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30. 10. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Diese Chance bekommt man wahrscheinlich nicht ein zweites Mal."

Das START-Programm eröffnet begabten und engagierten Zuwandererkindern eine erfolgreiche Bildungskarriere

Gelungene Integration
Wenn man mit Alexandra, Arsalan, Shala, Sonia und T. spricht, wünscht man sich, dass alle ausländischen Kinder in Deutschland so erfolgreich ihren Weg gehen mögen wie die Stipendiatinnen und Stipendiaten der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung.
Leider ist die Realität eine andere. Viele Kinder mit Migrationshintergrund erreichen keinen Schulabschluss. Damit sind sie nicht nur von höheren Bildungsabschlüssen, sondern oft auch von einer beruflichen Ausbildung abgeschnitten. Vielfältige Initiativen versuchen diese Misere zu beheben. Eine davon ist die Gemeinnützige Hertie-Stiftung, die seit 2002 gezielt begabte und gesellschaftlich engagierte Zuwandererkinder fördert.

Fünf von 64
Die Online-Redaktion von Bildung PLUS befragte fünf der bisher 64 geförderten Jugendlichen. Wir wollten wissen, wie sie ihre bisherige Integration einschätzen, welche Schwierigkeiten sie hatten und haben, sei es hinsichtlich der deutschen Sprache oder der Akzeptanz kultureller Unterschiede. Sehen diese Jugendlichen ihr "Anderssein" als Bereicherung für sich selbst und ihre Mitmenschen oder erleben sie es als Defizit. Welchen Rat geben sie anderen.

Bereitwillig haben uns Alexandra, Arsalan, Shala, Sonia und T. über ihr Leben in Deutschland berichtet und ihre Vorbildfunktion für andere Migrantenkinder betont.
Eines wird deutlich: Sie nutzen die ihnen gebotenen Bildungsmöglichkeiten und ermutigen andere Zuwandererkinder ausdrücklich, dies ebenfalls zu tun. Dabei eint sie die Erfahrung, wie bedeutsam das Beherrschen der deutschen Sprache ist. Sie fordern deshalb ihre ausländischen Mitschülerinnen und Mitschüler auf, vorrangig die deutsche Sprache zu erlernen. Dabei erwarten sie auch Hilfe und Unterstützung von den Lehrkräften sowie positive Signale aus Gesellschaft und Politik.

Stolz berichten sie von ihren Erfolgen und zeigen zugleich, welche Schwierigkeiten sie meistern müssen. Immer wieder treffen sie auch auf Intoleranz, Diskriminierung, Ausgrenzung und Unverständnis. Als integrationswillige Jugendliche bewahren sie die Kulturen ihrer Heimatländer, nehmen aber bereitwillig die neue Kultur auf.

Alexandra, Arsalan, Shala, Sonia und T. sehen im START-Stipendium eine Auszeichnung und eine Ermutigung, ihren erfolgreich begonnnen Bildungsweg fortzusetzen und durchzuhalten.

Lesen Sie heute die Berichte von T. T. und Shala Mohtezebsade:

T. T, 18 Jahre, ist Türkin

Als ausländisches Kind hier in Deutschland habe ich sehr, sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Es hat im Kindergarten angefangen. Damals war alles toll, ich wurde sofort aufgenommen. Obwohl ich kein Wort Deutsch konnte, konnte ich mich sehr gut verständigen. Ich habe gelernt, dass Kinder eigentlich sehr tolerant sind, wenn sie sich noch nicht in Gruppen zusammengeschlossen haben.

Später in meiner Klasse war ich eines der wenigen Ausländerkinder. Ausgrenzung, Unsicherheit sind die Begriffe, die mir in den Kopf kommen, wenn ich an diese Zeit denke. Durch den Umzug hatte ich keine Freunde. Um gute Freunde zu finden, muss man die Sprache können, und ich konnte sie damals noch nicht gut. Nach einiger Zeit war es mir egal. Wir würden uns eh nach der 4. Klasse nicht mehr sehen.

Dann kam ich auf die Brüder-Grimm-Schule (Realschule). Ich fühlte mich in dieser Schule sehr geborgen und merkte, dass ich ein Teil vom Ganzen war. Meine Klassenlehrerin, Frau Bähr, so wie die meisten Lehrer waren gerecht. Diesen Lehrern und den Schülern waren die anderen Kulturen wichtig. Wir konnten in vielen Unterrichtsstunden über unsere eigene Kulturen berichten. Das gab mir das Gefühl, dass ich anderen meine Kultur "lehre" und von anderen "lerne".

Anders ist es auf meiner derzeitigen Schule. Von der Mittelstufe aus hatte ich sehr viel Lernfreude mitgebracht. Aber sie wird mir langsam zerstört, sei es von der Schülerschaft oder von den Lehrern. Aber ich werde im Frühjahr 2004 meine Abitur bestehen und endlich von dieser Schule gehen.

Ziemlich schlimm war die Zeit nach dem 11. September und während des Irak-Krieges. Es gab sehr viele Diskussionen über den Islam. Viele haben sich "informiert" und wollten den Moslems zeigen, an was wir so glauben. Das Problem war, dass sich dann auch Lehrer eingemischt haben. Ich bin so ein Mensch, der Ungerechtigkeit nicht ertragen kann. Aber in dieser Zeit habe ich mich oft ungerecht behandelt gefühlt.

Dagegen sind meine deutschen Freunde wirklich sehr tolerant. Ich gebe ihnen etwas von meiner Kultur weiter und gleichzeitig nehme auch von ihnen vieles auf. So muss es in einem multikulturellen Land sein.

