Der Weg in die Praxis: Die länderübergreifende Bildungsinitiative Digitale Drehtür verbindet Fortbildung und Schulentwicklung

08.10.2026: Zwölf Bundesländer und Österreich stehen hinter der Digitalen Drehtür - einer länderübergreifenden Bildungsinitiative und -infrastruktur, die im Landesinstitut in Bremen verortet ist, die Potenzialentfaltung sowie Begabungs- und Begabtenförderung stärkt und selbstreguliertes Lernen ermöglicht. Im ersten Teil ging es darum, wie die Digitale Drehtür länderübergreifende Netzwerke gestaltet und gemeinsame Fortbildungsangebote entwickelt. Der zweite Teil richtet den Blick auf die Umsetzung: Wie werden Schulen und Lehrkräfte auf ihrem Entwicklungsweg begleitet? Wie wird aus Austausch nachhaltige Professionalisierung? Und wie lassen sich gemeinsame Angebote an unterschiedliche Länder- und Schulkontexte anpassen?
Wie übersetzt sich die länderübergreifende Zusammenarbeit in konkrete Fortbildungspraxis?
Lara Maschke: Wir arbeiten mit verschiedenen Formaten, die Schulen über den gesamten Prozess begleiten. Seit Anfang 2026 haben wir beispielsweise ein 15-minütiges Beratungsgespräch in den Anmeldeprozess implementiert. Es ist niedrigschwellig und stärkt die Beziehung. Schulen erleben, dass hinter der Digitalen Drehtür kein Wirtschaftsunternehmen, sondern Menschen mit einer klaren pädagogischen Haltung stehen. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Einführung ein Entwicklungsprozess über mehrere Jahre ist – und nichts, das nach zwei Wochen reibungslos funktionieren muss.
Hinzu kommen schulinterne Onboardings, Sprechstunden und Netzwerktreffen. Niemand soll Herausforderungen allein bewältigen müssen. Parallel dazu haben wir eine länderübergreifende Qualifizierung für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aufgebaut, die im September startet. Ergänzend gibt es Selbstlernkurse, Kurzvideos und Mikrofortbildungen rund um die Themen Potenzialentfaltung, Begabungs- und Hochbegabtenförderung.
Petra Schreiber: Wenn wir schauen, wie wir die Angebote in den Ländern nutzen, finde ich Schulentwicklungstage im Rahmen von systematischer Fortbildungsplanung besonders wirksam. Dabei arbeiten wir einen ganzen Tag mit Kollegium und Schulleitung. Am Vormittag geht es um Haltung und pädagogische Grundlagen, am Nachmittag entwickeln die Fachschaften konkrete Einsatzmöglichkeiten für ihre Fächer. Das erzielt nachhaltige Effekte, weil sich die gesamte Schulgemeinschaft auf den Weg macht. Die Digitale Drehtür hat hier ein echtes Alleinstellungsmerkmal: Mit zwei Personen können wir beispielsweise ein Kollegium von 70 Personen erreichen und gleichzeitig fachbezogene Fortbildung gewährleisten.
Lara Maschke: Die Länder können vor Ort an die Schule gehen und in einer anderen Intensität an der Schulentwicklung arbeiten. Die Koordinationsstellen in den einzelnen Bundesländern ermöglichen diese Präsenzarbeit – sie ergänzt die digitalen Formate sehr gut.
Wie ist die neue länderübergreifende Fortbildung für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aufgebaut?
Lara Maschke: Die Reihe besteht aus sechs Modulen mit Vor- und Nachbereitung. In den ersten drei Modulen geht es um Haltung und Grundlagen – etwa Ikigai, die SDGs, den inklusiven Begabungsbegriff, der Hochbegabung einschließt, und selbstreguliertes Lernen. Theorieimpulse werden immer direkt mit der eigenen Praxis verknüpft. Über die gesamte Qualifizierung hinweg entwickeln die Teilnehmenden ein eigenes Praxisbeispiel. Sie planen, erproben und reflektieren ihr Vorhaben und werden dabei auch durch Selbstlernkurse unterstützt. Die Module vier und fünf befassen sich direkt mit der Implementierung in Unterricht und Schule. Im sechsten Modul präsentieren die Teilnehmenden ihre Praxisbeispiele – und lernen dabei erneut voneinander.
Wir gestalten das Lernen in der Qualifizierung so, wie wir es uns auch für Schule wünschen – kompetenzorientiert, mit Blended Learning, der Vorbereitung in Selbstlernkursen, dem Austausch während der Termine und der anschließenden Reflexion. Das ist der pädagogische Doppeldecker: Auf diese Weise zeigen wir, wie Lernen mit unserer Haltung auch in Schule gelingen kann.. Die Reihe ist so individualisiert, wie Schulen es brauchen. Die Digitale Drehtür passt sich an die Schule an – nicht umgekehrt. Jede Schule muss ihren eigenen Umgang damit finden und den Bereich, in dem sie die Digitale Drehtür sinnvoll einsetzen kann. Ein zentraler Bestandteil ist der kontinuierliche Austausch: Die Teilnehmenden arbeiten in Netzwerken und Arbeitsgruppen und haben immer die Möglichkeit, auch auf unserer Plattform in den Austausch zu kommen.
