Reihe Lehrkräftefortbildung: Wirksam qualifizieren für digitale Lernumgebungen - die Fortbildungsarchitektur von mooveBS

20.08.2026: Wie gelingt es, Lehrkräfte nachhaltig für digitale Lernumgebungen zu qualifizieren? Welche Fortbildungsformate fördern den Transfer in die Unterrichtspraxis – und wie greifen sie sinnvoll ineinander? Die Fortbildungsarchitektur von mooveBS zeigt, wie aufeinander abgestimmte Qualifizierungsangebote Lehrkräfte in unterschiedlichen Phasen ihrer Professionalisierung begleiten und sie dabei unterstützen, digital wirksamen Unterricht zu gestalten. Im zweiten Interview unserer Reihe „Lehrkräftefortbildung, die digitale Bildung stärkt“ erläutert Verena Braun, Fortbildnerin für mooveBS an beruflichen Schulen in Baden-Württemberg, wie dieses Zusammenspiel der Formate in der Praxis wirkt.
Wie ist die digitale Lernumgebung mooveBS entstanden – aus welchem Bedarf heraus wurde sie entwickelt?
mooveBS ist eine digitale Lernumgebung für berufliche Schulen. Entstanden ist sie während der Corona-Pandemie unter dem Namen „Lernen trotz(t) Corona“. Ziel war es, Lehrkräfte beim digitalen Unterrichten zu unterstützen und Lernenden zu ermöglichen, ihre Bildungsziele trotz Schulschließungen weiter zu verfolgen.
Schnell zeigte sich, dass digitale Lernumgebungen weit über die Pandemie hinaus eine wichtige Rolle spielen. Digitalisierung ist heute in allen Bildungsplänen verankert, und Lernende wachsen in einer digital geprägten Lebenswelt auf. Deshalb wurde mooveBS weiterentwickelt – mit dem Ziel, Digitalität dauerhaft im Schul- und Unterrichtsgeschehen zu verankern. Aus einer kurzfristigen Lösung entstand so ein nachhaltiges Konzept für digitale Lernprozesse an beruflichen Schulen.
Welche Rolle spielt mooveBS heute für die Unterrichts- und Schulentwicklung an beruflichen Schulen in Baden-Württemberg?
mooveBS versteht Digitalisierung nicht als Selbstzweck, sondern als pädagogischen Entwicklungsprozess. Die Lernumgebung unterstützt selbstorganisiertes, kompetenzorientiertes und binnendifferenziertes Lernen und trägt damit gleichermaßen zur Unterrichts- und Schulentwicklung bei. Gerade angesichts der heterogenen Lerngruppen an beruflichen Schulen eröffnet mooveBS neue Möglichkeiten, individuelle Lernprozesse sichtbar zu machen und gezielt zu begleiten. Da Lernende viele Arbeitsphasen eigenständig gestalten, gewinnen Lehrkräfte mehr Zeit für Lernberatung und formatives Feedback. Auf diese Weise können sie den individuellen Lernfortschritt intensiver begleiten.
Auch für die Schulentwicklung bietet mooveBS einen deutlichen Mehrwert. Lehrkräfte können Kurse gemeinsam entwickeln, nutzen und anpassen – innerhalb einer Fachschaft ebenso wie schulübergreifend. Dadurch entstehen tragfähige Kooperationen, die Unterrichtsentwicklung langfristig unterstützen. Gleichzeitig sorgt die digitale Struktur dafür, dass erarbeitete Kurse nachhaltig genutzt und mit überschaubarem Aufwand weiterentwickelt werden können. Im Kern verändert mooveBS daher weniger die Technik als vielmehr die Lehr- und Lernkultur.
„Lernende bearbeiten selbstständig eine praxisnahe Aufgabe.“Welche Lernsettings unterstützt mooveBS besonders?
