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31. 01. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Vom Traum, Verantwortung zu übernehmen

Mit dem START-Programm geförderte Jugendliche sind erfolgreich und setzen sich hohe Ziele

Bild

START-Stipendiaten

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung fördert seit 2002 begabte und sozial engagierte Kinder aus Zuwandererfamilien. Inzwischen gibt es das START-Programm nicht nur in Hessen, sondern auch in Sachsen, Nordrhein-Westfalen, Berlin und Bremen und zahlreiche Stiftungen und private Spender unterstützen das Programm, so dass mittlerweile 33 Stipendien voll oder teilweise aus Drittmitteln finanziert werden.

Im Herbst 2003 berichteten uns einige Stipendiatinnen und Stipendiaten, mit welchen Problemen und Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben. Diese Jugendlichen haben wir erneut befragt. Bereitwillig gaben uns Alexandra, Arsalan, Shala und Sonia Auskunft darüber, wie ihnen das START-Stipendium geholfen hat, wie ihre weitere Entwicklung verlaufen ist und was sie für ihre Zukunft geplant haben.

Wie sich Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund entwickeln können, wenn sie entsprechend gefördert werden, zeigen die Statements von

Sonia Sandhu
Arsalan Moradi
Alexandra Ganceva
Shala Mohtezebsade.

Sonia SandhuSonia Sandhu kommt aus Pakistan
Ich zähle zu den ersten 20 Schülerinnen und Schülern, die im August 2002 das START-Stipendium bekamen. Damals war mir wenig bewusst, was die Aufnahme in dieses Stipendienprogramm der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung für mein Leben bedeuten würde, so dass ich mich heute frage, was mich zur Bewerbung motiviert hat. Heute weiß ich, dass START mein Leben verändert hat.

Der einzige Vorteil, der mir damals bei der Aufnahme bewusst war, waren die 100 Euro Bildungsgeld. In der Tat sind diese sehr hilfreich: Nun muss ich nicht besorgt gucken, wenn ein Lehrer das nächste Buch ankündigt, welches wir uns selbst anschaffen müssen. Nun kann ich mich auf das Buch freuen, auf neues Wissen. Und nicht nur das. Im Unterricht konnte ich sagen: "Neulich las ich Interessantes zu diesem Thema in einem Buch." In MEINEM Buch, gekauft vom monatlichen Bildungsgeld. Oder ich las das im Internet - Computer und Internet finanziert vom Stipendium.

Die finanzielle Erleichterung war erheblich, auch für meine Eltern. Lernen macht nun noch mehr Spaß. Doch es ist nicht nur die materielle Förderung. Nein, ich würde sogar sagen, das Geld ist zweitrangig. Etwas anderes ist viel wichtiger: die ideelle Förderung.
In den Seminaren lernte ich die Kunst der Rhetorik, ich lernte Europa kennen, ich lernte, wie man sich bewirbt, wie man sich während eines Vorstellungsgespräches zu verhalten hat, wie man Unternehmer wird, welche Gabel man während eines Fünf-Gänge-Menüs wann benutzt... . Auf Exkursionen, Sommerakademien und Aufnahmezeremonien lernte ich schließlich auch die Menschen kennen, die ihre Chance auf gute Bildung genutzt haben, die erfolgreich sind, bedeutend sind für diese Gesellschaft, in der zu leben ich mich entschieden habe.
Wo wäre mir als Schülerin, einer ausländischen Schülerin, die Möglichkeit gegeben worden, Einblicke in so große Unternehmen wie die Fraport AG oder DaimlerChrysler zu erhalten? Hätten diese mich als potenzielle Mitarbeiterin in ihrem Konzern gesehen, mir Praktika angeboten? Wer hätte mir, einer ausländischen Schülerin, je die Möglichkeit gegeben, an einer Elite-Universität gemeinsam mit deutschen Internatschülern die Wege zum Unternehmertum zu erkunden? Wer hätte mir, einer ausländischen Schülerin, die Möglichkeit gegeben, mich mit der Sozialministerin Hessens zu unterhalten, Roland Koch zu treffen?

