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13. 12. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Zwischen Eisbein und ice-cream

In bilingualen Kitas lernen Kinder völlig nebenher eine neue Sprache

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Lunchtime in bilingualer Kita?

Noch vor nicht allzu langer Zeit war Mehrsprachigkeit im Kindesalter mit einem Makel behaftet. Viele gingen davon aus, dass zweisprachige Kinder in ihren schulischen Leistungen schlechter abschneiden würden. Zweisprachigkeit stifte Verwirrung, die Kinder neigten zum Stottern und ihre psychische Gesundheit sei beeinträchtigt, so verwies auch der Arbeitsstab des Forum Bildung auf seinem Workshop "Mehrsprachigkeit - Wie früh und wie anders"  schon im Jahre 2001 auf die verschiedenen Vorurteile. Obschon die Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten bereits im Frühjahr 2003 in Barcelona beschlossen, dass alle EU-Bürger künftig vom frühesten Kindesalter an zwei Fremdsprachen lernen sollten, herrscht in Deutschland auch heute noch große Zurückhaltung, was konkrete Maßnahmen zur Umsetzung dieses Ziels betrifft. 

Zu wenig Beachtung, zu wenig Koordination
Seit dem Erscheinen der ersten PISA-Studie stellen sich Bildungspolitiker fast pausenlos die Frage, was andere Länder im schulischen und vorschulischen Bereich so anders machen als wir. Klar wurde: Anders als in Deutschland haben erfolgreiche PISA-Länder die vorschulische Bildung und damit das frühe Lernen im Bildungssystem fest verankert. Dieses frühe Lernen schließt den vorschulischen sprachlichen Bereich mit ein. Und  Bundeskanzler Schröder stellte schon vor langem die Frage, warum man "mit der Fremdsprache" nicht schon im Kindergarten anfangen könne.

Innerhalb der Diskussion zur Weiterentwicklung des deutschen Erziehungssystems haben bilinguale Kindergärten wenig Raum eingenommen. Was nicht bedeutet, dass es keine gibt. "Im Gegenteil, es muss erstaunen, wie viele Beispiele man bei intensiver Suche findet. In der Regel existieren sie allerdings nicht sonderlich lange", stellte Professor Dr. Henning Wode vom Zentrum für Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt der Universität Kiel fest.

In Deutschland gibt es mittlerweile cirka 340 solcher Kindertagesstätten, doch - so Prof. Wode - "... ihre Ausstrahlung bleibt meist örtlich begrenzt unter anderem deshalb, weil sie selten wissenschaftlich begleitet, geschweige denn dokumentiert und evaluiert werden", so Prof. Wode. Der gesamte Bereich sei bislang wenig koordiniert und die einzelnen Initiativen nähmen wenig oder kaum Bezug aufeinander. 


Flexibler, toleranter, kreativer!
Bilinguale Kitas sollen für Kinder möglichst günstige Gelegenheiten bieten, ihre natürlichen Sprachlernfähigkeiten zu entfalten. Laut Wode belegt eine Vielzahl an Untersuchungen, dass jedes Kind über die dafür notwendigen Lernfähigkeiten verfüge und die menschliche Sprachlernfähigkeit auf Mehrsprachigkeit und nicht auf Einsprachigkeit ausgelegt sei.

Zudem führe das Erlernen weiterer Sprachen schon vor Eintritt in die Grundschule nicht zwangsläufig zu Defiziten in anderen Bereichen, wie bei der Entwicklung der Muttersprache oder bei späteren Schulleistungen. "Im Gegenteil, mehrsprachige Kinder sind in der Regel längerfristig kognitiv leistungsfähiger, dadurch fremden Sprachen und Kulturen gegenüber toleranter", so Wode.

Der Verein für frühe Mehrsprachigkeit an Kindertageseinrichtungen und Schulen (FMKS) stellte fest, dass die Kinder generell ein stärkeres Bewusstsein für Sprache entwickelten. "Sie sind kreativer, wenn es um Lösungen von Problemen geht. Sie lernen, flexibel zu denken, und suchen alternative Lösungsmöglichkeiten." Die Mädchen und Jungen lernten auch, sich stärker in Menschen einzufühlen, die eine Sprache nicht so gut verständen wie sie selbst.  

