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31. 10. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Es ist normal, bilingual zu sein

Erziehungswissenschaftler erforschen den frühen Erwerb der Zweitsprache in bilingualen Grundschulklassen

Bild

Namensschild - Quelle: Photocase.com

Die Namensschilder vor unseren Türen kündigen heute von einer Vielfalt aus Nationen, Sprachen und Kulturen. Eine sprachliche Vielfalt, die früher unvorstellbar war. Da wohnt Familie Bach im gleichen Mietshaus wie Familie Baykal aus Istanbul oder wie Familie Batista, die aus Porto stammt. Für viele ist es daher normal, mehrsprachig zu sein. Ein babylonisches Chaos herrscht indes nicht - auch nicht in Klassen, in denen zwei Sprachen gleichzeitig gelernt werden.   

Traditionell werden Einwandererkinder vor allem in der deutschen Sprache fit für Schule und fürs Leben gemacht. Daneben hat sich der muttersprachliche Unterricht für die Einwandererkinder etabliert. Dabei erhalten etwa spanische Kinder Spanischunterricht, der häufig durch einen Muttersprachler angeboten wird. Beide Sprachen, die Landessprache und die Herkunftssprache, werden getrennt unterrichtet und erlebt, so wie in den verschiedenen Appartements mehrere Sprachen gesprochen werden. Die Familien bekommen aber nicht viel von einander mit, weil die Wände ihre Sprachmilieus voneinander abgrenzen.   

Dass Hamburg mit seinem maritimen Tor zur Welt auch in der Erforschung bilingualer Lernprozesse vorn ist, verwundert nicht. Die Universität Hamburg untersuchte beim "Schulversuch bilinguale Grundschulklassen" drei Jahre lang, welche Wechselwirkung zwischen dem Erlernen des Deutschen und der Partnersprache bestehen. Der Schwerpunkt des Berichts 2004 lag auf der Schriftlichkeit in zwei Sprachen und dem Lesen.  

Das Gespür für Sprachnuancen
"Dem Aufwachsen in zwei Sprachen werden prinzipiell sehr günstige Voraussetzungen für die sprachliche und allgemeine geistige Entwicklung zugemessen", sagte bereits im Jahre 2001 Ingrid Gogolin vor dem Forum Bildung. Ihr Beitrag "Die Verantwortung der Grundschule für Bildungserfolge und -misserfolge" wurde in der Publikation "Bildung und Qualifizierung von Migrantinnen und Migranten" (Band 11 der Materialien des Forum Bildung) veröffentlicht. Ihrer Meinung nach ist die Alphabetisierung in beiden Sprachen die Voraussetzung dafür, "dass sich der gesamte Sprachbesitz eines mehrsprachigen Kindes voll entfalten kann". Dieser im Forum Bildung gelegten Spur gehen Ingrid Gogolin, Ursula Neumann und Hans-Joachim Roth weiter nach. Von 2001 bis 2004 nahmen die Hamburger Erziehungswissenschaftler bilinguale Grundschulklassen unter die Lupe. Gegenstand der Feldforschung waren vier Klassen an unterschiedlichen Schulen:

  • zwei spanisch-deutsche Klassen
  • eine italienisch-deutsche Klasse
  • eine portugiesisch-deutsche Klasse            

Die Kinder der bilingualen Grundschulklassen kamen aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Im Laufe der wissenschaftlichen Begleitung sind alle Grundschüler mündlich und schriftlich getestet worden. Die Untersuchung bearbeitete den Schwerpunkt des Schreibens und Lesens in zwei Sprachen (Biliteralität). Biliteralität geht über Bilingualität hinaus. Die Biliteralität ist eine wichtige Bedingung für die Teilhabe an der Gesellschaft und ihren unterschiedlichen Kulturen.  

Beim Schulversuch mit bilingualen Grundschulklassen  haben die Erziehungswissenschaftler den Sprachstand der Kinder in zwei Sprachen von der ersten bis zur vierten Klasse erhoben. Die Wissenschaftler wollten sich durch die Langzeitbeobachtung "ein Bild vom Verlauf des Spracherwerbs unter den Bedingungen schulisch gesteuerter Zweisprachigkeit" machen. Abgefragt wurden keine angesammelten Wissensbestände, sondern Kompetenzen der Kinder in Hören, Sprechen, Lesen und Schreiben. "Dies entspricht der Lebenssituation in mehrsprachigen Gesellschaften, in denen die Kinder viele Quellen sprachlichen Lernens haben", steht im Bericht. Daneben befragten die Erziehungswissenschaftler die Eltern, um Einblick in die Sprachbiographien der Kinder zu erhalten.   

Beitrag zur Grundlagenforschung
Mit dieser differenzierten Erhebung des Sprachstands der Kinder in Deutsch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch betrat die Erziehungswissenschaft "Neuland". Die Pädagogen sehen die wissenschaftliche Begleitung auch als Beitrag zur "Grundlagenforschung" an, da sie Spracherwerbsmuster in den Blick nimmt, die bislang noch als erziehungswissenschaftlich unbekannt gelten. Zum Zuge kam ein disziplinübergreifender Ansatz, der sprachwissenschaftliche, linguistische und erziehungswissenschaftliche Perspektiven einbezieht. Vorlage der Textprobe war eine Bildergeschichte mit Katze und Vogel. In der portugiesisch-deutschen Klasse unterrichteten die Lehrerinnen größtenteils zu zweit im Teamteaching die Schülerinnen und Schüler.   