Niemand. Nicht mich, eine Schülerin, die noch zur Schule geht, noch nicht einmal Abitur hat und erst seit acht Jahren in Deutschland lebt. Durch das Stipendium werden meine Leistungen anerkannt und respektiert - auch von Mitschülern. Ich fühle mich bestätigt auf dem Weg, den ich für mich gewählt habe und werde motiviert, diesen weiterzugehen.
Nach dem Abitur 2006 möchte ich Humanmedizin studieren und mich später auf einen Bereich der Chirurgie spezialisieren. In der Gesellschaft möchte ich eine vorbildliche Position einnehmen - vorbildlich nicht nur für die ausländische Jugend.


Arsalan MoradiArsalan Moradi aus dem Iran
Als die Gemeinnützige Hertie-Stiftung mir ein Stipendium gab, war ich in der zehnten Klasse des Realschulzweiges und hatte gute bis sehr gute Noten. Ich hatte mir das Ziel gesetzt, nach der Realschule auf das Gymnasium zu wechseln, wusste aber, dass es sehr schwierig werden würde. Die Hertie-Stiftung gab mir hier viel Selbstvertrauen, so dass ich selbstbewusst den Wechsel vornahm. Die Noten gingen wie erwartet nach unten, besonders in Fächern wie Deutsch oder Englisch. Doch die Hertie-Stiftung finanzierte mir zusätzliche Nachhilfekurse in Deutsch. Ich holte ein halbes Jahr lang Stoff nach, den ich auf der Realschule verpasst hatte. Ohne diese Hilfe wäre für mich die elfte Klasse sehr schwer oder sogar unmöglich geworden. In den anderen Fächer arbeitete ich sehr hart und brachte mir alles selbst bei, was ich in den letzten Jahren versäumt hatte.

In den Bildungsseminaren, die zwei Mal im Jahr für die Stipendiaten veranstaltet werden, lernte ich zusätzlich, wie man Präsentationen in der Schule durchführt und wurde in Rhetorik ausgebildet. Diese Fähigkeiten, die man in der Schule nicht gelehrt bekommt, die aber dennoch erwartet werden, verhalfen mir zu besseren Noten.

Nach anfänglich Problemen verbesserte ich mich von Tag zu Tag. Heute bin ich in der zwölften Klasse und meine Noten bestehen wieder aus Einsen und Zweien. Ich weiß, dass ich diese Leistungen ohne Unterstützung nicht erreicht hätte oder erst viel später.

Nun, nach einer erfolgreichen Integration auf der Oberstufe, setzte ich mir wiederum neue Ziele, denn der Mensch muss meiner Meinung nach immer nach etwas streben. Ich versuche, die Oberstufe mit einem Abiturdurchritt von 1,3 oder besser zu verlassen. Mein zweites Ziel ist ein Studium und zwar Wirtschaft auf internationaler Ebene. Das Interesse an diesem Studiengang wurde auch durch die Hertie-Stiftung geweckt. Ich hatte die Möglichkeit, mehrere Universitäten zu besuchen und an Vorlesungen teilzunehmen, so zum Beispiel die WHU in der Nähe von Koblenz, wo wir zahlreiche Vorlesungen zum Thema BWL hörten und interessante Persönlichkeiten aus dem Bereich Wirtschaft kennen lernten.
Ich werde auch nach dem Abitur mit der Gemeinnützige Hertie-Stiftung in Kontakt bleiben und hoffe, dass ich irgendwann selber diese Stiftung unterstützen kann, damit mehr ausländischen Kindern, wie mir heute, geholfen wird. Denn es gibt in Deutschland sehr viele begabte ausländische Jugendliche, die der deutschen Gesellschaft viel geben können. Ihnen muss nur der richtige Weg gezeigt werden.

Alexandra GancevaAlexandra Ganceva aus Moldawien
Seit meinem letzten Beitrag für das Online-Portal Bildung PLUS ist schon mehr als ein Jahr vergangen. Die Ereignisse dieser Zeit ins Gedächtnis zurückrufend, sehe ich, dass es ein sehr intensiver und interessanter Abschnitt meines Lebens war. START hat mich dabei immer begleitet. Von den Bildungsseminaren zu den Konferenzen verschiedener Art - die Palette der Veranstaltungen, an denen ich dank START teilgenommen habe, ist sehr breit. Inzwischen wurde ich im Juni 2004 zur Stipendiatensprecherin gewählt.

