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Personal im Ganztag: Qualifikationsstandards, Quereinstieg und Nachqualifizierung

Interview mit Katharina Schilling und Iris Nieding von der Universität Duisburg-Essen

In dieser Folge der Podcast-Reihe „Bildungsforschung für die Bildungspraxis“ spricht unsere Redakteurin Dr. Caroline Hartmann mit Katharina Schilling und Iris Nieding von der Forschungsabteilung Bildung, Entwicklung, Soziale Teilhabe (BEST) am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universität Duisburg-Essen über Personalbedarf, Qualifikationsstandards, Quereinstieg und datenbasierte Steuerung im Ganztag der Grundschule.

Seit 2023 arbeitet die Forschungsabteilung an mehreren Forschungs- und Entwicklungsprojekten zur Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsförderung für Kinder im Grundschulalter.

Podcast abspielen:

Schlagwörter

Ganztagsschule, Grundschule, Personalentwicklung, Personalpolitik, Qualifikation, Qualifizierung, Qualität, Training,

Art des Podcasts Forschungstransfer
Autor des Podcasts Caroline Hartmann
Bildungsbereich Grundschule
Laufzeit 00:18:10
Tag der Aufnahme
Rechte CC-by-sa, Namensnennung, Weitergabe unter gleichen Bedingungen
Letzte Änderung am 2026-07-13 13:03:01

Lesefassung

(Von AI Companion stark zusammengefasste Transkription)

Ganztag zwischen Ausbau und Qualität

Willkommen bei einem neuen Podcast von „Bildung auf die Ohren“. Heute sprechen wir mit Iris Nieding und Katharina Schilling über Kompetenzprofile und Qualitätsmaßstäbe im Ganztag. Bitte stellen Sie sich vor.

Katharina Schilling: Wir arbeiten am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen zu den Themen Ganztagsförderung in der Grundschule, Personal, Qualifizierung, Beschäftigungsbedingungen und Organisationsformen.

 

Rechtsanspruch, Fachkräftemangel und Arbeitsbedingungen

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung erhöht den Personalbedarf enorm – wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen bei der Umsetzung?

Iris Nieding: Der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung erhöht den Druck, rasch mehr Plätze zu schaffen. Dabei darf die notwendige Quantität aber nicht zulasten der Qualität gehen.

Wir sehen bereits heute Fachkräfte- und Personalmangel im pädagogischen Bereich. Im schulischen Ganztag dominieren befristete Verträge, geringe Stundenumfänge mit Schwerpunkt am Nachmittag und eine vergleichsweise niedrige Bezahlung bei hoher Belastung, was die Arbeitsplätze vergleichsweise unattraktiv macht und die Personalgewinnung erschwert.

Die größte Herausforderung ist also, in schulischen Ganztagsangeboten attraktive Arbeits- und Rahmenbedingungen zu schaffen. Verantwortlich sind hier die Kommunen als Schulträger und die Träger der Kinder- und Jugendhilfe (je nach Organisationsmodell).

 

Datenlücken bei der Erfassung der Personalstruktur im Ganztag

Warum gibt es so wenig verlässliche Daten zur Personalstruktur?

Iris Nieding: Die Datenlage ist ein Flickenteppich und es gibt keine direkte statistische Erfassung des Ganztagspersonals. Die Schulstatistik der Kultusministerkonferenz erfasst nur schulische Kennzahlen wie bspw. die Anzahl der Lehrkräfte oder der Ganztagsformate, das außerschulische Personal bleibt außen vor. Die Kinder- und Jugendhilfestatistik bildet Kitas und Horte ab, u.a. das Personal, nicht aber den schulischen Ganztag, der in Deutschland dominiert.

Für Planung und Ausbau brauchen wir belastbare Informationen dazu, wie viele Kinder ein Ganztagsangebot besuchen und wie viele Personen mit welchen Qualifikationen im Ganztag arbeiten – auch mit Blick auf den prognostizierten Mehrbedarf.

 

Qualifikationsstandards: Balance zwischen Flexibilität und Qualität

Sind weniger klare Qualitätsstandards Chance oder Problem?

Katharina Schilling: Beides. Wir stehen im Dilemma von Qualität und Quantität: Fehlende Qualifikationsstandards ermöglichen die kurzfristige Schaffung von Ganztagsplätzen durch den einfachen Einsatz von Quereinsteigenden – besonders in Ländern mit Nachholbedarf vor dem Rechtsanspruch. Zugleich braucht es landesweit klare Standards: Nicht jede Person muss eine pädagogische Erstausbildung haben, aber es muss rechtsverbindlich festgelegt sein, mit welchen Abschlüssen man im Ganztag arbeiten darf – inklusive Regeln für den Quereinstieg.

