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24. 10. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Wir haben von unseren Kleinsten gelernt..."

In Oberwiesenthal gehen seit zwei Jahren Kinder in die erste deutsch-tschechische Kita

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Deutsche und tschechische Kinder unterhalten sich mit Krtek (Maulwurf)

Bildung PLUS: Vor reichlich zwei Jahren wurde die erste grenzüberschreitende deutsch-tschechische Kindertagesstätte in Oberwiesenthal in Sachsen eingeweiht. Sprechen heute die deutschen Kinder perfekt tschechisch und die tschechischen Kinder perfekt deutsch? Welche Voraussetzungen waren nötig und welche Hindernisse mussten überwunden werden, ehe dieses Projekt zustande kam und wie werden Sie heute unterstützt?

Weisbach: Vor zwei Jahren wurde der Neubau der Kita "Regenbogen" eingeweiht, welcher von der EU gefördert wurde. Jedoch betreuen wir seit Januar 2000 Kinder aus Tschechien und haben seit Oktober 1999 Kontakt zu einem Kindergarten aus Tschechien. So kann ich sagen, dass wir bereits 5 Jahre Erfahrungen im bilingualen Bereich in der Arbeit mit Kindern, des sozialen Umfeldes und der Eltern und anderen Institutionen sammeln konnten.

Unsere tschechischen Kinder erlernen die deutsche Sprache sehr schnell, abhängig vom Entwicklungsstand und der Lebenssituation des Kindes. Sicherlich liegt es auch daran, dass diese Kinder durch ihre Unterzahl schneller "gezwungen" werden, die andere Sprache zu verstehen und zu sprechen. Wir haben unsere 15 Kinder aus Tschechien in 8 verschiedenen Kindergruppen unterschiedlichen Alters verteilt.
Unsere deutschen Kinder beherrschen in Anfängen Höflichkeitsformen (z.B. Guten Tag, bitte, danke, Auf Wiedersehen), sowie die Farben, bekannte Tiere, kleine Lieder und Tänze (altersentsprechend). Wir befinden uns in einem ständigen Lernprozess und erweitern so schrittweise unsere Sprachkenntnisse. Es ist nicht unser absolutes Hauptziel, unseren Kindern die jeweilig andere Sprache beizubringen, sondern dass sie sich verstehen, respektieren und akzeptieren und viel voneinander wissen.

Voraussetzung für unsere bilinguale Arbeit ist der Wille, sich vorurteilslos auf die jeweilig andere Sprache und Kultur einzulassen und sie zu leben und zu erleben. Weiterhin ist es absolut notwendig, viel Transparenz in unserer Arbeit zu zeigen. Kinder, Eltern, Behörden und unsere Mitarbeiter arbeiten miteinander und sind bemüht, einander zu verstehen und den Raum für eine Weiterentwicklung zu geben.
Öffentlichkeitsarbeit nimmt einen großen Spielraum ein. Das Verständnis für unsere bilinguale Arbeit zu wecken, war die Hauptschwierigkeit zu Beginn unseres Projektes. Unsere Kinder haben uns gezeigt wie einfach der Umgang mit Menschen aus einem anderen Sprachkreis ist. Wir haben von unseren Kleinsten gelernt und das hat sich recht schnell auf alle anderen Beteiligten ausgewirkt.
Natürlich gehört es unbedingt dazu, den rechtlichen Rahmen zu beachten (Unfallschutz, Versicherung, Genehmigungen des Jugendamtes und diverser Verträge).
Unterstützung für unser Projekt haben wir in unseren Eltern, dem Träger, dem Sozialministerium, der Stadt Oberwiesenthal und vielen Sponsoren.

Bildung PLUS: Wie haben sich die deutschen Erzieherinnen auf ihre Arbeit in der deutsch-tschechischen Kindertagesstätte vorbereitet und gibt es tschechische Erzieherinnen?