Michaela Rastede: Es geht letztlich um eine neue Lernkultur und um Lösungen für Schulen, die sich auf den Weg gemacht haben, den Potenzialen aller Kinder gerecht zu werden, auch denen mit Hochbegabungen. Viele Schulen wollen selbstreguliertes Lernen ermöglichen. Diesen Spirit spürt man, wenn Menschen zusammenkommen. Dass wir zusätzlich Content liefern können, sodass Schulen diesen nicht selbst entwickeln müssen, ist ein großer Gewinn.
Lara Maschke: Die Nachfrage zeigt, wie relevant die Qualifizierung ist. Über 100 Personen haben sich bereits angemeldet. Sie möchten die Digitale Drehtür nachhaltig an ihre Schulen bringen und werden durch die Qualifizierung gezielt dabei unterstützt.
Michaela Rastede: Mit der Fortbildung entsteht ein neues Netzwerk von Praktikerinnen und Praktikern, die einander zeigen, wie die Digitale Drehtür in der Praxis funktioniert. So entsteht Wissen nicht nur innerhalb der Qualifizierung, sondern wird langfristig weitergegeben und weiterentwickelt.
Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit Fortbildung nachhaltig wirkt?
Michaela Rastede: Punktuelle Fortbildungen wirken selten nachhaltig. Die Forschung von Lipowsky und Rzejak zeigt, dass für die Wirksamkeit von Fortbildungen weniger das Format allein als vielmehr ihre didaktische Qualität entscheidend ist. Besonders wirksam sind längerfristige, miteinander verzahnte Formate, die fachlichen Input, Erprobung, Reflexion und Transfer verbinden.
Digitale Formate erleichtern die länderübergreifende Zusammenarbeit enorm: Wir müssen nicht mehr reisen, sondern können per Zoom oder BigBlueButton zusammenarbeiten und Angebote über Plattformen zugänglich machen und evaluieren. Lernwirksamkeit ist für uns zentral. Unsere AG Qualitätsmanagement arbeitet mit klaren Maßstäben, und jede Veranstaltung wird entlang der Kriterien von Lipowsky und Rzejak evaluiert. Unsere Fortbildungen sind nicht beliebig, sondern qualitätsgesichert.
Das IQSH ist seit Beginn Partner der Digitalen Drehtür. Welche Bedeutung hat die Initiative heute für Schleswig-Holstein?
Petra Schreiber: Alles, worüber wir gesprochen haben – neue Lernkultur, individuelle Lernbegleitung und Haltung – bildet den Nährboden für unsere Arbeit in Schleswig-Holstein. Nach der Pandemie fragen wir uns sehr genau: Was wirkt tatsächlich? Das gilt auch für Fortbildung: Was brauchen Lehrkräfte, damit individuelle Lernbegleitung im Alltag gelingt. Kurzformate sind beliebt, aber oft nicht nachhaltig. Wir glauben an den langen Atem – und an ein Innovationswerkzeug wie die Digitale Drehtür, um überzeugend zeigen zu können, wie sich neue Formen des Lernens und der Lehrkräftefortbildung konkret gestalten lassen.
In Schleswig-Holstein ist die Digitale Drehtür das Rückgrat unserer Maßnahmen. Gerade in einem Flächenland ist Digitalität entscheidend, um Chancengerechtigkeit zu ermöglichen. So können wir die Digitale Drehtür nicht nur für die Lehrkräftefortbildung, sondern auch für die Qualifizierung multiprofessioneller Teams im Ganztag nutzen. Auch Blended Learning spielt eine wichtige Rolle. Präsenztreffen bleiben wertvoll. Gleichzeitig sorgen digitale Modulreihen für Verbindlichkeit und ermöglichen kontinuierliches Lernen. Unsere zertifizierten ShiB-Schulen (Schulen inklusiver Begabungsförderung), LemaS-Schulen und Kompetenzzentren bekommen immer wieder neue Kolleginnen und Kollegen, die für die Begabungsförderung einschließlich des Umgangs mit Hochbegabung qualifiziert werden müssen. Dafür brauchen wir ein dauerhaftes, abgestimmtes und hochprofessionelles Instrument. Genau das bietet uns die länderübergreifende Fortbildung der Digitalen Drehtür.
Wie gehen Sie mit länderspezifischen Herausforderungen und unterschiedlichen Strukturen um?
