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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 02.05.2019:

„Austausch kann einen wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung leisten.“

Der Pädagogische Austauschdienst fördert internationale Schulprojekte

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Gernot Stiwitz
Bildrechte: PAD

Der Pädagogische Austauschdienst (PAD) des Sekretariats der Kultusministerkonferenz fördert den europäischen und internationalen Austausch im Schulbereich. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Gernot Stiwitz, dem Leiter des PAD, über die Bedeutung, die Vielfalt und die Vorteile der Austauschprogramme.

Online-Redaktion: Was sind die Ziele und Aufgaben des Pädagogischen Austauschdienstes?

Stiwitz: Der PAD ist eine Einrichtung im Auftrag der Länder und fördert den europäischen und internationalen Austausch im Schulbereich. Durch unsere Arbeit vermitteln wir interkulturelle Kompetenzen, unterstützen das Fremdsprachenlernen und wecken im Ausland Interesse an der deutschen Sprache und Kultur. Die Internationalisierung von Schule auf allen Schulstufen, in allen Schulformen und Schulfächern verstehen wir dabei als notwendigen Beitrag zur Qualitätssicherung und Schulentwicklung im 21. Jahrhundert. Wir gehen außerdem davon aus, dass Austausch einen substanziellen Beitrag zu der in allen Schulgesetzen der Länder verankerten Demokratieerziehung und zu sozialer Inklusion leisten kann. Austausch kann demokratiebildend wirken, indem er Schülerinnen und Schüler verschiedener Schularten bei der Einsicht unterstützt, dass die Welt nicht mit einfachen Wahrheiten zu beschreiben ist und stereotype Zuschreibungen, was andere Länder und Menschen angeht, letztlich immer falsch sind.

Online-Redaktion: Wie viele Programme für den europäischen und internationalen Austausch im Schulbereich fördert der PAD und welcher Art sind sie?

Stiwitz: Der PAD führt derzeit rund 35 Programme durch. Dabei arbeiten wir mit den Bundesländern, der Europäischen Kommission, dem Auswärtigen Amt und Stiftungen zusammen. Unsere Programme – insbesondere das EU-Programm Erasmus+ im Bereich Schulbildung und die Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ – richten sich an Schulen, Lehrkräfte, Studierende vor allem für das Lehramt und Schülerinnen und Schüler. Einen guten Überblick gibt es auf unserer Website.

Online-Redaktion: Welche Angebote beinhaltet das Programm Erasmus+?

Stiwitz: Als Nationale Agentur für Erasmus+ im Schulbereich beraten wir vorschulische Einrichtungen, Schulen und Lehrkräfte, wie sie das EU-Programm zur Weiterentwicklung ihrer Einrichtung nutzen können. Mit Leitaktion 1 können Lehrkräfte oder Fachpersonal aus der vorschulischen Bildung an Fortbildungskursen in ganz Europa teilnehmen und durch Job-Shadowings und Unterrichtstätigkeiten ausländische Partnereinrichtungen kennenlernen. In Leitaktion 2 gibt es zwei verschiedene Projektarten: den Projekttyp „Erasmus+ Schulpartnerschaft“ mit einem vereinfachten Antragsverfahren sowie die „Strategischen Partnerschaften“ zur Unterstützung von Innovation, die darauf abzielen, zukunftsweisende Konzepte und Materialien zu entwickeln.
Die Chancen auf Projektförderung sind bei Erasmus+ sehr gut. Damit Schulen das Programm erfolgreich nutzen können, helfen wir nicht nur bei der Antragsstellung, sondern informieren auch über Möglichkeiten, eine Partnereinrichtung zu finden.

Online-Redaktion: Den PAD gibt es schon über 60 Jahre. Wie hat sich die internationale Zusammenarbeit der Schulen seitdem entwickelt? Wie werden die Angebote angenommen?

