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25. 09. 2014

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Was durch die Gelder der öffentlichen Hand erstellt wird, sollte auch der Öffentlichkeit gehören.“

Die Zukunft freier Bildungsmaterialien – OER-Konferenz 2014

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Sebastian Horndasch

Am 12. und 13. September 2014 lud Wikimedia Deutschland in Berlin zur zweiten Konferenz zu Open Educational Resources (OER) ein. Die OERde14 war eine Kombination aus Fachkonferenz und BarCamp. Sie lieferte einen umfassenden Überblick über den Stand von freien Bildungsmaterialien in Deutschland und international. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Sebastian Horndasch, Projektmanager bei Wikimedia Deutschland für das Thema Open Educational Resources, über die Inhalte der Veranstaltung.

Online-Redaktion: Waren Sie zufrieden mit der Konferenz?

Horndasch:
Sehr! Für uns war sie ein großer Erfolg. Wir haben viel positives Feedback bekommen. Es gab interessante, durchaus sehr kontroverse Diskussionen, was uns auch wichtig war. Unser Ziel war es, die OER-Bewegung zusammenzubringen, wir wollten aber auch, dass Vertreter von Verlagen und Ministerien sowie Lehrerinnen und Lehrer anwesend sind – das haben wir erreicht! Es waren rund 350 Interessierte an den zwei Tagen da. Jetzt sind wir gespannt, ob die Konferenz den einen oder anderen Stein ins Rollen gebracht hat. Aber das wird die Zukunft zeigen.

Online-Redaktion: Welche Themen standen im Vordergrund?

Horndasch: Wir hatten einen sehr diversen Mix an Themen. Eines, das uns besonders am Herzen lag und das sowohl auf der Konferenz als auch im BarCamp reflektiert wurde, ist die Frage, was die öffentliche Hand machen kann und sollte, um OER stärker durchzusetzen. Ein weiteres Thema war natürlich das konkrete Machen. Wir haben gemeinsam mit Lehrerinnen und Lehrern sowohl über didaktisch-methodische als auch technologische Fragen diskutiert. Eine große Rolle spielte auch die internationale Perspektive.

Online-Redaktion: Welche Themen haben sich in den Sessions des BarCamps entwickelt?

Horndasch: Zum einen ging es um die Inhalte der Konferenz. Viele Teilnehmer/innen wollten die Themen anschließend im BarCamp weiterführen und vertiefen. Zum anderen haben sich hier viele kleinere Initiativen vorgestellt und erzählt, was sie machen. Dafür war im Rahmen des Konferenz-Programms kein Platz.

Online-Redaktion:
Was hat sich seit der ersten Konferenz in Sachen OER getan?

Horndasch: Einiges. Das Land Berlin hat als erstes Bundesland OER im Unterricht als Lehr- und Lernmittel eingeführt. Außerdem legt die KMK Ende des Jahres ein Papier mit Handlungsempfehlungen für die Politik vor. Wir pflegen einen sehr engen Kontakt zu der Arbeitsgruppe der KMK. Sie war auch auf der Konferenz, was uns sehr gefreut hat, und sie hat sich sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt.
Ansonsten ist natürlich sehr viel auf der „Macherebene“ passiert. Es gibt die verschiedensten Initiativen, die an ihren Inhalten arbeiten und sie weiterentwickeln.

Online-Redaktion: Welche Dienste leisten öffentliche Services momentan für die OER-Entwicklung?

Horndasch: Bisher relativ begrenzte. Einige Bildungsserver lassen zwar zu, dass man bei ihnen auch Materialien unter freien Lizenzen hochlädt, aber viel mehr passiert von staatlicher Seite in Deutschland kaum. Ausnahme ist das Land Berlin. Es stellt jetzt u.a. alle Materialien, die vom Land Berlin zur Verfügung gestellt werden, unter eine freie Lizenz und beabsichtigt auch, eine OER-Austauschplattform zu initiieren.

Online-Redaktion: Was sollte die Politik tun, um die Einführung von OER zu unterstützen?

