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23. 10. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Botschafter einer gelungenen Integration"

Mit dem START-Stipendienprogramm fördert die Hertie-Stiftung begabte und engagierte Zuwandererkinder

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Dr. Kenan Önen

Bildung PLUS: Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sind an Gymnasien und Realschulen unterrepräsentiert und zu etwa 20 Prozent machen sie keinen Schulabschluss. Entsprechend gering ist auch der Prozentsatz derjenigen, die studieren. Welchen Stellenwert hat in diesem Zusammenhang "START"?

Önen: Mit dem Stipendienprogramm START möchten wir dieser Entwicklung entgegenwirken. Die Hertie-Stiftung hat das Stipendienprogramm im Mai 2002 ins Leben gerufen, um Zuwandererkinder gezielt zum Abitur zu führen. Die Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, begabte und gesellschaftlich engagierte Ausländerkinder gezielt zu unterstützen, damit sie die Hochschulreife erlangen können. Das Förderprogramm wirkt sich auch auf andere Jugendliche mit Migrationshintergrund aus. Sie entwickeln schulischen Ehrgeiz und wollen es den Hertie-Stipendiaten nachmachen.

Bildung PLUS: Warum engagiert sich die Hertie-Stiftung für begabte Zuwandererkinder?

Önen: Wir verfolgen mehrere Ziele:
Zum einen sollen die schulischen und beruflichen Entwicklungschancen engagierter und motivierter Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund verbessert werden. Dabei stehen die Bemühungen im Vordergrund, den Jugendlichen Wege zu einem höheren Bildungsabschluss zu ebnen, Möglichkeiten der Entfaltung ihres intellektuellen Potenzials zu eröffnen und Chancen auf bessere berufliche Positionen zu schaffen.
Zum anderen wird ein solches Projekt die erfolgreiche und beispielhafte Integration jugendlicher Migranten in die Gesellschaft fördern; die Stipendiaten sollen eine Brückenfunktion übernehmen. Sie sollen zu Botschaftern für eine gelungene Integration werden und dadurch das Negativ-Bild der Zuwanderer in unserer Gesellschaft zum positiven verändern. Denn die erfolgreiche Integration junger, heranwachsender Zuwanderer bietet unserer Gesellschaft enorme Chancen.

Bildung PLUS: Was beinhaltet das START-Stipendienprogramm?

Önen: Neben einem Bildungsgeld von 100 Euro monatlich, mit dessen Hilfe die Schülerinnen und Schüler etwaige Kosten für bildungsrelevante Erfordernisse bestreiten sollen, sowie einem PC mit Internetzugang, können die Stipendiaten je nach Leistung, Bewährung und Erfordernis weitere Fördermittel bis zu einer Höhe von 500 Euro pro Schuljahr in Anspruch nehmen.
Darüber hinaus legt die Stiftung besonderen Wert auf einen angemessenen ideellen Beistand für ihre Stipendiaten. Die ideelle Förderung umfasst regelmäßige themenspezifische Bildungsseminare, Betriebsexkursionen, eintägige Bildungsausflüge und ein Jahrestreffen. Außerdem bieten wir Beratungsangebote in der Ausbildungs-, Studien- und Lebensplanung.

Bildung PLUS: Wie groß ist das Interesse an diesem Programm und welche Anforderungen müssen die Schülerinnen und Schüler erfüllen, die ein Stipendium erhalten wollen?

Önen: START-Stipendien werden an Schüler mit Migrationshintergrund der
8. - 13. Jahrgangsstufe vergeben, die gute bis sehr gute schulische Leistungen und gesellschaftliches Engagement vorweisen können. Wir suchen also Schülerzeitungsredakteure, Schul- oder Klassensprecher, aktive Mitglieder in sportlichen oder karitativen Vereinen, etc.. Bewerber dürfen nicht zu den so genannten privilegierten Migranten gehören; ihr Umfeld muss eher bildungsfern sein. Für die Bewerbung ist die Empfehlung eines Lehrers oder- Schulleiters erforderlich sowie eine ausführliche, selbst verfasste Begründung. Das START-Stipendium wurde im Mai 2002 und Mai 2003 gemeinsam mit der hessischen Kultusministerin an allen weiterführenden Schulen in Hessen ausgeschrieben. In beiden Jahren war die Resonanz sehr groß: Innerhalb von 4 Wochen erhielten wir für 20 Plätze fast 200 eindrucksvolle Bewerbungen. Damit war sicher, dass ein Bedarf an Förderung von jugendlichen Zuwanderern besteht und START eine wichtige Lücke füllt. Bisher wurden 64 Stipendiaten in die Förderung aufgenommen.
Inzwischen sind auch Schulleiter, Lehrer und Migrantenvereine an uns herangetreten und haben uns ihre Unterstützung für das Programm zugesagt. So war  z.B. der Caritas Verband Limburg-Weilburg so begeistert über die Aufnahme eines iranischen START- Stipendiaten aus dem Kreis, dass er diese Nachricht unter den iranischen Mitbürgern im ganzen Kreis Limburg-Weilburg vorgestellt und auf Veranstaltungen und per Rundbrief die Erfolge des Stipendiaten bekannt gemacht hat. Das trägt natürlich zu unserem Ziel bei, aus den START-Stipendiaten Vorbilder für andere Zuwanderer zu schaffen und zu zeigen, dass sich Leistung in dieser Gesellschaft lohnt.
Auch die Presse zeigt sich sehr interessiert - so sind schon zahlreiche Artikel über das Stipendienprogramm sowie Portraits von Stipendiaten in lokalen und überregionalen Zeitungen erschienen. Zudem kommen zunehmend Stiftungen, Städte und auch Privatpersonen auf uns zu und erkundigen sich nach Kooperationsmöglichkeiten bezüglich START.