Nur wenige Bundesländer haben gesetzliche Qualifikationsvorgaben für die Arbeit im schulischen Ganztag. Andere Länder begnügen sich mit allgemeinen Eignungsaussagen oder haben gar keine. Ähnlich sieht es beim Personalschlüssel aus: Verbindliche Vorgaben sind rar – hier sollten die Länder nachsteuern. Beides ist in Horten vorhanden, da sie erlaubnispflichtige Einrichtungen nach SGB VIII sind.

 

Qualität sichern beim Quereinstieg: Nachqualifizierung und Praxisanleitung

Wie bleibt Qualität trotz fehlender Ausbildung gewährleistet?

Katharina Schilling: Zentral ist die Nachqualifizierung: Wenn wir Personen ohne pädagogische Erstausbildung in größerem Umfang einsetzen, brauchen sie systematische, qualitativ hochwertige Weiterbildungen mit klaren Lernzielen und genügend Umfang, damit pädagogische Grundlagen und professionelles Handeln sicher erworben werden.

Genauso wichtig ist die Praxisanleitung: Nach einer Qualifizierung dürfen die Kolleginnen und Kollegen nicht einfach allein in den Alltag starten. Es braucht strukturierte Einarbeitung, Hospitation und regelmäßiges Feedback – mit klar benannten Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern sowie gut ausgebildeten Leitungen bzw. der Ganztagskoordination, die diese Prozesse verlässlich begleiten. Deren Rolle gewinnt ohnehin an Bedeutung, weil Schulen sich insgesamt weiterentwickeln und multiprofessionelle Teams mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen eine koordinierte Zusammenarbeit benötigen.

Gleichzeitig sollten wir die Einsatzbereiche differenziert betrachten. Der Ganztag ist bundesweit unterschiedlich organisiert; in manchen Regionen ergänzt ein Grundstock an pädagogischem Personal AG-Angebote. Dort kann häufig Sachexpertise (etwa in Sport, Kunst oder Technik) ausreichen – eine pädagogische Erstausbildung ist nicht in jedem Fall erforderlich. Ideal ist eine klare Aufgabenteilung: Das Stammpersonal stellt die pädagogische Beziehungsarbeit und Tagesstruktur sicher, während ergänzende Angebote von Expertinnen und Experten mit fachlicher Tiefe verantwortet werden. So lassen sich Qualität und Flexibilität sinnvoll verbinden.

 

Tätigkeitsbegleitende Qualifizierung: KoGat – Kompetent im Ganztag

Wie sollten tätigkeitsbegleitende Programme gestaltet sein?

Katharina Schilling: Wir haben gemeinsam mit Partnern (Institut für Soziale Arbeit e.V., Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, Sozialwerk für Bildung) im Auftrag des BMBFSFJ das Curriculum „KoGat - Kompetent im Ganztag. Ein Qualifizierungskonzept für Personal ohne pädagogische Ausbildung“ entwickelt.

Es umfasst 300 Zeitstunden, rund ein Viertel davon im Praxisfeld, und richtet sich an Mitarbeitende ohne pädagogische Erstausbildung. Zwei umfangreichere Basismodule legen pädagogische und kommunikative Grundlagen, fünf Aufbaumodule vertiefen und erweitern diese Grundlagen und ein Wahlmodul greift regionale und individuelle Bedarfe auf.

Zentrales Prinzip ist die enge Verzahnung von Theorie und Praxis, begleitet durch Portfolioarbeit zur Selbstreflexion und Dokumentation von Lernfortschritten.

Das frei lizenzierte Curriculum dient als Orientierungsrahmen für Träger, Kommunen und Länder. Es ersetzt keine grundständige Ausbildung, schafft aber Anschlussfähigkeit für weitere Bildungswege.

 

Ausblick: Personal gewinnen, Standards setzen, evidenzbasiert steuern

Welche zentralen Schritte sind notwendig, um den Ganztag personell nachhaltig gut aufzustellen?

Iris Nieding: Für eine langfristige Verbesserung müssen mehrere Zahnräder ineinandergreifen: In der Praxis braucht es bessere Beschäftigungsbedingungen, Investitionen in die Ausbildung von Fachkräften – einschließlich praxisintegrierter Ausbildung im Ganztag – sowie die Nachqualifizierung von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern.

Die Länder sind gefordert, hierfür verbindliche Standards zu setzen. Darüber hinaus benötigen wir belastbare, umfassende Daten und Statistiken, um den Ganztag wirksam zu steuern und weiterzuentwickeln.

Noch immer arbeiten wir hier vielerorts „im Blindflug“. Kommunen, Länder und Träger brauchen jedoch verlässliche Informationen zur Planung von Plätzen, Personal und Infrastruktur und für eine evidenzbasierte Qualitätsentwicklung der Ganztagsförderung in der Grundschule.

Unsere Forschungsergebnisse bereiten wir derzeit für einen Sammelband auf, der voraussichtlich Ende des Jahres erscheint.

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