Wohlbefinden in der Schule stärken: Was Unterricht wirklich bewirken kann
Interview mit Franziska Greiner-Döchert über den BiPsy-Monitor
Wie geht es Schülerinnen und Schülern wirklich – und welche Rolle spielt der Unterricht für ihr Wohlbefinden? In dieser Folge spricht Christine Schumann mit der Bildungsforscherin Dr. Franziska Greiner-Döchert über aktuelle Studienergebnisse zur psychischen Gesundheit in der Schule. Sie zeigen: Wohlbefinden ist vielschichtig, verändert sich mit dem Alter und wird maßgeblich durch Unterrichtsqualität beeinflusst.
Außerdem geht es um konkrete Ansatzpunkte für die Praxis, Herausforderungen in der psychosozialen Versorgung und die Frage, wie Schule zu einem Ort werden kann, an dem Lernen und seelische Gesundheit Hand in Hand gehen.
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Schlagwörter
Deutschland, Psychische Gesundheit, Podcast, Schüler, Schule, BiPSY, Monitor Psychische Gesundheit, Interviewtechnik,
| Art des Podcasts | Forschungstransfer |
|---|---|
| Autor des Podcasts | Christine Schumann |
| Bildungsbereich | Grundschule; Sekundarstufe I; Sekundarstufe II |
| Laufzeit | 00:23:39 |
| Tag der Aufnahme | 29.06.2026 |
| Rechte | CC-by-nc-sa, Namensnennung, nicht kommerziell, Weitergabe unter gleichen Bedingungen |
| Letzte Änderung am | 2026-06-29 10:10:55 |
Lesefassung
(transkribiert und stark gekürzt mithilfe von KI)
In dieser Folge unserer Podcast-Reihe „Bildungsforschung für die Bildungspraxis“ geht es um den Zusammenhang von psychischer Gesundheit und Wohlbefinden in der Schule. Sich darüber Gedanken zu machen, scheint notwendig zu sein. Denn laut dem im März 2026 veröffentlichten Schulbarometer ist der Anteil an Schüler*innen mit psychischen Auffälligkeiten seit dem Ende der Corona-Pandemie wieder angestiegen und liegt nun bei 25 Prozent; 26 Prozent beschreibt die eigene Lebensqualität als gering und 16 Prozent fühlen sich in der Schule nicht richtig wohl.
Guten Tag und herzlich willkommen bei Bildung auf die Ohren, dem Podcast des Deutschen Bildungsservers. Mein Name ist Christine Schumann.
Mit meinem heutigen Gast, Dr. Franziska Greiner-Döchert von der Universität Leipzig, möchte ich darüber sprechen, ob und welche Zusammen¬hänge es zwischen Unterricht und psychischer Gesundheit gibt. Sie arbeitet im Monitor Bildung und Psychische Gesundheit (https://www.bipsy.de) zum Schwerpunkt „Unterricht und schulisches Wohlbefinden“.
Franziska Greiner-Döchert: Schule ist einer der zentralen Lebensorte von Kindern und Jugendlichen. Wenn dort Belastungen entstehen oder bestehen bleiben, wirkt sich das nicht nur auf das Wohlbefinden aus, sondern auch direkt auf Lernprozesse und Bildungswege. Deshalb ist es wichtig, genauer zu verstehen, wie Schule zur Förderung psychischer Gesundheit beitragen kann.
Schulisches Wohlbefinden umfasst mehrere Komponenten
Wie misst man schulisches Wohlbefinden?
Franziska Greiner-Döchert: Das ist in der Tat komplex. Es gibt keine einheitliche Definition. In der Forschung verstehen wir schulisches Wohlbefinden als mehrdimensionales Konstrukt. Dazu gehören positive Aspekte wie Freude an der Schule, Engagement oder ein stabiles akademisches Selbstkonzept – aber auch die Abwesenheit von Belastungen, etwa Sorgen, körperliche Beschwerden oder soziale Konflikte.
Wichtig ist, dass wir Schülerinnen und Schüler direkt befragen. Wohlbefinden ist subjektiv und kann nicht allein von außen beurteilt werden. Einzelne Fragen liefern nur einen groben Eindruck. Erst durch die Kombination mehrerer Dimensionen entsteht ein realistisches Bild.
Ergebnisse aus der Studie: Ein differenziertes Bild des Wohlbefindens
Sie haben über 1.000 Schülerinnen und Schüler befragt. Was zeigen Ihre Ergebnisse?
