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06. 01. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erziehen, managen und mehr

Koblenzer FH bietet bundesweit einmaliges Fernstudium für ambitionierte Erzieherinnen und Erzieher an

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Bei einem Fernstudium wird man nicht aufgerufen...

Meike sitzt mit ihrer Kollegin Anna nach Feierabend in einer Mainzer Eckkneipe. Sie streift sich mit dem Handrücken über die Stirn und seufzt "Vier Jahre arbeite ich nun schon in der Kita. Die Richtung stimmt schon aber irgendwie fehlt mir ein Kick, eine Herausforderung, mehr Verantwortung ...", so die gelernte Erzieherin. Anna erzählt ihr von einem Zeitungsartikel, in dem ein Fernstudium für Erzieherinnen in Leitungspositionen vorgestellt wurde. Für die 32-jährige Meike eine gute Lösung, sich akademisch zu qualifizieren, ohne die Praxis aus dem Auge zu verlieren.
 
Ab dem Sommersemester 2005 haben Erzieherinnen und Erzieher, die eine Leitungsfunktion in Kindertagestätten ausüben oder anstreben, die Möglichkeit, sich in dem berufsbegleitenden Fernstudiengang der Fachhochschule Koblenz "Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit" akademisch weiter zu bilden. Dabei bietet der Bachelor-Studiengang auch Erzieherinnen und Erziehern ohne Hochschulreife die Möglichkeit, unkompliziert den Schritt an die Fachhochschule zu wagen.

Im diesem berufsbegleitenden Fernstudium mit Online-Unterstützung werden den Studierenden schwerpunktmäßig die Grundlagen des Bildungs- und Sozialmanagements, Leitungskompetenzen, Management in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen, aber auch Qualitätsmanagement und so genannte übergreifende Qualifikationen vermittelt.

Fachhochschule Koblenz setzt das I-Pünktchen
Die Notwendigkeit einer qualifizierten Ausbildung jenseits der bisherigen Fachschule für Erzieherinnen und Erzieher wird von vielen Bildungspolitikern und -praktikern betont. So werden doch gerade in den ersten sechs Lebensjahren entscheidende Weichen für das weitere Leben gestellt. Aufgrund dieser Erkenntnis wurden insbesondere in jüngster Zeit wichtige Akzente zur Stärkung der frühkindlichen Bildung gesetzt. Seit der ersten PISA-Studie wurde immer wieder bemängelt, Erzieher und Erzieherinnen seien bei weitem schlechter als Grundschullehrer qualifiziert. Andere europäische Länder organisieren die Ausbildung ihrer pädagogischen Fachkräfte auf Fachhochschul-, wenn nicht auf universitärem Niveau. "Das bedeutet, unsere Erzieherinnen können heute in Europa nicht vermittelt werden", sagte Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis vom bayrischen Staatsinstitut für Frühpädagogik in einem Gespräch mit Bildung PLUS.
 
Doch auch an deutschen Fachhochschulen und Universitäten hat sich etwas getan: Insgesamt bieten sieben Fach-/Hochschulen in Deutschland eine akademische Ausbildung für Erzieherinnen an, hinzu kommt eine deutschsprachige Universität im italienischen Bozen.
Neu ist die Konzeption des Koblenzer Modell-Studiums "Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit" als Fernstudiengang, neu ist auch die Ausrichtung des Studiums an der Zielgruppe der Leitungskräfte in Kitas. Ebenfalls bundesweit einmalig ist die Organisation des Studienganges an der Fachhochschule Koblenz, an der die beiden Fachbereiche "Betriebs- und Sozialwirtschaft" in Remagen und "Sozialwesen" in Koblenz beteiligt sind, unterstrich der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Jürgen Zöllner. "Damit ist gewährleistet, dass die Managementkompetenz mit den sozialpädagogischen und bildungswissenschaftlichen Inhalten optimal verknüpft wird, erläuterte Zöllner. Der rheinland-pfälzischen Landesregierung bezeichnet die qualitative Weiterentwicklung der Kindertageseinrichtungen als eines ihrer wichtigen Anliegen.

