„Es gibt nicht das eine Angebot, das für alle passt.“ Interview über den Abbau von Bildungsbarrieren in der Jugendarbeit

16.04.2026: 
Dr. Tanja Grendel beschäftigt sich mit Bildungsbarrieren bei bildungsbenachteiligten jungen Menschen und der Frage, wie man sie besser begleiten kann. Im Interview erläutert die Professorin für Soziale Arbeit in Bildungs- und Sozialisationsprozessen an der Hochschule RheinMain, wie Jugendliche sich bilden, welche Bildungstypen sie identifiziert hat und wie Angebote in der Jugendarbeit darauf reagieren können. Gemeinsam mit Kolleginnen hat sie dazu eine Broschüre für die Praxis veröffentlicht.
Frau Grendel, wie sind Sie auf das Thema gekommen?
Tanja Grendel: Ich beschäftige mich schon länger mit Bildung, sozialer Ungleichheit und der Entwicklung zum Ganztag. Mir ist ein erweitertes Bildungsverständnis wichtig: Bildung findet nicht nur in der Schule statt, sondern auch in non-formalen Kontexten, zum Beispiel in der Jugendarbeit.
Gleichzeitig ist Bildungsforschung immer noch sehr schullastig: Non-formale Bildungsangebote werden deutlich seltener in den Blick genommen, obwohl dort für viele Jugendliche wichtige Bildungsprozesse stattfinden. Mich hat deshalb interessiert: Mit welchen Angeboten der Jugendarbeit erreichen wir junge Menschen - und mit welchen nicht? Und wie lassen sich doppelte Benachteiligungen vermeiden, also Ausschlüsse in Schule UND außerschulischen Bildungsangeboten. Daraus entstand das "Projekt ABiSAn – Abbau von Bildungsbarrieren im Spannungsfeld von Angebot und Aneignung".
Welche Angebotsformen der Jugendarbeit haben Sie identifiziert?
Tanja Grendel: Wir haben vier zentrale Angebotsformen der Jugendarbeit betrachtet: Offene Jugendarbeit, Schulsozialarbeit, Workshops politischer Bildung und Vereine. Letztere auch, weil wir Untersuchungsquartiere in ländlichen Regionen hatten und es dort sonst weniger Bildungsangebote für Jugendliche gibt. All diese Angebote unterscheiden sich in den Zielen und Rollenverständnissen von Fachkräften und Engagierten und darin, wie Bildungsassistenz gestaltet wird.
Genau diese Unterschiede erklären, warum manche Angebote zu bestimmten Bildungsformen passen und zu anderen weniger.
Sie haben eine Typologie der Bildungsformen Jugendlicher entwickelt. Welche haben Sie herausgearbeitet?
Tanja Grendel: Im Projekt haben wir im Rahmen von Interviews und Gruppendiskussionen mit insgesamt 188 Jugendlichen gesprochen, und uns dann in der Auswertung auf drei Leitfragen fokussiert: Was sind Anlässe und Motive, sich zu bilden? Wie bilden sie sich? Was erwarten sie von Fachkräften?
„Unsere Typologie von Bildungsformen bietet eine gute Reflexionsfolie für die eigene Arbeit.“
Daraus entstanden vier idealtypische Bildungsformen: Unmittelbarkeit von Erfahrung, Institutionelle Integration, Streben nach dem Besonderen und Menschliche Verwirklichung. In der Praxis treten natürlich Mischformen auf und Jugendliche bilden sich nicht in jeder Situation auf dieselbe Weise. Die Typologie dient vor allem als Reflexionsfolie.
Beim Typus „Unmittelbarkeit von Erfahrung“ ist beispielsweise die Alltagsbewältigung Ausgangspunkt von Bildungsprozessen. Diesen Jugendlichen ist vor allem das konkrete Tun wichtig, sie lernen durch Ausprobieren und Nachahmen. Für die Bildungsassistenz ist es hier wichtig, als authentisch wahrgenommen zu werden, um vertrauensvolle Beziehungen zu den Jugendlichen aufzubauen - die Fachkräfte müssen als verlässlich erlebt werden.
Unter dem Typus „Institutionelle Integration“ kann man diejenigen Jugendlichen subsummieren, deren Bildungsprozesse sich an äußeren Anforderungen orientieren, vor allem schulischen. Sie bilden sich zweckorientiert, reflexiv und übernehmend. Von der Bildungsassistenz erwarten sie Unterstützung und klare Vorgaben. Entscheidend ist hier weniger die Beziehungsebene, sondern eine professionelle und zielgerichtete Unterstützung.
Wie müssen Bildungsangebote gestaltet werden, damit die Jugendlichen wirklich davon profitieren?
Tanja Grendel: Es gibt nicht das eine Angebot, das für alle Jugendlichen passt. Jugendliche unterscheiden sich in ihren Bedürfnissen und darin, wie sie sich Angebote aneignen. Entscheidend ist, ob ein Angebot für unterschiedliche Bildungsformen anschlussfähig ist. Die Typologie kann helfen, die eigene Praxis daraufhin zu überprüfen.
Wichtig ist zudem, stärker in Bildungslandschaften zu denken: Nicht nur ein Angebot betrachten, sondern die Vielfalt einer Region einzubeziehen und zu schauen, ob Jugendliche mit unterschiedlichen Bedürfnissen potenziell passende Angebote vorfinden.