Franziska Greiner-Döchert: Unsere Daten machen deutlich, dass schulisches Wohlbefinden kein einheitlicher Wert ist. Es verändert sich nicht einfach linear, sondern zeigt unterschiedliche Entwicklungen in verschiedenen Bereichen.
So konnten wir beobachten, dass Engagement und Durchhaltevermögen leicht zurückgehen. Gleichzeitig berichten die Schülerinnen und Schüler von weniger sozialen Problemen. Das bedeutet: Es gibt nicht nur negative Trends, sondern auch Entlastungen. Insgesamt ergibt sich ein differenziertes Profil aus positiven und belastenden Erfahrungen.
Bei jüngeren Schülerinnen und Schülern sehen wir stärkere Rückgänge bei Freude und Engagement. Bei älteren sinkt zwar das Durchhaltevermögen, gleichzeitig steigen soziale Verbundenheit und positive Emotionen.
Das zeigt: Schulisches Wohlbefinden entwickelt sich je nach Alter und Kontext unterschiedlich. Deshalb ist es wichtig, genauer hinzuschauen und nicht pauschal von einem allgemeinen Rückgang zu sprechen.
Unterricht und psychische Gesundheit: Ein zentraler Zusammenhang
Welche Rolle spielt der Unterricht für das Wohlbefinden?
Franziska Greiner-Döchert: Eine sehr zentrale. Ein erheblicher Teil der Unterschiede im Wohlbefinden lässt sich durch die wahrgenommene Unterrichtsqualität erklären. Besonders wichtig sind drei Faktoren: emotionale Unterstützung, kognitive Unterstützung und Klassenführung.
Am stärksten wirkt die emotionale Unterstützung: Schülerinnen und Schüler, die ihre Lehrkräfte als wertschätzend und unterstützend erleben, berichten mehr Motivation, mehr Freude und gleichzeitig weniger Sorgen oder Belastungen. Das ist ein direkter Hebel, der im Unterricht selbst wirkt.
Konkrete Ansätze für Lehrkräfte: Wohlbefinden im Unterricht stärken
Was können Lehrkräfte konkret tun?
Franziska Greiner-Döchert: Wichtig ist zunächst: Schule muss keine Therapie ersetzen. Aber sie kann viel zur Prävention beitragen.
Zentrale Ansatzpunkte sind:
- Emotionale Unterstützung: wertschätzender Umgang, Ansprechbarkeit, Sensibilität für Veränderungen
- Regelmäßige Check-ins: kurze Rückmeldungen zum Befinden der Lernenden
- Klare Strukturen: transparente Regeln und verlässliche Abläufe
- Passende Anforderungen: weder Über- noch Unterforderung, begleitet durch Feedback
- Gesprächsräume: feste Zeiten, um Probleme anzusprechen
- Partizipation: Mitbestimmung stärkt Zugehörigkeit und Motivation
Diese Maßnahmen sind niedrigschwellig und können direkt im Unterricht umgesetzt werden.
Versorgungsmonitor Schule: Ressourcen für Schulsozialarbeit zu knapp bemessen
Können Sie kurz die wichtigsten Ergebnisse der drei Teilprojekte skizzieren – beginnend mit dem Versorgungsmonitor Schule?
Franziska Greiner-Döchert: Eine Besonderheit des BiPsy-Projekts ist seine Interdisziplinarität: Es verbindet Perspektiven aus klinischer Psychologie, Kommunikationswissenschaft und pädagogischer Psychologie. Im Versorgungsmonitor Schule werden bundesweit Schulleitungen zu Bedarfen befragt, insbesondere im Bereich psychosozialer Unterstützung. Erste Ergebnisse aus der Befragung von 2024 zeigen, dass Schulsozialarbeit an rund drei Vierteln der Schulen vorhanden ist – ein grundsätzlich positives Signal.
Weitere Informationen
Gleichzeitig wird jedoch ein deutlicher Mangel sichtbar: Auf etwa 500 Schülerinnen und Schüler kommen im Durchschnitt nur rund 1,6 Vollzeitstellen. Viele Schulleitungen halten das für unzureichend und wünschen sich deutlich mehr Personal. Insgesamt zeigt sich, dass vorhandene Unterstützungsstrukturen oft zu knapp bemessen und nicht dauerhaft gesichert sind – etwa durch befristete oder Teilzeitstellen. Entsprechend groß ist der Bedarf an einer stabileren und besser ausgestatteten Versorgungsstruktur.
