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04. 08. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Mehrsprachigkeit als Bereicherung erleben

Das EU-Projekt COALA schult "pre-school teachers" und ihre Ausbilder

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Logo des Projektes COALA

Mehrere Kinder spielen schon seit einiger Zeit mit dem Kaufmannsladen. Thomas ist der Verkäufer und Natalie und Sabine wechseln sich beim Einkauf ab. Sie beratschlagen hin und her, was sie kaufen sollen, fragen den "Verkäufer" nach günstigen Produkten und lachen über ihr Erwachsensein. Kira steht in einiger Entfernung und schaut zu. Zu gerne würde sie an dem Spiel teilnehmen, bei Thomas etwas kaufen und mit Natalie und Sabine zusammen lachen. Doch sie versteht ihre Sprache nicht. Sie weiß nicht, was "Nudeln" auf Deutsch heißt und "Schokolade" und versteht auch die Witze nicht, die die drei machen.

Kindertagesstätten sind oft überfordert
So wie Kira geht es vielen Kindern in Deutschland. Viele Migrantenkinder besuchen einen Kindergarten, ohne die Landesprache zu beherrschen. Mit viel Mühe versuchen die Erzieherinnen und Erzieher die Kinder in die Gruppen zu integrieren, ihnen im Spiel die deutsche Sprache beizubringen, und stoßen dabei immer wieder an ihre Grenzen. In vielen Migrantenfamilien wird zu Hause kein Deutsch gesprochen und der Erwerb der Sprache nicht unterstützt. Und oft sind in Kindergärten auch einfach zu viele Kinder verschiedener Herkunft, so dass die Erzieherinnen und Erzieher überfordert sind. Zu viele Anforderungen sind zu bewältigen, für die sie nicht geschult sind. Die Folge davon ist, dass Migrantenkinder auch nach dem Besuch des Kindergartens oft nicht gut deutsch sprechen können. Sie kommen mit ungenügenden Sprachkenntnissen zur Schule und schaffen auch dort den Anschluss nur selten.

COALA: Verbesserung der interkulturellen Kompetenz
Politik und Wissenschaft haben das Problem erkannt und wollen es lösen. Immer mehr ist von Sprachkursen für Migrantenkinder schon im Kindergarten die Rede. Doch nicht nur für die Kinder muss mehr getan werden, auch die Erzieherinnen und Erzieher müssen in ihrer interkulturellen Kommunikationskompetenz besser geschult werden, damit sie gezielte und effektive Methoden anwenden können. Dieses Ziel hat das EU-Projekt "Coala - Communication and language promotion in training pre-school teachers". Seit Oktober 2003 entwickeln Professoren für Frühpädagogik, Fremdsprachendidaktiker für den Elementar- und Primarbereich sowie Berufskolleglehrer aus den fünf europäischen Ländern Schweden, Polen, Spanien, Malta und Deutschland zertifizierbare didaktische Module für die Aus- und Fortbildung von Vorschullehrern unter Vergabe so genannter "credit points".

Verschiedene Ansätze
Weil in den beteiligten Ländern unterschiedliche Bildungskonzepte und Rahmenbedingungen existieren, verfolgen sie innerhalb des Projektes unterschiedliche Ansätze. Während sich Schweden und Deutschland aufgrund ihres hohen Migrantenanteils auf die Förderung der jeweiligen Landessprache bei Migrantenkindern konzentrieren, richten Malta, Polen und Spanien ihren Fokus auf die Förderung des Zweitspracherwerbs in Englisch, Deutsch und Französisch. Gemeinsam hingegen ist allen, die drei Zielgruppen Vorschullehrer in Beruf und Ausbildung (in Deutschland Erzieherinnen und Erzieher) sowie ihre Ausbilder darin zu befähigen, Situationen besser wahrzunehmen, in denen sich die mehrsprachige Entwicklung des Kindes unterstützen lässt und die geeignete Form anzuwenden. "Vorschullehrer und ihre Ausbilder sollen sich auf nationaler und internationaler Ebene als forschende Begleiter im Bildungsprozess der Kinder erweisen und ihnen neue Kontexte erschließen, indem sie den Kindern legitimierbare und zukunftsfähige Themen anbieten", stellt Michael Helleberg von der EU-Geschäftsstelle und Projektleiter von COALA heraus. "Die dazugehörige interkulturelle Kompetenzaneignung erfordert in erster Linie eine Persönlichkeitsbildung in affektiven Lernbereichen. Dazu gehören die Selbstreflexion, das Infragestellen der eigenen Deutungsmuster, die Achtung anderer Ich- und Wir-Identitäten und die Dialogfähigkeit über Kulturbezüge hinweg", betont Helleberg. Wenn Mehrsprachigkeit und der Erwerb einer Zweitsprache als Selbstverständlichkeit vermittelt werden, können schon vier- bis sechsjährige Kinder sprachliche und interkulturelle Kompetenzen entwickeln.