Beruf mit Perspektive
Die Reform der Ausbildung kommt nicht nur den Kindern zu Gute, der Beruf sollte auch zu Gunsten künftiger Erzieherinnen und Erzieher umgestaltet werden, denn ein anspruchsvoller und attraktiver Beruf darf nicht schon nach der Ausbildung in einer Sackgasse enden. Für die Mehrzahl der Erzieherinnen gibt es jedoch innerhalb ihres Berufslebens kaum Entwicklungsmöglichkeiten. Eine fachliche Differenzierung und die Durchlässigkeit zu anderen Berufsfeldern, aber auch berufsbegleitende Studiengänge sind Möglichkeiten, Erzieherinnen bessere Perspektiven zu eröffnen. Der Koblenzer Studiengang gibt besonders ambitionierten Erzieherinnen und Erziehern die Möglichkeit, sich ohne Umwege das Handwerkszeug für professionelles Agieren in einer Leitungsposition zuzulegen.

Die Vize-Präsidentin der Fachhochschule Koblenz, Professor Ingeborg Henzler, sagte, das Angebot richte sich an qualifizierte Erzieherinnen und Erzieher, die über eine mindestens zweijährige Berufserfahrung verfügten. Eine weitere Zulassungsvoraussetzung zum Studium sei ein Arbeitsvertrag mit einem Kita-Träger. Die Einführung eines Eignungstestes sei ebenfalls geplant. 
 
Unternehmerisch denken und handeln
Das Studium soll die Studierenden nicht nur für die Leitung von Kindertageseinrichtungen fit machen, sondern auch zur Fachberatung in Kindertagestätten und  zur Arbeit für große Trägerorganisationen oder auch für Träger der öffentlichen Jugendhilfe befähigen. Denn auch hier sind pädagogische, betriebswirtschaftliche und Managementqualifikationen zunehmend gefragt.

So hob Professor Dr. Stefan Sell, Projektleiter an der Fachhochschule Koblenz, als besonders innovatives Element des neuen Studiengangs die Verknüpfung von Betriebswirtschaft und Bildungsmanagement hervor. Hier würden die Studentinnen und Studenten mit Methoden des Qualitätsmanagement vertraut gemacht. "Das ist einer der Schwerpunkte des neuen Studiengangs", betonte Sell.
 
Die betriebswirtschaftlichen Anforderungen an das Leitungspersonal, vor allem hinsichtlich Finanzierung und Personalführung, würden immer größer. Gefordert werde vor allem von Trägerseite zunehmend auch eine "unternehmerische" Ausrichtung der Kindertageseinrichtungen. Kenntnisse in Marketing, Fundraising und unterschiedlichen Managementmethoden gehörten deswegen auch in das Spektrum an Ausbildungsinhalten.
 
Berufsbegleitend, online, persönlich
Der Studiengang für Leitungskräfte ist laut Doris Ahnen, Ministerpräsidentin von Rheinland Pfalz, bewusst als berufsbegleitender Fernstudiengang entwickelt worden. Den Erzieherinnen und Erziehern wird auf diese Weise eine Möglichkeit gegeben, sich neben ihrer Berufstätigkeit und in ständiger Anwendung der Lerninhalte des Studiums im Berufsalltag akademisch zu weiter zu bilden.
 
Der größte Teil des auf sechs Semester angelegten Studiums wird über Lehrbriefe und Online-Module vermittelt. Während des Semesters müssen die Studentinnen und Studenten einmal im Monat sogenannte Präsenzphasen an der Hochschule absolvieren. Dabei sind alle Module gleich aufgebaut und bestehen zum überwiegenden Teil aus Selbstlern- und Projektphasen. Im sechsten und damit letztem Semester gilt es für die Studierenden, sich an die Bachelor-Arbeit zu setzen, umabschließend einen wohlklingenden "Bachelor of Arts zu erhalten".

