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27. 11. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Schule und Migrantenkinder: Wo bleibt der institutionelle Wandel?

Migrantenschüler sind die hauptsächlichen Verlierer des deutschen Bildungssystems

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Dr. Havva Engin

Dr. Havva Engin

Die PISA-Studie und auch nationale Studien zeigen, dass der Bildungsmisserfolg in Deutschland mit dem sozialen Status der Familie korreliert - der überwiegende Teil der Migrantenfamilien ist den sozial schwächsten Schichten zuzurechnen - und die schulische Biografie der Schüler determiniert. Nach nunmehr über vierzigjähriger Zuwanderung nach Deutschland ist es der Institution Schule in Großstädten mit einem hohen Anteil an Migrantenschülern nicht gelungen, diese erfolgreich in das Bildungssystem zu integrieren und an höher qualifizierende Schulabschlüsse heranzuführen.

"Monokultureller Habitus" von Schule
Das bildungspolitische Versagen ist - trotz bisheriger oft anderslautender Meinung - nur zu einem Teil den Migranten anzulasten. Betrachtet man nämlich das Bildungssystem der letzten vier Dekaden hinsichtlich der verfolgten Schulpolitik gegenüber Migrantenschülern, so ist zu erkennen, dass sich die deutsche Schule in diesem Zeitraum nicht von ihrem "monokulturellen Habitus" gelöst hat. Das Bildungssystem bildet nach wie vor seine - überwiegend aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft entstammenden - Lehrkräfte für den Einsatz in monokulturellen Schulen mit monolingualen Schülern aus, die in der Realität nicht existieren. Themenbereiche wie "Mehrsprachigkeit, Spracherwerb unter migrationssoziologischen Bedingungen, interkulturelle Ausrichtung von Schule und Unterricht" treten als Studieninhalte an den meisten Universitäten allenfalls marginal auf. Entsprechend unvorbereitet und überfordert fühlen sich die angehenden Lehrer.

Aktuelle Untersuchungen zur Frage eines möglichen institutionellen Wandels zeigen, dass die kulturelle und sprachliche Pluralisierung nicht zu einer Statusveränderung der Migrantenschüler innerhalb des deutschen Bildungssystems geführt hat und der institutionelle Umgang mit ihnen unverändert geblieben ist.

Bildungskonzepte für Migrantenschüler erfahren im Land Berlin keine institutionelle Absicherung
Die Untersuchung von administrativen und amtlichen Erlassen der Berliner Bildungspolitik der 1990er Jahre brachte zu Tage, dass im Untersuchungszeitraum in den Bereichen "Beschulung von Migrantenkindern, Sprachförderunterricht, Präsenz der Migrantensprachen im Schulunterricht und Interkulturelle Ausrichtung des Unterrichts" kein institutioneller Wandel festzustellen war. Statt dessen wurde der Nachweis erbracht, dass die Handlungsmaxime der Bildungspolitik in der Bewahrung des Status quo bestand.

Zwar bildete die Anwesenheit von Migrantenkindern im Berliner Bildungssystem in den 1990er Jahren ein Dauerthema, jedoch ein durchweg negativ besetztes. Die Existenz von Schülern unterschiedlicher kultureller, religiöser und sprachlicher Herkunft wurde nicht als Bereicherung empfunden, sondern als eine Belastung. Dementsprechend favorisierten die Berliner Bildungsverantwortlichen bis in die zweite Hälfte der 1990er Jahre an Schulen mit hohem Migrantenanteil schulische Modelle der unterrichtlich-organisatorischen Segregation wie die Ausländerregelklassen, obwohl Wissenschaftler deren integrationspädagogischen Nutzen längst bezweifelten und ihre Abschaffung forderten. Diese wurden zwar 1995 per Gesetz aufgelöst - doch nur auf der strukturell-organisatorischen Ebene. Faktisch wurden die Klassen mit der gleichen Schülerklientel beibehalten und hießen nun Regelklassen. Sie erhielten weder ein neues Sprachförderkonzept noch neue Rahmenpläne. An den institutionellen Rahmenbedingungen für die Ausbildung von Lehrkräften wurde im Land Berlin ebenfalls nichts verändert.

