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22. 09. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Europäische Projekte trainieren ungeheuer die Adaptionsfähigkeit"

Dr. Christian Alix vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung über Erfolge und Schwierigkeiten des Projektes COALA

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Dr. Christian Alix

Bildung PLUS: Im Rahmen des Projektes COALA werden in fünf europäischen Ländern Ausbildungsmodule entwickelt, mit denen pre-school teachers in interkultureller Kommunikationskompetenz geschult werden. Lassen sich Ausbildungsmodule länderübergreifend herstellen, obwohl die Ausbildung in den beteiligten Ländern zum Teil sehr unterschiedlich ist?

Alix: Das Coala-Projekt versucht im Bereich des interkulturellen Lernens gemeinsame Ziele zu formulieren und Module zu entwickeln, die Elemente enthalten, die länderübergreifend anerkannt werden. Solche Module lassen sich länderübergreifend herstellen, wenn man ihre Entwicklung als Prozess begreift. Zu Beginn des Projektes, Ende 2003, erstellten die Länder im Rahmen einer Art Bestandsaufnahme eine gemeinsame Informationsbasis: Auf welches Konzept, auf welche Definition einigt man sich im Bereich interkulturelles Lernen. Kernkompetenzen im Bereich des interkulturellen Lernens mussten formuliert werden. Für die Erarbeitung der Ausbildungsmodule haben wir ein Beschreibungsmuster zu Hilfe genommen, das European Credit Tranfer System (ECTS). In der ersten Pilotphase, die bis Mitte dieses Jahres andauerte, haben sich die Länder dann darauf konzentriert, Arbeitsmodule für die Ausbilder, so genannte train the trainer Module, und Module für die Aus- und Fortbildungen von pre-school teachern zu entwickeln. Diese Module sind zunächst nur im eigenen Land, in der eigenen Region anwendbar. Es sind lokale Module, die durch den gemeinsamen Rahmen in einem europäischen Kontext entwickelt worden sind, sie haben noch keinen universellen Anspruch. Bestimmte Elemente dieser Arbeitsmodule werden gegenwärtig in der zweiten Projektphase in den anderen Ländern erprobt. Die europäische Kooperationsebene wird jetzt betreten. Die Länder tauschen Material aus, entwickeln gemeinsam Ideen und richten gemeinsame Veranstaltungen für Studenten aus.

Bildung PLUS: Auf welche Schwierigkeiten stoßen die Länder bei ihrer Arbeit, zumal die Voraussetzungen in den Ländern doch sehr unterschiedlich sind?

Alix: Hauptschwierigkeiten, auf die wir immer wieder stoßen, sind das Selbstverständnis eines Landes darüber, was man unter interkulturellem Lernen versteht. In welcher Weise dieses Thema in der Gesellschaft und in der Bildung thematisiert wird, wie es im Bewusstsein verankert ist. Hier gibt es sehr große Unterschiede. In Spanien wird beispielsweise darüber diskutiert, ob interkulturelles Lernen Migration bedeutet oder ob es auch mit Kommunikation unter Kulturen, auch länderübergreifend, zu tun hat. Für einige Länder ist Migration ein ganz zentrales Thema, etwas, womit sie sich sehr beschäftigen, und für andere ist es noch relatives Neuland, weil sie in erster Linie Auswanderungsland und kein Einwanderungsland waren, wie im Fall von Spanien und Polen.
Der zweite sehr problematische Bereich sind die unterschiedlichen Strukturen der Länder. Es gibt Länder, in denen es an den Universitäten noch wenig entwickelte europäische Kooperationsstrukturen gibt, in denen man kaum oder keine fächer- oder disziplinübergreifende Zusammenarbeit kennt. Wenn die Strukturen fehlen, kann die Idee sehr an Zugkraft verlieren. Wo keine Strukturen sind, lässt sich nur sehr schwer etwas durchsetzen und verankern. In diesen Fällen müssen neue Strukturen erst geschaffen werden, um das Projekt COALA umzusetzen. Andere Länder wiederum haben schon lange Erfahrungen mit Kooperationen, auch im interkulturellen Bereich. Sie können auf eine lange Vorarbeit zurückgreifen. So ist für die Universität Göteborg internationale Zusammenarbeit in dem Bereich eine Selbstverständlichkeit, gewissermaßen Routine, für andere ist es der erste Schritt.

