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16. 10. 2008

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Migration als Vorteil begreifen

Projekt Elbstation geht in die dritte Runde

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Der 3. Jahrgang der Elbstation Akademie

„Behnaz, lies uns bitte deine Geschichte vor“, fordert Markus Bassenhorst die junge Afghanin auf. Markus Bassenhorst leitet die Theater-Gruppe an der Elbstation Akademie in Hamburg. Unter seiner Regie schreiben Jugendliche, vorwiegend mit Migrationshintergrund, eigene kleine Theaterstücke. Behnaz beginnt die ersten Zeilen ihres Stückes „Traurige Geschichte“ vorzutragen: „Ich kann nicht glauben, dass meine Schwester mich betrogen hat. Ich hatte ihr vertraut. Ich dachte, dass sie es niemandem weitererzählt. Diese Zicke!“ Gespannt hören die anderen der Geschichte über eine unglückliche Liebe zu.

Die Elbstation Akademie
Die Elbstation Akademie ist ein außerschulischer Lernort für Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Nationalitäten aus Hamburg-Altona, Hamburg-Neustadt und St. Pauli. Das Projekt ist auf ein Jahr angelegt und richtet sich an Jugendliche aus sozioökonomisch schwachem Umfeld der Klassenstufen sieben bis neun. Die kooperierenden Schulen, die Ganztagsschule St. Pauli, die Rudolf-Roß-Gesamtschule, die Schule Königstraße und die Theodor-Haubach-Schule, nominieren motivierte und kreative Schülerinnen und Schüler für das Projekt.

Die MPC Capital Stiftung
Die Elbstation Akademie ist das erste Projekt der MPC Capital Stiftung und wurde in Kooperation mit der BürgerStiftung Hamburg entwickelt. Die MPC Capital Stiftung, die im Jahr 2005 von der MPC Capital AG ins Leben gerufen wurde, möchte jungen Menschen in Hamburg den Zugang zu guter Bildung und Ausbildung ermöglichen, ihr Engagement und ihre Leistungsbereitschaft wecken, ihnen helfen, ihre Potenziale zu entdecken und zur Selbsthilfe befähigen. Seit seiner Gründung unterstützt das Unternehmen soziale Projekte. In der MPC Capital Stiftung sieht das Unternehmen eine Möglichkeit, sein gesellschaftliches Engagement zielgerichtet und langfristig weiterzuführen. Konzipiert wurde das Projekt Elbstation von der BürgerStiftung Hamburg, die 1999 als Gemeinschaftsstiftung von Hamburgerinnen und Hamburgern für ihre Stadt gegründet wurde und sich schwerpunktmäßig um die Förderung von Jugendprojekten in sozialen Brennpunkten der Stadt bemüht.
Mit dem Projekt möchte die MPC Capital Stiftung insbesondere Jugendliche mit Migrationshintergrund erreichen, die in der Gesellschaft oft mit Vorurteilen zu kämpfen haben. „Wir möchten in unserem Projekt die Perspektive wechseln. Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenz sind wichtige Ressourcen, die Jugendliche mit Migrationshintergrund in die globalisierte Gesellschaft einbringen können. Doch Ressourcen wollen intensiv gefördert sein, damit sie zu echten Kompetenzen werden. Dies zu tun, ist Auftrag der Elbstation“, so der Vorstand der Stiftung, Dr. Axel Schröder.

Die drei Bausteine des Projekts
Unter fachlicher Anleitung von Markus Bassenhorst, Zoran Glavaš und Elizabeth Nascimento Bunk arbeiten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projekts eigenständig in ausgewählten Medienprojekten, die für eine nachhaltige Sprach-, Schreib- und Leseförderung geeignet sind. Die Jugendlichen belegen pro Semester einen Medienbaustein aus den Bereichen Radio, Schauspiel oder Foto/Film. Einen Nachmittag in der Woche lernen sie in den Projektgruppen die Grundfertigkeiten für den Einsatz der Medien kennen und erarbeiten eigenverantwortlich eigene Medienprodukte wie Radio- und Filmbeiträge, Theaterszenen, verschiedene Textformate und Fotografien. In einer Schreibwerkstatt lernen sie sowohl auf Deutsch als auch in ihren Herkunftssprachen eigene Texte zu verfassen, die sie dann als Grundlage für eine Videosequenz, eine Schauspielszene oder den Radiobeitrag nehmen. Bei der Arbeit in den ausgewählten Medienprojekten stehen die Jugendlichen oft vor schwierigen Aufgaben. Indem sie lernen, diese gemeinsam zu lösen, durchzuhalten und Erfolg zu haben, werden sie eigenständiger und selbstbewusster.

Exkursionen und Workshops
Bereichert wird das Projekt durch Theaterbesuche oder Ausstellungsbesichtigungen. Von Zeit zu Zeit kommen auch Medienfachleute, wie der Journalist Marcos Romao von Brazine, der im Frühling 2007 Einblicke in die Arbeit einer deutsch-brasilianischen Zeitschrift gab. Über das Jahr verteilt werden Workshops und Diskussionsrunden zu unterschiedlichen Themen angeboten. Zusätzlich finden Leseabende statt, zu denen ausgesuchte Gäste, aber auch die Öffentlichkeit eingeladen werden. Für viel Gesprächsbedarf bei den Jugendlichen sorgte ein Elbstation-Themenabend, an dem der preisgekrönte Film „Abschiebung im Morgengrauen“ von Michael Richter gezeigt wurde. An einigen Wochenenden und in den Ferien gibt es zusätzliche Aktivitäten für die ganze Gruppe.

