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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 13.06.2019:

„Die Gebrüder-Grimm-Schule hat die Not zum Motor ihrer Entwicklung gemacht.“

Der Deutsche Schulpreis 2019 geht nach Hamm

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Die Gebrüder-Grimm-Schule
Bildrechte: Robert Bosch Stiftung / Traube 47

Am 5. Juni wurde der Deutsche Schulpreis 2019 verliehen. Mit dem Deutschen Schulpreis zeichnen die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung - gemeinsam mit der ARD und der ZEIT Verlagsgruppe - gute Schulen und ihre innovativen Schulkonzepte aus. Die Praxiskonzepte der Preisträgerschulen werden anschließend aufbereitet und allen Schulen zur Verfügung gestellt.


Die Gebrüder-Grimm-Schule liegt in einem sozial benachteiligten Stadtteil in Hamm (NRW). Rund 220 Kinder besuchen die Grundschule, davon hat mehr als die Hälfte einen Migrationshintergrund. Knapp 100 Schülerinnen und Schüler erhalten Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket, jedes zehnte Kind hat sonderpädagogischen Förderbedarf. Trotzdem schafft es die Schule, dass alle Kinder ihre Talente und Stärken erkennen und zeigen können. Für diese außerordentliche Leistung wurde die Schule am 5. Juni 2019 im ewerk in Berlin mit dem mit 100.000 Euro dotierten Hauptpreis des Deutschen Schulpreises 2019 geehrt. „Die Gebrüder-Grimm-Schule hat die Not zum Motor ihrer Entwicklung gemacht“, sagte Professor Michael Schratz, Erziehungswissenschaftler von der Universität Innsbruck und Sprecher der Jury des Deutschen Schulpreises bei der Verleihung. „Als Brennpunktschule, die in räumlicher Enge und mit wenigen Ressourcen zurechtkommen musste, hat sie in den vergangenen zehn Jahren eine Umgebung geschaffen, in der Lernen hervorragend gelingt. Ein exzellentes Vorbild für innovative Schulentwicklung, von dem andere Schulen lernen können.“

Fünf weitere Preise in Höhe von je 25.000 Euro gingen an die Alemannenschule Wutöschingen (BW), die Kettelerschule in Bonn (NRW), die Schiller-Schule in Bochum (NRW), die Kurfürst-Moritz-Schule in Moritzburg (SN) und die Deutsche Schule „Mariscal Braun“ in La Paz (Bolivien). Die neun nominierten Schulen, die nicht ausgezeichnet wurden, erhielten Anerkennungspreise in Höhe von jeweils 5.000 Euro.

Der Deutsche Schulpreis
Die Stiftungen vergeben den Deutschen Schulpreis seit dem Jahr 2006. Unter dem Motto „Für mehr gute Schulen!“ haben sie sich zum Ziel gesetzt, die Qualität von Schule und Unterricht in Deutschland nachhaltig zu verbessern. Bei der Frage, was eine gute Schule ausmacht, orientieren sie sich an einem umfassenden Verständnis von Bildung und Lernen, das mit den sechs Qualitätsbereichen „Leistung“, „Umgang mit Vielfalt“, „Unterrichtsqualität“, „Verantwortung“, „Schulklima, Schulleben und außerschulische Partner“ sowie „Schule als lernende Institution“ beschrieben ist. Schulen, die mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet werden, müssen in allen Bereichen gut und mindestens in einem Bereich weit überdurchschnittlich abschneiden.

Die jährliche Ausschreibung des Preises richtet sich an alle allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in öffentlicher oder privater Trägerschaft in Deutschland sowie an deutsche Auslandsschulen. Seit dem Start des Programms haben sich rund 2.000 Schulen für den Preis beworben.

Schultag folgt festem Rhythmus

An der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm, Westfalen, folgt der Schultag einem festen Rhythmus. Gestartet wird mit dem „Morgentanz“ im Schulfoyer, alle Kinder, die möchten, können sich auf angenehme Musik „warmtanzen“. Danach beginnt die Lernzeit. In dieser morgendlichen Viertelstunde beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler in anregend strukturierten Klassenräumen selbstständig mit ihren individuellen Lernzielen, die sie auf kleinen Kärtchen notiert haben, während im Hintergrund leise Musik läuft. Um Viertel nach acht endet die Lernzeit in allen Klassen. Dann besprechen die Lehrerinnen und Lehrer gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern den Schultag.

