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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 12.09.2019:

„Mehr Erwachsene in Deutschland sollen besser lesen und schreiben können.“

Die Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung

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Bildrechte: AlphaDekade

Die Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung (AlphaDekade), eine Initiative des Bundes, der Länder und gesellschaftlicher Partner, hat das Ziel, im Zeitraum von 2016 bis 2026 die Lese- und Schreibkompetenzen Erwachsener zu verbessern und das Grundbildungsniveau in Deutschland zu erhöhen. Funktionale Analphabeten sollen verstärkt direkt oder über ihr Umfeld mit Lern- und Beratungsangeboten erreicht werden.


Am 8. September wird jedes Jahr daran erinnert, dass es in vielen Ländern immer noch ein Privileg ist, lesen und schreiben zu können. Die UNESCO hat diesen Tag zum Internationalen Alphabetisierungstag erklärt, denn es gibt weltweit rund 750 Millionen erwachsene Analphabeten - zwei Drittel sind Frauen, 102 Millionen sind unter 25 Jahren. Um das Ziel der globalen Nachhaltigkeitsagenda zu erreichen, zu dem sich die Weltgemeinschaft verpflichtet hat - bis 2030 den Erwerb ausreichender Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten für alle Jugendlichen und für einen erheblichen Anteil der Erwachsenen sicherzustellen -, müssen die Anstrengungen intensiviert werden.

Die UNESCO feierte den Internationalen Tag der Alphabetisierung am Montag, den 9. September 2019, in ihrem Hauptsitz in Paris mit einer Konferenz und einer Preisverleihung, die herausragende Projekte aus Algerien, Kolumbien, Indonesien, Italien und Senegal zum diesjährigen Thema „Alphabetisierung und Mehrsprachigkeit“ würdigte.

Situation in Deutschland

Auch in Deutschland gibt es rund 6,2 Millionen Menschen, die zwar Buchstaben, Wörter und einzelne Sätze lesen und schreiben können, jedoch Mühe haben, einen längeren zusammenhängenden Text - schriftliche Arbeitsanweisungen oder Gebrauchsanleitungen, Kontoauszüge oder Verträge - zu verstehen. 62 Prozent der Betroffenen sind erwerbstätig, die Mehrheit sind Männer, Muttersprachler überwiegen mit einem Anteil von 53 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „LEO 2018 – Leben mit geringer Literalität“ der Universität Hamburg, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Auftrag gegeben hat. Die gesellschaftliche Teilhabe dieser Menschen ist stark eingeschränkt. Ihr Versuch, schriftsprachliche Situationen im Alltag und im Beruf durch kreative Strategien zu vermeiden oder mit Unterstützung von Vertrauenspersonen zu umgehen, ist sehr anstrengend.

Die Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung
Mit der „Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“ (AlphaDekade) setzen sich Bund, Länder und gesellschaftliche Organisationen gemeinsam dafür ein, dass mehr Erwachsene in Deutschland besser lesen und schreiben können. Da es schwierig ist, Betroffene zu erreichen und mit Grundbildungsangeboten zum Lernen zu aktivieren, setzt die Dekade auf eine fünfschrittige Strategie: Eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit will das Thema „funktionaler Analphabetismus“ langfristig enttabuisieren und Erwachsene dazu animieren, entsprechende Hilfsangebote wahrzunehmen. Studien und Forschungsergebnisse sollen dazu beitragen herauszufinden, wie und wo sich betroffene Personen am besten erreichen und für Angebote der Alphabetisierung und Grundbildung gewinnen lassen. Vor diesem Hintergrund werden Lernangebote optimiert und dort angeboten, wo sie den Betroffenen direkt zugute kommen: zum Beispiel am Arbeitsplatz oder im alltäglichen Lebensumfeld. Lehrpersonal wird professionalisiert und zur Zusammenarbeit mit Partnern, u.a. aus der Wirtschaft, angeregt. Und Strukturen zur weiteren Verankerung von Alphabetisierung und Grundbildung sollen in den unterschiedlichen bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Bereichen weiterentwickelt werden.

Bemühungen des Bundes und der Länder
Innerhalb der Bundesregierung liegt die Federführung beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das mit weiteren fachlich einzubeziehenden Bundesressorts eng zusammenarbeitet. Die Länderbeteiligung wird über den „Arbeitskreis Weiterbildung“ der Kultusministerkonferenz (KMK) organisiert. Bund, Länder und Partner arbeiten bei der Umsetzung der AlphaDekade in einem Kuratorium zusammen und werden dabei durch einen Wissenschaftlichen Beirat beraten. Das Bundesbildungsministerium fördert die AlphaDekade mit bis zu 180 Millionen Euro und hat im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) eine Koordinierungsstelle eingerichtet. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Ansprechpartner/innen für alle Partner und Akteure, sorgen für ihre Vernetzung und den regelmäßigen Austausch, betreuen die Projekte, betreiben Öffentlichkeitsarbeit und arbeiten mit den Koordinierungsstellen der Länder zusammen.

Die Länder haben neue Förderbereiche aufgebaut, um die Schreib- und Lesekompetenz von funktionalen Analphabeten zu verbessern und deren Grundbildung zu fördern. Mit den Fördergeldern konnten Weiterbildungsträger, insbesondere Volkshochschulen, neue Lernangebote entwickeln. Außerdem haben die Länder den Ausbau von Koordinierungsstellen und lokalen Grundbildungszentren vorangetrieben.