Horndasch: Wichtig wäre der Aufbau eines zentralen Portals. OER werden im Regelfall digital ausgetauscht. Eine Webseite, die einerseits auf bereits existierende Ressourcen verlinkt und andererseits auch die Möglichkeit des Austauschs und der Veränderung bietet, ist eine kostenintensive Sache. So etwas kann die Zivilgesellschaft nicht leisten. Sinnvoll wäre auch die Gründung einer Stelle, die sich um Pilotprojekte in Deutschland kümmert: Projekte auslobt, Austausch fördert, Konferenzen organisiert und Forschung betreibt. Ein Ort, an dem die Diskussionen zu OER weiterbetrieben werden können. Außerdem sollten alle Materialien, die direkt von Steuergeldern bezahlt werden, unter freie Lizenzen gestellt werden. Gerade Schulbücher werden heute nahezu ausschließlich durch die öffentliche Hand finanziert. Ich verstehe nicht, warum sie dann nicht auch allen gehören sollten. Das wäre für mich eine Selbstverständlichkeit.

Online-Redaktion: Wie wichtig sind OER für die Schulen, für die Schulbildung?

Horndasch: OER bedeutet ja grundsätzlich, dass Materialien unter einer freien Lizenz stehen, d.h. man darf sie nicht nur lesen, sondern auch kopieren, verändern, wenn man sie digital hat zusammenschneiden, mit anderen remixen etc. Man muss nur angeben, wer der Urheber ist. Das ermöglicht viel Kreativität und die Chance, Inhalte neu zu nutzen. Wir sind der Überzeugung, dass, wenn Materialien offen wären, sich ähnlich wie bei der freien Software LINUX dann auch neue Nutzungsarten entwickeln und die Materialien neuen Zwecken zugeführt werden würden. Lehrer könnten Schüler Materialien selbst gestalten, verändern und neu bearbeiten lassen. Das ermöglichte ihnen einen veränderten Unterricht mit neuen Formen der Textarbeit. Auch könnte mit OER einhergehend eine kollaborative, nicht lineare, interaktive Arbeitsweise eingeführt werden.

Online-Redaktion: Wie sieht die Praxis aus? Werden schon Tools angewandt?

Horndasch: Ja, es gibt schon einige, auch fachbezogene Plattformen, auf denen Lehrkräfte bereits unter freier Lizenz ihre Arbeitsmaterialien - das kann auch nur ein Arbeitsblatt sein – erstellen, untereinander austauschen und bewerten, beispielsweise lehrer-online oder ZUM Wiki. Das wird schon von vielen Lehrer/inne/n genutzt. Auch gibt es die Mathe-Lernplattform Serlo, die komplett unter freier Lizenz steht und von über 100 000 Nutzern pro Monat besucht wird. Sie wird - ähnlich wie Wikipedia - von vielen Freiwilligen mitgestaltet und weiterentwickelt. Durch die gemeinsame Kreativität, Intelligenz und Expertise von denjenigen, die an den Themen interessiert sind, entstehen tolle, neue Sachen. OER machen es möglich, diese Kreativität zusammenzubringen. Außerdem ist es natürlich für die meisten eine Erleichterung, wenn sie sich keine Gedanken mehr über Nutzungsrechte machen müssen.
Dennoch ist Deutschland noch lange nicht so weit wie andere Länder. In Schweden zum Beispiel gibt es eine staatlich finanzierte Plattform zum Austausch von Materialien, die von den meisten Lehrern dort genutzt wird. So etwas Großes haben wir hier nicht.

Online-Redaktion: Wie bringen sich die Verlage ein? Müssen sie OER fürchten?

Horndasch:
Man hat gesehen, dass die großen Enzyklopädien (Brockhaus) heute gar nicht mehr existieren oder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Dementsprechend wäre es verständlich, wenn die Verlage sich vor OER fürchten. Man muss aber fairerweise sagen, dass es undenkbar ist, dass die kompletten Lehr- und Lernmittel zum Erlernen des Schulstoffes auf eine Art hergestellt werden, wie man Wikipedia erstellt hat. Didaktische Materialien erfordern eine völlig andere Art der Aufbereitung und damit auch ganz andere Fähigkeiten als eine Enzyklopädie, die Stück für Stück zusammengesetzt werden kann. Das geht bei Lehr- und Lernmitteln nicht. Man braucht Personal, das große Bildungsmaterialien, Bücher erstellen kann. Diese Fachkompetenz ist bei den Verlagen sehr stark. Insofern könnte ich mir vorstellen, dass sie auch bei OER eine Rolle finden können.

