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„Es geht um die Potenzialentwicklung aller Kinder und Jugendlichen im Rahmen einer breiten Spitzenförderung.“

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Bildrechte: Fotografenfamilie Eidens-Holl

15.01.2026: Im Januar 2018 starteten Bund und Länder die gemeinsame Initiative „Leistung macht Schule“, mit der die Entwicklungsmöglichkeiten talentierter Kinder und Jugendlicher im Regelunterricht verbessert werden sollen. Ein interdisziplinärer Forschungsverbund, bestehend aus 16 Universitäten, begleitet die Schulen bei ihrer Schul- und Unterrichtsentwicklung. Verbundkoordinatorin ist Prof. Dr. Gabriele Weigand von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Im Interview spricht sie über die bisherigen Erfahrungen aus beiden Phasen der Initiative.


„Leistung macht Schule“ ist eine gemeinsame, auf zehn Jahre angelegte Initiative von Bund und Ländern mit dem Ziel, die Potenziale und Stärken aller Schülerinnen und Schüler frühzeitig zu erkennen und durch eine begabungs- und leistungsfördernde Schul- und Unterrichtsentwicklung systematisch zu entfalten. Dabei geht es insbesondere auch um eine breite Spitzenförderung, die Kinder und Jugendliche mit herausragenden Potenzialen und Fähigkeiten nochmals eigens in den Blick nimmt und entsprechende Fördermöglichkeiten bereithält. Die Initiative richtet sich schulformübergreifend an Kinder und Jugendliche der Klassenstufen 1 bis 10 und folgt dem Anspruch, Bildungschancen unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder sozialem Status zu eröffnen. Nachdem in der ersten Phase (2018 – 2022) gemeinsam mit bundesweit 300 Schulen Strategien, Konzepte, Maßnahmen und Materialien zur begabungs- und leistungsfördernden Schul- und Unterrichtsentwicklung entwickelt, erprobt und wissenschaftlich begleitet wurden, steht nun in der zweiten Phase der Transfer in die Breite der Schullandschaft im Mittelpunkt.

Mit dem Start der zweiten Phase im Juli 2023 hat sich der Fokus des Projekts deutlich erweitert. Seitdem werden die sogenannten LemaS-P³rodukte gezielt in schulische Netzwerke eingebracht. Zu den Schulen der ersten Phase sind zahlreiche weitere Schulen hinzugekommen, die als Transferschulen von erfahrenen Multiplikator:innen aus Multiplikatorschulen (Schulen der ersten Phase) begleitet werden. Letztere bringen ihre Praxiserfahrungen ein, berichten von Gelingensbedingungen und Herausforderungen und unterstützen bei der Anwendung und Weiterentwicklung der LemaS-P³rodukte. Der Forschungsverbund LemaS-Transfer übernimmt auch in dieser Phase die wissenschaftliche Begleitung der Initiative. Unter der Leitung von Prof. Dr. Gabriele Weigand, die den Verbund bereits in der ersten Phase koordiniert hat, liegt der Schwerpunkt nun auf der Unterstützung der Multiplikatorenteams durch ein umfassendes Professionalisierungs-, Austausch- und Reflexionsangebot. Gleichzeitig richtet sich die Forschung gezielt auf Fragen des Transfers und der Implementation, also darauf, unter welchen Bedingungen begabungs- und leistungsfördernde Konzepte nachhaltig in Schule und Unterricht verankert werden können.

Das folgende Interview mit Prof. Dr. Gabriele Weigand bietet Einblicke in die bisherigen Erfahrungen aus beiden Phasen von „Leistung macht Schule“, ordnet zentrale Entwicklungen ein und zeigt, welche Perspektiven sich für die weitere Verbreitung potenzialorientierter Schul- und Unterrichtsentwicklung eröffnen.

Online-Redaktion: Frau Prof. Dr. Weigand, die Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schule“ läuft seit Jahren erfolgreich. Welche Bedingungen waren dafür entscheidend?

Weigand: Die Grundlagen für den Erfolg wurden in der ersten Phase von Leistung macht Schule gelegt – durch die enge, dialogische Zusammenarbeit mit den beteiligten Schulen. Entscheidend war, dass wir Wissenschaft, Praxis, Bildungsverwaltung und Bildungspolitik konsequent miteinander ins Gespräch gebracht haben. Diese Wissenschaft-Praxis-Brücke hat ermöglicht, dass die gemeinsam mit Lehrpersonen entwickelten Strategien, Konzepte und Materialien – unsere LemaS-P³rodukte – nicht theoretisch blieben, sondern in der schulischen Praxis erprobt und verankert wurden.
Wesentlich ist auch, dass die Zusammenarbeit bedarfsorientiert und partizipativ gestaltet ist. Die Potenziale aller Beteiligten – von Lehrpersonen über Schulleitungen bis zu den Forschenden – können so einfließen. Eine gemeinsame Vision, getragen von Vertrauen, Offenheit und dem Willen zur Weiterentwicklung, war und ist die Basis für nachhaltige Schul- und Unterrichtsentwicklung.

Online-Redaktion: Welche Hürden gab es in Ihrem Projekt zu bewältigen?

