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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 28.10.2021:

„Die Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler*in ist mitentscheidend für den Bildungserfolg.“

Praxisseminare für Pädagoginnen und Pädagogen

Bild

Bildrechte: ChangeWriters e.V.

Der Verein ChangeWriters hat sich zum Ziel gesetzt, den Lernerfolg von Schüler*innen, die als „unbeschulbar“ gelten, zu fördern. Er orientiert sich an der Tagebuch-Methode der „Freedom Writers“ aus den USA, durch die Jugendliche eine bessere Beziehung zu ihren Lehrkräften aufbauen und lernen, an sich selbst zu glauben. In Praxisseminaren vermittelt der Verein Pädagog*innen die ChangeWriters-Methoden.


Wenn in Klassenzimmern schlechte Stimmung herrscht und destruktives, aggressives und ablehnendes Verhalten einiger Schüler*innen die Atmosphäre prägt, können die Lehrkräfte diese Jugendlichen oft nicht mehr erreichen. Sie „schalten“ ab, können dem Unterricht bald nicht mehr folgen und verlassen die Schule nicht selten ohne Abschluss. Die einflussreiche Hattie-Studie aus dem Jahr 2009 und andere Untersuchungen belegen, dass die Lehrer-Schüler-Beziehung mitentscheidend für den Bildungserfolg ist. Wenn es Pädagoginnen und Pädagogen also gelingt, einen Zugang zu den Jugendlichen zu finden und eine echte Beziehung aufzubauen, können positive Lernerfahrungen und Bildungserfolg wieder möglich werden.

Vorbild: Die Freedom Writers
Der in Dorsten ansässige Verein ChangeWriters will mithilfe der Methode „Tagebuch schreiben“ Schulen zu lebendigen Orten des wertschätzenden Miteinanders machen, in denen sich alle wohlfühlen und wachsen können. Die Idee ist angelehnt an den Film „Freedom Writers“, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Mitte der 90er Jahre unterrichtete die Lehrerin Erin Gruwell Englisch an der Woodrow Highschool in Long Beach, Los Angeles. Ihre Schüler*innen waren zu einem großen Teil Afro-Amerikaner*innen, Latinos, Latinas und Asiat*innen, die für sich keine Chance im Bildungswesen sahen. Sie waren desinteressiert, respektierten sie kaum und waren mit dem Kampf ums Überleben zwischen ihren verschiedenen Gangs beschäftigt. Doch Gruwell fand einen Zugang zu diesen Schülerinnen und Schülern. Sie konnte sie dazu motivieren, ihre Erfahrungen in ein Tagebuch zu schreiben. Daraufhin setzten Veränderungen bei den Schüler*innen ein. Sie begannen sich zu öffnen, einander anders wahrzunehmen und schafften schließlich alle den Abschluss.

„Es funktioniert tatsächlich, obwohl ich es am Anfang kaum glauben konnte“, zeigt sich Jörg Knüfken über das Modell des Tagebuchschreibens beeindruckt. 2010 hat er als Schulsozialarbeiter an Hauptschulen zum ersten Mal nach dem amerikanischen Vorbild der „Freedom Writers“ mit als „unbeschulbar“ geltenden Schülerinnen und Schülern Tagebuch geschrieben. Es gelang ihm, ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen und die Jugendlichen so zu stärken, dass sie den Abschluss schafften und ihren Weg in die Gesellschaft gefunden haben. Deshalb beschloss er, im März 2014 den gemeinnützigen Verein ChangeWriters e.V. zu gründen.

ChangeWriters e.V.
ChangeWriters e.V. möchte Wege für gelingende Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schüler*innen aufzeigen, über die benachteiligten Jugendlichen positive Bildungs- und Lebenswege ermöglicht werden. Er bietet Praxisseminare an, in denen die Teilnehmenden erfahren, wie mithilfe der ChangeWriters-Methoden der konstruktive, wertschätzende und nachhaltige Beziehungsaufbau zu Schülerinnen und Schülern gelingen kann und wie sie die Jugendlichen dabei unterstützen können, eigene Stärken, Potenziale und Ziele zu erkennen. Insbesondere durch die Methode des Tagebuch-Schreibens verbessern sich nach Angaben des Vereins und von Schüler*innen die schulischen Leistungen der Jugendlichen, außerdem hat sie positive Effekte auf Probleme wie Mobbing und Gewalt. „Das Projekt ChangeWriters hat mein Leben verändert! Es hat mir gezeigt, dass in egal was für Situationen ich stecke, ich einen Ansprechpartner und ein Tagebuch habe. Es hat mir gezeigt, dass ich mit meiner Situation umgehen und alles aufschreiben kann“, sagt eine Schülerin, die vor der Teilnahme an dem Projekt Lehrer*innen gegenüber aggressiv und ablehnend war. Das Erlebnis, aktiv zu positiven Veränderungen beizutragen, motiviert Schülerinnen und Schüler, selbst Verantwortung für die erfolgreiche Gestaltung von Schullaufbahn und Lebensweg zu übernehmen. Die Selbstwirksamkeitserfahrungen geben ihnen den Glauben an ihre eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zurück.
Der Verein wird von verschiedenen Partnern finanziell gefördert, darunter sind das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die Wübben Stiftung, die Schöpflin Stiftung und die Aqtivator gGmbH. Deutschlandweit bestehen etwa 20 Schulpartnerschaften.