"Era uma vez um passaro que ganhava sempre e um gato que perdia sempre." Diesen Textanfang verfasste Miguel in der portugiesisch-deutschen Klasse am Ende des zweiten Schuljahrs. Parallel dazu schrieben die Kinder ihre Kurzgeschichten auch in deutscher Sprache. Die Beurteilung der Texte richtete sich nach den Kriterien der Differenziertheit (im verbalen Wortschatz), der Komplexität (Einfügungen von Satzgliedern) und der Kohärenz (Entwicklung des Themas, Zusammenhang). Untersucht wurden 48 Texte von 24 Grundschulkindern. In seinem Text verwendete Miguel durchgehend die Vergangenheitsform. Ein Hinweis darauf, dass er zwischen mündlicher und schriftlicher Sprache unterscheidet.  

Schriftlichkeit im Aufbruch
Der Vergleich der Texte in deutscher und ausländischer Sprache ergab ein Übergewicht des Deutschen. Der Umfang der Texte in deutscher Sprache ist im Durchschnitt um ein Fünftel größer. Die Anzahl der Sätze ist ein "klarer Indikator" für die Dominanz des Deutschen. Auch war die Komplexität der deutschen Texte höher als die in den Partnersprachen. Diejenigen Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen, erbringen aber "nicht automatisch die schwächeren Ergebnisse". Das Übergewicht des Deutschen zeigt sich schon daran, dass zu Beginn nur portugiesisch sprechende Kinder schneller Deutsch in bilingualen Klassen lernten als diejenigen, die bei der Einschulung nur Deutsch sprachen.   

Das Verb ist ein wichtiger Gradmesser für die Beherrschung einer Sprache. Es ist die "Schaltstelle der Dynamik in Äußerungen" und lässt eine genauere Aussage über den Stand der Entwicklung der Kinder zu als der Gebrauch von Substantiven. Seine Verwendung sagt sowohl etwas über den Stand der Entwicklung der Kinder aus als auch über ihre grammatikalischen Fähigkeiten. Beim Gebrauch der Verben konnten die zweisprachigen Kinder besonders punkten: "Die zweisprachigen Kinder verwenden in ihren Texten mehr Verben als die anderen; ihr verbaler Wortschatz erscheint differenzierter als der der einsprachigen."   

Kinder aus Einwandererfamilien saugen also besonders viel "Honig" aus dem bilingualen Unterricht: "Deutliche Vorteile bietet die bilinguale Lernsituation offensichtlich für die zweisprachigen Kinder, die bei der Einschulung wenig oder kein Deutsch konnten: Ihre Fortschritte im Deutschen sind größer als die der anderen Kinder", heißt es in der Studie. Die Kinder werden also durch den gleichzeitigen Gebrauch des Deutschen und der Partnersprache nicht ins babylonische Chaos versetzt.    

Interessant ist die Tatsache, dass korrekte Schriftsprache und die Fähigkeit, gute Texte zu produzieren, nicht unbedingt zusammenhängen: "...der Komplexitätsgrad von Texten kann hoch oder niedrig sein, ohne dass ein Zusammenhang mit der Rechtschreibung erkennbar wäre", so die Studie. Die Bedeutung des bilingualen Unterrichts für die Schriftlichkeit des Spracherwerbs sollte nicht unterschätzt werden. So gelang es einigen deutschen Kindern besser, in der Fremdsprache Texte zu verfassen, als sich mündlich auszudrücken.    

Teamteaching sticht Sprachentrennung aus

Wie wirkt sich der bilinguale Unterricht auf die Fähigkeit der Kinder aus, zu lesen? Hier zeigt sich ein klares Bild: Das Leseverständnis im Deutschen hat sich bei fast allen Kindern erhöht, während das Leseverständnis der Kinder in der Partnersprache an den Stand gekoppelt ist, den sie bei Schuleintritt hatten. "Das Modell der bilingualen Klassen erweist sich somit als besonders vorteilhaft für den Deutscherwerb von Zweitsprachlernern." Die Studie zeigte auch, dass Deutschen Kindern der Zugang zur Partnersprache erleichtert wird, wenn sie ein "positives Lernervorbild" haben - in der Person der Lehrerin oder des Lehrers, die in der Partnersprache zwischen Kindern vermitteln oder auch in der Person anderer Kinder, die fit in der Partnersprache sind, etwa im Italienischen, Spanischen oder Portugiesischen.   

Ein weiteres zentrales Ergebnis des Berichts aus dem Jahr 2004: Die übliche Trennung der Deutschstunden vom Fremdsprachenunterricht sei "nur am Anfang eine Erleichterung", so Ingrid Gogolin. Auf Dauer erweise sich hingegen das Modell des Teamteaching mit höheren Anteilen bilingualen Unterrichts sowohl im Mündlichen wie auch im Schriftlichen "dem Modell der Sprachentrennung in jeweils einsprachigen Lerngruppen als überlegen", so das Fazit der Studie. Mögen die Wände in den Häusern die Familien mit ihren vielfältigen Sprachen und Kulturen weiter trennen und teils auch befrieden, in den bilingualen Grundschulklassen helfen Durchbrüche in den "Wänden", mehrere Sprachen leichter zu erlernen.

Autor(in): Arnd Zickgraf
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Datum: 31.10.2005
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