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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 01.08.2019:

„Die Pflege des Miteinanders wurde sich selbst überlassen.“

Neues Bildungsprogramm der Bundeszentrale für politische Bildung stärkt die Teilhabe im ländlichen Raum

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Bildrechte: bpb

„MITEINANDER REDEN“ ist ein Ideenwettbewerb und Weiterbildungsangebot der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), um die Kommunikation und die Teilhabe in ländlichen Räumen zu stärken. 100 Projekte erhalten über zwei Jahre eine finanzielle Förderung und Unterstützung in Form von Beratung, Moderation und Weiterqualifizierung.


Viele ländliche Regionen in Deutschland sind von gravierenden Problemen betroffen. Stadtflucht, Schulschließungen, Arbeitslosigkeit, Ärztemangel u.a. gehören dazu. Der Mangel an Infrastruktur und Daseinsvorsorge bleibt nicht ohne Folgen für das Miteinander im Gemeinwesen. „Nicht nur Investitionen in den ländlichen Räumen wurden vernachlässigt. Die Pflege des Miteinanders wurde sich selbst überlassen“, beklagt u.a. Barbara Lüke, Bürgermeisterin von Pulsnitz, einer Kleinstadt mit 7.500 Einwohnern in Sachsen. Das habe in manchen Orten zu negativen Entwicklungen geführt.

Vor diesem Hintergrund hat die Bundeszentrale für politische Bildung mit Unterstützung vom Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten, vom Deutschen Städte- und Gemeindebund, von der Deutschen Vernetzungsstelle Ländliche Räume und vom Deutschen Volkshochschul-Verband den Ideenwettbewerb und das Weiterbildungsangebot „MITEINANDER REDEN“ initiiert.

,MITEINANDER REDEN“
„MITEINANDER REDEN. Gespräche gestalten - Gemeinsam handeln“ ist ein Qualifizierungs- und Kompetenzförderungsprogramm, das bundesweit 100 Projekte in Dörfern und ländlichen Orten mit bis zu 15.000 Einwohnern fördert, eine wertschätzende und respektvolle Kommunikationskultur und Teilhabe zu entwickeln, in der auch neue Dialogformen ausprobiert werden. „Für die aufsuchende politische Bildungsarbeit in den ländlichen Räumen müssen wir neue Wege gehen, um an den Bedarfen vor Ort anknüpfen zu können. Mit klassischen Seminarangeboten erreichen wir nicht die Menschen, und die politische Bildung muss innovative Bildungsformate entwickeln“, so Hanne Wurzel, Initiatorin und Fachbereichsleiterin Extremismus der Bundeszentrale für politische Bildung.

Das Angebot soll Menschen wieder ins Gespräch miteinander bringen, damit sie gemeinsam herausfinden, was die aktuellen Themen in ihrem ländlichen Raum sind und wie die Rahmenbedingungen beschaffen sein müssen, um viele Menschen in einen Dialog zu bringen, in dem ein respektvolles Miteinander gelingen kann. Im Vordergrund des Programms stehen die Stärkung und Professionalisierung des eigenverantwortlichen Handelns der Akteure vor Ort bei der Entwicklung und Umsetzung ihrer Ideen und Vorhaben zu Themen aus Politik, Bildung, Medien, Kultur oder Gesellschaft.

100 Projekte im ländlichen Raum

Gesucht und gefunden wurden die Projekte über einen zweistufigen Ideenwettbewerb. Aus über 300 eingesandten Projekten wurden nach Durchlauf eines zweistufigen Wettbewerbsverfahrens 100 innovative Dialogprojekte in die Förderung des neuen politischen Bildungsprogramms aufgenommen. Die Auswahl traf eine Jury, in der die Bundeszentrale für politische Bildung, Partner, Beiräte und das Programmbüro vertreten waren. Neben den qualitativen Kriterien spielten auch quantitative Aspekte wie Länderverteilung, Themen- und Formatvielfalt, Projektgröße, Diversität der Antragsteller etc. eine Rolle. 100 Projekte erhalten vom 1. März 2019 bis zum 31. Dezember 2020 eine finanzielle Projektförderung und Unterstützung in Form von Beratung, Moderation und Weiterqualifizierung. Abgerufen werden können Unterstützungsleistungen für Projektmanagement, Beratung und Prozessbegleitung sowie Fördermittel für kleine, mittlere und größere Projekte von 5.000 bzw. 8.000 und 12.000 Euro sowie für vier länderübergreifende Sonderprojekte je 10.000 Euro.

