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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 13.12.2018:

„Pädagogische Hochschule Schwyz - Wo neue Medien Tradition haben.“

Lehrerbildung und Digitalisierung

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Bildrechte: Prof. Dr. Silvio Herzog

In der Pädagogischen Hochschule Schwyz in Goldau befinden sich Lehreraus- und weiterbildung, Dienstleistung sowie Forschung und Entwicklung unter einem Dach. Außerdem besitzt die Hochschule einen besonderen Ausbildungs- und Forschungsschwerpunkt im Bereich des Lernens mit digitalen Medien. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit dem Rektor Prof. Dr. Silvio Herzog darüber, wie die Hochschule Lehrkräfte und Schulen auf die digitale Welt vorbereitet und welche Kompetenzen heute bei Schülerinnen und Schülern wichtig sind.

Online-Redaktion: Die Pädagogische Hochschule Schwyz bildet Lehrkräfte aus, forscht und entwickelt. Welchen Stellenwert haben die digitale Bildung und Methoden zum Lehren und Lernen mit digitalen Medien dabei?

Herzog: Bei der Pädagogischen Hochschule Schwyz hat das Lernen und Lehren mit digitalen Medien seit ihrer Gründung vor fünfzehn Jahren einen sehr zentralen Stellenwert, es ist quasi ein Profilmerkmal. „Pädagogische Hochschule Schwyz - Wo neue Medien Tradition haben“, das darf man trotz der angezeigten Bescheidenheit sicherlich sagen. Begonnen hat es mit unserem Institut für Medien und Schule im Bereich Forschung und Entwicklung, das Fragen nach dem Einsatz und dem pädagogischen Mehrwert der neuen Medien für das Lehren und Lernen in der Schule stellt. Seit über zehn Jahren arbeiten wir mit einer Projektschule hier in Goldau auf Augenhöhe zusammen, um die innovativen Unterrichtskonzepte mit digitalen Medien in der Praxis zu erarbeiten, zu testen und weiter zu entwickeln. Die praxisrelevanten Erträge wiederum haben einen großen Einfluss auf unsere Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen. In der Ausbildung von Lehrkräften für den Kindergarten und die Primarunterstufe (KG und 1./2. Klasse) sowie in der Ausbildung von Lehrkräften für die Primarstufe (Schuljahre 1.-6. Klasse) bieten wir ein flexibles Studium mit reduzierter Präsenz an, bei dem das selbst gesteuerte Lernen mit digitalen Medien eine große Rolle spielt. Ausgestattet nach dem „Bring Your Own Device“-Konzept, nach dem Studierende ihre eigenen mobilen Endgeräte nutzen, können sie bei uns schon seit langem in definierten Phasen von Zeit und Ort unabhängig arbeiten. Gleichzeitig erhält die Präsenz, in der die unmittelbare Interaktion zwischen Studierenden und Dozierenden eine große Rolle spielt, einen besonderen Stellenwert.

Online-Redaktion: Digitale Medien nehmen in unserer Gesellschaft eine immer wichtigere Bedeutung ein. Wie müssen Schulen auf die Zukunft ausgerichtet werden? Und welchen Anforderungen sollten Lehrkräfte im digitalen Zeitalter gerecht werden, um Kinder auf ein Leben in der Informationsgesellschaft vorzubereiten?

Herzog: Digitalisierung fordert die Schulen auf sehr vielen Ebenen sehr grundsätzlich heraus, und dafür sind Anpassungsleistungen von allen Akteuren notwendig. Die Digitalisierung erhöht zum Beispiel das Tempo des Wandels. Die Steuerung von Schulen muss schneller, agiler werden, Schulleitungen müssen Visionen haben, langfristig planen, vorausschauend denken, damit sie nicht nur reagieren müssen. Lehrpersonen müssen - vereinfacht gesagt - lernen, mit digitalen Medien, über digitale Medien und trotz digitaler Medien zu unterrichten. Sie müssen sich gut mit ihnen auskennen, um zu entscheiden, wann welches Medium das richtige ist und wann das digitale Gerät auch einmal weggelegt werden muss.

Online-Redaktion: Mit welchen Angeboten qualifizieren Sie die Studierenden und Lehrkräfte in der Lehreraus- und weiterbildung dafür?

