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"In der Förderpädagogik sprechen wir von einem Vorsprung der Praxis."

Interview mit Stefanie Sachse über Literacy und Schriftspracherwerb in inklusiven Kitas

Wie können alle Kinder – auch jene mit Behinderungen – in der Kita Erfahrungen mit Schrift sammeln?
Darum geht es im LINK-Projekt der Universität zu Köln. Ein innovativer Aufstellkalender unterstützt Erzieher*innen dabei, Literacy alltagsnah und inklusiv zu fördern: beim Blick auf die Anwesenheitsliste, beim dialogischen Lesen oder beim Schreiben erster Kritzelspuren. Dr. Stefanie Sachse berichtet im Gespräch, wie der Kalender entstanden ist, warum er so gut funktioniert und welche positiven Veränderungen er in Kitas bewirken kann. Außerdem erklärt sie, welche Rolle Beobachtung für den frühen Schriftspracherwerb spielt und wie Wissenschaft und Praxis dabei voneinander lernen können. Ein Einblick in alltagsintegrierte, wirklich inklusive Literacy-Arbeit.

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Schlagwörter

Inklusion (Soziologie), Schreib- und Lesefähigkeit, Schreibkompetenz, Sprachförderung, Förderpädagogik,

Art des Podcasts Forschungstransfer
Autor des Podcasts Christine Schumann
Bildungsbereich Kindertageseinrichtungen / Tagespflege; Vorschule; Sonderschule / Behindertenpädagogik
Laufzeit 00:23:59
Tag der Aufnahme 10.02.2026
Rechte CC-by-sa, Namensnennung, Weitergabe unter gleichen Bedingungen
Letzte Änderung am 2026-02-10 11:36:54

Lesefassung

(Von AI Companion stark zusammengefasste Transkription)

Herzlich willkommen bei Bildung auf die Ohren, dem Podcast des Deutschen Bildungsservers. Mein Name ist Christine Schumann. In dieser Folge geht es um ein Projekt im Rahmen des Metavorhabens Inklusive Bildung, kurz MINKBI, das gehandicapten Kindern in inklusiven Kita-Gruppen Erfahrungen mit Schrift ermöglichen will, also auch Kindern, die vielleicht keinen Stift halten können oder Kinder, die unterstützt kommunizieren.

Um Fachkräften dabei zu helfen, geeignete Angebote zur sprachlichen Bildung und Literacy für alle Kinder zu gestalten, hat das Projekt LINK - LINK steht für Literacy, Inklusion, Kommunikation - einen Kalender mit Ideen speziell für heterogene Gruppen entwickelt. Er soll Erzieherinnen und Erzieher darin unterstützen, verschiedene Angebote und Strategien zum Schriftsprachenerwerb aktiv in der täglichen Arbeit einzusetzen. Die Angebote sind so gestaltet, dass alle Kinder unabhängig von ihrer Behinderung kommunikative und schriftsprachliche Kompetenzen erwerben können.

Wie der LINK-Kalender genau funktioniert, darüber spreche ich heute mit Dr. Stefanie Sachse von der Forschungsstelle Literacy und Inklusion der Universität zu Köln.  Was ist das Ziel des LINK-Projekts?


Stefanie Sachse: Wir wollten Fachkräfte darin unterstützen, Literacy-Angebote alltagsnah und inklusiv zu gestalten – also so, dass auch Kinder mit Behinderungen Erfahrungen mit Schrift machen können. Dabei geht es nicht um frühen Unterricht, sondern um alltägliche Begegnungen mit Schrift: Namensschilder, Listen, Notizen.

Wie entstand die Idee zum LINK-Kalender und wie funktioniert er?

Stefanie Sachse: Zu Beginn haben wir mit Kita-Leitungen gesprochen, um herauszufinden, was in der Praxis wirklich gebraucht wird. Schnell wurde klar: keine zusätzlichen Ordner oder Theorie, sondern etwas Niedrigschwelliges für den Alltag. So entstand der Aufstellkalender, der immer sichtbar ist und Fachkräfte regelmäßig an kleine Literacy-Impulse erinnert. Der Kalender:

  • umfasst 9 Themen,
  • jedes Thema läuft vier Wochen,
  • jede Woche hat einen Fokus: Lesen, Schreiben/Kritzeln, Austausch, Buchstaben & Namen
  • enthält Hinweise für Fachkräfte sowie Elemente, die direkt mit Kindern genutzt werden können (z. B. Reime).