Alle Kurse folgen einem projektorientierten Ansatz, d.h. Lernende bearbeiten selbstständig eine praxisnahe Aufgabe, die in ein konkretes Handlungsprodukt mündet. Dadurch erleben sie die vermittelten Inhalte als sinnvoll und unmittelbar anwendbar. Besonders gut geeignet ist die Lernumgebung immer dann, wenn projektorientiertes Arbeiten eine zentrale Rolle spielt. Darüber hinaus unterstützt mooveBS selbstorganisierte Lernsettings und Lernphasen sowie didaktische Konzepte wie Flipped Classroom und Blended Learning.
Welche übergeordneten Ziele haben die Fortbildungen zu mooveBS?
Die Fortbildungen sollen Lehrkräfte dazu befähigen, die mooveBS-Kurse pädagogisch sinnvoll einzusetzen und den Unterricht digital wirksam zu gestalten – statt ihn lediglich zu digitalisieren. Im Mittelpunkt steht eine nachhaltige Professionalisierung, die über eine einmalige Schulung hinausgeht. Die Teilnehmenden entwickeln in allen Formaten sowohl ihre digitalen Kompetenzen (Umgang mit Moodle, Erstellen von H5P-Dateien, KI-Einsatz etc.) als auch ihre pädagogisch-didaktischen Kompetenzen weiter. Inhaltlich orientieren sich die Fortbildungen an zentralen Prinzipien wirksamen Lernens: Kompetenzorientierung, Selbstorganisation, Individualisierung und Differenzierung. Ein weiteres Ziel ist der kollegiale Austausch. Nahezu alle Fortbildungsformate fördern Kooperationen und unterstützen Lehrkräfte dabei, gemeinsam wirksamen Unterricht weiterzuentwickeln.
Schauen wir uns die verschiedenen Fortbildungsformate im Überblick an. Welches Ziel verfolgen die zweitägigen Sommer- und Wintercamps?
Das Camp eignet sich gut als Einstiegs- und Impulsformat. Die zweitägige Veranstaltung kombiniert Workshops, Selbstlernphasen und Austauschformate. Einige Lehrkräfte nutzen das Camp, um sich einen ersten Überblick über mooveBS zu verschaffen und besuchen ein breites Spektrum an Workshops. Andere arbeiten bereits an konkreten Unterrichtsprojekten und nutzen gezielt Workshops und Foren, um fachlichen Input zu erhalten und ihre Projekte in den Arbeitsphasen weiterzuentwickeln. Wieder andere entwickeln ihre Projektidee erst im Camp – häufig im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Diese Mischung aus Input, Praxis, Austausch und kollegialer Zusammenarbeit prägt das Format. Charakteristisch ist der hohe Praxisanteil: Es gibt viel Zeit zum Ausprobieren, Entwickeln und gemeinsamen Arbeiten, wodurch das Camp vielfältige Möglichkeiten zur Vernetzung bietet.
Beim Deutschen Bildungsserver
Betrachten wir als nächstes die regionale Fortbildungsreihe. An wen richtet sich dieses Format?
Die Fortbildungsreihe richtet sich sowohl an Lehrkräfte, die erstmals mit digitalen Lernsettings arbeiten möchten, als auch an Kolleginnen und Kollegen, die ihre Praxis weiter professionalisieren wollen. Die regionale Fortbildungsreihe begleitet Lehrkräfte über mehrere Monate hinweg und besteht aus zwei Präsenz- und zwei Online-Terminen. Der Reihencharakter ist bewusst gewählt: Die Forschung zeigt, dass mehrteilige Fortbildungen besonders wirksam sind, weil sie Lehrkräfte über längere Zeit begleiten und kontinuierliche Entwicklung ermöglichen – gerade bei komplexen Themen wie digital wirksamem Lernen. Zwischen den Terminen setzen die Lehrkräfte neue Ansätze im Unterricht um, reflektieren ihre Erfahrungen und erhalten Rückmeldungen aus der Gruppe. Dabei entstehen regionale Netzwerke, die häufig über die Fortbildung hinaus bestehen bleiben.
Was zeichnet die Abrufveranstaltungen aus?