Informationskampagne „Besser lesen und schreiben"
Einen entscheidenden Beitrag zur Sensibilisierung der Bevölkerung leistet die bereits im September 2012 gestartete BMBF-Informationskampagne „Besser lesen und schreiben". Sie umfasst Spots für Fernsehen, Hörfunk und Internet, die Menschen in alltäglichen Situationen zeigen: beim abendlichen Vorlesen, beim Lesen und Schreiben von Textnachrichten, beim Ausfüllen von Formularen beim Arzt. Zu sehen ist insbesondere die Freude darüber, dass sie Fortschritte gemacht haben und bisher schwierige Situationen nun ohne die Hilfe Dritter bewältigen können. Alle Informationsangebote der Kampagne verweisen auf das ALFA-Telefon, das unter der Nummer 0800 53 33 44 55 kostenlos und anonym über passende Lernangebote informiert. Mit den TV-, Radio- und Hörfunkspots sollen betroffene Menschen motiviert werden, den Schritt in die Weiterbildung zu gehen und ermutigt werden, lesen und schreiben zu lernen.

Projekte am Arbeitsplatz
Im Rahmen der AlphaDekade fördert das Bundesbildungsministerium außerdem Forschungs- und Entwicklungsprojekte, die den Zugang über den Arbeitsplatz und das lebensweltliche Umfeld herstellen. Ziel ist es zum Beispiel, Grundbildung in den Kontext von betrieblichen Weiterbildungsangeboten einzubauen. Das Projekt AlphaGrund entwickelt passgenaue Weiterbildungsmaßnahmen für Beschäftigte mit Grundbildungsbedarfen in Unternehmen. Projektpartner sind das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) und Bildungswerke der Wirtschaft in acht Bundesländern. Das Projekt MENTO bildet Kolleginnen und Kollegen der Betroffenen zu Mentorinnen und Mentoren sowie Lernberaterinnen und Lernberatern aus, das Projekt BasisKomPlus will Grundbildung als festen Bestandteil in der Personalentwicklung verankern. Eine wichtige Rolle kommt bei der Alphabetisierung auch den Gewerkschaften zu. Gemeinsam mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund hat das BMBF ein Konzept zum Einsatz von Lernberaterinnen und -beratern in den Betrieben entwickelt, das nun flächendeckend angeboten werden soll. Um Unternehmen zu motivieren, will das Bundesbildungsministerium künftig jedes Jahr ein in der Alphabetisierung besonders engagiertes Unternehmen mit einem Preis auszeichnen.

Projekte aus dem lebensweltlichen Umfeld

Um niedrigschwellige Angebote und offene Formate zur Alphabetisierung und Grundbildung in großer Breite einzuführen, kooperiert das BMBF mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Im Fokus der Kooperation stehen Angebote zur Förderung von Grundbildungsangeboten in Mehrgenerationenhäusern. Mit ihren regionalen Strukturen und offenen Angeboten eignen sie sich besonders gut, Personengruppen anzusprechen, die bisher mit herkömmlichen Maßnahmen der Alphabetisierung und Grundbildung nur schwer erreicht werden konnten.

Geförderte Projekte im familiären Umfeld sind u.a. das Projekt VOR BILD UNG in Hildesheim, das Eltern von Vorschulkindern anbietet, sie bei den schriftlichen Formalitäten zur Grundschul-Anmeldung zu unterstützen und versucht, sie für längerfristige Lernangebote im Lesen und Schreiben zu gewinnen. Auch das Projekt „Knotenpunkte für Grundbildung“ in Trier zielt darauf ab, bestehende Beratungsangebote für Eltern mit geeigneten Lerninhalten zu verknüpfen. Und das Projekt „Neu Start St. Pauli“ bringt Betroffene, Einrichtungen und Angebote zusammen. In dem Hamburger Stadtteil St. Pauli wohnen viele Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Gleichzeitig ist die soziale, kulturelle und öffentliche Infrastruktur mit Stadtteilzentren, Gesundheitseinrichtungen oder sozialen Beratungsstellen im Kiez sehr gut ausgebaut.

Mobile Projekte
Gefördert werden auch zwei ALFA-Mobile des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V., die mit dem Slogan „Besser lesen und schreiben macht stolz!“ regelmäßig durch Deutschland touren und Menschen auf der Straße oder in Einkaufszentren ansprechen. Das Projektteam klärt über Anzeichen, Ursachen und Hilfsangebote für funktionalen Analphabetismus auf und macht Werbung für Lese- und Schreibangebote. Das ALFA-Mobil kann auch gebucht werden - genauso wie die Info-Ausstellung „Lesen und Schreiben öffnet Welten", die Fakten über funktionalen Analphabetismus in Deutschland liefert, Betroffene zu Wort kommen lässt und über Lernangebote in der Region informiert. Mit der Ausstellung unterstützt das BMBF die Öffentlichkeitsarbeit der Länder. Interessierte Einrichtungen können sie bei der Koordinierungsstelle des jeweiligen Landes ausleihen und im Rahmen von Veranstaltungen auf Alphabetisierungsangebote in ihrer Region aufmerksam machen.

 

 

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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 12.09.2019
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