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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 08.10.2020:

„Bei Perspektiva gibt man den Jugendlichen Zeit zu wachsen.“

Perspektiva bringt Jugendliche, die es aus eigener Kraft nicht schaffen, in Arbeit

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Bildrechte:Perspektiva gGbmH

In Fulda bringt seit 20 Jahren eine Allianz aus Bürgerschaft und Unternehmen das Thema Inklusion in der Arbeitswelt voran. Die Perspektiva gGmbH engagiert sich für benachteiligte Jugendliche, deren Fähigkeiten für den allgemeinen Arbeitsmarkt noch nicht ganz ausreichen. Viele Jugendliche mit zunächst schlechten Berufschancen finden durch sie eine feste Anstellung.


Die komplexen Anforderungen der Arbeitswelt wirken heute oft ausgrenzend und können zu unüberwindbaren Hürden für Jugendliche mit Handicap werden. Einfache Tätigkeiten werden immer seltener vergeben. Aus diesem Grund haben sich im Jahr 1999 17 Unternehmen, Bürger*innen sowie zwei soziale Einrichtungen - das antonius-Netzwerk Mensch und Grümel - DER BILDUNGSPARTNER - in Fulda zur „Perspektiva gGmbH - Fördergemeinschaft Theresienhof für Arbeit und Leben“ zusammengeschlossen. Das Prinzip: Bürger*innen und Betriebe, insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen der Region, übernehmen in Selbstverpflichtung finanzielle Beiträge und schaffen damit ein System, das sich (weitgehend) selbst finanziert. Das Kuratorium der Fördergemeinschaft setzt sich aus den Schlüsselakteuren der Region zusammen und begleitet und vernetzt deren Aktivitäten. Die Agentur für Arbeit, das Amt für Arbeit und Soziales, das Integrationsamt, das hessische Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit sowie der Europäische Sozialfonds unterstützen Perspektiva.

Das Netzwerk umfasst mittlerweile über 100 Gesellschafter aus der Region - Privatpersonen und Unternehmen -, die neben finanzieller Unterstützung auch Ausbildungsplätze für Jugendliche bereitstellen und soziales Engagement übernehmen. Der Mensch mit seinen Stärken und Schwächen rückt bei Perspektiva in den Blickpunkt. „Wir sind eine Fördergemeinschaft für Arbeit und Leben“, formuliert es Jan Martin Schwarz, der gemeinsam mit Silke Gabrowitsch seit dem 1. Juli 2020 die Geschäftsführerschaft der Perspektiva gGmbH innehat. Ziel ist es, Jugendliche, die es aus eigener Kraft nicht schaffen, in Arbeit zu bringen. „Das Unternehmer-Netzwerk ist einzigartig in Deutschland. Mehr als 100 Unternehmer der Region sind Gesellschafter und stecken Geld, Zeit und Leidenschaft in das Projekt. Sonst arbeiten Jugendliche häufig einfach in der Werkstatt, hier werden vielfältige Möglichkeiten geboten, die den Neigungen und Potenzialen der jungen Menschen entgegenkommen“, so Schwarz.

Die Ziele des Netzwerks
Vielen Jugendlichen mit körperlichen und/oder geistigen Beeinträchtigungen gelingt es aus eigener Kraft nicht, einen festen Arbeitsplatz zu erhalten. Nach Durchlaufen unterschiedlicher Fördermaßnahmen droht ihnen nicht selten dauerhafte Arbeitslosigkeit. Perspektiva sieht sich in diesem Prozess als Sprungbrett und Vermittler. Das Netzwerk will Brücken bauen zwischen Unternehmen und Jugendlichen und qualifiziert gemeinsam mit den Unternehmer*innen die Jugendlichen für eine dauerhafte Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Es eröffnet ihnen so eine möglichst eigenständige Lebensperspektive.

Auf dem Theresienhof, einem ehemaligen Wirtschaftshof des Ordens der Vinzentinerinnen, werden Jugendliche mit fehlendem oder schwachem Schulabschluss in zu Werkstätten und Seminarräumen umgebauten Kuhställen, Scheunen und Heuböden so individuell wie möglich für eine Ausbildung oder eine direkte und dauerhafte Anstellung auf dem Arbeitsmarkt fit gemacht. Perspektiva gibt den Jugendlichen Zeit zu wachsen. Die jungen Menschen probieren auf dem Theresienhof verschiedene Tätigkeiten aus und stellen fest, wo ihre Stärken liegen. Sie üben auch Tugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Flexibilität und Belastbarkeit und bekommen ein Training sozialer Kompetenzen.

Dazu entwickelte Perspektiva ein Drei-Phasen-Modell. In der ersten, einjährigen Phase werden die Jugendlichen auf dem Hof an das Thema Arbeit herangeführt. Sie lernen die Struktur regulärer Arbeitstage kennen, können sich in verschiedenen Werkstätten ausprobieren und herausfinden, was ihnen liegt und was sie gut können. Die Jugendlichen spalten zum Beispiel Anzündholz und packen es zu Bündeln, füllen Insektenpulver ab, montieren Teile von Lüftungen, recyceln Textilreste und arbeiten im eigenen Gartenbereich oder in der Baumschule auf Praktikumsbasis -, und das alles im Auftrag lokaler Unternehmen. Ebenso dazu gehören situationsbezogene Praktika in Unternehmen zur beruflichen und betrieblichen Orientierung und zur Beobachtung des Lernfortschritts sowie Tapezier-, Maler- oder Reparaturarbeiten in den über ganz Fulda verteilten Trainingswohnungen. Zu selbstverantwortlichem Leben gehört für Perspektiva auch das Heranführen an die eigene Wohnung, das Miteinander in Wohngemeinschaften. Die Jugendlichen können für einen begrenzten Zeitraum in einer sog. Trainingswohnung wohnen und werden dort begleitet. Im Auftrag der Jugendämter von Stadt und Landkreis Fulda bietet Perspektiva auch betreutes Wohnen für unbegleitete minderjährige Ausländer*innen ab 18 Jahren an. Außerdem kann bei Bedarf der Hauptschulabschluss nachgeholt werden. Zusätzlich zum Unterricht (3 Tage pro Woche) erfolgt eine individuelle Berufsorientierung mit mindestens zwei Blockpraktika und sich anschließenden kontinuierlichen, wöchentlichen Praxistagen in externen Betrieben.