Die Projekte verteilen sich über Dörfer und Kommunen in allen Bundesländern, sind unterschiedlich groß, weisen verschiedene Formate auf - Arbeitsgruppen, Gesprächskreise, Bürgerbefragungen, Stammtische, Exkursionen, gemeinsame Essen, kulturelle, künstlerische und mediale Formate, Vortrags-/Podiumsveranstaltungen, Workshops, Fortbildungen und Beratungen - und spiegeln thematisch und inhaltlich die Herausforderungen der Zukunftsgestaltung in ländlichen Räumen wider. So werden u.a. Fragen zur Transformation, Digitalisierung, Leerstand, Vereinssterben, Demographie, Migration und Integration, Mobilität oder Umweltschutz gestellt. Aber auch Geschichte und Erinnerungskultur, Heimatverständnis, Identitätssuche sowie Rassismus und Ausgrenzung sind Themen, die in den Projekten verhandelt werden.

Der Verein Respekt e.V. in Bad Belzig/Brandenburg zum Beispiel veranstaltet eine Reihe von Bürgerdialogen, die sich für eine „Kultur des Zusammenlebens“ einsetzen. Statt polemische Parolen auszutauschen, lädt der Verein zu einem persönlichen Sprechen und Zuhören zwischen Einheimischen, Geflüchteten, Neubelzigern, Ost- und Westdeutschen ein. Durch kleine wechselnde Tischrunden und eine gute Moderation will er eine Vertrauenskultur schaffen.

Das Projekt „Dorf im Dialog“ der Gemeinde Bollschweil in Baden-Württemberg will in einem breiten innerdörflichen Kommunikationsprozess mit allen Generationen und Gruppen die Dorfentwicklung im Sinne der Nachhaltigkeit und des sozialen Miteinanders neu ausrichten, das bestehende Leitbild von 2005 fortschreiben und dabei die Unterschiedlichkeiten und Gemeinsamkeiten der beiden Teilorte bei den gemeinsamen Zukunftsfragen einbeziehen.

Die Gemeinde Beverstedt in Niedersachsen wiederum möchte mit dem dokumentarischen Live-Hörspiel „Biberbrunnen - worüber wir nicht gesprochen haben“ das „braune Kapitel“ der Dorfgeschichte aufarbeiten und eine nachhaltige politische Debatte um den Rechtsruck auf dem Land initiieren. Vor 20 Jahren versammelten sich am Ortswahrzeichen, dem Biberbrunnen, regelmäßig rechte Jugendliche und versetzten das Dorf in Angst und Schrecken. Doch die Dorfbevölkerung schaute weg, in öffentlichen Diskussionen wurde die Rassismus-Problematik bisher nicht thematisiert. Das soll mit dem jetzigen Projekt nachgeholt werden.

Netzwerk- und Qualifizierungstreffen
Neben der finanziellen Förderung bietet das Programm Unterstützung durch 40 bundesweit verteilte Prozessbegleiter/-innen, die die 100 Förderprojektträger/innen in ihrer individuellen Umsetzung vor Ort unterstützen. Das Programmbüro mit einem Team in Bonn und Berlin ist für die Projektsteuerung, Realisierung und Durchführung des MITEINANDER REDEN-Programms verantwortlich. Außerdem wird das Programm wissenschaftlich evaluiert.

Vier bundesweite Netzwerk-und Qualifizierungstreffen ergänzen das Weiterbildungsangebot. Auf denen können sich die Mitarbeiter/innen der Projekte über ihre Erwartungshaltungen, über die Herausforderungen und Chancen ihrer Projekte, über Hürden und Schwierigkeiten, Zwischenschritte und Ergebnisse austauschen. Auch werden unterschiedliche Workshops und Trainings zur Weiterbildung in den Bereichen Moderationstechniken, Reaktionen auf anti-demokratische Äußerungen, Social Media, Konfliktbearbeitung und Projektmanagement angeboten.

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Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 01.08.2019
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