Inhalte des Seminars

Dreimal im Jahr wird in den Räumen des Vereins in Dorsten für jeweils vier Tage das ChangeWriters-Praxisseminar angeboten. Motivierte Pädagoginnen und Pädagogen aus ganz Deutschland kommen zusammen, lernen die ChangeWriters-Methoden kennen und entwickeln Ideen für die Umsetzung im eigenen Arbeitsalltag. Auf Wunsch wird das Seminar auch an Schulen direkt durchgeführt. Auf dem viertägigen Seminar erhalten bis zu 20 Schulleiter*innen, Lehrkräfte und weiteres pädagogisches Fachpersonal wie Schulsozialarbeiter*innen, einen Überblick über 40 direkt umsetzbare Übungen, mit denen der Beziehungsaufbau gelingt. „Bei Anmeldung klang die Idee interessant und ich hielt es für anwendbar. Jetzt bin ich beeindruckt, wie handlungsorientiert alles ist. Die Sachen sind handhabbar und ich habe viele persönliche Ideen bekommen“, freut sich ein Teilnehmer. Die Teilnehmenden lernen Übungen und Spiele kennen, die nur gemeinschaftlich zu lösen sind, Konflikte überwinden helfen oder kommunikative Fähigkeiten einfordern. Und sie erfahren dabei, wie sie vorgehen müssen, um Themen wie Vertrauen und Kooperationsbereitschaft in Form einer Übung in der Klasse darzustellen.

Die Methode des Tagebuch-Schreibens
Im Mittelpunkt der Übungen steht die Tagebuch-Methode. Im Seminar lernen die Teilnehmenden die außergewöhnliche Geschichte der „Freedom Writers“ kennen und erfahren, wie sie sich mit ihren Schülerinnen und Schülern Inhalten, Personen und Einsichten nähern können. Jede Schülerin und jeder Schüler hat eine Geschichte. Der Einsatz von Tagebüchern in der Schule macht es möglich, diese Geschichten kennenzulernen und die Jugendlichen auf ihrem Weg zu begleiten. Lehrkräfte erleben, wie der autobiografische Ansatz in Form des Tagebuch-Schreibens auf die Jugendlichen wirkt und was bei der Umsetzung im Unterricht zu beachten ist. „Ich habe im Seminar noch einmal gemerkt, wie gut Schreiben tut. Ich bin mir nun sicher, dass die Schüler*innen das mithilfe der Methoden auch erfahren werden“, ist Anne, eine Seminarteilnehmerin, sicher.

Stärken betonen
In den Tagebüchern schreiben die Schülerinnen und Schüler über ihren Lebensalltag. Einige kümmern sich um jüngere Geschwister, gehen arbeiten, führen den Haushalt oder organisieren ihr Leben völlig eigenverantwortlich. Dahinter stecken Fähigkeiten wie Disziplin, Verantwortung und Einsatzbereitschaft. Sie freuen sich, wenn ihre Lehrerinnen und Lehrer diese Stärken sehen und ihnen das auch sagen. Dann fühlen sich die Jugendlichen anerkannt und wahrgenommen. Denn oft ist es im Schulalltag ja so, dass ihnen vielmehr ihre Schwächen gespiegelt werden.
Im Praxisseminar lernen die Teilnehmenden an der eigenen Haltung zu arbeiten, Stärken an Menschen zu erkennen, auch wenn diese nicht offensichtlich sind. Sie entwickeln Porträts über ihre Schülerinnen und Schüler und trainieren den ressourcenorientierten Blick auf sie. So erhalten sie einen Überblick über wichtige Kompetenzen und bekommen praktische Hinweise, wie sie ihre Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen können, diese auszubauen. Am abschließenden Seminartag entwickeln sie dann ihr persönliches Umsetzungskonzept. Sie finden heraus, welche Verhaltensweisen sie im Schulalltag besonders erfolgreich machen und sammeln an unterschiedlichen Stationen wichtige Erkenntnisse, die sie in ihrem persönlichen Umsetzungskonzept einbauen.

Gemeinsame Umsetzung

Damit die Seminarinhalte nachhaltig wirken, begleitet der Verein die Schulen für eineinhalb Schuljahre bei dem gezielten Einsatz der Methoden im Klassenraum und sorgt mit dafür, dass die Schüler*innen von den Methoden profitieren. In dieser Zeit gibt es auch zwei ganztägige Aktionstage nur für die Schülerinnen und Schüler, an denen sie in Übungen, die sie in wechselnden Kleingruppen durchführen und durch die sie zu einer vertrauensvollen Gruppe zusammenwachsen, Stärken für ihren Bildungserfolg entwickeln.

Bis zu 50 Schülerinnen und Schüler der bundesweiten ChangeWriters-Schulen nehmen außerdem an einer einwöchigen Ferienfahrt in den Sommerferien teil. Während der Reise entwickeln sie unter Anleitung Persönlichkeitsprofile, welche in einem gebundenem (Tage-)Buch abgedruckt werden. Die Profile dienen als Peer-Vorbilder, die neue Schüler*innen motivieren, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten. Neben den Profilen werden in dem Buch aber auch einige Seiten frei gelassen: Hier ist Platz für eigene Lebensgeschichten und Zukunftsvisionen der Leserinnen und Leser.




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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 28.10.2021
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