso gelingt es trotzdem nicht, das zu verändern?

Maaz: Die Ganztagsschule ist ein stark expandierender Bereich, und auch im aktuellen Bericht sieht man, dass es einen weiteren Ausbau gegeben hat, 2025/26 wird es hoffentlich den Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz für den Grundschulbereich geben. Doch die Angebote, die in der ganztägigen Bildung gemacht werden, sind meines Erachtens zu wenig passgenau auf die Schülerinnen und Schüler ausgerichtet, die Förderbedarf haben. Nur die Tatsache, dass die Schulen länger öffnen und vielleicht auch ein kluges Ganztagskonzept haben, führt nicht dazu, Kompetenzunterschiede zu minimieren und Lernrückstände aufzuholen. Damit sich soziale Ungleichheit im System reduziert, braucht es gezielte Maßnahmen, und die hält der Ganztag in der jetzigen Form nicht ausreichend vor.

Online-Redaktion:
Welche Gründe sehen Sie dafür, dass der Trend zu höherer Bildung etwas zurückgeht?

Maaz:
Zunächst muss man sagen, wenn man diesen Befund zusammen mit dem Befund der größeren Durchlässigkeit sieht, dann ist es sehr gut möglich, dass diese jungen Menschen, die zunächst die Schule ohne Abitur verlassen, über andere Wege insbesondere im Bereich der beruflichen Bildung das Abitur zu einem späteren Zeitpunkt nachholen und dann als Erwachsene auch über das Abitur verfügen. Es deutet einiges darauf hin, dass genau diese Optionen wahrgenommen werden. Auf der anderen Seite scheint mir diese Grenze, die wir hier sehen, auch wirklich ganz zwangsläufig, denn die Möglichkeiten der Expansion des Systems sind doch nicht grenzenlos. Mit dem Abitur sind bestimmte Anforderungen verbunden, die nicht alle Schülerinnen und Schüler erfüllen können.

Online-Redaktion:
Leider verlassen auch mehr Jugendliche ohne mindestens einen Hauptschulabschluss die Schule. Woran liegt das, und wie kann man dem begegnen?

Maaz: Ich habe dafür leider keine Erklärung. Es ist kein Effekt, der sich beispielsweise durch Zuwanderung erklären lässt. Man muss jetzt genauer hinschauen, wie diese Zahlen zustande kommen. Und man muss diese Schülergruppe so früh wie möglich, idealerweise schon im Elementar- und Primarbereich und nicht erst ab der achten Klasse, identifizieren und durch additive Angebote fördern.

Online-Redaktion: Schwerpunktthema war dieses Mal „Bildung in einer digitalisierten Welt“. Dass Digitalisierung auch in der Bildung Vorteile hat, macht die Corona-Pandemie gerade deutlich. Doch Schulen und Schülerinnen und Schüler, die nicht gut ausgestattet sind oder denen digitale Kompetenzen fehlen, bleiben zurück. Auf welchem Niveau befindet sich die digitale Bildung in Deutschland?

Maaz:
Es ist jetzt viel Bewegung ins System gekommen durch die Situation der letzten Wochen, und es wird eine Herausforderung sein, diese Dynamik aufzunehmen und weiterzuführen. Aber unabhängig davon sehen wir im Bericht, der ja auf der Datengrundlage aus dem Jahr 2018 beruht, dass wir in allen Bereichen Nachholbedarf haben. Als Organisationsmittel kommen digitale Medien schon in vielen Bereichen zum Einsatz. Aber die Infrastruktur ist nicht hinreichend - da gibt es große Programme vom Bund, die jetzt umgesetzt werden müssen -, ebenso wie die Nutzung digitaler Medien als Lernmittel, um Lernprozesse zu optimieren, oder ihr Einsatz als kreatives Lernwerkzeug. Wir müssen bei der Qualifizierung des gesamten pädagogischen Personals vorankommen, und auch die digitalen Kompetenzen unserer Schülerinnen und Schüler sind noch ausbaufähig. Außerdem existiert eine unterschiedliche Integration von digitalen Technologien in den verschiedenen Bildungsbereichen. So gibt es große Unterschiede zwischen dem Primarschulbereich und dem Bereich der weiterführenden Schulen, im vorschulischen Bereich werden digitale Technologien allenfalls für die Organisation von Kitas benutzt. Auch das ist im internationalen Vergleich durchaus anders.

Online-Redaktion: Was würden Sie empfehlen?

Maaz: Wir brauchen einen Diskurs darüber, wann welches Medium eingesetzt werden soll. Digitale Technologien sollen einen Prozess unterstützen und optimieren. Lesen und Schreiben beispielsweise, das sagen zumindest die Fachdidaktiken, sind Kompetenzbereiche, die es nach jetzigem Stand der Forschung zielführender ist, analog zu lernen und nicht digital. Doch wie können das digitale und analoge Lernen miteinander verknüpft werden, und wie kognitiv aktivierend kann der Umgang mit digitalen Medien gestaltet werden, damit nachhaltiges Lernen entsteht. Das sind grundlegende Fragen, auf die wir Antworten suchen müssen.

