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„Um soziale Unterschiede auszugleichen, sollte das Bildungssystem früh Entwicklungs- und Sprachstände erfassen, Förderbedarfe erkennen und gezielt unterstützen.“

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Bildrechte: Prof. Dr. Kai Maaz: fotorismus für DIPF, Dr. Josefine Lühe: DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

16.07.2026: Am 15. Juni wurde der nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026“ veröffentlicht. Er wird alle zwei Jahre auf Basis von amtlichen Statistiken sowie sozialwissenschaftlichen Daten und Studien durch eine unabhängige Gruppe von Wissenschaftler*innen unter Federführung des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation erstellt und benennt Leistungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen des deutschen Bildungssystems. Das Schwerpunktkapitel 2026 befasst sich mit Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft. 

Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit dem Sprecher der Autor*innengruppe, Professor Dr. Kai Maaz, Geschäftsführender Direktor des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und Leiter der Abteilung „Struktur und Steuerung des Bildungswesens“, sowie Dr. Josefine Lühe, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Mitglied der Autor*innengruppe und Wissenschaftliche Gesamtkoordination des nationalen Bildungsberichts, über wesentliche Befunde des aktuellen Berichts.

 

Der nationale Bildungsbericht verzeichnet viele negative Entwicklungen wie den Fachkräftemangel, ungleiche Bildungschancen und wachsende Leistungsprobleme - gibt es auch positive Ergebnisse?

Lühe: Ja, eine positive Entwicklung sehe ich darin, dass sich die sozialen Disparitäten im Kompetenzerwerb - also der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulleistungen - in Deutschland zwischen 2000 und 2012 deutlich verringert haben. Zwar ist dieser Zusammenhang im internationalen Vergleich weiterhin vergleichsweise stark, und wir können aufgrund der Studiendesigns von PISA nicht sagen, worauf sein Rückgang zurückzuführen ist, doch die Entwicklung zeigt, wie veränderbar Bildungsungleichheiten sind. Ein zweiter positiver Befund ist die Erhöhung der Anzahl der Schulpsycholog*innenstellen in den vergangenen zehn Jahren, auch wenn sie nicht in allen Bundesländern gleichermaßen ausgefallen ist. 

Maaz: Wir sollten nicht in Resignation verfallen. Die Entwicklung der letzten 20 Jahre zeigt, dass Veränderungen im Bildungssystem möglich sind: Frühe Bildung, Ganztagsangebote, Hochschulen und Bildungsforschung wurden deutlich ausgebaut und nahezu alle Bildungsbereiche verfügen heute über mehr Personal. Positiv ist auch, dass sich Bildungsungleichheiten, die beispielsweise beim Übergang in ein Hochschulstudium nachgewiesen wurden, verringern lassen. Studien zeigen, eine gezielte Information und Vorbereitung von Jugendlichen in der Schule kann ihre Studienaspiration steigern. Daraus lässt sich ableiten: Beratungsangebote müssen stärker dorthin gebracht werden, wo Unterstützung gebraucht wird, statt darauf zu warten, dass Jugendliche diese selbst aufsuchen.  

Auffällig ist trotzdem der Befund, dass die soziale Herkunft nach wie vor gravierend über den Bildungsverlauf entscheidet. Jedes vierte Kind wächst in mindestens einer Risikolage auf - in einem armutsgefährdeten Haushalt, mit formal gering qualifizierten Eltern oder ohne erwerbstätigen Elternteil. Welche Maßnahmen sind nötig, um Chancengleichheit für alle Kinder zu erzielen?