Stiwitz: Unser Anspruch ist es, stets und mit hohem Aufwand für den Austausch junger Menschen zu werben und qualitativ hochwertigen schulischen Austausch zu fördern. Wir sind überzeugt, dass Austausch in verschiedener Hinsicht bilden und einen gewichtigen Beitrag zur Völkerverständigung leisten kann. Gerade die Austauschbeziehungen zu Frankreich, Polen, Großbritannien und anderen wichtigen Partnern sind von herausragender Bedeutung. Wie gut unsere Programme insgesamt angenommen werden, lässt sich nicht einheitlich beantworten. Gerade im Bereich der europäischen Projektarbeit bemerken wir aber einen deutlichen Anstieg: 2019 hatten wir über 20 Prozent mehr Anträge für Erasmus+-Schulpartnerschaften und europäische Fortbildungsprojekte. Ein Grund dafür sind neben den hervorragenden Chancen auf Projektförderung auch die guten Erfahrungen mit europäischer Projektarbeit. So waren 97 Prozent der Lehrkräfte, die an einer Fortbildungsmaßnahme im Ausland teilgenommen haben, laut einer Studie sehr zufrieden damit. Fast ausnahmslos wird von einem Motivationsschub und anschließendem besseren Unterricht berichtet. Auch die eTwinning-Plattform, auf der sich Schulen in ganz Europa vernetzen können, wächst stetig. Mittlerweile sind dort über 23.000 Lehrkräfte aus Deutschland registriert. Ich bin sehr zuversichtlich, dass Menschen, die gute Austauscherfahrungen gemacht haben, dem Thema Internationales erhalten bleiben und Völkerverständigung als wichtig erachten.

Online-Redaktion: Welche Vorteile haben alle an Schule Beteiligten von der Teilnahme an den internationalen Schul- und Austauschprogrammen?

Stiwitz: Neben unbestreitbaren Vorteilen wie Fremdsprachenerwerb oder internationaler Berufsorientierung will ich den Fokus auf die Demokratiebildung legen. „Travel is fatal to prejudice, bigotry and narow-mindedness“, hat Mark Twain auf seinem „Bummel durch Europa“ (A Tramp Abroad) im Jahr 1878 festgestellt. Wenn man Mark Twain und seinem augenzwinkernden Statement glaubt, dann ist Reisen also gefährlich für Vorurteile, Intoleranz und Engstirnigkeit. Und wenn man den Spieß umdreht, sagt Twain, dass Reisen es mit sich bringt, dass die Reisenden unvoreingenommen, tolerant und offenherzig auf die Welt schauen. Das erscheint sehr optimistisch, dennoch halte ich das Statement für passend. Wer die Welt mit offenen Augen bereist, sich auf Menschen und Kulturen einlässt, der oder die wird feststellen, dass die Welt nicht so einfach ist. Sie lässt sich nicht mit fertigen Bildern beschreiben und in Muster pressen. Sie ist fast immer anders, als man es erwartet hätte. Nun muss man dieses Andere nicht zwangsläufig mögen, aber man muss zugestehen, dass Anderssein normal ist und keinen Makel darstellt. Schließlich ist man auf Reisen auch ein Anderer für die anderen.

Es kann im Sinne einer demokratischen Entwicklung förderlich sein, wenn Schülerinnen und Schüler möglichst aller Schulformen und Gesellschaftsschichten Möglichkeiten zu einer internationalen Erfahrung erhalten und darüber das Gefühl der Selbstwirksamkeit entwickeln. Doch ein Austausch muss gut vorbereitet sein und ist idealerweise projektorientiert. Er braucht ein Thema, an dem die Austauschpartnerinnen und -partner gemeinsam arbeiten und durch das sie ins Gespräch kommen und andere Handlungs- und Sichtweisen kennenlernen, seien es Projekte zur Nachhaltigkeit, zur Gewaltprävention, zur kulturellen Bildung, aus dem sportlichen Bereich, zur Erinnerungsarbeit, aus den MINT-Fächern oder zur Berufsorientierung. Austausch, der auf diese Weise angelegt ist, hat zwangsläufig auch positive Auswirkungen auf die beteiligte Schule und die beteiligten Lehrkräfte, insbesondere wenn er Eingang ins schulische Leitbild gefunden hat.

Online-Redaktion: Neue Perspektiven haben sich für Schulpartnerschaften auch durch die Initiative des Auswärtigen Amtes „Schulen: Partner der Zukunft“ eröffnet. Welche Ziele verfolgt die Initiative PASCH und welche Aufgaben übernimmt dabei der PAD?

Stiwitz: 2008 rief der damalige Bundesaußenminister Dr. Frank-Walter Steinmeier die Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ (PASCH) ins Leben. PASCH vernetzt Schulen auf der ganzen Welt, die auf unterschiedlichen Sprachniveaus Deutsch unterrichten. Über die Vermittlung deutscher Sprache und Kultur möchte die Initiative nachhaltiges Interesse für Deutschland, seine Gesellschaft und Werte wecken.