Weigand: Begabungs- und Leistungsförderung wird in der Öffentlichkeit bis heute oft missverstanden – als einseitige Förderung von Hochbegabten oder als eine Form der Eliteförderung. Eine zentrale Herausforderung bestand daher darin, dieses enge Verständnis zu weiten und deutlich zu machen: Es geht um die Potenzialentwicklung aller Kinder und Jugendlichen, auch der Leistungsstarken und besonders Begabten im Rahmen einer breiten Spitzenförderung.
Ebenso anspruchsvoll war es, eine gemeinsame Haltung zu entwickeln – über Länder-, Schul- und Disziplingrenzen hinweg. Das braucht Zeit, Vertrauen und viel Austausch. Personelle Wechsel, etwa in Schulleitungen oder Multiplikator:innen-Teams, können solche Prozesse unterbrechen. Zugleich bringen sie neue Perspektiven und Impulse in die Arbeit ein, was wiederum die Entwicklung befördert. Diese Balance zu gestalten, gehört zu den größten, aber auch fruchtbarsten Herausforderungen.

Online-Redaktion: Zu welchen innovativen Entwicklungen hat das Projekt beigetragen?

Weigand: In der ersten Phase von Leistung macht Schule sind in enger Kooperation mit den Schulen rund 90 LemaS-P³rodukte zur begabungs- und leistungsfördernden Schul- und Unterrichtsentwicklung entstanden. Diese werden in der zweiten Phase über schul- und landesseitige Multiplikator:innen in Schulnetzwerke an weitere Schulen transferiert. Innovativ ist dabei nicht nur das einzelne P³rodukt, sondern auch das zugrundeliegende Verständnis von P hoch 3 als Produkt, Prozess und Person – also die Idee, dass ein LemaS-P³rodukt immer die Beteiligten, ihre Haltungen und Kompetenzen mitdenkt. Gemeinsam mit den Ländern arbeiten wir auch intensiv daran, die Kerngedanken von LemaS – eine begabungs- und leistungsorientierte Schul- und Unterrichtsentwicklung – in die Breite der Schullandschaft zu tragen. Erfreulich ist, wie groß dabei die Zustimmung zum LemaS-Begabungsverständnis im Sinne einer Potenzialentfaltung sowohl in der Breite als auch in der Spitze ist. Neu hinzu kommt in der aktuell laufenden Transferphase von „Leistung macht Schule“ auch die digitale LemaS-Plattform, auf der Kurse, Workspaces und Materialien gebündelt werden. Sie macht die Ergebnisse bundesweit zugänglich und stärkt die kollaborative, länderübergreifende Zusammenarbeit zwischen Schulen, Landesinstituten und Wissenschaft. Wir arbeiten daran, dass sie perspektivisch mit anderen Plattformen vernetzt wird, um die Reichweite auch für Schulen über LemaS hinaus zu gewährleisten.

Online-Redaktion: Was würden Sie anders machen, wenn Sie Ihr Projekt heute starten würden?

Weigand: Wenn ich zurückblicke, würde ich die enge Taktung zwischen Entwicklung, Erprobung und Transfer etwas entzerren. Eine eigenständige Implementierungsphase zwischen erster und zweiter Phase hätte den Lehrpersonen und Schulen mehr Raum gegeben, die erarbeiteten P³rodukte stärker in ihrem eigenen Unterricht und ihrer Schulstruktur zu verankern. Denn wir sehen, dass der Transfer von Wissen und Erfahrungen an andere Schulen umso besser gelingt, je mehr die Multiplikator:innen in ihrer eigenen Praxis deren erfolgreiche Umsetzung erlebt haben und dementsprechend mit Begeisterung und Überzeugung davon berichten können. Auch aus Forschungsperspektive wäre eine längere Beobachtungszeit wertvoll gewesen, um nachhaltige Wirkungen noch deutlicher erfassen zu können. Woran wir leider nichts ändern können, ist die zeitliche Limitierung der Initiative auf zehn Jahre. Wir können nur alles dafür tun, um die Nachhaltigkeit der Erträge von LemaS in den Schulen und im System, die dann allein in der Verantwortung der Länder liegt, so gut wie möglich mit vorzubereiten. Aktuell zeigt sich: Der Transfer funktioniert – vor allem, weil Schulen, Landesinstitute und Wissenschaft im Sinne gemeinsamer Verantwortung zusammenarbeiten. Das ist zugleich ein starkes Signal für eine mögliche Verstetigung von LemaS mit Blick auf eine chancengerechte, potenzialorientierte Bildungslandschaft in der Zukunft.


Prof. Dr. Gabriele Weigand
ist leitende Verbundkoordinatorin des Forschungsverbunds LemaS (1. Phase der Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schule“) und LemaS-Transfer (2. Phase). Sie verantwortet die wissenschaftliche Gesamtkoordination und leitet zentrale Arbeitsbereiche wie Netzwerkbegleitung und -forschung, Transfer- und Implementationsforschung, partizipative Forschung sowie Digitalisierung. Gabriele Weigand ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, wo sie nach ihrer Promotion und Habilitation an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg seit 2004 tätig ist. Zuvor arbeitete sie zehn Jahre als Gymnasiallehrerin und wirkte als Mitglied der Schulleitung an der Entwicklung von Modellklassen für hochbegabte Schülerinnen und Schüler mit. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte liegen in der personenorientierten Begabungsförderung und Begabungsforschung, in der Schulentwicklungs- und Schulbegleitungsforschung und in der interkulturellen und institutionellen Pädagogik.

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 15.01.2026
© Bildung + Innovation

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