Online-Redaktion: Konnte die Frage nach einer nachhaltigen Finanzierung auf der Konferenz präzisiert werden?

Horndasch: Wir haben viel über Finanzierungsmodelle diskutiert. Allerdings haben wir den Stein der Weisen, was Geschäftsmodelle und Finanzierung angeht, nicht gefunden. Es gibt verschiedene Modelle. So gibt es beispielsweise eine von uns als start-up geschaffene Plattform mit Premium-Modell, bei der die Inhalte gratis, frei und offen sind, aber bei der zusätzliche Service-Arbeitstools angeboten werden, für die man ein Abo abschließen kann. Das könnte ein Modell sein, dass man für den Service zahlt und nicht für die Inhalte. Da der Bildungssektor sehr stark staatlich dominiert ist, sind natürlich auch Subventionsmodelle sehr naheliegend. In vielen Ländern, die in Sachen OER relativ weit sind, ist das der Fall.

Online-Redaktion: Wie können OER in Hochschule und Erwachsenenbildung eingesetzt werden?

Horndasch: Im Prinzip genauso wie an Schulen. Natürlich wird es in der Hochschulbildung etwas kleinteiliger. Schulbildung ist klar definiert, auch gibt es ein gigantisches Publikum. Je weiter wir in die Verästelung von speziellen Studiengängen und beruflicher Weiterbildung kommen, desto geringer ist sowohl die Anzahl der Materialien als auch die der Teilnehmer. Ich glaube aber, dass OER auch hier sehr stark helfen könnten. Gerade da, wo es kleinteiliger wird, kann man z.B. Materialien gut anpassen. Ich habe auf der Konferenz mit einer amerikanischen Kollegin gesprochen, die mir berichtet hat, dass jemand in den USA ein Projektmanagementbuch, das unter freier Lizenz stand, für ein anderes Thema angepasst hat. Die generellen Tools wurden übernommen, dann aber in den einzelnen Kapiteln auf das Spezialthema zugeschnitten. Solche Verfahren sind in der Hochschul- und Erwachsenenbildung durchaus denkbar.

Online-Redaktion:
Was kann Deutschland in Sachen OER noch von anderen Ländern lernen?

Horndasch: Deutschland sollte genau beobachten, was in anderen Ländern gut funktioniert und was nicht, wenn es zum Beispiel darum geht, eine Plattform aufzubauen. So scheint die schwedische Plattform mit ihren 200 000 Nutzern sehr gut zu funktionieren. In den Niederlanden hingegen gab es eine ähnliche Plattform, die nicht so gut angenommen wurde und die vom Staat jetzt auch nicht länger finanziert wird. Eine Plattform muss einfach zu handhaben sein, die Formate unterstützen, die Lehrerinnen und Lehrer brauchen, und eine leichte Suchfunktion haben.

Online-Redaktion: Welche Rolle werden OER in Zukunft spielen? Wie sehen Sie die Bildungslandschaft in zehn Jahren?

Horndasch: OER sind nur ein Puzzlestück, um die Bildungslandschaft zu verbessern – und dabei noch nicht einmal das bedeutendste. So sehr ich an die Wichtigkeit und auch an die gesellschaftliche Notwendigkeit von freien Inhalten glaube, so sehr ich auch von dem Grundsatz überzeugt bin, dass das, was durch die Gelder der öffentlichen Hand erstellt wird, auch der Öffentlichkeit gehören sollte, so sehr glaube ich auch, dass in der Bildungslandschaft andere Themen eine noch größere Relevanz haben. Die Ausbildung von Lehrern beispielsweise und welche Angebote sie Schülern machen, ist wichtiger als OER. Nichtsdestotrotz sind OER ein wichtiges Thema und auch ein Puzzlestück, das die Bildungslandschaft zu verbessern helfen kann. Ich hoffe, dass in zehn Jahren Standard geworden ist, dass freie Lizenzen genutzt werden, dass Bildungsmaterialien frei veränderbar, austauschbar, remixbar sind und dass die Leute damit eigentlich machen können, was sie wollen.



Sebastian Horndasch ist seit 2013 als Projektmanager bei Wikimedia Deutschland für das Thema Open Educational Resources zuständig. Vorher war der studierte Volkswirt selbstständiger Autor und Journalist. Er begann seine Karriere als Analyst bei einer Unternehmensberatung.



Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 25.09.2014
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