Maaz: Vollständig verschwinden werden soziale Unterschiede vermutlich nie. Der Anspruch eines demokratischen Bildungssystems muss aber sein, ihre Wirkung auf Bildungswege, Kompetenzen und Abschlüsse so weit wie möglich zu verringern - und allen Kindern verlässlich die Grundlagen für weitere Bildungs- und Lebenswege zu sichern. Um das zu erreichen, sollte das Bildungssystem früh Entwicklungs- und Sprachstände erfassen, Förderbedarfe erkennen und gezielt unterstützen. Vor allem bei der Sprachförderung zeigt sich Handlungsbedarf: Nur fünf Bundesländer verbinden Sprachstandserhebungen mit einer anschließenden verpflichtenden Förderung. Würde dies bundesweit umgesetzt, könnten Kinder mit deutlich besseren Voraussetzungen in die Grundschule starten und hätten ein geringeres Risiko, früh den Anschluss zu verlieren.
Die eigentliche Zukunftsaufgabe besteht darin, Bildungssysteme so zu organisieren, dass sie nicht erst reagieren, wenn Kinder bereits den Anschluss verloren haben. Wir brauchen Strukturen, die Entwicklungs- und Lernstände früh wahrnehmen, Unterstützung selbstverständlich machen und Verantwortung über institutionelle Grenzen hinweg organisieren - von der Kita über die Schule bis in Ausbildung und Studium.

Lühe: Da Bildungsungleichheiten bereits früh im familiären Umfeld entstehen, reicht Bildungspolitik allein nicht aus - auch Sozial- und Familienpolitik müssen stärker einbezogen werden. Zudem besuchen gerade Kinder aus weniger bildungsnahen Familien seltener eine Kita, obwohl sie von guter frühkindlicher Bildung besonders profitieren könnten. Daher sollten bestehende Zugangsbarrieren identifiziert und gezielt abgebaut werden. Und auch wenn ich es positiv sehe, dass die Bedeutung der frühen Bildung in der Öffentlichkeit akzeptiert wird, darf der Fokus nicht nur darauf gerichtet werden: Auch in späteren Bildungsphasen und an wichtigen Übergängen, etwa in die Sekundarstufe oder in die Ausbildung, sind gezielte Förder- und Unterstützungsangebote notwendig, um Ungleichheiten abzubauen.

Bundesbildungsministerin Karin Prien hat bei der Vorstellung des nationalen Bildungsberichts angekündigt, die frühe Bildung zu stärken, um die „Bildungsschere, die sich nach der Geburt öffnet“, schneller wieder zu schließen. Was kann eine gute Kita leisten?

Maaz: Untersuchungen zeigen, dass Bildungsungleichheiten im Prinzip schon im ersten Lebensjahr entstehen, auch wenn sie erst in der Grundschule oder in der Sekundarstufe sichtbar werden. Kinder wachsen je nach sozialem Hintergrund unter unterschiedlichen Förder- und Entwicklungsbedingungen auf, was sich früh auf ihre Kompetenzen auswirken kann. Deshalb ist diese Lebensphase besonders wichtig. Kitas können dabei viel bewirken, wenn ihr Bildungsauftrag ernst genommen wird: durch gute Fachkraft-Kind-Interaktionen, alltagsintegrierte Sprachbildung, systematische Entwicklungsbeobachtung, anschlussfähige Bildungspläne und verlässliche Qualitätsentwicklung. Positiv ist, dass sich die Länder mit „StarS - Stark in die Grundschule starten“ auf ein gemeinsames Monitoring verständigt haben, das bereits am Ende der ersten Klasse Kompetenzen erfasst. Noch wirksamer wäre es, Förderbedarfe schon vor dem Schuleintritt systematisch zu erkennen und zu unterstützen.

„Die zunehmend heterogene Schülerschaft erklärt die Leistungsrückgänge nur teilweise.“

Immer mehr Schüler*innen erreichen grundlegende Mindeststandards in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften nicht. Worin liegen die Ursachen dafür und wie kann dem entgegengesteuert werden?

Lühe: Die Studien zeigen zwar, dass immer mehr Kinder und Jugendliche die Mindeststandards verfehlen und die durchschnittlichen Leistungen sinken, sie können die Ursachen dafür jedoch nicht eindeutig bestimmen. Sie belegen aber, dass diese Entwicklung bereits vor der Corona-Pandemie begann und die zunehmend heterogene Schülerschaft die Leistungsrückgänge nur teilweise erklärt. Hinzu kommen vermutlich weitere Faktoren wie Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfälle, ein steigender Anteil nicht vollständig qualifizierter Lehrkräfte sowie Schulen, die gleichzeitig viele andere Herausforderungen bewältigen müssen.