Ist der Homo sapiens vielsprachig veranlagt?
Befürworter früher mehrsprachiger Erziehung lassen sich von dem Grundgedanken leiten, dass das Lernen von Sprachen zum biologisch verankerten Verhaltensrepertoire des "Homo sapiens" gehöre. Sprachen lernen sei die Voraussetzung für den lebenslang andauernden Sozialisationsprozess.

Überholt sei "der besonders in Westeuropa verbreitete Glaube, es handele sich auch in biologischer Hinsicht um den Normalfall, wenn ein Mensch nur eine einzige Sprache lernt", meint Prof. Wode. "Weder ist die Zahl der Sprachen festgelegt, noch gibt es einen Zeitpunkt, zu dem keine weitere Sprache mehr gelernt werden kann."   

Es zeigt sich allerdings, dass die Alterspanne bis zum sechsten Lebensjahr zu dem Zeitraum gehört, in dem längerfristig das Erlernen weiterer Sprachen besonders gut gelingt. Deshalb sind bilinguale Kindergärten dann besonders erfolgreich, wenn sie die frühen Jahre nutzen und den Kindern die Möglichkeit geben, ihre biologisch gegebenen Sprachlernfähigkeiten in der ihnen eigenen, kindgemäßen Weise zu entfalten.

Sinnlich und eingebettet in den Alltag 
Eigentlich bedeutet Bilingualität nur Zweisprachigkeit. Mit dem Begriff ist keine bestimmte Methode verbunden - Zweisprachigkeit kann durch verschiedene Lernmethoden erreicht werden. Dennoch ist Bilingualität zumindest im Kontext mit der frühen Sprachförderung oft mit der so genannten immersiven Methode verbunden. Immersion bedeutet zu deutsch: Sprachbad. Diese Methode wird in Ländern wie Kanada, Finnland, Spanien und der USA im Gegensatz zur Praxis in Deutschland recht häufig in der frühen Erziehung angewandt. Die zweite Sprache wird bei dieser Methode im bilingualem Kita-Alltag so verwendet, dass die Kinder sie sich ohne Erklärungen seitens der Erzieherinnen und Erzieher selbstständig erschließen können. Die neue Sprache ist in die Abläufe des Kindergartens eingebettet. So werden den Kindern die Bedeutung der Wörter in Situationen klar, in denen sie verwendet werden.

Diese Form des Lernens sei für Kinder besonders geeignet, denn so könne die neue Sprache ohne Druck und Überforderung, praktisch nebenher, gelernt werden. "Die ideale Ausgangssituation für den Erwerb einer anderen Sprache in diesem Alter ist dementsprechend das `Sprachbad´, das Eintauchen in die Sprache in ihrer Verwendung."  Je jünger die Kinder seien, desto mehr würden sich Erst- und Zweitspracherwerb ähneln, hielt der Arbeitsstab des Forum Bildung beim Workshop "Mehrsprachigkeit - Wie früh und wie anders" im Jahre 2001 fest. 

Wie sieht das in der Praxis aus? Die fremdsprachigen Erzieherinnen und Erzieher unterstützen das, was sie sagen mit Gestik und Mimik.  Und wenn sie über Bananen sprechen, sollten Bananen in der Nähe sein. Je mehr Sinne angesprochen werden, desto besser. Genau auf diesem Wege lernen Kinder auch ihre Muttersprache. Die Kinder müssen nicht erst die Muttersprache vollkommen beherrschen, damit eine weitere dazugelernt werden kann. "Voraussetzung ist lediglich eine altersgemäße Entwicklung der Muttersprache durch regelmäßigen Gebrauch zu Hause", so der FMKS.   

