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20. 06. 2013

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Es geht um Geschäftsmodelle, die das offene Lernen unterstützen!“

„Wissen ist in den Industrienationen immer schon zugänglich gewesen. OER schafft Klarheit“

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Prof. Dr. Michael Kerres

Wie wichtig sind „Open Educational Ressources“ (OER) und sollte ihre Verbreitung von der Politik noch mehr gefördert werden? Darüber sprach die Online-Redaktion mit Prof. Dr. Michael Kerres von der Universität Duisburg-Essen. Für ihn geht es bei dem Thema „freie Lernmaterialien“ primär um Geschäftsmodelle und nicht so sehr um neuartige Impulse für die Bildung.


Online-Redaktion: Welche Bedeutung haben freie Lernmaterialien hierzulande?

Kerres: Die Diskussion um „Open Educational Ressources“ wurde hauptsächlich dadurch ausgelöst, dass die OECD erkannt hat, dass es für die Entwicklungsländer wichtig ist, Ressourcen für das Lernen und für den Zugriff auf Wissen zur Verfügung zu stellen. Es geht darum, den enormen Bildungsbedarf etwa im asiatischen Bereich in den Griff zu bekommen. Es geht darum, Wissen weltweit verfügbar zu machen, wenn man Materialien und Ressourcen online einstellt. Es kann dabei im Übrigen nicht nur um Ressourcen aus den Industrienationen gehen, sondern auch um Ressourcen aus dem kulturellen Umfeld der Länder. Die OECD hat die Industrienationen bei der Förderung offener Bildungsmaterialien nicht primär im Fokus. Diese haben ja vielfach bereits einen sehr guten Zugriff auf Lern- und auf Wissensressourcen. Ich denke, dass das Thema OER in den Industrienationen teilweise über-, aber auch unterschätzt wird. Meines Erachtens nach geht es hier primär um Geschäftsmodelle, wie Lernmedien verfügbar gemacht werden, und nicht so sehr um neuartige Impulse für die Bildung. Es geht schlicht und einfach darum, wer die Produktion und Bereitstellung der Lernmaterialien bezahlt. Und insofern sehe ich hierin eher eine betriebswirtschaftliche Frage, als dass das Lernen in unserer Bildungslandschaft durch OER maßgeblich beeinflusst werden würde.

Online-Redaktion: Und wer soll die freien Bildungsmaterialien bezahlen? Welche Geschäftsmodelle stehen zur Diskussion?

Kerres:
Ja, das ist die Frage, die verhandelt werden muss. Muss der Lerner selbst zahlen oder muss er vielleicht sogar per Klick zahlen, zahlt eine Schule für tausend Klicks ihrer Schüler, zahlt das Land, gibt es freien Zugriff für die Lernenden? Als Lehrer ist mir das im Grunde völlig egal, woher ein notwendiges Material kommt, ich möchte es einfach nutzen. Gemeinsam mit zum Beispiel Verlagen ist ein Geschäftsmodell zu finden, mit dem im Unterricht möglichst vielseitige Materialien genutzt werden können. Die Bundesländer könnten zum Beispiel mit Verlagen über einen digitalen Zugang, eine Art Flatrate, verhandeln. Es gibt auch die Tendenz, dass zum Beispiel Stiftungen diese Materialien kaufen und der Weltöffentlichkeit zur Verfügung stellen. Ganz sicher wünschen wir uns für die Schulen und Hochschulen kein Geschäftsmodell, bei dem die Schule/Universität pro Klick auf ein Dokument für ihre Studenten zahlen müsste. Das wäre für das Lernen sehr hinderlich.

Online-Redaktion:
Wie verbreitet sind freie Lernmaterialien an den deutschen Hochschulen?

Kerres:
Es gibt tausende freier Lernmaterialien. Es steht so viel Material zur Verfügung, dass gerade für die Industrieländer das Thema OER nicht die zentrale Herausforderung darstellt. Auch meine Materialien sind überwiegend online zugreifbar. Man kann auf meine Vorlesungsaufzeichnungen immer schon online zugreifen und bei vielen Kollegen ist das ähnlich. Das komplette Web-Angebot der Universität Duisburg-Essen steht seit Jahren unter einer CC-Lizenz. OER wird kommen, wir brauchen viele freie zugängliche Materialien für die Lerner. Ich finde OER ein wichtiges Thema, aber man darf nicht erwarten, dass dadurch die Bildungslandschaft revolutioniert wird. Auch an den Schulen haben die Lehrer keinen Mangel an Materialien. Für den schulischen Bereich gibt es Server wie 4teachers oder zum.de, wo tausende Lehrer ihre Materialien unter entsprechenden Lizenzen schon heute einstellen.

Online-Redaktion:
Nicht alle OER-Fans denken, dass durch freie Lernmaterialien Schule besser wird, aber sie wollen durch die Verbreitung offen gekennzeichneter freier Lernmaterialien einen Schutz für ihre Arbeit, wenn sie dafür Materialien aus dem Netz benutzen. Denn Lehr- und Lernmaterialien gibt es online zwar viele, aber nicht alle sind als freie Materialien gekennzeichnet und damit urheberrechtlich geschützt. Lehrer können ja nicht einfach Unterlagen aus dem Netz, die nicht CC-lizenziert sind, verändern und weitergeben. Sehen Sie hierin keine Probleme für den universitären und schulischen Bereich?

