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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 10.12.2020:

„Mit Tim und Tula durch den Tag.“

Kindergarten plus macht Kinder stark

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Bildrechte: Rasmus Sievers/Anja Hansmann

Kindergarten plus ist ein von der Deutschen Liga für das Kind entwickeltes Bildungs- und Präventionsprogramm zur Stärkung der kindlichen Persönlichkeit. Es richtet sich an vier- bis fünfjährige Kinder in Kindertageseinrichtungen (Kitas) und fördert ihre soziale, emotionale und geistige Bildung. Seit Herbst 2019 gibt es Kindergarten plus START auch für die Zwei- und Dreijährigen.


Gefühle zu erkennen, zu verstehen und über sie zu sprechen tut gut und hilft, sich seelisch gesund zu entwickeln. Damit Kinder zu starken Persönlichkeiten werden, ist neben der kognitiven Intelligenz auch die emotionale und soziale Intelligenz wichtig. Das von der Deutschen Liga für das Kind entwickelte Bildungs- und Präventionsprogramm Kindergarten plus fördert die emotionale, soziale und geistige Bildung vier- und fünfjähriger Kinder in Kindertageseinrichtungen. In kleinen Gruppen werden die Basisfähigkeiten Selbst- und Fremdwahrnehmung, Einfühlungsvermögen, Kommunikations-, Konflikt- und Kompromissfähigkeit sowie die Beziehungsfähigkeit gestärkt und entwickelt. Seit Herbst 2019 stehen mit dem Programm Kindergarten plus START auch alltagsintegrierte Methoden und Materialien für zwei- und dreijährige Kinder zur Verfügung.

Die Deutsche Liga für das Kind
Die Deutsche Liga für das Kind hat Kindergarten plus am Anfang des Jahrtausends entwickelt und ist auch für die Umsetzung und Weiterentwicklung des Programms zuständig. Die Liga ist ein bundesweites Netzwerk zahlreicher Verbände und Organisationen aus dem Bereich der frühen Kindheit, die das Wohlergehen von Kindern fördern und ihre Rechte und Entwicklungschancen in allen Lebensbereichen verbessern möchten. Zu den Mitgliedsverbänden gehören wissenschaftliche Gesellschaften, kinderärztliche und psychologische Vereinigungen, Familien- und Jugendverbände sowie zahlreiche Lions Clubs. Letztere haben Kindergarten plus zum Bestandteil ihres Jugendprogramms gemacht.

Die Umsetzung in der Kita
„Das Programm besteht aus neun Bausteinen und einem schulvorbereitenden Vertiefungsmodul und wird in der Kita mit den vier- und fünfjährigen Kindern in Gruppen von rund acht bis zwölf Kindern umgesetzt“, erklärt Stella Valentien von der Deutschen Liga für das Kind und Leiterin des Aufgabenbereichs Kindergarten plus. Durchgeführt wird das Programm von zwei pädagogischen Fachkräften, die zuvor an einer Basisfortbildung teilgenommen haben. In den Bausteinen geht es um die Themen Körper, Sinne, Gefühle, Beziehungen, Grenzen und Regeln. Die Kinder lernen, Basisemotionen zu benennen, mit den anderen Kindern in der Gruppe zu kooperieren und gemeinsam Probleme zu lösen. „Dabei wird das Programm nicht einfach abgearbeitet, sondern an das Konzept der Kita und die Kinder in der Gruppe angepasst“, so Valentien.

Die Gruppe trifft sich einmal in der Woche. Mit Hilfe von Spielen, Übungen, Gesprächen, Bewegungseinheiten und Liedern werden die Themen in den Alltag integriert und die Kinder dazu angeregt, Körperbewusstsein zu entwickeln, auf sich selbst zu achten, Gefühle bei sich und anderen wahrzunehmen und zu benennen, Kompromisse zu schließen und Konflikte gewaltfrei zu lösen. Die beiden Handpuppen Tula und Tim begleiten die Kinder durch das Programm. Sie dienen als Identifikationsfiguren, werden in den Gesprächskreisen eingesetzt oder spielen kleine Szenen vor. Sie gehören fest dazu. „Für Kinder sind Puppen ein ideales Medium. Sie wissen zwar, dass es Puppen sind, sprechen aber mit ihnen, als ob es Kinder seien. Coole Kinder, die es drauf haben“, erläutert Stella Valentien. Auch Bildmaterialien, die ein hohes Anregungspotenzial haben, werden eingesetzt. Praktische Aufgaben mit Bewegungs- und Musikelementen inspirieren die Kinder dazu, ihr Erleben und ihre Empfindungen auszudrücken und zu reflektieren. Sie lernen, dass es normal ist, Gefühle zu zeigen und darüber zu sprechen und dass es ihnen auch hilft. Neben dem Beschreiben von Gefühlen geht es auch um die Erarbeitung kommunikativer Strategien zur Vermeidung bzw. Lösung von Konflikten. Sätze werden geübt, die eine Kontaktaufnahme ermöglichen, die Kinder lernen „Nein“-Sagen und zielorientierte Fragen zu stellen. In dem zweiteiligen Vertiefungsmodul zum Thema „Schulübergang“ werden die Hoffnungen und Befürchtungen der Kinder aufgegriffen und ihnen Mut gemacht. Kindergarten plus kann auch im Rahmen der sprachlichen Förderung von Kindern mit Sprachförderbedarf oder von Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache einbezogen werden. Besonders die Basismodule bieten eine Vielzahl an Anregungen zur Wortschatzerweiterung im Bereich Körper und Sinne.

