„Perspektive Land“ begeistert Lehramtsstudierende für den Einsatz in ländlichen Regionen Sachsens

08.01.2026: In Sachsen herrscht insbesondere in ländlichen Regionen Lehrkräftemangel, was zu einem verstärkten Unterrichtsausfall und einer Gefährdung der Unterrichtsqualität führt. Mit dem Studienbegleitprogramm „Perspektive Land“, einem Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus, sollen Lehramtsstudierende für den späteren Einsatz in ländlichen Regionen Sachsens begeistert werden. Wir sprachen mit der Programmleiterin Edda Bergner von der DKJS über die Ziele und Ergebnisse des Programms.
Um dem Lehrkräftemangel im ländlichen Raum zu begegnen, führte das Sächsische Staatsministerium für Kultus 2015 das Sachsenstipendium ein: Lehramtsstudierende der Schularten, die besonderen Bedarf an Lehrkräften hatten, erhielten 300 Euro monatlich, wenn sie sich verpflichteten, später in Bedarfsregionen zu arbeiten. Damit wollte man sie schon während des Studiums an den ländlichen Raum binden und auf ihre spätere Tätigkeit in einer Bedarfsregion vorbereiten. Neben dem finanziellen Zuschuss erhielten die Stipendiat*innen auch ein umfangreiches Unterstützungs- und Vernetzungsangebot im Rahmen des ideellen Begleitprogramms „Perspektive Land“.
Nachdem das Sachsenstipendium 2019 nicht mehr fortgeführt wurde, entwickelte sich „Perspektive Land“ zu einem Studienbegleitprogramm für alle Lehramtsstudierenden weiter. Durch themenbezogene Seminare, Exkursionen, digitale Informationsangebote und mehrtägige Schulentdeckungstouren können nun alle Lehramtsstudierenden die Vielfalt der sächsischen Schullandschaft, innovative Schulkonzepte sowie regionale Ansprechpartner*innen, z.B. in den Lehrerausbildungsstätten, kennenlernen. Eine finanzielle Unterstützung für Praktika in Bedarfsregionen senkt zudem die Hürden, bereits während des Studiums eine neue Region abseits der Universitätsstädte kennenzulernen.
Online-Redaktion: Frau Bergner, das Projekt „Perspektive Land“ läuft seit Jahren erfolgreich. Welche Bedingungen waren dafür entscheidend?
Bergner: Der Erfolg von „Perspektive Land“ beruht auf mehreren Faktoren. Besonders wichtig war und ist die enge Vernetzung mit Kooperationspartnern wie dem Sächsischen Staatsministerium für Kultus, dem Landesamt für Schule und Bildung sowie den sächsischen Universitäten, die Vertrauen und Beständigkeit schafft.
Ebenso entscheidend ist unsere Anpassungsfähigkeit an die Bedarfe der Studierenden. Durch kontinuierliches Einholen von Feedback der Studierenden sowie eine externe Evaluation 2024 überprüfen wir stetig unsere Wirksamkeit. Wir sind überzeugt davon, dass durch den engen Austausch und das Ernstnehmen der Bedarfe und Bedürfnisse die Angebote stetig angepasst und weiterentwickelt werden können, um den größten Nutzen für die Teilnehmenden zu ermöglichen. Dabei setzen wir auf vielfältige Anreize und Zugänge, damit die Studierenden die sächsische Schullandschaft kennenlernen können – von finanzieller Unterstützung für Praktika in Bedarfsregionen über praxisnahe Seminarangebote bis hin zu Exkursionen und Praxiserfahrungen im ländlichen Raum.
Online-Redaktion: Welche Hürden gab es in Ihrem Projekt zu bewältigen?
Bergner: Eine zentrale Herausforderung war der Übergang vom Begleitprogramm für Sachsenstipendiaten und -stipendiatinnen (2016–2019) hin zu einem offenen Angebot für alle Lehramtsstudierenden. Das erforderte neue Strukturen, angepasste Prozesse und eine breitere kommunikative Ausrichtung.
Zugleich geht es bei „Perspektive Land“ darum, Interesse für ein Thema zu wecken, das viele Studierende zunächst als wenig attraktiv wahrnehmen – den ländlichen Raum. Die Teilnehmendenakquise verlangt daher kreative Ansätze, authentische Kommunikation und Formate, die Neugier statt Vorbehalte erzeugen. Wir begegnen immer wieder Vorurteilen gegenüber dem Leben und Arbeiten auf dem Land. Durch persönliche Begegnungen und praxisnahe Erfahrungen zeigen wir, wie vielfältig und chancenreich der ländliche Raum wirklich ist.
Als Deutsche Kinder- und Jugendstiftung sind wir nicht Teil des Systems Lehrerbildung. Das erschwert zwar die Zielgruppenansprache und Verankerung neuer Formate, bietet aber zugleich die Chance, universitäts- und schulartübergreifend zu agieren und innovative Ansätze unabhängig umzusetzen.
Online-Redaktion: Zu welchen innovativen Entwicklungen hat das Projekt beigetragen?
Bergner: „Perspektive Land“ hat dazu beigetragen, Theorie und Praxis im Lehramtsstudium phasenübergreifend zu verknüpfen. Ein gutes Beispiel ist unsere „Schnuppertour Referendariat“, bei der Studierende frühzeitig Einblicke in die zweite Ausbildungsphase sowie den Berufsalltag erhalten.
Als externe Institution schaffen wir zudem universitäts-, schulart- und phasenübergreifende Austauschformate für Studierende, die den Blick weiten und Kooperation fördern.
Auch in der Kommunikation beschreiten wir neue Wege: Mit Instagram-Takeovern ermöglichen wir authentische Einblicke in den Alltag angehender Lehrkräfte, und unser Podcast bietet Studierenden Raum, ihre Praxiserfahrungen zu reflektieren und zu teilen. Dadurch erreichen wir unsere Zielgruppen auf modernen, niedrigschwelligen Wegen.
Online-Redaktion: Was würden Sie anders machen, wenn Sie Ihr Projekt heute starten würden?
Bergner: Mit der Erfahrung von heute würden wir manches, was sich im Laufe der Zeit bewährt hat, gleich von Anfang an so aufsetzen. Zum Beispiel bestimmte Strukturen in der Kooperation. Aber genau diese Entwicklung gehört dazu – „Perspektive Land“ ist ein lernendes Projekt, das sich Schritt für Schritt professionalisiert hat. Diese Offenheit für Veränderung ist letztlich auch eine unserer größten Stärken.
Edda Bergner, M.A. Empirische Politik- und Sozialforschung. Referentin für Lehrkräftenachwuchsgewinnung, seit 2017 bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung im Programm „Perspektive Land“. Seit 2019 Leitung des Programms.
Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 08.01.2026
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