Bildung PLUS: In welchem Umfang werden die Module in den Ländern angeboten?

Alix: Am erzbischöflichen Berufskolleg in Köln beispielsweise wird ein Aufbaukurs im Umfang von 600 Stunden angeboten und in anderen Ländern ein Einführungskurs mit nur 30 Stunden. Das ist der Spagat, in dem wir uns bewegen. In Köln ist aber so viel an Vorarbeit vorausgegangen, dass man diese 600 Stunden auch füllen kann. Aber dieser Kurs lässt sich eben nicht unverändert nach Malta exportieren und dort erproben. Das ist die Herausforderung dieses Projektes, trotz der Unterschiede in den Ländern bei gleichen Zielen darauf zu schauen, wie sich das vor Ort am besten umsetzen lässt. Dafür muss man eine große Flexibilität mitbringen, bzw. entwickeln. Jeder muss in seinem Kontext das Konzept umsetzen und es gleichzeitig mit den europäischen Partnern innerhalb des Projektes entwickeln.

Bildung PLUS: Wie reagieren die pre-school teachers sowie die Erzieher und Erzieherinnen?

Alix: Sehr positiv und sehr interessiert an der Thematik. Sie sind in vielen Ländern dankbar, dass endlich einmal etwas zum interkulturellen Lernen angeboten wird. In Malta wurde stark betont, dass nicht nur die Inhalte, sondern auch die Form, also wie das Thema von den Universitäten vorgestellt wurde, beispielhaft waren. Es wurde lobend hervorgehoben, dass die Kurse sehr teilnehmerzentriert ausgerichtet waren, dass die Praxis stark berücksichtigt wurde und dass die Mitarbeit der Kursteilnehmer intensiv war. Die eigenen Erfahrungen konnten mit einfließen und wurden ausreichend thematisiert. Dass diese erfreulichen Reaktionen von Seiten der Praxis kommen, ist für uns eine große Hilfe und Ermutigung. Und es ist nicht nur so, dass diejenigen die Kurse zum interkulturellen Lernen besuchen, die mit dem vermeintlichen Problem in ihrer Institution konfrontiert werden, sondern es ist etwas, was alle interessiert und womit alle Kinder und Lehrer lernen müssen umzugehen.

Bildung PLUS: Wie sieht Ihre Evaluationsarbeit aus?

Alix: Normalerweise ist Evaluation hauptsächlich Produktqualitätskontrolle, aber mein Kollege Frank Bulthuis vom Niederländischen Institut für Curriculumentwicklung für den Vorschulbereich (SLO) und ich sind schon ziemlich schnell von der Abstinenzregel, dass man sich im Rahmen einer Evaluation nicht an dem Projekt beteiligt, abgewichen und haben bewusst die Rolle der "critical friends" angenommen. Wir haben ein ganzes Besuchsprogramm auf die Beine gestellt, das ursprünglich nicht vorgesehen war, um jeden Kontext für sich wahrzunehmen. Das erschien uns aufgrund der großen Unterschiede und Schwierigkeiten in den Ländern sehr wichtig. Gleichzeitig haben wir mit bestimmten Kriterien des ECTS die Arbeit in den Ländern verglichen. Die Module wurden von uns beschrieben und die Schwierigkeiten und Gemeinsamkeiten thematisiert. Auf dem Ländertreffen Ende Juni in Wroclaw/Polen stellten wir den Ländern unsere Halbzeitevaluation vor.

Bildung PLUS: Welche wesentlichen Ergebnisse konnten Sie bei Ihrer Zwischenevaluation konstatieren?