Weisbach: Alle Erzieherinnen meiner Kita haben Kurse an der Volkshochschule absolviert sowie Weiterbildungen im Bereich der Sprachentwicklung von Kindern. Einrichtungsinterne Weiterbildungen, Erfahrungsaustausch und das Erlernen von neuem Sprachschatz gehören ständig dazu.
Seit einem Jahr ist in unserem Haus eine Erzieherin aus Tschechien beschäftigt, was einen großen Vorteil in unserer Arbeit mit sich bringt. Sie hilft uns beim Überwinden unserer Sprachschwierigkeiten, ist Verbindungsglied zu den tschechischen Eltern und Partnern und Vertrauensperson für unsere tschechischen Kinder.

Bildung PLUS: Wie konnten die Eltern für dieses Projekt gewonnen werden?

Weisbach: Einige unserer Eltern sind beim Zoll und beim BGS beschäftigt, so dass diese schon von Berufs wegen einen engen Kontakt nach Tschechien haben. Sie wissen von Problemen, aber auch von Chancen, wenn man sich mehr mit dem tschechischen Nachbarn und dem aktiven Zusammenleben beschäftigt.
Elternabende und ungezwungene Gespräche über unser Vorhaben machten es uns recht leicht. Schnell haben die Eltern begriffen, welche Chancen sich für ihre Kinder daraus ergeben und vielleicht auch für sich selbst.

Bildung PLUS: Wie sieht der Alltag in einer bilingualen Kita konkret aus und wie reagieren die Kinder auf die Anforderungen?

Weisbach: Auf den ersten Blick unterscheidet sich unsere Kita nicht wesentlich im Aufgabenbereich von den anderer Kindertagesstätten. Dass über den ganzen Tag in zwei Sprachen gesprochen wird, ist für uns normal und wird nicht mehr bewusst wahrgenommen. Als Arbeitsgrundlage haben wir eine deutsch-tschechische Mitmachzeitung (Ahoj - Hallo) entwickelt, welche uns als Projektbegleitung in unserer pädagogischen Arbeit unterstützt. Sie enthält Spiele, Lieder, Tänze, Arbeitsblätter für Natur, Mathematik usw., und das natürlich in zwei Sprachen. Dadurch ist es uns möglich, den Wortschatz der Kinder und unseren eigenen ständig in der täglichen Arbeit zu erweitern und zu festigen. Diese Zeitung wird uns nicht vorgegeben, sondern durch uns erarbeitet. Feste und Feiern werden in Deutsch und Tschechisch geplant und durchgeführt, wobei großer Wert auf Traditionen und Brauchtumspflege gelegt wird (z.B. zum Nikolaus kommt der Nikolaus aus Tschechien mit Engel und Teufel, das Zuckertütenfest ist eine deutsche Tradition).
Unsere Kinder betrachten die Zweisprachigkeit als Spiel und normalen Alltag, es bedeutet keinen Zwang und Stress. Wir versuchen mit unseren tschechischen Kindern auch viel in ihrer Muttersprache zu sprechen, um ihnen ein Gefühl der Geborgenheit und Vertrautheit zu geben.

Bildung PLUS: Wo haben Sie sich Rat und Hilfe geholt, immerhin war "Regenbogen" die erste bilinguale Kita an der deutsch-tschechischen Grenze?

Weisbach: Hilfe für die gesetzlichen Rahmenbedingungen haben wir uns beim Träger, dem Landesjugendamt (LJA) und dem Sozialministerium geholt. Im pädagogischen Bereich greifen wir auf Erfahrungen unserer Partner in Tschechien, unserer Therapeuten (Logopädie, Ergotherapie) und unseren gesunden Menschenverstand zurück. Wichtig ist, dass es unseren uns anvertrauten Kindern gut geht, sie sich wohl fühlen und sie viel Liebe und Geborgenheit erfahren, denn nur dann entwickelt sich ein Mensch optimal weiter, egal aus welchem Sprachkreis er kommt.