Die Abrufveranstaltungen sind Präsenzformate, die Schulen gezielt nutzen können, wenn sie ein passgenaues Konzept für digital wirksamen Unterricht entwickeln möchten. Sie können schulintern oder schulnah durchgeführt werden. Kennzeichnend für dieses Format ist die konsequente Ausrichtung an den Entwicklungszielen der jeweiligen Schule oder des Schulverbunds: Die Ziele der Schul- und Unterrichtsentwicklung fließen direkt in die Gestaltung der Fortbildung ein. Die Teilnehmenden arbeiten unmittelbar an ihrem eigenen Unterricht und entwickeln gemeinsam tragfähige Konzepte für digital wirksames Lernen, die genau zur konkreten Situation vor Ort passen. Dadurch gelingt der Transfer in die Praxis besonders gut.
Welche Rolle spielen die Selbstlernkurse?
Die beiden Selbstlernkurse vermitteln Grundlagen und unterstützen Lehrkräfte beim Einsatz bestehender mooveBS-Kurse sowie bei der Entwicklung eigener digitaler Lernangebote. Sie ermöglichen zeit- und ortsunabhängiges Lernen im eigenen Tempo und helfen dabei, Wissen bedarfsgerecht aufzubauen oder gezielt zu vertiefen.
„Professionalisierung verstehen wir als einen kontinuierlichen Prozess.“Wie ergänzen sich die verschiedenen Formate?
Die verschiedenen Fortbildungsangebote bilden keinen festen Lernpfad, sondern eine flexible Fortbildungsarchitektur. Professionalisierung verstehen wir als einen kontinuierlichen Prozess, in dem Lehrkräfte je nach Entwicklungsstand und aktuellen Bedürfnissen unterschiedliche Angebote nutzen können. Die Selbstlernkurse ermöglichen einen niedrigschwelligen Aufbau von Grundlagenwissen. Lehrkräfte können sich individuell mit mooveBS vertraut machen, Inhalte gezielt vertiefen oder bei Bedarf Wissen nachschlagen. Damit ergänzen sie alle weiteren Fortbildungsangebote. Das Camp ist ein wirkungsvolles Impulsformat. Lehrkräfte können dort allein oder im Team erste Ideen konkretisieren und eigene kleine Lernbausteine entwickeln. Die Fortbildungsreihe bietet einen längerfristigen Entwicklungsrahmen. Lehrkräfte setzen sich vertieft mit Lernen und Lernraumgestaltung, dem Ermöglichen individuellen Lernens und der digitalen Umsetzung auseinander. Schulinterne und schulnahe Fortbildungen bieten ein passgenaues Angebot, das sich an den konkreten Entwicklungszielen der Schulen orientiert. Gemeinsam bilden die Formate ein flexibles Gesamtsystem mit unterschiedlichen Zugängen zur Professionalisierung: Je nach Situation können Lehrkräfte entscheiden, welches Angebot sie an diesem Punkt ihres Lernprozesses am besten unterstützt – sei es ein kompakter Impuls, eine längerfristige Begleitung oder eine passgenaue Unterstützung für die eigene Schule.
Wie unterstützt die Fortbildungsarchitektur den Transfer in den Unterricht?
Ein zentraler Baustein aller Formate ist die systematische Reflexion und das begleitende Feedback; eine Ausnahme bilden die Selbstlernkurse, in denen kein Feedback vorgesehen ist. Beides ist für nachhaltiges Lernen entscheidend und unterstützt den Transfer in den Unterricht gezielt. Alle Formate knüpfen konsequent an die bestehende Unterrichtspraxis der Lehrkräfte an. Gemeinsam betrachten wir: Wie sieht der Unterricht aktuell aus? Wo können wir ansetzen? Der Entwicklungsprozess beginnt damit nicht bei null, sondern baut auf vorhandenen Erfahrungen auf. Das stärkt die Motivation und zeigt den Lehrkräften, dass sie bereits eine Grundlage haben, die sie weiterentwickeln können. In allen Formaten arbeiten die Teilnehmenden an konkreten Produkten und Materialien, die direkt im Unterricht eingesetzt werden können. Sie erproben diese, reflektieren ihre Erfahrungen und erhalten Rückmeldungen aus der Gruppe. So entsteht ein geschützter Raum, in dem Ausprobieren und Weiterentwicklung möglich sind. Durch die Verbindung von Reflexion, Feedback, Praxisbezug und konkreter Umsetzung wird der Transfer in den Unterricht nachhaltig unterstützt.