Am Ende eines Semesters werden die eigenen Produkte in einer Werkschau und auf einer Präsentation im Stadtteil vorgestellt. Nach Abschluss des Projektjahres führen die Jugendlichen auf der großen Bühne des Altonaer Theaters vor rund 300 Gästen vor, was sie in dem Projektjahr gelernt haben. Eingeladen sind neben Verwandten und Lehrkräften Politiker, Mitarbeiter der beteiligten Stiftungen sowie Freunde und Förderer der Elbstation Akademie. Nach Abschluss der Projekte erhalten alle Teilnehmer ein Zertifikat, das ihre besonderen Fähigkeiten und Leistungen beschreibt. Die Hamburger Behörde für Bildung und Sport zollt dem Projekt Anerkennung, indem sie die Projektteilnahme als Unterrichtsstunden außerhalb des schulischen Stundenplans wertet.

Die Elbstation-Lotsen
Interessierte können für ein Projektjahr ehrenamtlich eine „Patenschaft“ für einen Jugendlichen der Elbstation Akademie übernehmen. Einmal pro Woche treffen sich Lotse und „Patenkind“ für eine Stunde in der Elbstation Akademie, um miteinander zu sprechen, zu spielen, Hausaufgaben oder auch einmal einen Ausflug zu machen. Während des gesamten Projektjahres unterstützen die Lotsen die Jugendlichen bei individuellen Problemen und Fragestellungen, fördern und begleiten sie. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der MPC Capital Stiftung haben schon eine Patenschaft übernommen. Manuela Horcher von der MPC Capital AG schwärmt: „Mit meinem Lotsenkind habe ich gemeinsam einen Praktikumsplatz für ihn gefunden, das war ein echt gutes Gefühl.“ Um die Patenschaft so gut wie möglich zu gestalten, werden die angehenden Lotsen in einem Workshop intensiv auf ihre Aufgaben vorbereitet und auch während der Patenschaft professionell von den Projektleitern der Elbstation Akademie und Mitarbeitern der MPC Capital Stiftung betreut.

Ausweitung der Projektarbeit
Im Projektjahr 2006/2007 besuchten insgesamt 26 Jugendliche aus elf Nationen die Elbstation Akademie. Fünf der Jugendlichen waren auch im Jahrgang 2007/2008 dabei und unterstützten als „Seniors“ die 18 neuen Teilnehmer bei der Projektarbeit. Sie begleiteten die Schüler, vermittelten Gelerntes weiter, motivierten die „Juniors“ und leiteten eigene Kleinprojekte. Um die „Seniors“ für ihre Aufgaben zu schulen, luden die MPC Capital Stiftung und die BürgerStiftung Hamburg die fünf Jugendlichen auf eine siebentägige Fortbildung zum Jugendleiter ein. Im September 2008 ging der dritte Jahrgang der Elbstation Akademie an den Start. Wieder sind fünf Jugendliche als „Seniors“ dabei.

Die MPC Stiftung plant, die Elbstation als langfristiges Angebot im Stadtteil zu etablieren und ihr Engagement auszuweiten. „Die Elbstation Akademie hat die Kinderkrankheiten inzwischen hinter sich gelassen und geht nun sicher ihren Weg. Ein Ergebnis, das ohne den festen Wunsch, sichtbar Maßstäbe zu setzen, nicht möglich gewesen wäre“, erklärt Axel Schroeder. Mit dem Abschluss der Startphase endet nun die Projektbegleitung durch die BürgerStiftung Hamburg. Die MPC Capital Stiftung wird die Elbstation künftig eigenverantwortlich weiterführen.

Und auch andere Projekte sind in Planung: Für ehemalige Teilnehmer der Elbstation Akademie wurde das Programm „Alumni an Bord!“ entwickelt: Ihnen werden mittelfristig von der MPC Capital Stiftung Folgeangebote unterbreitet wie zum Beispiel der Workshop „Fit For Life“. So soll ein Netzwerk aufgebaut werden, das die Alumni auf ihrem weiteren Werdegang unterstützt und ihre Erfahrungen aus Ausbildung, Studium und Beruf in die Stiftungsprojekte einbringt.

Außerdem hat sich die MPC Capital Stiftung dazu entschlossen, ein weiteres Projekt ins Leben zu rufen: die Elbstation Positionslichter. Mit Angeboten aus den Bereichen Bildung, Berufsorientierung und Begabtenförderung will man zukünftig noch mehr bildungsbenachteiligte Jugendliche aus sozioökonomisch schwachem Umfeld der Klassenstufen fünf bis 13 erreichen und sie auf ihrem Werdegang begleiten. Geplant sind Kooperationsprojekte mit Schulen, Trainings, Ferienaktivitäten, Stipendien sowie Beratungs- und Mentorenangebote.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 16.10.2008
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