Können Sie Beispiele für typische Passungsprobleme nennen?
Tanja Grendel: Jugendliche des Typs „Unmittelbarkeit von Erfahrung“ brauchen einen niedrigschwelligen Zugang und Fachkräfte, die authentisch und verlässlich sind. Inhaltlich und formal stark strukturierte Angebote bieten ihnen oft weniger Anschlussmöglichkeiten. Wichtiger ist für sie, wer in einem Angebot dabei ist, weniger, was hier gemacht wird. Auch zeigt sich am Beispiel der politischen Bildung, dass der Zugang schwierig ist, wenn Inhalte zu abstrakt bleiben. Jugendliche müssen Themen mit ihrem eigenen Leben und unmittelbaren Bedürfnissen verknüpfen können.
Beim Typ „Institutionelle Integration“ brauchen Jugendliche klare Strukturen und verbindliche Unterstützung, die ihre zielorientierten Bildungsprozesse begleiten. Offene, wenig strukturierte Angebote funktionieren für sie oft schlechter, zumal sie eigene Interessen und Kontakte häufig vernachlässigen: Sie stehen unter enormem Druck, weil sie mit schulischen Anforderungen ringen. Gerade für diese Gruppe sind Angebote wichtig, in denen sie ihre eigenen Bedürfnisse erkennen können.
Daher eignen sich z.B. Kombinationen: strukturierte Hausaufgabenhilfe plus offene, alltagsorientierte Entlastungsangebote.
"Es gibt nicht das eine Angebot, das für alle passt."
Welche Erfahrungen haben Sie in der Zusammenarbeit mit den Bildungseinrichtungen?
Tanja Grendel: Ohne die Praxispartner*innen wäre das Projekt nicht möglich gewesen. Ich habe viel Bereitschaft erlebt, eigene Angebote zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Fachkräfte entwickeln am Schreibtisch viele ideenreiche Angebote, die aber nicht gut angenommen werden. Warum das so ist, beschäftigt, glaube ich, sehr viele von ihnen.
Gleichzeitig ist die Zusammenarbeit mit Forschenden für Fachkräfte eine Zusatzbelastung, für die im Alltag kaum Ressourcen da sind. Drittmittelgeber verlangen Praxisbeteiligung, stellen dafür aber selten Mittel bereit - und man kann sie auch meist nicht mit beantragen. Das große Engagement der Fachkräfte ist deshalb besonders wertzuschätzen - zumal Jugendarbeit immer wieder von Kürzungen bedroht ist.
Deutscher Bildungsserver
Wie können Ihre Erkenntnisse den Praktiker*innen in der Sozialen Arbeit ganz praktisch dabei helfen, ihre Bildungsangebote zu verbessern?
Tanja Grendel: Wenn Angebote wenig besucht werden, wird schnell angenommen, Jugendliche seien desinteressiert. Das stimmt oft nicht. Häufig liegt es daran, dass Angebote nicht zur Lebenswelt passen. Unsere Ergebnisse helfen, die Frage zu beantworten: Wen erreichen wir - und wen nicht? Darauf aufbauend kann man überlegen, welche Entwicklungsmöglichkeiten es gibt.
Die Typologie dient nicht als Anleitung, sondern als Reflexionswerkzeug. Bei einer Veranstaltung mit vier Jugendämtern haben wir damit zum Beispiel überprüft, welche Gruppen gut erreicht werden und welche nicht. Ein Angebot muss nicht alle Bildungsformen ansprechen, aber es sollte klar sein, ob die intendierte Zielgruppe wirklich erreicht wird. Oft genug bleibt es bei der Aufzählung von Angeboten, ohne genauer zu schauen, wie gearbeitet wird und ob es wirklich Anschlussmöglichkeiten für Jugendliche gibt.
Wie gelangen die Projektergebnisse in die Praxis?
Tanja Grendel: Unsere frei verfügbare Broschüre „Mit welchen Angebotsformen erreichen wir welche Jugendlichen (nicht)? Wie sich Jugendliche bilden und wie Bildungsassistenz in der Jugendarbeit gelingen kann“ enthält viele Beispiele und O-Töne. Zusätzlich bieten wir Workshops und Vorträge an, in denen wir Ergebnisse mit Fachkräften diskutieren, sie sensibilisieren und dabei unterstützen, diese Ergebnisse auf ihr Arbeitsfeld zu übertragen. Als Hochschullehrerin nutze ich die Erkenntnisse auch in der Ausbildung angehender Fachkräfte der Sozialen Arbeit. Darüber hinaus greife ich die Frage der Passung von Angeboten aktuell in einem Forschungsprojekt zur kommunalen Jugendbeteiligung auf. Auch hier werden bestimmte Jugendliche ausgeschlossen, weil Beteiligungsformate unterschiedliche Bedürfnisse und Zugänge nicht mitdenken.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Tanja Grendel: Ich wünsche mir einen differenzierteren Blick auf Jugendliche. Sie sind keine homogene Gruppe, sondern haben unterschiedliche Bedürfnisse und Zugänge zu Bildung. Und ich wünsche mir, dass wir seltener sagen „Jugendliche wollen nicht oder können nicht“, sondern häufiger prüfen, für wen unsere Angebote anschlussfähig sind - und für wen nicht.
Autor(in): Christine Schumann
Kontakt zur Redaktion
Datum: 16.04.2026
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