Die Praxis
In der zweiten Phase geht es in die Betriebe aus dem Perspektiva-Netzwerk. „Uns geht es darum, ein Talent zu entdecken, und sei es auch nur von der Größe eines Staubkorns, und dies bis zur Tragfähigkeit zu entwickeln“, sagt Sonja Bode. Sie ist eine von mehreren Ansprechpartner*innen, die die Jugendlichen in der zweijährigen Probezeit im jeweiligen Betrieb begleiten. Oft entpuppten sich Defizite sogar als Stärken: Gehörlose können an Lärm belasteten Arbeitsplätzen gut eingesetzt werden, wo sonst ein hoher Krankenstand zu verzeichnen ist. Und Menschen mit autistischen Zügen können lange hoch konzentrierte Detailarbeit verrichten, wo andere schon nach kurzer Zeit ermüdet sind. Der Betrieb zahlt Perspektiva eine Pauschale, wovon die Jugendlichen einen Teil als Lohn ausgezahlt bekommen. „Nach oft langen Phasen von leistungsunabhängigen Zuwendungen in Maßnahmen spornt das die Jugendlichen sehr an“, so Bode. Die Erfahrung habe gelehrt, dass Beschäftigungsverhältnisse direkt aus einer Maßnahme heraus nicht lange hielten; dass sich Unternehmen, nachdem die Förderung auslief, doch gegen eine Übernahme entschieden. „Phase zwei soll den Bruch verhindern. So haben die Unternehmen bereits eigenes Geld in den Jugendlichen investiert. Die Verbindlichkeit auf beiden Seiten ist nun eine ganz andere.“ In Phase drei folgt dann die Übernahme in reguläre Arbeit. Perspektiva bleibt jedoch weiter Ansprechpartner für beide Seiten, oft noch Jahre nach der Übernahme.

Neues Perspektiva-Projekt „Go on Azubi“
Mit dem Projekt „Go on Azubi!“, das Perspektiva im August 2019 gestartet hat, soll diese Zusammenarbeit nach Aufnahme der regulären Arbeit intensiviert werden. Jugendliche und junge Erwachsene mit Handicap benötigen oft eine besondere Unterstützung, um ein begonnenes Arbeits- oder Ausbildungsverhältnis dauerhaft erfolgreich bewältigen zu können. „Manchmal sind sie einfach weniger belastbar“, erläutert Projektleiterin Courtney Knox von Perspektiva. Dann können betriebliche, soziale, häusliche oder persönliche Probleme die Qualität der Arbeit stark negativ beeinflussen. „Das nehmen die Jugendlichen als persönliches Versagen wahr“, führt Knox weiter aus. „Fühlen sich die Jugendlichen in dieser Situation mit ihren Problemen allein gelassen, kann es schnell passieren, dass sie ihre Ausbildung oder ihr Arbeitsverhältnis von heute auf morgen abbrechen oder beenden“, weiß sie.
Bei „Go on Azubi!“ beraten die Mitglieder des Perspektiva-Teams Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen individuell und suchen gemeinsam mit den Betroffenen nach den Ursachen für die beruflichen Schwierigkeiten, bis sich die Situation wieder stabilisiert hat. Gefördert wird das Projekt von der Commerzbank-Stiftung.

Innovatives Netzwerk 2020
Nachdem die Perspektiva gGmbH in den vergangenen Jahren schon einige Preise und Ehrungen erhalten hat, darunter den Deutschen Engagementpreis und den Inklusionspreis, wurde sie im Juni 2020 als „Innovatives Netzwerk 2020“ ausgezeichnet. Damit zählt sie zu den besten Fachkräftenetzwerken Deutschlands. Laut Björn Böhning, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, der den Preis gemeinsam mit Dr. Achim Dercks, dem stellvertretenden Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages e. V. (DIHK), auf dem ersten „WIR-tuellen Innovationstag Fachkräfte für die Region“ übergeben hat, kommt regionalen Fachkräftenetzwerken eine Schlüsselrolle zu. Sie unterstützen Unternehmen bei der bedarfsgerechten Aus- und Weiterbildung von Beschäftigten, bei der Gewinnung von Fachkräften und helfen dabei, Fachkräfte in Beschäftigung zu halten und Arbeitsplätze zu sichern. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen würden durch die Netzwerke gestärkt. „Der nun zweite Preis auf Bundesebene zeigt die Einzigartigkeit unseres Unternehmernetzwerks Perspektiva. Er ist eine große Anerkennung für die Unternehmer, die sich aus Überzeugung für die Jugendlichen einsetzen, und für unsere Pädagogen, die jeden Tag mit viel Herzblut Brücken zwischen den Jugendlichen und den Unternehmern bauen. Es erfüllt mich jeden Tag mit Stolz, ein Teil davon zu sein“, freut sich Perspektiva-Geschäftsführer Jan Martin Schwarz.


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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 08.10.2020
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