Eigentlich nur ein geringer Aufwand    
Zweisprachige immersive Erziehung im Kindergarten erfordert etwas zusätzlichen organisatorischen Vorlauf und Aufwand. Selbstverständlich müssen die Erzieherinnen und Erzieher die Fremdsprache selbst beherrschen. Die wichtigste organisatorische Voraussetzung dürfte aber in jedem Kindergarten ohnehin gegeben sein, nämlich, dass mehr als eine erwachsene Betreuungsperson vorhanden ist.

Die beiden Betreuerinnen oder Betreuer sprechen zwei unterschiedliche Sprachen und halten dies auch möglichst konsequent, bei allem, was sie im Kindergarten tun, durch. So spricht eine Erzieherin nur in der den Kindern vertrauten Muttersprache, die andere nur in der fremden beziehungsweise schwächeren Sprache.
 
Schon etwa sechs Wochen, nachdem ein Kind das erste Mal die bilinguale Kita besucht hat, versteht es genug, um dem Kita-Alltag in der zweiten Sprache folgen zu können. Auch vor dem Hintergrund, Kinder mit Migrationshintergrund schon in der Vorschulphase besser zu integrieren, ist das Thema bilinguale frühe Erziehung höchst interessant. Untersuchungen haben nachgewiesen, dass beispielsweise türkische Kinder bedeutend bessere Chancen in der Schule haben, wenn sie auch in ihrer Muttersprache, gefördert werden.

Lohnt sich das auch ohne bilingualen Schulanschluss? 
Für den Erfolg bilingualer Erziehung ist wichtig, dass genug Zeit mit der neuen Sprache verbracht wird. Außerdem sollte der Sprachkontakt vielseitig sein und lange genug anhalten. 
Aus diesen Gründen ist der Erfolg des frühen Sprachenlernens am größten, wenn die Kinder nach dem bilingualem Kindergarten eine bilinguale Grundschule besuchen, statt wie an herkömmlichen Grundschulen nur ein bis zwei Wochenstunden Fremdsprachenunterricht haben zu können.

Natürlich war aber auch nicht alles umsonst, wenn das Kind im Anschluss an die bilinguale Kita eine herkömmliche Grundschule besucht. Hört der Sprachkontakt auf, fällt das Kind wieder etwas zurück und die "verschüttete" Sprache wird wieder reaktiviert, wenn der Sprachkontakt später erneut hergestellt wird. 

Bon jour im Saarland, god dag in Schleswig-Holstein
Im Saarland gibt es neunzig zweisprachige Kitas. Das Land steht damit bundesweit an der Spitze, gefolgt von Rheinland-Pfalz. Hier wird in insgesamt 70 Kindertagesstätten Französisch und Deutsch gesprochen. Schleswig-Holstein liegt mit cirka 60 Einrichtungen auf dem dritten Platz. Hier ist allerdings neben der deutschen Sprache, Dänisch die zweite Sprache, die Kinder sprechen lernen. In Berlin gibt es dreißig mehrsprachige Einrichtungen. 

In den verbleibenden dreizehn Bundesländern sieht es im Hinblick auf frühes Sprachenlernen schlecht aus. Zusammen kommen die Bundesländer auf 90 mehrsprachige Einrichtungen. Somit liegt die Zahl der mehrsprachigen Kindertageseinrichtungen in Deutschland bei weniger als einem Prozent.

Kindertageseinrichtungen verfügen über geradezu ideale Voraussetzungen, um Kindern die Chance einer zusätzlichen Sprache spielerisch, kindgerecht, ohne Überforderung oder Zwang, dafür aber mit viel Spaß zu eröffnen.
Doch die frühe mehrsprachige Erziehung kommt nicht nur der Bildung von Kindern mit und ohne Migrationhintergrund zugute; vielfältige Sprachkenntnisse sind in einer Zeit der Globalisierung, Europäisierung und in multikulturellern Gesellschaften, in denen die Verständigung mit anderen Menschen im Vordergrund steht, unverzichtbare Werkzeuge der Kommunikation schlechthin. 

Autor(in): Katja Haug
Kontakt zur Redaktion
Datum: 13.12.2004
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