Bildung PLUS: Wissenschaftler sind sich heute einig, dass ein frühzeitiges Fremdsprachenlernen in Kindertagesstätten sinnvoll ist. Gibt es schon Kontakte zur Grundschule, damit dort die bei Ihnen erworbenen sprachlichen und interkulturellen Kompetenzen der Kinder vertieft werden können?

Weisbach: Wir haben eine Kooperationsvereinbarung mit unserer Grundschule, jedoch sind Bemühungen, die tschechische Sprache dort weiterzuführen, bisher gescheitert.
Das Verständnis und die Chancen für die Kinder, die tschechische Sprache weiter zu erlernen, sind noch nicht ausgereift. Dazu kommen noch gesetzliche Schwierigkeiten in der Finanzierung von Lehrkräften für die tschechische Sprache. Es besteht jedoch die Möglichkeit, unsere Kinder aus Tschechien bis zur 4. Klasse in einer deutschen Schule zu unterrichten - zwei Kinder von uns tun dies bereits. Wir hoffen jedoch, dass das Kultusministerium und das Sozialministerium gemeinsam einen Weg finden werden, die von uns begonnene Arbeit in der Kita weiterzuführen.

Bildung PLUS: Die meisten bilingualen Kitas existieren an der deutsch-französischen Grenze. Gibt es in der deutsch-tschechischen Grenzregion Interessenten für weitere bilinguale Kindertagesstätten, die auf Ihre Vorarbeit bauen können?

Weisbach: Interesse in unserer Region an der bilingualen Arbeit besteht vereinzelt. Unter der Trägerschaft der Johanniter gibt es noch eine zweite Kita, die bilingual arbeitet.
Gegenwärtig halten wir Vorträge im Auftrag des LJA und des Sozialministeriums über unsere Arbeit, sicherlich auch, um anderen Mut zu machen, diesen Schritt zu gehen und unsere Erfahrungen weiterzugeben. In Ostsachsen (Zittau/ Görlitz) gibt es noch Kitas, die im zweisprachigen Sektor arbeiten (auch mit polnischen Kindern).
Dort waren wir zu Beginn unseres Projektes zu Gast. Das hat uns sehr geholfen. Wir sind jederzeit bereit, unsere Erfahrungen weiterzugeben und zu helfen, weil wir vom Sinn unseres Tuns überzeugt sind.

Bildung PLUS: Wie hat sich Ihr Leben in den letzten zwei bis drei Jahren durch dieses Projekt verändert?

Weisbach: Ich persönlich habe einen anderen Blickwinkel über die grenzüberschreitende Arbeit bekommen. Man kann sagen, wir haben über den Tellerrand hinausgeschaut. In meinem Kopf hat sich ein Wandel vollzogen: Heute beurteile ich das tschechische Volk nicht mehr vom "Hörensagen", aus der Zeitung mit den meist negativen Schlagzeilen, sondern habe entdeckt, dass auch diese Menschen die gleichen Sorgen und Nöte haben wie wir Deutschen auch. Manchmal schäme ich mich für meine damaligen Vorurteile und den daraus folgenden Wertungen. Es kommt vor, dass ich ein bisschen neidisch bin auf unsere tschechischen Nachbarn, sie sind häufig weltoffener und vor allem im Erwerb der Sprache schneller.
Wir sind überzeugt, dass unsere bilinguale Arbeit Sinn macht und wir unseren Kindern für ihre spätere Entwicklung das nötige Rüstzeug und den Weitblick mit auf den Weg geben.

 

Sylvia Weisbach ist Erzieherin und Leiterin der bilingualen Kindertagesstätte "Regenbogen" der Johanniter in Oberwiesenthal in Sachsen. Sie hat eine Ausbildung als Erzieherin und im Führen und Leiten von Kindertagesstätten und im Sozialmanagement.


Die Kontaktadresse lautet:
Die Johanniter e.V.
Kita "Regenbogen"
Zechenstr. 19A
09484 Kurort Oberwiesenthal
E-Mail: kita.oberwiesenthal@juh-erzgebirge.de

Autor(in): Ursula Münch
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Datum: 24.10.2005
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