Epochenunterricht
Das Schuljahr an der Gebrüder-Grimm-Schule ist in wiederkehrende, mehrwöchige Epochen unterteilt, in denen die Kinder mal in der Klasse, mal in jahrgangsgemischten Gruppen lernen. Sie wählen sich die Themen selbst und bearbeiten sie eigenständig in der vorgegebenen Zeit. Im Stundenplan fest verankert ist das Lernkaleidoskop. Dabei handelt es sich um eigens hierfür vorbereitete Lernräume, in denen die Schülerinnen und Schüler individuell nach eigenem Tempo und Anspruch lernen.

Über die Lernziele bis zum Ende der vierten Klasse informiert der Kinderlehrplan. Der Kinderlehrplan in kindgerechter Sprache ist ein besonderes Konzept der Gebrüder-Grimm-Schule, ein wichtiger Meilenstein im Schulentwicklungsprozess, auf den Schulleiter Frank Wagner stolz ist. Als er vor über zehn Jahren an die Schule kam, stand sie kurz vor der Schließung. Es gab kaum noch Anmeldungen. Die Stadtverwaltung überlegte, die Gebrüder-Grimm-Schule als Stadtteilzentrum umzunutzen. „Damals ging es ums Überleben“, erinnert sich Frank Wagner. Der Schulrat riet ihm, selbst Hand anzulegen. Der Gebrüder-Grimm-Schule war diese schwierige Situation Antrieb. „Ich bin heute noch fasziniert davon, wie das funktionieren kann, ohne dass wir auch nur einen Cent oder eine Lehrerstelle mehr bekommen haben“, so Wagner.

Lobkultur ist zentral
Das Loben und Wertschätzen nimmt in der Schule einen ganz besonderen Stellenwert ein. Im Treppenhaus hängen auf Augenhöhe der Kinder kleine Spiegel, darauf stehen Sprüche wie: „Du bist wundervoll!“ oder „Du strahlst wie die Sonne!“. Im Schulhaus stehen an verschiedenen Plätzen kleine Boxen mit Komplimente-Kärtchen zum Verschenken, um positives Feedback zu üben. Alle Kinder starten jeden Morgen auf derselben „Gut-Wetter-Position“. Wer sich an die Klassenregeln hält, leise und mit Sorgfalt arbeitet, kann seinen Platz im „Klassenwetter“ verbessern. Landen die Schülerinnen und Schüler 15-mal ganz oben auf dem Regenbogen, bekommen sie eine Belohnung. Zentrales Element der Lobkultur aber sind die Lobbriefe. In diesen Briefen werden die Kinder für besondere Talente oder für gutes Verhalten im Schulalltag gelobt, zum Beispiel, wenn sie neuen Mitschülern helfen, sich zurecht zu finden. Auf den monatlichen Schulversammlungen „Treffpunkt Grimm“ werden sie laut vorgelesen.

Bald wird sich auch die räumliche Situation der Schule deutlich verbessern. Die Stadt Hamm hat einen 1,6 Millionen Euro teuren Anbau genehmigt, den die Schule als offene Lernlandschaft nutzen möchte, als Erweiterung der bisherigen Lerninseln. Das sind drei Räume, in denen es eine Bauecke, ein Theater, eine Schulbibliothek und einen Computerbereich gibt. Hier können die Kinder am Vormittag und Nachmittag im offenen Ganztag arbeiten und ihre Talente selbstständig oder angeleitet weiter entwickeln.

Konzepte stehen anderen Schulen zur Verfügung
Der Deutsche Schulpreis ist inzwischen aber mehr als ein Wettbewerb, auch nach der Preisverleihung geht es für die Schulen weiter. Im Forschungsprogramm „Wie geht gute Schule? - Forschen für die Praxis“ wird die innovative und herausragende Schulpraxis der Preisträgerschulen erforscht, um die Lücke zwischen Schulpraxis und Bildungsforschung zu schließen. Und im Entwicklungsprogramm für exzellente Schulen des Deutschen Schulpreises werden Bewerberschulen, die nicht mit einem Preis ausgezeichnet wurden, zwei Jahre lang in ihrer Schulentwicklung begleitet und unterstützt. In dieser Zeit erhalten sie eine individuelle Prozessbegleitung und nehmen an Seminaren und Vernetzungsangeboten teil. Außerdem werden die Praxiskonzepte der Preisträgerschulen von der Deutschen Schulakademie aufbereitet und über Fortbildungen, Publikationen und das Deutsche Schulportal allen Schulen zur Verfügung gestellt. „Ein Kreislauf, in dem sich gute Schulpraxis verstärkt und verbreitet“, so Prof. Dr. Joachim Rogall, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch Stiftung GmbH.






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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 13.06.2019
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