Herzog: Mit dem Lehrplan 21 wurde in der ganzen Deutschschweiz auf der Primarstufe der Modullehrplan „Medien und Informatik“ verpflichtend eingeführt. Entsprechend haben wir unsere Ausbildung auf diese Anforderungen umgestellt. Gleichzeitig müssen die Lehrpersonen, die schon länger in den Schulen tätig sind, verbindlich nachqualifiziert werden. Das machen wir mit Grundlagenkursen, die für alle relevant sind, und individuellen Vertiefungsmöglichkeiten. Diese Nachqualifikation läuft im Moment auf Hochtouren. Gleichzeitig bieten wir zusammen mit allen deutschsprachigen pädagogischen Hochschulen in der Schweiz eine Online-Weiterbildung für Lehrpersonen-Teams. MIA 21 - Medien, Informatik, Anwendung gemäß Lehrplan 21 - vermittelt fachliches und fachdidaktisches Wissen im Bereich Medien und Informatik. Diesen Sommer konnten wir mit drei Partnerhochschulen außerdem einen Fachdidaktik-Master in Medien und Informatik aufbauen, in dem wir Dozierende für Hochschulen für die ganze Schweiz und das deutschsprachige Ausland ausbilden.

Online-Redaktion: Wie lassen sich Lehr- und Lernprozesse auch außerhalb des Fachs „Medien und Informatik“ sinnvoll mit digitalen Medien unterstützen?

Herzog: Ich denke, ganz wichtig ist, dass man im Zusammenhang mit der Digitalisierung an Schulen nicht nur von einem bestimmten Fach spricht, in das das Lernen mit digitalen Medien ausgelagert wird, sondern dass die Möglichkeiten und Grenzen digitaler Lehr- und Lernmethoden in allen Fächern ausgelotet werden. Digitale Medien sollten dort eingesetzt werden, wo sie den größten Gewinn bringen. Das ist für mich im Bereich des personalisierten Lernens der Fall, zum Beispiel wenn es darum geht, mit Computern das Lernen von einzelnen Schülerinnen und Schülern adaptiv zu begleiten. Es gibt spannende Programme, die am Antwort- und Bearbeitungsmuster erkennen können, was die Schülerinnen und Schüler können und was nicht, Feedback geben und entsprechende Aufgaben zusammenstellen, die dann auf das nächst höhere Niveau weiterführen. Das können Computer aus meiner Sicht in Zukunft in vielen Themen schneller und besser als Lehrpersonen, und das verschafft den Lehrpersonen wiederum Zeit, sich um andere Aufgaben zu kümmern.

Online-Redaktion: Sie führen schon lange enge Kooperationen mit Schulen vor Ort. Wie unterstützen und begleiten Sie die Schulen bei ihrem digitalen Wandel?

Herzog: Wir haben eine Fachstelle für computer- und internetgestütztes Lernen (facile) eingerichtet, die eine Palette von maßgeschneiderten Angeboten für die Schulen bereithält. Wir beraten Schulleitungen und Steuergruppen, wie sie einen Schulentwicklungs- und Unterrichtsentwicklungsprozess mit digitalen Medien einleiten können, unterstützen sie in der Erarbeitung pädagogischer Konzepte und in Ausstattungsfragen, damit sie nicht in die Technikfalle geraten. Es gibt immer noch Schulen oder auch Hochschulen, die sich zuerst Geräte anschaffen und dann überlegen, was sie damit machen wollen. Dabei sollten die technischen Fragen von den pädagogischen Konzepten aus beantwortet werden und nicht umgekehrt. Außerdem bieten wir Weiterbildungen an und bilden auch Lehrkräfte als Multiplikatoren vor Ort aus. Langfristige Kooperationen sind uns wichtig, so unterstützen wir die Nachhaltigkeit dieser Prozesse besser und erhalten auch mehr Einblick in Schulentwicklungsfragen, auch in Widerstände und Schwierigkeiten, was uns dann wiederum dazu führt, unsere Konzepte anzupassen und weiterzuentwickeln. So spielen Weiterbildung, Beratung, Forschung und Entwicklung zusammen, aus meiner Sicht ein Idealmodell für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung.

Online-Redaktion: Warum ist es wichtig, dass Kinder den Umgang mit digitalen Medien schon im Kindergarten und in den ersten Schuljahren erlernen?