Online-Redaktion: Welches bleiben die zentralen Herausforderungen für die Bildungspolitik der nächsten Jahre?

Maaz: Die Autorengruppe hat vor dem Hintergrund der übergreifenden Entwicklungslinien vier Herausforderungen identifiziert, die sich in Teilen auch schon im Bildungsbericht von 2018 wiederfinden, die aber nicht an Aktualität verloren haben. Die erste Herausforderung ist der weitere Aus- und Umbau des Bildungssystems, der Bildungseinrichtungen, insbesondere der Kitas und Ganztagsschulen. Im Bereich der beruflichen Ausbildung gibt es in bestimmten Regionen Passungsprobleme, wo die Ausbildungswünsche nicht mit den Ausbildungsangeboten zusammengehen. Die muss man in den Blick nehmen. Wir haben große Weiterbildungsbedarfe bei den geringqualifizierten Menschen. Wir müssen versuchen, sie an Bildung und an nachhaltige Beschäftigung heranzuführen. Und eine ganz zentrale Aufgabe aller Bildungsbereiche ist die Ausstattung und der Einsatz digitaler Medien.

Der zweite Bereich ist die Unterstützung und Förderung des pädagogischen Personals. In fast allen Bildungsbereichen steigen Kolleginnen und Kollegen altersbedingt aus, viele Stellen können nicht neu besetzt werden. Wir müssen dringend überlegen, wie wir damit umgehen. Auch der erhöhte Anteil der Bildungsteilnehmerinnen und -nehmer führt zu einem steigenden Bedarf an Personal, insbesondere im Vorschulbereich. Dazu kommt ein erhöhter Bedarf an Personal durch die Sicherung von Qualitätsstandards. Beim Seiten- oder Quereinstieg müssen Fachkräfte vorbereitet und begleitet werden, und das pädagogische Personal aus allen Bildungsbereichen muss digitale Qualifizierungen erhalten.

Darüber hinaus ist es notwendig, ein gemeinsames Verständnis von qualitativ hochwertiger Bildung zu entwickeln. Bei der Digitalisierung kann man gut sehen, dass sie in den Bildungsbereichen unterschiedlich verortet ist. Mit welcher Begründung spielt sie hierzulande im Kita- und im Grundschulbereich keine Rolle? Wir brauchen auch Qualitätskriterien, Standards, damit es eine gewisse Vergleichbarkeit zwischen den Regionen gibt. Und wir müssen überlegen, welche Lerninhalte und Kompetenzbereiche zum Kanon der bestehenden Fächer hinzukommen. Mir sind zum Beispiel Filterkompetenzen sehr wichtig, die helfen aus der Fülle an Informationen relevante und weniger relevante zu unterscheiden. Auch brauchen wir eine größere Offenheit dafür, dass Evaluationen, die von der Wissenschaft durchgeführt werden, um zu überprüfen, wie bestimmte Prozesse wirken und warum sie nicht zu den gewünschten Ergebnissen kommen, keine schlechten Evaluationen sind, sondern dazu beitragen, dass sich das System insgesamt verbessert. Denn gerade durch Negativeffekte kann man lernen und das System weiterentwickeln.

Die vierte Herausforderung sehen wir darin, dass wir kontinuierliche Abstimmungs- und Austauschprozesse brauchen. Wir brauchen ein Forum, an dem die unterschiedlichen Akteure im Bildungssystem, die Praxis, die Verwaltungen, die Politik und die Wissenschaft an einem Tisch sitzen und die wesentlichen Themen gemeinsam klären. Das fehlt! Transfer ist etwas Wichtiges, nicht nur der Transfer in das Wissenschaftssystem hinein, sondern auch der Transfer in die Gesellschaft, die Bedeutung der Befunde müssen breit kommuniziert und für die pädagogische Praxis nutzbar gemacht werden. Das setzt einen kontinuierlichen Austausch der verschiedenen Akteure im System voraus.


Prof. Dr. Kai Maaz, geschäftsführender Direktor des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und Direktor der Abteilung „Struktur und Steuerung des Bildungswesens“ in Frankfurt am Main/Berlin und zugleich Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Bildungssysteme und Gesellschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Schwerpunktthemen: Bildungsbiografien und Übergangsentscheidungen, Bildungsreformen, Entwicklung des Bildungssystems, Schulentwicklung und soziale Ungleichheit im Bildungssystem. Sprecher der Autorengruppe Bildungsberichterstattung seit 2014.




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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 16.07.2020
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