Jedoch ist es nicht so. Jemand, der ständig seine Meinung offen präsentiert - wie ich - hat Pech gehabt. Das bedeutet das für die Schüler: "Wenn dir deine Note wichtig ist, dann vertritt die Meinung des Lehrers. Mir ist aber meine Meinung wichtig.

Hier ein aktuelles Beispiel aus meiner Lehrerschaft, das ich erlebt habe:

Montag, 15.09. 2003, Fach Politik und Wirtschaft

Lehrer: Ja, wie viele Einwohner hat denn Polen? Wissen Sie das P.?
P.: Keine Ahnung.
T.: Moment ich kann es Ihnen sagen. (Holt ihren Kalender raus)
T.: Also 38 608 000
Lehrer: Was????!!!!! Das kann doch nicht wahr sein!!!! Wo, wo, steht das????
(kommt auf T. zu, T. zeigt den Kalender)
T.: Ja, hier steht das so.
Lehrer: Was???!!!! Das kann nicht sein!!! Ist das ein türkischer Kalender???
T.: Nein, das ist ein deutscher von der Frankfurter Sparkasse.

Wenn ich sage, dass mir die Lernfreude genommen wird, dann meine ich es angesichts solcher Vorkommnisse..

Und noch etwas: Man darf nicht Schüler beschuldigen, wenn die Pisa-Studie schlecht ausgefallen ist, erst gar nicht die Ausländer. Ein Lehrer kann sehr vieles bewirken. Kein Fach ist langweilig, die Gestaltung des Faches weckt die Interessen der Schüler. Man müsste erlauben, die Lehrer zu beurteilen. Ein guter Lehrer macht keinen Frontal-Unterricht, er bringt Schüler mit ein ins Thema. Er gibt mehr Freiraum, um zu diskutieren und es werden aktuelle Medien und Forschungen "ausprobiert". Herr Bähr an unserer Schule ist ein solcher super Lehrer.

Außerdem finde auch das Bildungssystem in Deutschland merkwürdig. Warum diese Trennung nach der 5. Klasse? Wenn ein Kind in der Grundschule keinen Erfolg hat, sollte man versuchen, nach den Gründen zu schauen und ihm zu helfen. Was wird aber in Deutschland gemacht: Alle werden Pi mal Daumen aufgeteilt.

Für eine Bildungsreform in Deutschland sollte man sich an Pisa-Siegern ein Beispiel nehmen. In den skandinavischen Ländern wird in einen Schüler viel mehr investiert. Hier haben wir die Hertie-Stiftung, aber sie ist eben nur eine individuelle Lösung. Sie unterstützt Ausländer, die wirklich etwas auf die Beine stellen möchten und Repräsentanten aller ausländischen Schüler sind, die nicht das Bild gehören: Ausländer = schlechte Schüler. Die Mehrheit der Zuwandererkinder ist sehr intelligent und ehrgeizig. Aber es gibt zu wenig Unterstützung für sie.

Zum Schluss noch ein paar Tipps für Zuwanderer-Kinder:

  • Seid euch im Klaren, was ihr für eine Aufgabe habt, was ihr in Zukunft erreichen wollt.
  • Egal wie hart, ungerecht das Leben sein kann: nicht aufgeben, weiter lernen.
  • Denkt auch an eure Familie. Sie ist wichtig. Wenn ihr keine Lust mehr habt zu lernen, dann tut es für eure Familie, die ist stolz auf euch.
  • Egal, was für ein Lehrer es ist, lasst euch nicht unterdrücken, sucht nach Hilfe.
  • Unterstützt, toleriert andere Schüler.
  • Sinkt niemals auf das Niveau der anderen.


Shala Mohtezebsade, 16 Jahre, kommt aus Afghanistan

Ich war erst 7 Jahre alt, als meine Familie und ich nach Deutschland geflüchtet sind. Für mich war es schwierig, die deutsche und afghanische Kultur zu unterscheiden und sie doch irgendwie miteinander zu kombinieren. Jedoch habe ich gelernt, mit beiden Kulturen im gleichen Maße auszukommen.
Ich halte es für sehr wichtig, dass es in Deutschland auch Menschen gibt, die aus anderen Ländern kommen. Ausländische Jugendliche können sich in Deutschland stärker ihrer eigenen Kultur bewusst werden und die deutsche Kultur kennen lernen. Zugleich können sie ihren deutschen Freunden etwas von ihrer Kultur vermitteln. So kennt der größte Teil meiner deutschen Freunde sich mit meiner Kultur und Situation aus und respektiert diese. Also ist es meiner Meinung nach eine Bereicherung, sowohl für uns als auch für unsere deutschen Freunde.

Was man aber zumindest im Bildungswesen machen könnte, ist, dass Zuwandererkindern, ganz besonders Kindern und Jugendlichen aus der dritten Welt, die neu nach Deutschland gekommen sind, in den Schulen zusätzliche Unterrichtsstunden anbietet, die ihnen sowohl die Sprache als auch das soziale Benehmen in der Gesellschaft beibringen.

Zum Schluss möchte ich nur sagen, dass auch die anderen Jugendlichen nicht deutscher Herkunft die Möglichkeit auf Bildung so gut wie möglich nutzen sollten, denn diese Gelegenheit gibt es nicht immer und überall. Wenn man die Chance auf Bildung und Schule nicht annimmt, könnte es gut möglich sein, dass man diese Chance im Leben nicht ein zweites Mal bekommt.

Autor(in): Ursula Münch
Kontakt zur Redaktion
Datum: 30.10.2003
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