Herzog: Die Frage wird immer wieder kontrovers diskutiert. Entscheidend ist für uns, dass wir von den Lebenswelten der Kinder ausgehen. Wir nehmen auf, wie sie auch privat, in ihren Familien, mit ihren Freunden, mit den Medien umgehen. Wir versuchen, ihr Interesse zu wecken, mehr darüber zu wissen. So können wir „lebensnah“ und altersgerecht Wissen zu Medien und Informatik vermitteln. Die Reaktionen der Lehrpersonen und der Kinder auf diesen Lebensweltenansatz sind sehr positiv.

Online-Redaktion: Wieweit ist der digitale Wandel an den Schulen in der Schweiz bereits vorangeschritten?

Herzog: Sehr heterogen. Es gibt enorm innovative Schulen und Schulen, die sich dem Thema bisher fast gänzlich verschlossen haben. Ich glaube, von zentraler Bedeutung in der Schweiz ist, dass mit der Einführung des Lernplans 21 verbindliche Ziele zu Medien und Informatik festgelegt wurden. Diese Verbindlichkeit und die damit verbundene verpflichtende Weiterbildung führen dazu, dass sich nun alle Schulen auf den Weg gemacht haben. Ich denke auch, dass sich dadurch in den nächsten fünf bis zehn Jahren ein großer Innovationsschub ergeben wird. Die Frage wird nur sein, was bleibt, wenn die Verpflichtung zu dieser intensiven Auseinandersetzung wieder etwas vorübergeht. Bleiben die Schulen dran am Thema, und wie integrieren sie die Digitalisierung in den sehr anspruchsvollen Alltag von Lehrpersonen, die ja neben der Digitalisierung auch noch andere Aufgaben zu bewältigen haben? Eine zentrale Aufgabe für uns als pädagogische Hochschule wird es deshalb sein, Netzwerke zu schaffen, eng mit den Schulen und den Behörden zusammenzuarbeiten, damit Digitalisierung nachhaltig etabliert wird, sich die Schulen und das Lehren und Lernen mit digitalen Medien weiterentwickeln können und die Kinder fit für eine Welt von morgen werden.

Online-Redaktion: Welche Kompetenzen müssen Kinder heute beherrschen?

Herzog: Schülerinnen und Schüler müssen digital mündig werden, damit sie ihr Leben selbstbestimmt gestalten können. Das kann man in einer digitalisierten Welt nur dann, wenn man sich die entsprechenden Medien-, Informatik- und Anwendungskompetenzen angeeignet hat. Wer diese nicht hat, kann nicht entscheiden, ist das das Richtige für mich, möchte ich es einsetzen oder nicht, bin ich bei dieser Sozialplattform dabei oder nicht. Wichtig ist, dass Schulen sich aber nicht nur um Medien- und Informatikfragen bemühen, sondern sich auch um die überfachlichen Kompetenzen der Kinder kümmern. Um Kinder fit für die Digitalisierung zu machen, müssen Schulen die Kinder in ihrer Kreativität fördern, ihre Kommunikations- und Sozialkompetenz stärken. Wenn das, was man automatisieren kann, in Zukunft automatisiert wird, dann müssen wir einen starken Fokus auf das Nicht-Automatisierbare haben. Damit wird auch klar: Die Digitalisierung verdrängt das Analoge nicht aus dem Klassenzimmer, sondern gibt ihm einen speziellen, wichtigen Platz.

Online-Redaktion: Wie wünschen Sie sich die Schulen in zehn, fünfzehn Jahren?

Herzog: Ich wünsche mir Schulen, welche die richtigen pädagogischen Konzepte gefunden haben, die Chancen der Digitalisierung für das Lehren und Lernen zukunftsgerichtet zu nutzen.
Ich wünsche mir Lehrpersonen, welche digital fit sind und sehr gut mit, über und trotz digitaler Medien unterrichten können. Und ich wünsche mir eine Bildungspolitik, die erkannt hat, dass sie Steuerung der Schulen agiler als heute gestalten muss, um die Qualität zu sichern und weiterzuentwickeln.



Prof. Dr. Silvio Herzog ist ausgebildeter Primarlehrer und hat Pädagogische Psychologie und Kommunikationswissenschaften studiert. Nach einigen Jahren in der Forschung und in der Weiterbildung ist er seit 2012 Rektor der Pädagogischen Hochschule Schwyz.


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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 13.12.2018
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