Alix: Ein zufriedenstellendes Ergebnis ist zunächst einmal, dass die Arbeitsmodule entwickelt worden sind und ein gemeinsamer Informationsstand erreicht ist, anhand dem man diskutieren kann. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Jetzt können wir überprüfen, welche Auswirkungen das auf die Teilnehmer haben wird, und wie die Kurse verlaufen, die jetzt von den Ausbildern durchgeführt werden, die in der ersten Pilotphase in den train the trainer Kursen zunächst selbst unterrichtet worden sind.

Bildung PLUS: Welche Konsequenzen ziehen Sie aus Ihrer Arbeit für die zweite Pilotphase des Projektes?

Alix: Generell gesagt, dass es nicht anders geht, als sich auf den Prozess so einzulassen, wie wir es bisher getan haben. Europäische Projekte wie COALA trainieren ungeheuer die Adaptionsfähigkeit. Man hat zwar einen gemeinsamen globalen Gedanken, muss aber zusehen, wie er in den eigenen, nationalen und lokalen Kontexten umzusetzen ist. Bei dieser Arbeit muss man den Zielen, den Gedanken treu bleiben und in der Anwendungsform sehr flexibel sein. Das setzt eine hohe Qualifikation seitens der Akteure und die Schaffung bzw. das "Erfinden" entsprechender Kooperationsstrukturen voraus. Darin sehen wir als Evaluatoren den großen Lerneffekt europäischer Projekte, weil sie etwas fördern können, was für Kooperationen unentbehrlich ist, jedoch ebenso für die Weiterentwicklung immer noch monolithischer Bildungssysteme entscheidend ist.

Bildung PLUS: Gestaltet es sich schwierig für das Projekt, dass Deutschland und Malta im Gegensatz zu den anderen Ländern keine pre-school teachers haben, die an der Universität ausgebildet werden, sondern Erzieherinnen und Erzieher?

Alix: Da, wo man große inhaltliche kulturelle oder strukturelle Nähe vermutet, ist es nicht immer unbedingt leichter zu kommunizieren bzw. zu kooperieren, denn auch dort spielen oft noch andere Elemente eine Rolle. Nach circa acht Monaten Projektlaufzeit haben die Partner versucht, sich in Arbeitsgruppen aufzuteilen, deren Strukturen und Bewusstseinprobleme ähnlich sind, etwa Köln/Stolberg und Göteborg/Schweden aufgrund der großen Bedeutung der Einwanderungsthematik oder Burgos/Spanien und Wroclaw/Polen wegen des großen Interesses an der Förderung des Fremdsprachenlernens im Vorschulbereich. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Es zeigte, dass es wichtig ist, die Unterschiede so zu nehmen, wie sie sind und zu versuchen, sich auf sie einzulassen und voneinander zu lernen. Dann sind Unterschiede nicht nur Hindernisse, sondern bringen auch gegenseitigen Nutzen.

Bildung PLUS: Bestehen Chancen, die Module nach Ablauf des Projektes in allen Ländern zu implementieren?

Alix: Noch ist fraglich, ob die Module in der Form vorliegen werden, dass man sie einfach "kaufen" und anwenden kann. Ich möchte dem nicht vorgreifen, aber ich glaube, es läuft eher darauf hinaus, dass bestimmte Inhalte für verschiedene Kernkompetenzen entwickelt und von den Ländern angepasst werden können.

 

Dr. Christian Alix, 1947 in Ivry-sur-Seine/Frankreich geboren, war lange Zeit Lehrer in Frankreich und Deutschland unter anderem an Schulen, an denen man über dem zweiten Bildungsweg seinen Abschluss machen konnte. Zwischendurch war er als Attaché Linguistique et de Coopération beim Institut Français in Frankfurt am Main tätig. Seit 1984 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main. Seine Arbeitsschwerpunkte sind internationale Schulkooperation, interkulturelles Lernen und Mehrsprachigkeit.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 22.09.2005
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