Versorgungsmonitor Psychotherapie: Engpässe und lange Wartezeiten
Franziska Greiner-Döchert: Auch aus Sicht von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten ist die Versorgungslage deutlich angespannt. In bundesweiten Befragungen mit rund 1.000 Fachkräften zeigt sich, dass im Durchschnitt nur etwa die Hälfte der Anfragen für eine psychotherapeutische Sprechstunde tatsächlich bedient werden kann – viele Hilfegesuche bleiben also unbeantwortet.
Selbst wenn ein Therapiebedarf festgestellt wird, erhält wiederum nur etwa die Hälfte der betroffenen Kinder und Jugendlichen einen Therapieplatz. Besonders problematisch sind zudem die langen Wartezeiten: Im Schnitt vergehen rund 30 Wochen zwischen der ersten Anfrage und dem Therapiebeginn. Das unterstreicht die wichtige Rolle von Schule als Präventionsort, da Unterstützung oft nicht zeitnah über das Gesundheitssystem gewährleistet werden kann.
Hürden bei Hilfesuche und Unterstützung: Stigma, Unsicherheit und fehlende Transparenz
Welche Hürden gibt es bei der Inanspruchnahme von Hilfe?
Franziska Greiner-Döchert: Eine zentrale Hürde ist nach wie vor die Stigmatisierung. Viele Schülerinnen und Schüler verbinden psychische Probleme mit Schwäche und haben Angst, nicht ernst genommen oder von Gleichaltrigen ausgegrenzt zu werden. Auch das soziale Umfeld kann bremsend wirken – etwa wenn Belastungen durch Familie oder Freunde bagatellisiert werden. Insgesamt zeigt sich: Ob junge Menschen Hilfe suchen, hängt stark davon ab, wie offen in ihrem Umfeld über psychische Gesundheit gesprochen wird.
Beim Deutschen Bildungsserver
- Mentale Gesundheit bei Schülerinnen und Schülern stärken. Ressourcen, Prävention und Unterstützung in der Schule
- Achtsamkeitstraining in der Schule
- Schulstress und Prüfungsängste - Ratgeber und Beratungsangebote für Schülerinnen und Schüler
- Beratung und Hilfe bei schulischen und außerschulischen Problemen
- Bildung + Innovation: „Der Anteil an Schüler*innen mit psychischen Auffälligkeiten ist wieder angestiegen und liegt nun bei 25 Prozent.“
- Bildung + Innovation: „1000 Schätze stärkt die psychosoziale Gesundheit von Kindern.“
Gleichzeitig bestehen Unsicherheiten und strukturelle Hindernisse. Manche wissen nicht, ob ihr Problem „schwer genug“ ist oder ob Gespräche vertraulich bleiben. Auch Lehrkräfte stoßen an Grenzen, etwa durch Zeitmangel oder fehlende Handlungssicherheit. Zudem fehlt es oft an Transparenz: Unterstützungsangebote sind zwar vorhanden, aber nicht ausreichend sichtbar oder verständlich. Deshalb ist es entscheidend, Hilfe niedrigschwellig, klar kommuniziert und vertrauenswürdig zugänglich zu machen – etwa durch feste Ansprechstrukturen oder sichtbare Informationsangebote in der Schule.
Schule neu denken: Wohlbefinden, Lernen und Unterstützung zusammendenken
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Franziska Greiner-Döchert: Ich wünsche mir vor allem, dass die Perspektive der Schülerinnen und Schüler stärker einbezogen wird. Sie können sehr genau benennen, was ihnen hilft und was sie belastet.
Zudem braucht es bessere Kooperation zwischen Schulen, Sozialarbeit, Psychologie und Therapie. Diese Zusammenarbeit sollte strukturell verankert sein und nicht vom Engagement Einzelner abhängen.
Langfristig brauchen wir eine Schule, in der psychische Gesundheit selbstverständlich mitgedacht wird. Lernen und Wohlbefinden sind keine Gegensätze – im Gegenteil: Kinder lernen besser, wenn sie sich sicher und unterstützt fühlen.
Dazu gehört auch eine offene Schulkultur, in der über psychische Belastungen gesprochen werden kann. Ebenso wichtig ist die Selbstfürsorge der Lehrkräfte, die eine wichtige Vorbildfunktion haben.
Mein Wunsch ist eine Schule, in der Wohlbefinden, Lernen und Unterstützung von Anfang an zusammengedacht werden – und in der niemand diese Aufgabe allein tragen muss.
Vielen Dank für das Gespräch.