Wie viel Zeit nimmt der Einsatz des Kalenders ein?

Stefanie Sachse: Sehr wenig. Er ist alltagsintegriert – kein zusätzliches Programm. Es geht darum, kleine Strategien einzubauen, z. B. beim Essen, beim Blick auf den Tagesplan oder beim dialogischen Lesen. Viele Gruppen haben bestimmte Routinen (z. B. Anwesenheitsliste) dauerhaft übernommen.

Kann der Kalender ohne Einführung genutzt werden?

Stefanie Sachse: Ja. Auf der Webseite gibt es zusätzlich einen kurzen Erklärfilm. Ein persönlicher Austausch wäre natürlich ideal, aber der Kalender funktioniert auch so gut.

Welche Rückmeldungen gibt es?

Stefanie Sachse: Der Kalender wurde etwa 180-mal heruntergeladen; Verkaufszahlen kennen wir nicht. Rückmeldungen kommen punktuell, oft sehr positiv – einige sagen, sie seien „Fans“.

Welche Ergebnisse brachte die Evaluation?

Stefanie Sachse: In 15 Interventions- und 10 Kontrollgruppen (ca. 350 Kinder) sahen wir deutliche Veränderungen:

  • mehr alltagsintegrierte Literacy-Situationen,
  • weniger Unsicherheiten im Umgang mit Schrift,
  • dialogisches Lesen wurde anders umgesetzt,
  • Schrift wurde selbstverständlicher genutzt (z. B. Namensschilder ohne Fotos).

Fachkräfte schätzten vor allem die konkreten, leicht umsetzbaren Hinweise und das „Vorschussvertrauen“, alles Kindern anzubieten – auch denen mit schwereren Beeinträchtigungen.

Zum LINK-Kalender gibt es auch einen Beobachtungsbogen? Was hat es mit dem auf sich?

Stefanie Sachse: Den MIAS-Beobachtungsbogen habe ich erst 2025, also lange nach Abschluss des Projektes entwickelt. MIAS steht für das mehrdimensionale Interaktionsmodell des Schriftspracherwerbs, also ein neues Schriftspracherwerbsmodell, das die Wahrnehmung kleiner Entwicklungsschritte im frühen Schriftspracherwerb schult - auch bei Kindern mit komplexen Beeinträchtigungen. Die Erfahrungen führten später zur Entwicklung des MIAS-Beobachtungsbogens, der auf vier Dimensionen basiert:  Was passiert beim Lesen im Alltag? Beim Schreiben im Alltag?Bei dem Austausch selbst, in dem es auch um das Gegenüber geht? Wie können wir frühe Begegnungen mit Buchstaben und Namen gestalten? Zusätzlich berücksichtigt er die Rahmenbedingungen im Umfeld.

Was können andere Bildungsdisziplinen von der Förderpädagogik lernen?

Stefanie Sachse: Vor allem die Bedeutung des Dialogs zwischen Praxis und Wissenschaft. In der Förderpädagogik gibt es oft einen „Vorsprung der Praxis“, weil Fachkräfte täglich neue Herausforderungen bewältigen. Forschung und Praxis profitieren von gegenseitigem Austausch.

Wie lief die Zusammenarbeit mit den Kitas?

Stefanie Sachse: Anfangs gab es teils Vorbehalte („Uni sagt uns, wie es geht“). Doch sobald klar wurde, dass es um Austausch geht, entstand eine sehr positive Zusammenarbeit. Fachkräfte erlebten Selbstwirksamkeit und sahen schnell die Wirkung bei den Kindern.

Was wünschen Sie sich für besseren Transfer?

Stefanie Sachse: Mehr Vernetzung aller Ebenen – Wissenschaft, Träger, Ausbildung, Praxis. Besonders wichtig wäre eine engere Verzahnung zwischen Hochschulen und zweiter Ausbildungsphase (Seminare), um Studierende optimal vorzubereiten.

Was möchten Sie unseren Hörerinnen und Hörern zum Abschluss noch mitgeben?

Stefanie Sachse: Den LINK-Kalender und den MIAS-Beobachtungsbogen herunterladen und ausprobieren! Außerdem erscheint 2026 unser Buch „Literacy für alle – früher Schriftspracherwerb in der Kita“, das viele Beispiele und Hinweise enthält.

Vielen Dank für diese Einblicke und das Gespräch

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