Studieren aus der Vogelperspektive
Einer der fünf Studienschwerpunkte lautet "übergreifende Qualifikationen". Dazu gehören grundlegende Fähigkeiten wie interkulturelle und kreative Kompetenz, aber auch die berufsspezifischen kommunikativen und Gesprächsführungskompetenzen sowie Moderations- und Präsentationstechniken. Die Aneignung dieser Schlüsselqualifikationen steht in direktem zeitlichen und inhaltlichen Zusammenhang zu den fachwissenschaftlichen Fächern, so dass sie schon während des Studiums im beruflichen Alltag angewendet werden können.
 
Doch die FH Koblenz hat ein weiteres Ziel im Visier und blickt deswegen über den Tellerrand: Um auch bezüglich der  internationale Entwicklung im Bereich der frühkindlichen Bildung und Betreuung auf dem neuesten Stand zu sein, wird den Studentinnen und Studenten Englisch als Fachfremdsprache angeboten, um auch englischsprachige Vorträge und Veröffentlichungen zu verstehen. Zudem sind Exkursionen in europäische Nachbarländer vorgesehen, um sich vor Ort über Modellprojekte zu informieren. Mit der internationalen Ausrichtung des Studiengangs wird nicht zuletzt das Ziel verfolgt, die interkulturelle Arbeit in den Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder im Vor- und Grundschulalter zu verbessern.
 
Ob und wie die Fachhochschule Koblenz diese Ansprüche  umsetzt, soll ein Fachbeirat mit erfahrenen Personen aus Wissenschaft und Praxis begutachten. Er wird den Studiengang in seiner Entwicklung begleiten, um so zu einer externen Qualitätssicherung beizutragen. Außerdem ist die intensive Zusammenarbeit mit großen Trägerverbänden und einzelnen Einrichtungen geplant, um neue Entwicklungen aus der Praxis zeitnah im Blick zu behalten.

Weg vom Klischee der Kindergartentante
Die Erwartung, vor einem riesigen Aufgabenberg zu stehen, den sie aber nicht konkret einschätzen konnten, hielt viele Erzieher und Erzieherinnen bisher davon ab, sich für eine Leitungsfunktion zu interessieren, zumal auch der Unterschied in der Bezahlung zwischen Gruppenleiterin oder Gruppenleiter und Kindergartenleiterin oder Kindergartenleiter nur sehr gering ist. Die Masse und die Schwierigkeit der Aufgaben schreien sozusagen nach einer akademischen Unterstützung.
 
Die Ausbildung von Kita-Leiterinnen (sowie von Erzieherinnen generell) auf ein wissenschaftliches Niveau zu heben, bedeutet jedoch nicht eine Überbetonung der Theorie, sondern die Befähigung zur Planung, Organisation und Reflexion ganzheitlicher Bildungsprozesse. Denn Kindertagesstätten sollen heute nicht mehr nur Orte sein, an denen Kinder behütet werden. Sie sind Lern- und Lebensräume für Kinder.

Wenn es darum geht, die Bildungspotentiale von Kindern systematisch zu entfalten, ist also zwingend erforderlich, daran  Erziehern und Erzieherinnen zu beteiligen, die wissenschaftlich ausgebildet sind. Und wenn es darum geht, Kindertagestätten auch unter schlechten finanziellen Voraussetzungen mehr als einfach nur am Leben zu halten, ist eine fitte Führungskraft von unschätzbarem Wert. Für Interessierte, die berufsbegleitend und berufsnah studieren wollen, bietet sich das Koblenzer Fernstudiengangmodell an, dessen Konzeption nicht nur durch diesen pragmatischen Zug, sondern auch durch seine interkulturelle und internationale Ausrichtung besticht. Auf eine angemessene tarifliche Bezahlung der studierten Erzieherinnen und Erzieher und/oder Kita-Leiterinnen und Kita-Leiter ist jedoch vorerst nur zu hoffen.

Autor(in): Katja Haug
Kontakt zur Redaktion
Datum: 06.01.2005
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