Kompetenzrückstände, Ausbau der Kita-Plätze für unter Dreijährige, Rechtsanspruch auf einen Platz im Ganztag: Welche Strategien sind am wirksamsten, um trotz Fachkräftemangel Qualität und Ausbauziele zu sichern?

Maaz: Auch hier gilt: Es braucht klare Bildungsziele, passende Qualifizierungskonzepte und einen flexibleren Personaleinsatz. In Kitas bestehen dafür gute Möglichkeiten. Doch beim Kita-Rechtsanspruch zeigte sich, dass vor allem die Zahl der Plätze stieg, und nicht die Qualität. Eine ähnliche Entwicklung droht beim Ganztag, wenn dieser vor allem unter Kosten- und Betreuungsaspekten betrachtet wird. Ob Kinder nur betreut oder gezielt gefördert werden, macht jedoch einen entscheidenden Unterschied und erfordert eine unterschiedliche Personalzusammensetzung. Der Rechtsanspruch auf den Ganztag bietet großes Potenzial, Bildungsungleichheiten und Kompetenzarmut abzubauen - dafür braucht es aber eine gezieltere Umsetzung.

Monitoring allein reicht nicht. Wenn Leistungsrückgänge sichtbar werden, brauchen wir ergänzend systematische Ursachen- und Wirkungsforschung: Was erklärt die Entwicklung? Welche Maßnahmen wirken unter welchen Bedingungen? Und wie gelangen diese Erkenntnisse schneller in Steuerung und Praxis?

Braucht es also eine stärkere Orientierung der Bildungspolitik an den Erkenntnissen der Bildungsforschung?

Maaz: Wir haben bereits vor zwei Jahren im Bildungsbericht festgestellt, dass Bildungspolitik häufig eher reaktiv als proaktiv gestaltet wird. Angesichts eines steigenden Anteils von Kindern, die mit einer anderen Familiensprache als Deutsch aufwachsen, wäre es wichtig, frühzeitig zu handeln: Bereits für die Kitas sollten systematische Konzepte zur Sprachförderung entwickelt und umgesetzt werden. Gleichzeitig brauchen Schulen stärkere Ansätze im Bereich Deutsch als Zweitsprache, um unterschiedliche sprachliche Ausgangslagen gezielt auszugleichen. Nur so lässt sich verhindern, dass Kinder dem Unterricht zunehmend schlechter folgen können und dadurch langfristig Bildungsnachteile entstehen.

„Das Problem ist weniger der Mangel an Aktivitäten als deren fehlende Verknüpfung.“

Die Länder haben zahlreiche Maßnahmen und Programme zum Abbau von Bildungsungleichheit ins Leben gerufen. Warum entfalten sie nicht die erwartete Wirkung - und was müssen Bund und Länder tun, damit sich das ändert?

Maaz: Der Politik kann man nicht vorwerfen, untätig zu sein: Auf Landesebene haben wir rund 350 Maßnahmen und auf Bundesebene 13 Programme identifiziert. Das Problem ist weniger der Mangel an Aktivitäten als deren fehlende Verknüpfung. Viele Maßnahmen setzen auch erst in der Schule an, obwohl Bildungsungleichheiten oft schon davor entstehen. 
Das Startchancen-Programm verfolgt hier eine Doppelstrategie: Es verbindet die Förderung von Basiskompetenzen in Deutsch und Mathematik mit der Stärkung sozialer und emotionaler Fähigkeiten, die eine wichtige Grundlage für erfolgreiches Lernen sind. Zudem richtet es sich nicht nur an einzelne Schulen und Lehrkräfte, sondern an das gesamte Unterstützungssystem. So werden beispielsweise Multiplikator*innen qualifiziert, die in den Schulen Fortbildungen anbieten und deren Expertise auch über die Laufzeit des Programms hinaus erhalten bleibt. 
Wenn „Startchancen“ erfolgreich sein soll, darf es aber nicht als befristetes Förderprogramm verstanden werden. Es kann ein Modell dafür werden, wie das Bildungssystem insgesamt lernfähiger wird: dateninformiert, sozialraumbezogen, multiprofessionell und mit dauerhaften Unterstützungsstrukturen für besonders herausfordernde Lagen.