Inhalte der Weiterbildung: Verständnis, Verstehen und Verständigung
Bis Ende Juni befand sich das Projekt in der ersten von zwei Pilotphasen. Kurse zur interkulturellen Kompetenz wurden und werden in allen Ländern durchgeführt oder sind für das kommende Semester geplant. Der Stundenumfang variiert von 40 bis zu 600 "contact hours". Die Inhalte bestehen aus Modulen, die die Professoren, Didaktiker und Lehrer in der Zeit seit Oktober 2003 erarbeitet haben. In Deutschland werden diese Kurse vom Erzbischöflichen Berufskolleg in Köln und vom Berufskolleg Stolberg (Kreis Aachen) angeboten. Das 12-monatige Programm in Köln umfasst 600 Unterrichtsstunden. Es beginnt im September 2005 und richtet sich an alle Erzieherinnen und Erzieher, Sozialpädagoginnen und -pädagogen und Grundschullehrerinnen und -lehrer, die sich in interkultureller Kommunikation weiterbilden möchten. Schwerpunkte des Programms bilden Verständnis, Verstehen und Verständigung: Die Pädagogen werden intensiv darin ausgebildet, eine professionelle Sensibilisierung im Hinblick auf interkulturelle Erziehung und interkulturelle Lernsituationen zu entwickeln. Sie lernen entwicklungspsychologische Grundlagen der Spracherwerbsprozesse kennen, sie werden in der Diagnostik der Sprachentwicklung geschult und erhalten eine gründliche Einführung in Didaktik und Methodik im Rahmen der interkulturellen Arbeit. Die Beurteilung von Konzepten zur Sprachförderung sowie ein Einblick in die interkulturelle Elternarbeit und Elternbeteiligung runden das Programm ab. Gerade die Konzepte für die Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund setzen neben dem Spracherwerb an der Einbeziehung von und der Unterstützung für Eltern in Migrationsfamilien an. Ihnen wird vermittelt, dass ihre und die Muttersprache ihrer Kinder als gleichwertig anerkannt werden, dass Mehrsprachigkeit als Bereicherung empfunden wird. Ideal wäre es nach dem Ansatz der interkulturellen Kompetenz, wenn Eltern und Kinder gleichermaßen durch Muttersprachler in beiden Sprachen gefördert würden.

Die Entwicklung der Module
Die Unterrichtsmodule wurden seit Beginn des Projektes an den Universitäten und Berufskollegs der fünf Partnerländer entwickelt, begleitet von regelmäßigen Treffen der Partner. Die EU-Geschäftstelle der Bezirksregierung Köln organisierte im Dezember 2003 ein Auftakttreffen: In einem dreitägigen "Kick-Off-Meeting" in Köln verständigten sich die Teilnehmer auf den Umfang der zu entwickelnden Module und darüber, wie interkulturelle Kompetenz bei gleichzeitiger Förderung von Migrantenkindern in den Lehrplan der Vorschullehreraus- und -fortbildung integriert werden kann. Um die Konzeption der Module aufeinander abzustimmen, trafen sich die Partner im Jahr 2004 zwei weitere Male. Im Mai 2004 in Burgos/Spanien und im November in Göteborg/Schweden. "Der Fokus richtete sich dabei auf die Entwicklung und Harmonisierung der didaktischen Ideen zu den einzelnen angedachten Aus- und Fortbildungsmodulen vor dem Hintergrund zertifizierbarer Best-practice-Methoden", berichtet Projektleiter Michael Helleberg. Trotz dieser Versuche haben sich die Module aufgrund der verschiedenen Ansätze und Voraussetzungen, die die Länder verfolgen und mitbringen, unterschiedlich entwickelt. Dennoch oder gerade deshalb konnte man voneinander lernen. Deutschland zum Beispiel hat sehr von den in Schweden weit fortgeschrittenen Erfahrungen in der Sprachförderung von Migrantenkindern, bei der die Entwicklung und das Lernen des einzelnen Kindes im Mittelpunkt stehen, profitieren können.

Die erste interne Evaluation
Ende Juni 2005 fand das vierte Treffen der Partner in Wroclaw/Polen statt. Im Mittelpunkt stand die Zwischenevaluation des Projektes, die Dr. Christian Alix vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und Frank Bulthuis vom Niederländischen Institut für Curriculumentwicklung für den Vorschulbereich (SLO) durchgeführt haben. Sie hielten als wichtigste Punkte fest, dass die Verbindung von Theorie und Praxis in der Konzeption und Durchführung in den Kursen zwar unterschiedlich stark implementiert war, sich aber als äußerst wichtiges Instrumentarium für die Weiterentwicklung der interkulturellen Kompetenz erwiesen hat. Auch stellte sich die vermeintlich ungünstigere Situation einer heterogenen Lerngruppe bei der Vermittlung der interkulturellen Kompetenz als vorteilhaft heraus. Als sehr wichtig wurde auch die Basis eines gemeinsamen Rahmens empfunden, der durch das Modell des European Citizenship vereinbart wurde. Danach beruht interkulturelle Kompetenz auf den Grundsätzen Wissen, Haltung, Fertigkeiten und Werte. Ein weiteres herausragendes Ergebnis war, dass sich die Rolle der einzelnen Lehrer bei der Änderung der Klassen- und Schulpraxis und das Selbstverständnis der Schulen und Universitäten geändert haben.

Die Kommunikation muss verbessert werden
Nach dieser Bestandsaufnahme folgt jetzt die zweite Pilotphase, in der die Kurse in den Ländern bis Mai 2006 weiterlaufen und in der man versucht, Konsequenzen aus der Evaluation zu ziehen. "Um länderübergreifende Transferstrukturen zu schaffen, muss allerdings der Austausch zwischen den Ländern noch verbessert und müssen die Module noch besser aufeinander abgestimmt werden", bemerkt Michael Helleberg. Der unterschiedliche Entwicklungsstand der Curricula für die Frühpädagogik in den Ländern erschwert diesen Prozess. "Trotzdem konnte sich in allen Ländern bereits eine Sensibilisierung für interkulturelle Kommunikationskompetenz stark etablieren", hebt er lobend hervor.

Nach der Evaluation des Projekts im Frühling 2006 soll dann die Implementierung der Kurse erfolgen. Ein Prozess, der mit Spannung verfolgt werden kann. "In Deutschland wird dies wahrscheinlich leichter sein als in den Partnerländern", hofft Michael Helleberg, "denn die Ausbildung an Berufsschulen ist leichter zu ändern als die an den Hochschulen."

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 04.08.2005
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