Bildung PLUS: Das Programm  wurde im vorigen Jahr gestartet. Welche Ergebnisse hat der erste Jahrgang gebracht?

Önen: Ein wichtiges Ergebnis ist sicherlich die positive Resonanz, die das Programm in der Öffentlichkeit hervorgerufen hat und die Kooperationsmöglichkeiten, die sich daraus für die Stiftung in Bezug auf START ergeben haben. Schon im ersten Jahr konnten durch Drittmittel 23 zusätzliche Stipendienplätze geschaffen werden.
Aus Sicht der Stipendiaten war sicherlich sowohl die materielle als auch die ideelle Unterstützung ein wesentlicher Beitrag zu ihrem Weg nach oben. Viele Stipendiaten haben ihren Notendurchschnitt im letzten Schuljahr noch einmal verbessert. Die Anerkennung und die Fortbildung durch die Bildungsseminare (u.a. ein Rhetoriktraining) haben zur Stärkung ihrer Identität und ihres Selbstbewusstseins beigetragen. Das sieht man u.a. daran, dass viele START-Stipendiaten im letzten Jahr ihr soziales Engagement noch verstärkt haben  und zunehmend verantwortungsvolle Ämter, wie das des Schulsprechers, innehalten.

Bildung PLUS: Wie gestaltet sich der Kontakt zu den Stipendiaten nach der Vergabe des Stipendiums?

Önen: Die Hertie-Stiftung legt großen Wert darauf, dass sie von den Stipendiaten nicht nur als reiner Geldgeber verstanden wird. Sofort nach der feierlichen Aufnahmezeremonie in das Stipendienprogramm werden die "Neuen" in das START- Netzwerk mit eingebunden, sie erhalten von uns Informationsbriefe und tauschen sich per E-Mail und im Stipendiaten- Chat mit uns und untereinander aus. Intensiviert wird der persönliche Kontakt natürlich vor allem während der Bildungsseminare und Ausflüge. Wir möchten den Stipendiaten das Gefühl geben, dass sie sich bei Fragen, Problemen und Anregungen jederzeit an uns wenden können. Und das ist uns - wenn man die zahlreichen positiven Rückmeldungen und das persönliche Verhältnis zu vielen Stipendiaten betrachtet - denke ich auch gelungen. Alles in allem können wir sagen, dass es für uns eine Freude und eine Bereicherung ist, mit so motivierten und begeisterungsfähigen Jugendlichen zusammen zu arbeiten!

Bildung PLUS: Die Hertie-Stiftung wollte mit diesem Programm "einen Stein ins Rollen bringen". Ist das gelungen und wie wird es mit dem START-Programm weitergehen?

Önen: Das Beispiel der Hertie-Stiftung macht Schule. Wie bereits erwähnt, finanzieren inzwischen Einzelpersonen und Institutionen aus eigener Initiative weitere Stipendien. So kommt beispielsweise von der Heraeus-Stiftung in Hanau ein Vierjahres-Stipendium. Die Stadt Leipzig bietet ein gemeinsames Stipendienprogramm von Stiftung und Stadt für Leipziger Einwandererkinder. Auch die Edmund-Vey-Stiftung in Frankfurt finanziert ein volles Stipendium. Der Kreis Offenbach fördert drei Stipendien. Und aus dem Freundeskreis der Hertie-Stiftung kamen Spenden für 13 zusätzliche Stipendien.
Derzeit ist die Hertie-Stiftung  mit weiteren Partnern, insbesondere mit Stiftungen, wegen Kooperationen bei START im Gespräch.
Wir wollen als Stiftung aus einem Projekt eine kleine Bürgerbewegung machen!

Bildung PLUS: Mit START wird ja nur einer kleinen Gruppe geholfen. Wie können Ihrer Meinung nach in Deutschland Zuwandererkinder insgesamt besser in unsere Gesellschaft integriert werden?

Önen: Der Weg in eine gelungene Integration führt nur über eine bessere schulische Ausbildung. Es lohnt, in die Bildung zu investieren. Die Zahl talentierter Migrantenkinder ist enorm. Diese Menschen sind eine Goldgrube für unsere Gesellschaft.

Informationen zum Projekt:
OenenK@ghst.de
www.start.ghst.de

 

Dr. Kenan Önen, geb. 1960 in Ankara und aufgewachsen in Maulbronn/Enzkreis. Studium der Politikwissenschaften an der Universität Freiburg im Breisgau. Tätigkeit bei der Ausländerinitiative Freiburg e.V. mit den Arbeitsschwerpunkten Projektentwicklung und pädagogische Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Mitarbeiter in der Jugendarbeit und Jugendförderung der Stadt Freiburg. Dabei pädagogische Beratung und Vermittlung von Jugendlichen im Übergang von Schule-Ausbildung und Beruf sowie Konzeptentwicklung in der Jugendförderung und -finanzierung. Seit 2001 Projektleiter "Integration von Zuwandererkindern und -jugendlichen" bei der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Im Jahre 2002 Berufung in den Beirat zur Integration von Familien ausländischer Herkunft im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Autor(in): Ursula Münch
Kontakt zur Redaktion
Datum: 23.10.2003
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