Sprachförderung an Schulen ist eine besonders nachhaltige außenkulturpolitische Maßnahme: Sie stärkt den interkulturellen Dialog und fördert das gegenseitige Verständnis von- und füreinander. Über das PASCH-Netzwerk entstehen zudem Kooperationen zwischen PASCH-Schulen im Ausland und deutschen Firmen, die in der wachsenden Zahl von PASCH-Absolventinnen und -Absolventen gut ausgebildete potenzielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finden.

Der PAD bringt in die PASCH-Initiative seine langjährige Erfahrung und Expertise im Bereich von Schulpartnerschaften sowie Schüler- und Lehrkräfteaustausch ein. So ermöglicht er es den PASCH-Schulen im Ausland, sich auf vielfältige Weise mit Schulen in Deutschland zu vernetzen. Rund 24.000 Teilnehmende in etwa 400 Partnerschaften hat der PAD seit 2008 gefördert. Die Programme bieten ein ideales Lernumfeld, um interkulturelle Kompetenzen zu erwerben. Oftmals entstehen aus den Begegnungen langjährige Freundschaften.

Online-Redaktion: Seit 2013 ist der PAD nationale Koordinierungsstelle für das europäische Schulnetzwerk eTwinning. Wie kann man sich bei eTwinning beteiligen?

Stiwitz: Lehrkräfte brauchen sich lediglich bei eTwinning.net zu registrieren, um ihren persönlichen Zugang zu erhalten. Die europäische Plattform steht Lehrkräften aller Fächer, Schulformen und Jahrgangsstufen offen – von der Vorschule bis zum Berufskolleg. Über eTwinning können sie Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen in ganz Europa aufnehmen, sich über pädagogische Themen austauschen und gemeinsam mit ihren Klassen niedrigschwellige Onlineprojekte starten. Auch wenn sie bereits eine Partnerschule haben, können sie eTwinning als sichere Plattform für Kommunikation und Austausch nutzen.

Online-Redaktion: Was sind Ihre Ziele als Leiter des PAD für die nächsten Jahre?

Stiwitz: Wenn Austausch tatsächlich demokratiebildende Wirkung entfalten will, muss er stärker in die Breite getragen werden. Mir wäre wichtig, vor allem Schulformen und Gesellschaftsschichten zu erreichen, die bislang nicht als prioritäre Zielgruppe gelten. Der PAD sollte deshalb Beratungsarbeit leisten, zum Austausch ermutigen und dafür eintreten, dass Austausch stärker in der Lehreraus- und -fortbildung verankert wird. Dafür müssen wir Austausch auf die politische Agenda heben und damit werben, wieviel Potenzial in dem Thema steckt, gerade in Zeiten, da Demokratiebildung als vordringliche schulische Aufgabe beschrieben wird. Wir sollten als eine Einrichtung wahrgenommen werden, die Schule und Bildungsverwaltung ein gutes Angebot macht. Kurzum: Wir müssen im bildungspolitischen Kontext für die positiven Wirkungen von Austausch sensibilisieren und mithelfen, dass Austausch und die Internationalisierung angehender Lehrkräfte aller Fachrichtungen Unterstützung erfahren.

Konkret anstehende Aufgaben bestehen darin, das Nachfolgeprogramm zu Erasmus + ab 2021 erfolgreich umzusetzen und viele deutsche Schulen und Lehrkräfte für eine Teilnahme zu gewinnen. Außerdem müssen wir die Austauschbeziehungen zu Frankreich in den nächsten Jahren ausbauen bzw. stabilisieren, im Falle eines ungeordneten Brexits tragfähige Austauschmöglichkeiten mit Großbritannien schaffen bzw. erhalten und bei den in Entstehung begriffenen binationalen Austauscheinrichtungen, etwa dem Deutsch-Israelischen Jugendwerk oder einer deutsch-chinesischen Austauschinstitution, den schulischen Austausch verankern.



Gernot Stiwitz (Jahrgang 1968) leitet seit Mai 2016 den Pädagogischen Austauschdienst (PAD) des Sekretariats der Kultusministerkonferenz. Zuvor war er im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz tätig. Dort leitete er das Referat für Demokratieerziehung, historisch-politische Bildung, Gewalt- und Extremismusprävention.




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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 02.05.2019
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