Es hat mich besonders gefreut, dass ich reichlich die Möglichkeit bekam, mich mit den Themen Europas und der Europäische Union zu beschäftigen, wofür ich mich begeistere. In den Sommerferien habe ich am Europa-Kolleg in Wolfenbüttel teilgenommen, zu dem Schüler aus ganz Europa eingeladen wurden, und am Junior Campus "Fit für die Zukunft - Europa ohne Grenzen" in Berlin, wo wir mit ausgewählten Schülern aus ganz Deutschland drei Projektthemen selbstständig ausgearbeitet haben. Am Bildungsseminar im Dezember 2004, das an der europäischen Akademie im Saarland stattfand, konnte ich meine Kenntnisse nochmals festigen. Viel Freude hat mir die Vorbereitung des bunten Abends gemacht, an dem ich ein selbst erfundenes EU-Quiz moderiert habe.
Außerdem organisierten wir eine Weihnachtsaktion im Interkulturellen Altenhilfezentrum in Frankfurt a. M. mit Unterhaltungsprogramm und mit Geschenken und es entstand die Stipendiatenzeitung START life.

Zu meinen Aufgaben als Stipendiatensprecherin gehört auch die Vertretung der Stipendiaten nach außen. Im ihrem Namen sprach ich bei der Aufnahmezeremonie unserer Neuen, gab Vertretern der Presse und des Rundfunks Interviews und hielt anlässlich der Feier "40 Jahre Aktion Mensch" im Oktober 2004 in Berlin, zu der ich von der Aktion Mensch als Vertreterin der Jugend eingeladen wurde, eine Rede.

Was die schulischen Aktivitäten betrifft, so habe ich mit einigen Schülern aus meinem Mathematik-Leistungskurs am Mathematik-Tag in Wetzlar und in Gießen teilgenommen und belegte im Bundeswettbewerbes Mathematik den 3. Platz. Sehr schön finde ich die Teilnahme meiner Schule am Comenius-Projekt der EU. Zum Projektthema "Migration" habe ich ein Gedicht auf Französisch über meine persönlichen Integrationserfahrungen geschrieben.

START verdanke ich die Teilnahme am Mentorenprogramm der Deutschen Bank seit September 2004. Mit meiner Mentorin tausche ich mich regelmäßig aus und ich unterhalte mich mit ihr auch über meine Berufswünsche. Ich wünsche mir, später in einer internationalen Organisation tätig zu sein, wo ich mit den Menschen unterschiedlicher Hintergründe zusammen arbeiten und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen kann. Doch zuerst muss ich mich natürlich um mein Abitur kümmern. Der Countdown läuft...


Shala MohtezebsadeShala Mohtezebsade aus Afghanistan
In den letzten zweieinhalb Jahren habe ich als START-Stipendiatin eine positive Veränderung durchgemacht. Motiviert durch das Stipendium und durch eine selbstbewusstere Einstellung zum Lernen, verbesserten sich sowohl meine schulischen Leistungen als auch mein soziales Engagement. Letztes Jahr wurde ich an meiner Schule sogar Klassensprecherin, Schulsprecherin und Mitglied der Schulkonferenz. Diese Aufgaben habe ich sehr ernst genommen.

Das Stipendium hat mir das Gefühl verliehen, etwas erreichen zu können, wenn man den Willen und das Potenzial dazu hat. Außerdem hat die ideelle Förderung in Form von diversen Seminaren und Bildungsexkursionen eine positive Auswirkung auf meine Leistungen. Ich konnte meine rhetorischen Fähigkeiten erweitern und mich selbst überwinden: Das zu sagen, was ich tatsächlich denke.

Ein anderer wichtiger Punkt, der zu beachten wäre, ist der Kontakt zu den anderen Stipendiaten, die oft in ähnlichen Verhältnissen leben wie ich selbst, sodass man sich untereinander sehr gut versteht und dies oftmals zu einer Freundschaft führt.
Insgesamt ist das START-Stipendium der beste Grundstein für eine erfolgreiche Zukunft eines Migranten. Dazu kann ich nur sagen, dass ich erst einmal ein gutes Abitur machen möchte. Im Moment besuche ich die elfte Klasse eines Oberstufengymnasiums. Anschließend möchte ich auf jeden Fall studieren - mein größter Traum wäre hierbei das Medizinstudium, das ich hoffentlich durch meine Anstrengungen auch schaffen werde.

Autor(in): Ursula Münch
Kontakt zur Redaktion
Datum: 31.01.2005
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