„Schwierigkeiten in der Ausbildung junger Geflüchteter sind selten auf individuelle Defizite zurückzuführen“

21.05.2026: Die Integration geflüchteter Jugendlicher in die berufliche Ausbildung stellt vor allem ländliche Regionen vor Herausforderungen. Zwar zeigen sich viele Betriebe offen, fühlen sich jedoch häufig durch Sprachbarrieren, aufenthaltsrechtliche Unsicherheiten, interkulturelle Missverständnisse oder auch rassistische Dynamiken überfordert. Ähnlich schwierig ist die Situation für junge Geflüchtete selbst: Sie kämpfen mit Sprachproblemen, unsicheren Bleibeperspektiven, mangelndem Wissen über das deutsche Ausbildungssystem und mit Diskriminierungserfahrungen. Auch Kommunalverwaltungen stoßen an Grenzen – komplexe Zuständigkeiten, geringe Flexibilität und fehlende Vernetzung erschweren die Arbeit.
Diese Befunde stammen aus dem Projekt „laeneAs – Ländliche Bildungsumwelten junger Geflüchteter in der beruflichen Ausbildung“, dessen Ziel es war, Bildungsbarrieren gemeinsam mit Betroffenen und relevanten Institutionen zu identifizieren und praxisnahe Lösungsansätze zu entwickeln. Die Ergebnisse wurden im Praktiker*innenhandbuch „Gute Praxis für eine gelingende Berufsausbildung geflüchteter Menschen“ zusammengefasst.
Durchgeführt wurde das Projekt von Stefan Thomas, Professor für Empirische Sozialforschung und Soziale Arbeit an der FH Potsdam, gemeinsam mit Prof. Dr. Annette Korntheuer und Judith Bucher von der Hochschule München und Dr. Arne Böker (jetzt Alice Salomon Hochschule Berlin).
Herr Thomas, können Sie Ihr Projekt kurz beschreiben?
Stefan Thomas: Im Projekt „laeneAs – Ländliche Bildungsumwelten junger Geflüchteter in der beruflichen Ausbildung“ haben wir untersucht, vor welchen Barrieren junge geflüchtete Menschen beim Einstieg und beim Verbleib in beruflicher Ausbildung stehen – insbesondere in ländlichen Räumen. Uns ging es nicht nur darum, Probleme zu analysieren, sondern gemeinsam mit den Betroffenen und relevanten Institutionen konkrete Lösungen zu erarbeiten. Bildungsbarrieren zu identifizieren, Best Practice-Modelle zu entwickeln und die subjektive Perspektive der Beteiligten einzubeziehen, waren übrigens auch Zielsetzungen der Förderrichtlinie dieses Projekts.
Sie haben Ihre Studie in zwei Bundesländern durchgeführt?
Stefan Thomas: Ja. Beteiligt waren die Bundesländer Brandenburg und Bayern mit insgesamt vier Landkreisen: Märkisch-Oderland und Ostprignitz-Ruppin in Brandenburg sowie Eichstätt und Schwandorf in Bayern. Gemeinsam mit Berufsschulen, Kommunen, Betrieben, sozialen Trägern und den Jugendlichen selbst haben wir über einen Zeitraum von rund zwei Jahren sogenannte Reallabore durchgeführt.
Was genau sind Reallabore?
Stefan Thomas: Unsere Reallabore bestanden aus Workshop-Reihen in Form von Zukunftswerkstätten, Praxisentwicklungsworkshops und Gruppendiskussionen. Unsere Grundidee war, nicht über junge Geflüchtete, sondern mit ihnen zu sprechen. Deshalb haben wir sogenannte Peer-Research-Gruppen aufgebaut, in denen die Jugendlichen ihre eigenen Erfahrungen erforschen und aktiv in Workshops einbringen konnten. In einem Setting mit Experten aus Schulen, Handwerkskammern und Arbeitsagenturen einerseits und Vertretern aus der Sozialarbeit und Sprachschulen bzw. deren Trägern andererseits müssen die Jugendlichen schon recht selbstsicher sein, um ihre eigenen Positionen vertreten zu können!
Als migrantischer Jugendlicher in einem Workshop über individuelle Erfahrungen zu berichten, wäre also eher nicht sinnvoll gewesen?
Stefan Thomas: In der transformativen Wissenschaft, wie wir sie verstehen, ist es zentral aus der individuellen Betroffenheit herauszutreten und herauszufinden, wo die strukturellen Probleme liegen. Es geht also nicht einfach um Mohammed, der Probleme in seiner Ausbildung hat, sondern auch um all die anderen Auszubildenden, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben – zum Beispiel mit Rassismus –, und herauszufinden, wie man beispielsweise behördliche Prozesse anders oder besser strukturieren könnte. Es geht nicht um individuelle Betroffenheit, sondern um strukturelle Probleme.