„Lehrkräfte empfinden die Fortbildungen vor allem deshalb als wirksam, weil etwas Konkretes für ihren Unterricht entsteht.“Werden die Fortbildungen evaluiert? Welche Aussagen lassen sich zur Wirksamkeit der verschiedenen Formate treffen?
Ja, alle Fortbildungen werden evaluiert und auf Basis der Ergebnisse weiterentwickelt. Besonders positiv bewerten die Teilnehmenden den hohen Praxisbezug. Sie schätzen, dass sie konkrete Produkte entwickeln, die unmittelbar im Unterricht eingesetzt und anschließend weiter angepasst werden können. Das schafft Nachhaltigkeit, stärkt die Motivation und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Impulse langfristig im Unterricht wirksam werden. Auch die kollegiale Arbeitsatmosphäre wird regelmäßig als großer Mehrwert hervorgehoben. Die Teilnehmenden erleben die Zusammenarbeit als offen, unterstützend und gewinnbringend. Der Austausch mit anderen Lehrkräften eröffnet neue Perspektiven und trägt dazu bei, die eigene digitale Unterrichtspraxis weiter auszubauen. Insgesamt zeigen die Evaluationsergebnisse: Lehrkräfte empfinden die Fortbildungen vor allem deshalb als wirksam, weil etwas Konkretes für ihren Unterricht entsteht und sie die Ergebnisse direkt erproben können. Genau dieser unmittelbare Nutzen ist ein zentraler Wirkfaktor aller Formate.
Was würden Sie aus Ihrer Erfahrung heraus anderen Ländern mitgeben, die eine Fortbildungsarchitektur zu einer digitalen Lernumgebung aufbauen möchten?
Aus meiner Erfahrung ist entscheidend, Fortbildung als kontinuierlichen Professionalisierungsprozess zu verstehen – nicht als Einzelveranstaltung. Eine wirksame Architektur entsteht durch die Verzahnung von Input, Erprobung, Reflexion und Feedback, sodass Lehrkräfte Neues direkt ausprobieren und weiterentwickeln können. Dabei sollte der didaktische Fokus immer vor der Technik stehen. Digitale und pädagogisch-didaktische Kompetenzen müssen gleichermaßen entwickelt werden, um wirksame digitale Lernlandschaften gestalten zu können. Unterschiedliche Formate sollten verschiedene Bedarfe berücksichtigen: Angebote für Einzelpersonen, Kleingruppen aus Kolleginnen und Kollegen wie auch Schulteams, mit unterschiedlichem zeitlichem Umfang und Aufwand. So können alle das Format wählen, das zur eigenen Situation und den Entwicklungszielen passt. Besonders wirksam sind schulnahe und regionale Angebote, die am konkreten Unterricht ansetzen und Austausch ermöglichen. Wenn Lehrkräfte mit ihrem eigenen Unterricht starten und anwendbare Ergebnisse entwickeln, wird der Transfer in die Praxis erleichtert. Darüber hinaus sollte die Fortbildungsarchitektur darauf ausgelegt sein, dass Ergebnisse multiplikationsfähig sind. Nicht jede Lehrkraft muss jede Fortbildung besuchen – entscheidend ist, dass Impulse in Kollegien und Fachschaften weiterwirken und so zur nachhaltigen Unterrichts- und Schulentwicklung beitragen.
Verena Braun ist mooveBS-Fortbildnerin, AVdual/AV-Beraterin, SOL-Trainerin und Lehrerin an der Marie-Baum-Schule und Hotelfachschule Heidelberg.
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Autor(in): Miriam Holstein
Kontakt zur Redaktion
Datum: 20.08.2026
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