 

Kommen wir zum Hochschulbereich. Fast 30 Prozent aller in Deutschland erlangten Masterabschlüsse und Promotionen in MINT-Fächern werden von internationalen Studierenden erworben. Was heißt das für den deutschen Arbeitsmarkt?

Maaz: Auf der einen Seite ist es erfreulich, dass knapp ein Drittel der MINT-Studierenden aus dem Ausland kommt - das zeigt die internationale Attraktivität des Hochschulstandorts Deutschland. Auf der anderen Seite handelt es sich gerade in den MINT-Berufen um einen Bereich mit erheblichem Fachkräftemangel. Daher stellt sich die Frage, wie es gelingen kann, mehr der hier ausgebildeten internationalen Absolvent*innen dauerhaft für den deutschen Arbeitsmarkt zu gewinnen. Dafür braucht es Strategien, die nicht nur den Studienerfolg im Blick haben, sondern auch den Übergang von der Hochschule in den Beruf gezielt unterstützen.

Welche Herausforderungen bestehen in der beruflichen Bildung?

Lühe: Der Bericht zeigt mehrere Befunde: Einerseits ist die Zahl der Jugendlichen im Übergangssektor zuletzt wieder gestiegen, insbesondere unter Jugendlichen ohne Schulabschluss und mit Einwanderungsgeschichte. Das verweist sowohl auf Integrationsprobleme als auch auf die Frage, wie gut dieser Bereich auf Ausbildung und Erwerbstätigkeit vorbereitet. Andererseits nehmen sowohl die Zahl der Auszubildenden im dualen System als auch die Zahl der ausbildenden Betriebe ab. Das ist mit Blick auf den Fachkräftemangel problematisch. Gleichzeitig bestehen erhebliche Passungsprobleme: Während viele Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, finden nicht alle Ausbildungsinteressierten einen passenden Platz. 

Maaz: Der Befund ist paradox: Es stehen weniger Ausbildungsplätze zur Verfügung als nachgefragt werden und trotz vieler unbesetzter Ausbildungsstellen finden zahlreiche Jugendliche keinen Ausbildungsplatz, während zugleich die Zahl der Auszubildenden insgesamt zurückgeht. Um diese Passungsprobleme zu verringern, braucht es mehr Berufsorientierung und gezielte Vorbereitung - auch an Gymnasien.

Zugleich steht die berufliche Bildung vor einer weiteren großen Herausforderung: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern die Arbeitswelt in rasantem Tempo. Es geht weniger darum, dass Berufe vollständig verschwinden, sondern dass sich Tätigkeitsprofile, Kompetenzanforderungen und Arbeitsprozesse schnell verändern. Ausbildung muss deshalb technologieoffener, adaptiver und stärker auf Lernfähigkeit, Problemlösen und digitale Souveränität ausgerichtet werden.  


Prof. Dr. Kai Maaz ist Geschäftsführender Direktor des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Leiter der Abteilung „Struktur und Steuerung des Bildungswesens“ und Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Bildungssysteme und Gesellschaft an der Goethe-Universität Frankfurt. Er ist u.a. Sprecher der Autor*innengruppe des nationalen Bildungsberichts, leitet den Forschungsverbund zur wissenschaftlichen Begleitung des Startchancen-Programms und ist Mitglied der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz.


Dr. Josefine Lühe ist seit 2014 am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation in der Abteilung „Struktur und Steuerung des Bildungswesens“ in verschiedenen Projekten tätig, seit 2021 im Arbeitsbereich Bildungsmonitoring und Bildungsberichterstattung. Sie gehört seit 2024 der Autor*innengruppe des nationalen Bildungsberichts an und übernimmt dort die wissenschaftliche Gesamtkoordination.


Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 16.07.2026
© Bildung + Innovation

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