Das Einstiegspaket

Mehr als 2.300 Kindertageseinrichtungen bundesweit führen Kindergarten plus durch. Über 10.000 pädagogische Fachkräfte wurden bereits geschult. Das Zertifikat Kindergarten plus ist ein Qualitätsmerkmal der Bildungsarbeit. Zu dem Einstiegspaket für die Kindergärten gehören ein Leitfaden und ein umfangreiches Basispaket für die Projektarbeit mit den vier- und fünfjährigen Kindern, vielfältige pädagogische Materialien, ein vorbereitender Seminartag und ein an die Durchführung vor Ort anschließender Reflexionstag, außerdem ein Servicepaket, das neben einem E-Learning-Modul die Begleitung der Kitas bis zum Zertifikat hin beinhaltet. In Einrichtungen, in denen es Änderungen beim Personal gegeben hat, können sich neue Kolleg*innen nachqualifizieren und kostengünstig Material nachbestellen. Auch die Eltern werden in das Programm einbezogen. Sie erhalten viele Informationen, Spiel- und Gesprächsanregungen für den Einsatz zu Hause sowie die Kinderlieder-CD mit den Songs des Programms. Die Themen und Inhalte des Programms werden auch in Elterngesprächen aufgegriffen.

Kindergarten plus START
Das Programm Kindergarten plus START für Zwei-bis Dreijährige ist im Herbst 2019 an zunächst 13 Pilotkindergärten gestartet. „Es ist im Grunde wie eine Vorbereitung auf das Projekt der Großen, auch hier wird das grundlegende Sprechen schon etabliert“, beschreibt Stella Valentien. Der Leitfaden für die alltagsintegrierte Förderung jüngerer Kinder beinhaltet acht Themenbereiche. Alle Kinder können mitmachen. Kindergarten plus START bietet verschiedene didaktische Zugänge, um mit den jüngeren Kindern das emotionale Lernen zu vertiefen. Dazu gehören auch viele bewegte Aktionen. Ein wichtiger Bestandteil ist der „Blaue Beutel“. Der „Blaue Beutel“ und kleine Biegepüppchen begleiten die zwei- und dreijährigen Kinder im Alltag. Mit Hilfe der Püppchen und des Beutels werden gemeinsam mit den Kindern Geschichten entwickelt. Die Püppchen richten sich als Identifikationsfiguren der Kinder in der Kita ein und erforschen diese. Mit ihnen lernen die Kinder, auf sich und auf andere zu achten, Emotionen zu erkennen und in einfachen Worten Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken. Auch das gemeinsame Leben in der Kita und in der Familie sind Themen. Die Biegepüppchen und ihre Welt werden für die Kinder und auch mit den Kindern gemeinsam gestaltet. Die Püppchen erhalten Namen, Kleidung, einen Platz mit Möbeln, Spielzeug usw. und ihre eigene Geschichte. Die pädagogische Fachkraft regt mit einem kleinen Spruch oder Reim die Interaktion der Kinder an. Und die Kinder bestimmen, wie aktiv sie mitmachen. Die an Kindergarten plus START beteiligten Einrichtungen werden während des gesamten Prozesses begleitet.

Evaluation des Programms

Eine Auswertung der internen Evaluationsbögen von rund hundert Kindergarten plus Einrichtungen ergab eine sehr hohe Zufriedenheit der Teams mit dem Programm. Das Programm Kindergarten plus fördert erwiesenermaßen die sozialen und emotionalen Kompetenzen und beugt dadurch auch Sucht und Gewalt vor. Die pädagogischen Fachkräfte nehmen bei einem Drittel der teilnehmenden Kinder langfristige Verbesserungen wahr.

Wissenschaftlich evaluiert wurde das Bildungs- und Präventionsprogramm im Jahr 2011 von einer Forschungsgruppe am Psychologischen Institut der Leuphana Universität Lüneburg unter Leitung von Prof. Dr. Maria von Salisch. Verglichen wurden 235 Kinder aus 26 Interventionskindergärten (Teilnahme an Kindergarten plus) mit 172 Kindern einer Kontrollgruppe aus 13 Kindergärten. Beim Vergleich der beiden Gruppen nach Beendigung des Programms wurde deutlich, dass sich die sozialen Kompetenzen der an Kindergarten plus teilnehmenden Kinder signifikant verbessert hatten. Die Verbesserungen zeigten sich in einer Zunahme ihres prosozialen Verhaltens, in einer Abnahme ihrer sozialen Impulsivität sowie in einer tendenziellen Abnahme der Probleme im Umgang mit Gleichaltrigen, besonders bei Kindern mit Belastungen. Auch die emotionalen Kompetenzen der Kinder verbesserten sich. Im Abschlussbericht der Studie der Universität Lüneburg heißt es: „Kindergarten plus in Kindertageseinrichtungen ist eine sinnvolle und nützliche Möglichkeit, Kinder in jungen Jahren in der Entwicklung ihrer sozialen und emotionalen Kompetenzen zu unterstützen.“ Die Einbeziehung der Kindergarten plus-Inhalte in den Alltag vieler Kindergärten erhöht zusätzlich ihre Wirkung. Kindergarten plus wird in der „Grünen Liste Prävention“ des Landespräventionsrats Niedersachsen als „effektives Programm“ in der höchsten Stufe gelistet und hat das PHINEO „Wirkt!-Siegel“ erhalten.

 

 

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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 10.12.2020
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