Beim Deutschen Bildungsserver
Was waren die zentralen Erkenntnisse in Ihrem Projekt?
Stefan Thomas: Dass Bildungsabbrüche oder Schwierigkeiten in der Ausbildung selten auf individuelle Defizite zurückzuführen sind. Häufig scheitern junge Menschen an einem Zusammenspiel struktureller Barrieren. Hindernisse sind mangelnde Mobilität im ländlichen Raum, unübersichtliche Verwaltungsstrukturen, fehlende Vernetzung von Institutionen, Sprachhürden und Diskriminierungserfahrungen.
Ein anderer wichtiger Befund war, dass die lokalen Akteure wie Schulen, Betriebe, Verwaltungen oder soziale Träger durchaus engagiert sind, aber es ist oft eher ein Nebeneinander als ein Miteinander. Dadurch entstehen Versorgungslücken.
Schwierigkeiten in der Ausbildung sind selten auf individuelle Defizite zurückzuführen.
Eine spannende Erkenntnis war auch, dass im Umgang mit Migration zwei recht widersprüchlichen „Integrationsregimes“ gefolgt wird: Auf der einen Seite die Ausländerbehörde oder die Arbeitsagenturen, die Zugangsmöglichkeiten zur Gesellschaft stark regulieren, auf der anderen Seite die Sozialarbeit und andere Netzwerke, die versuchen Integrationsprozesse zu unterstützen. Beides staatlich finanziert! Dies besser auszubalancieren, wäre meiner Ansicht nach Aufgabe der Politik.
Gab es denn Unterschiede zwischen den Landkreisen?
Stefan Thomas: Ja, durchaus. In Brandenburg spielten beispielsweise große räumliche Distanzen und ein schwacher öffentlicher Nahverkehr eine größere Rolle. Beispiel: Ein junger Geflüchteter besitzt kein Auto und keinen Führerschein und kann seine Ausbildungsstätte nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen; das kann in Brandenburg jeden Tag bis zu drei Stunden Fahrzeit kosten. Das ist allerdings auch ein Problem für alle anderen, die dort leben!
In Bayern waren teilweise stabilere Unterstützungsnetzwerke vorhanden; dort gibt es aber auch eine längere Migrationsgeschichte und eine viel stärkere Selbstorganisation von Menschen mit Migrationshintergrund. Gleichzeitig gab es an allen Standorten ähnliche strukturelle Herausforderungen im Übergang Schule – Beruf.
Welche Rolle spielt Vernetzung?
Stefan Thomas: Für uns war doch überraschend zu sehen, dass sich zumindest in Brandenburg die Akteure zwar kannten, aber nicht wirklich vernetzt waren. Vernetzung hört sich einfach an, ist im Zweifelsfall aber schwer zu bewerkstelligen – sie hängt ganz stark auch von den Menschen vor Ort ab. Mit unserem Projekt konnten wir beispielsweise dafür sorgen, dass eine Mitarbeiterin der Ausländerbehörde sich mit einem Schulsozialarbeiter zusammensetzt, um eine gemeinsame Handlungsstrategie zu entwickeln – hochspannend! Wissenschaft kann also durchaus Selbstreflexion ermöglichen und wertvolle Impulse setzen.
Entscheidend sind: Verlässliche Begleitung, gute institutionelle Vernetzung und die Perspektive der Jugendlichen.
Aus unserer Sicht erfolgreich waren vor allem niedrigschwellige Unterstützungsangebote, Mentoring, Mobilitätslösungen und eine bessere Koordination zwischen Schule, Betrieben, Verwaltung und Sozialarbeit.
Vor welchen Herausforderungen stehen geflüchtete Jugendliche, Betriebe und Kommunalverwaltungen konkret?
Stefan Thomas: Interessant war erst mal: Alle sind hoch motiviert! In beiden Landkreisen war die kommunale Seite sehr engagiert. Die Ausbildungs- und Handwerksbetriebe im ländlichen Raum suchen ja händeringend nach Azubis, die nicht nur an einer Maschine stehen, sondern auch mit Kundenkontakt gut zurechtkommen.
Viele Betriebe zeigen sich also grundsätzlich offen, fühlen sich aber teilweise überfordert. Sie stehen vor Sprachbarrieren, haben Unsicherheiten im Umgang mit aufenthaltsrechtlichen Fragen und leiden auch unter interkulturellen Missverständnissen. Gleichzeitig sieht man aber auch Diskriminierung und rassistische Dynamiken in einzelnen Betrieben.