Die weitgehende Verweigerung der Anerkennung von Migrantenkulturen und -sprachen zeigte sich in Berlin am nachhaltigsten darin, wie mit zwei erfolgreichen schulischen Modellen aus den 1980er Jahren - zweisprachige deutsch/türkische Erziehung und Türkisch als/an Stelle einer 2./3. Fremdsprache - bildungspolitisch umgegangen wurde. Sie erfuhren in den 1990er Jahren eine sukzessive Zurückdrängung auf einige wenige Schulstandorte und eine Reduktion als ein Angebot nur für Migrantenschüler mit Türkisch als Familiensprache. Ihre pädagogische Gleichbehandlung mit anderen fremdsprachlichen Unterrichtsangeboten war zu keinem Zeitpunkt gegeben und bildungspolitisch auch nicht erwünscht.

Die Thematisierung von kultureller Vielfalt und die Gleichbehandlung aller Kulturen im Sinne von interkulturell ausgerichteten Lehrplänen erfolgte in Berlin auf administrativer Ebene bis 1996 nicht. Erst mit Veröffentlichung der Kultusministerkonferenz (KMK)-Empfehlung "Interkulturelle Bildung und Erziehung" kam eine erzwungene Zuwendung dem Thema gegenüber zustande, die jedoch von Berliner Bildungspolitikern in die Richtung gelenkt wurde, Interkulturelle Erziehung als Kompensationspädagogik zur sprachlichen Integration von Migrantenkindern zu instrumentalisieren, was nicht ein Ziel der Interkulturellen Erziehung darstellt.

Erst seit 2001 - auf massiven durch die PISA-Ergebnisse bedingten öffentlichen Druck - ist im Land Berlin die schulische Integration von Migrantenkindern zu einem zentralen bildungspolitischen Thema geworden. So liegt zwischenzeitlich eine Handreichung zur interkulturellen Ausrichtung verschiedener Unterrichtsfächer vor, ebenso ein Rahmenplan Deutsch als Zweitsprache sowie eine Jahreslehrgang für insgesamt 50 Grund- und Sekundarstufenlehrer in diesem Bereich.

Grundlegende Neuausrichtung der schulisch-institutionellen Rahmenbedingungen ist notwendig
Für erste Aussagen über die positiven Auswirkungen dieser Maßnahmen auf den Schulerfolg von Migrantenkindern ist es noch zu früh. Auf jeden Fall stellen sie die ersten wichtigen Schritte in die richtige Richtung dar, denen ohne Zeitverlust weitere folgen müssen. Zu diesen gehört die Novellierung der universitären Ausbildungsverordnungen für Lehrer. Die Bereiche "Spracherwerb, Migrationsoziologie und gesellschaftlich-kulturelle Pluralität" müssen zu obligatorischen und prüfungsrelevanten Studieninhalten werden. Darüber hinaus sind die Rahmen-/Lehrpläne entsprechend der zuvor genannten Inhalte zu ergänzen. Das wichtigste Ziel ist jedoch: Das deutsche Bildungs-/Schulsystem muss endlich von segregierenden und diskriminieren Maßnahmen wie der getrennten Beschulung oder der vorschnellen Zuweisung von Migrantenschülern in Sonderschulen wegkommen, damit der Begriff der Chancengleichheit künftig kein Lippenbekenntnis bleibt, sondern in der Praxis offensiv umgesetzt werden kann. Eine leistungsstarke und international wettbewerbsfähige deutsche Schule kann in Zukunft nur gelingen, wenn sie die Förderung aller Schüler, unabhängig der kulturellen und sprachlichen Zugehörigkeit, als Ziel formuliert.


Havva Engin, geboren 1968, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Technischen Universität Berlin, Fachgebiet Interkulturelle Pädagogik. Studium für das Lehramt an Gymnasien, 1. und 2. Staatsexamen (1995 bzw. 1998), 1997 M.A. in Germanistik, 2003 Promotion.
Veröffentlichung: "Kein institutioneller Wandel von Schule?" Bildungspolitische Reaktionen auf Migration in das Land Berlin zwischen 1990 und 2000 im Spiegel amtlicher und administrativer Erlasse. ISBN: 3-88939-688-7

Autor(in):
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Datum: 27.11.2003
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