Petra Schreiber: Der Vorteil solcher Netzwerke ist der kurze Weg. Ich muss mich nicht lange erklären, sondern kann einfach zum Hörer greifen und beim Team der Digitalen Drehtür sagen: „So sieht es bei uns aus. Ich weiß nicht weiter. Was können wir tun?“ Das Team ist flexibel genug, um Angebote im Wechselspiel mit der Praxis und durch den kontinuierlichen Austausch weiterzuentwickeln.
Michaela Rastede: Unser Ziel ist nicht, die Länder zu vereinheitlichen. Jedes Land bleibt eigenständig, behält seine Strukturen und macht eigene Erfahrungen – und lernt gleichzeitig von den Erfahrungen der anderen. Gerade dadurch entsteht eine Bildungsinfrastruktur, die krisenfest, vernetzt und gemeinsam getragen ist. Wir wollen die Digitale Drehtür perspektivisch in alle drei Phasen der Lehrkräftebildung bringen – von der Ausbildung über die Fortbildung bis zur Weiterbildung. Je früher wir ansetzen, desto weniger müssen wir später nachbessern.
Was würden Sie anderen empfehlen, die themenbezogene Netzwerke aufbauen wollen?
Michaela Rastede: Unser Modell funktioniert weit über die Begabungsförderung hinaus. Entscheidend ist, den Austausch mit den Schulen, Kindern und Eltern zu suchen und zu verstehen: Was braucht ihr eigentlich? Das Pädagogisch-Didaktische und das Technische müssen dabei Hand in Hand gehen. Wo Schulen voneinander lernen, gemeinsam entwickeln, Wissen teilen und Qualität sichern, kann ein Netzwerk seine Wirkung entfalten. Mit Blick auf die Weiterentwicklung von Fortbildung gehört für uns dazu zunehmend auch der reflektierte Einsatz von KI: nicht als Selbstzweck, sondern als Werkzeug, das Lehrkräfte und Lernende kompetent und verantwortungsvoll nutzen können.
Petra Schreiber: Der Ansatz ist inklusiv: Potenzialentfaltung für alle. Stärkenorientierung in der Lernkultur bedeutet, nicht für einzelne Gruppen immer neue Sonderlösungen zu entwickeln, sondern Lernkultur so zu gestalten, dass sie allen zugutekommt, weil sie individuell genutzt werden kann. Das ist ein wesentlicher Beitrag zur Chancengerechtigkeit, weil es wegführt von Stigmatisierungen.
Beim Deutschen Bildungsserver
Was braucht es, damit länderübergreifende Netzwerke langfristig funktionieren?
Lara Maschke: Vor allem Mut und Vertrauen. Es braucht eine klare Haltung und Verbündete, die diese Haltung teilen. Die Unterschiede im Föderalismus spüre ich organisatorisch, aber nicht in der Zusammenarbeit mit den Schulen. Dort zählt vor allem die gemeinsame Haltung.
Michaela Rastede: Dass wir heute in Strukturen arbeiten, die kaum noch föderalistisch wirken, war harte Arbeit. Leitbild und klare Vereinbarungen mussten gemeinsam errungen werden. Aber es hat sich gelohnt. Wir haben oft einfach gemacht und Pflöcke eingeschlagen – etwa mit dem früheren Letter of Intent der acht Landesinstitute, den wir gemeinsam an die KMK geschickt haben. Das hat gezeigt, welche Gestaltungskraft Landesinstitute für Bildung in Deutschland haben.
Unser gemeinsames Fazit lautet deshalb: Einfach machen. Wenn wir Wissen, Erfahrung und Verantwortung länderübergreifend teilen, profitieren am Ende vor allem die Schülerinnen und Schüler.
Michaela Rastede leitet am Landesinstitut für Schule Bremen das Referat Potenzialentfaltende Schulentwicklung und die länderübergreifende Bildungsinitiative Digitale Drehtür. Sie hat die Digitale Drehtür initiiert und anschließend Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus verschiedenen Bundesländern dafür gewonnen, die Idee gemeinsam weiterzuentwickeln und eine länderübergreifende Bildungsstruktur aufzubauen.
Petra Schreiber verantwortet am Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) in der Abteilung Fort- und Weiterbildung den Schwerpunkt Begabten- und Begabungsförderung.
Dr. Lara Maschke ist im Koordinationsbereich Schule und Fortbildung der Digitalen Drehtür tätig. Sie berät Schulen bei der Implementierung der Digitalen Drehtür im Schul- und Unterrichtsalltag und koordiniert die Entwicklung länderübergreifender Fortbildungs- und Austauschformate in der AG Länderübergreifende Fortbildungsentwicklung.
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Autor(in): Miriam Holstein
Kontakt zur Redaktion
Datum: 08.10.2026
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