Vor mehreren Herausforderungen gleichzeitig stehen viele junge Geflüchtete: Dazu gehören Sprachbarrieren, unsichere Bleibeperspektiven, fehlendes Wissen über das deutsche Ausbildungssystem und Diskriminierungserfahrungen. In unseren Gesprächen wurde deutlich, dass Zugangschancen teilweise entlang rassistischer Zuschreibungen ungleich verteilt sind – etwa bei Bewerbungen, im Arbeitsalltag oder bei der Wohnungssuche.
Zentrale Barrieren sind: Aufenthaltsrecht, Sprachbarrieren, fehlendes Wissen über das Ausbildungssystem, Diskriminierung, mangelnde Vernetzung und Flexibilität
Und die Kommunalverwaltungen arbeiten zum großen Teil unter hohem Druck und innerhalb komplexer Zuständigkeiten. Mangelnde Vernetzung, starre Zuständigkeitslogiken und geringe Flexibilität sind hier häufige Probleme. Die Migranten erleben teilweise auch institutionelle Exklusionsmechanismen, die integrationshemmend wirken.
Was raten Sie Kommunalverwaltungen, Betrieben und Schulen?
Stefan Thomas: Eine zentrale Empfehlung lautet: Übergänge in Ausbildung müssen als gemeinsame Aufgabe verstanden werden! Kommunen sollten lokale Netzwerke koordinieren und zentrale Ansprechpartner schaffen – zum Beispiel mit einem oder einer Integrationsbeauftragten. Handwerks- und Handelskammern könnten Betriebe stärker beraten und für Diversität sensibilisieren, sie könnten ein zentraler Hebel zu einer besseren Integration sein! Ausbildungsbetriebe sollten Mentoring-Strukturen aufbauen und diskriminierungssensible Arbeitskulturen fördern; Arbeitsagenturen / Jobcenter müssen Informationen transparenter machen und niedrigschwelliger beraten; Schulen sollten Übergänge intensiver begleiten und individueller unterstützen.
Übergänge in Ausbildung müssen als gemeinsame Aufgabe verstanden werden!
Grundsätzlich sollten die Bildungsangebote auch stärker auf Geflüchtete bezogen sein. In Bayern ist das fast selbstverständlich, aber in Brandenburg ist das nach wie vor ein neues Thema, das von einzelnen engagierten Akteuren übernommen wird, aber nicht in der Breite mitgedacht wird. Viele Lösungen sind lokal bereits vorhanden– sie müssen nur besser miteinander verbunden werden.
Und die Empfehlungen an Sozialarbeit und geflüchtete Jugendliche?
Stefan Thomas: Jugendsozialarbeit oder Migrationssozialarbeit müssen ganz klar ihre Angebote vor Ort bekannter machen, zum Beispiel indem sie Selbstvertretungsstrukturen für Geflüchtete aufbauen. Die Peer-Netzwerke haben in unserem Projekt sehr gut funktioniert! Die Kolleginnen und Kollegen dort sitzen manchmal lieber am Schreibtisch, anstatt aktiv den Kontakt mit den Menschen vor Ort zu suchen.
Und allen Jugendlichen möchte ich sagen, dass sie sich aktive Unterstützung durch die Sozialarbeit in den Landkreisen suchen sollten! Allein durchzukommen ist schwierig, denn man hat seine Situation nicht selbst irgendwie verschuldet oder einfach Pech gehabt – anderen geht es oft genauso; das ist ein systemisches Problem. Außerdem: Dranbleiben und sich nicht entmutigen lassen, von den vielen Schwierigkeiten – gerade auch im Hinblick auf aufenthaltsrechtliche Bestimmungen.
Ich finde es auch wichtig, in Chancen zu denken – der Ausbildungsplatz als Einzelhandelsverkäuferin bei der Bäckerei muss nicht die Endstation sein, sondern ein Zwischenschritt, um erstmal Fuß zu fassen. Vielleicht ermöglicht unser offenes Bildungssystem im zweiten Schritt doch mehr Chancen.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Thomas!
Stefan Thomas ist Professor für Empirische Sozialforschung und Soziale Arbeit am Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften der Fachhochschule Potsdam. Seine Fachgebiete sind partizipative Forschungsgestaltung, qualitative Methoden und transdisziplinäre Zusammenarbeit.
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Autor(in): Christine Schumann
Kontakt zur Redaktion
Datum: 21.05.2026
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