Kerres:
Nun, Urheberrechte sollen durch diese Lizenzen ja gerade nicht beschränkt, sie sollen vielmehr gestärkt werden. Es geht um die Nutzungsrechte, und hier wird durch CC-Lizenzen Klarheit geschaffen, was mit den Materialien gemacht werden darf. Wichtig erscheint mir, dass zum Beispiel öffentliche Einrichtungen, Betreiber von Landesbildungsservern oder Plattformbetreiber von Lernressourcen Materialien klar kennzeichnen und, wenn möglich, mit einer CC-Lizenz einstellen. Die CC-Lizenz kann dabei ja sehr unterschiedlich angelegt sein. Manche Anbieter sind hier meines Erachtens unnötig restriktiv. Ich kann aber auch zum Beispiel verstehen, wenn ein Autor in einer CC-Lizenz verbietet, dass sein Werk einer Bearbeitung unterworfen wird, oder eine kommerzielle Nutzung untersagt.
Es wird auch in Zukunft sehr viele Materialien für das Lernen geben, die zwar frei, aber nicht unter einer CC-Lizenz zur Verfügung stehen, zum Beispiel von Fernsehsendern oder Verlagen. Diese können verlinkt werden und – in angemessener Weise ‒ auch in eigenen Texten zitiert werden. Auch gibt es kommerzielle Anbieter, etwa von Schulbüchern, die momentan wesentlich in digitale Produkte für die Schulen investieren. Dies wird die digitalen Lernumwelten der Schulen sicherlich auch maßgeblich prägen.

Online-Redaktion:
Was tut sich außerhalb Deutschlands im Bereich offener Lernmaterialien?

Kerres: Die Hewlett Foundation und die Gates Foundation haben das Thema in den USA vorangebracht, nachdem die OECD es initiiert hatte. Sie haben erreicht, dass das Thema dort eine hohe Aufmerksamkeit genießt. Die Gates Foundation hat beispielsweise der Open University in England Material für viel Geld abgekauft und es zur freien Verfügung gestellt. Dieses hochwertige Material war schon vorher da, aber jetzt finanziert es nicht mehr der Endverbraucher, was wunderbar ist, vor allen Dingen für die Regionen, denen dieses Wissen vorher nicht zugänglich war. Aber es ist eben einfach ein anderes Geschäftsmodell. Das Wissen selbst ist in den Industrienationen schon zuvor zugänglich gewesen; es muss in diesem Fall halt nicht mehr der Lerner für den Zugriff selbst zahlen.

Online-Redaktion: Welchen Einfluss haben OER auf das E-Learning?

Kerres: Der Zugriff auf freie Lernmaterialien hat ganz wesentlichen Einfluss darauf, wie wir E-Learning gestalten können. Bestimmte didaktische Konzepte des E-Learning könnten mit einer Pay per Click-Abrechnung zum Beispiel nicht durchgeführt werden können. Wenn ich die Lernenden auffordere, selbst nach Materialien zu suchen, sie zu vergleichen und zu bewerten, kann ich nicht von ihnen verlangen, dass ihnen bei jedem Klick auf ihrem Konto 99 Cent abgebucht werden. Für solche konstruktivistischen, offenen, selbst gesteuerten, explorativen Lernangebote brauchen wir offene Lernmaterialien. Aber es gibt sie und sie werden auch heute schon weitergegeben. Es ist wichtig, dass rechtliche Klarheit entsteht, wann und wie Ressourcen weitergenutzt werden dürfen. Es ist aber nicht so, als würde mit OER erst die Offenheit von Ressourcen erfunden, wir haben viele Hunderttausende Dokumente, die Studierenden leiden ja vielmehr darunter, dass sie in der Vielfalt nicht die richtigen Dokumente finden.

Online-Redaktion: Also muss das Thema „freie Bildungsmaterialien“ von der Politik nicht noch mehr gefördert werden? Es geht vielmehr darum, Geschäftsmodelle zu erarbeiten?

Kerres: Ja, aber wir sollten aufpassen, wie diese Geschäftsmodelle für die Bereitstellung von Lernmedien aussehen, da passiert jetzt sehr viel. Es wäre gut, für den digitalen Markt Lösungen zu finden, bei denen nicht der Endnutzer zahlt, sondern das Material den Lernenden frei zur Verfügung steht. Wir brauchen Geschäftsmodelle, die dieses offene Lernen unterstützen. Mein Vorschlag wäre zum Beispiel eine Flatrate: Zum Beispiel Ministerien oder Schulträger könnten bei den Verlagen das Material für ein Jahr lizenzieren und allen zur Verfügung stellen. Die Universitäten des Landes NRW haben zum Beispiel mit vielen Verlagen den Zugriff auf deren Bücher vereinbart, diese können die Studierenden einfach online als Dokument einsehen. Und dann brauchen wir eine Plattform, die es den Lehrkräften ermöglicht, diese Ressourcen auch tatsächlich zu finden. Hierzu arbeiten wir am Learning Lab der Universität Duisburg-Essen für den Deutschen Bildungsserver im Projekt edutags an einer Lösung: Lehrkräfte stellen auf edutags.de Verweise auf gute Materialien ein, die sie anderenorts gefunden haben. Zugleich sucht die Plattform nach Materialien und erkennt dabei, soweit möglich, selbst, ob es sich um eine CC-Lizenz handelt. Dies erscheint mir perspektivisch eine gute Ergänzung zu der redaktionell gestützten Arbeit des Deutschen Bildungsservers.



Michael Kerres
, Jahrgang 1960, ist Professor für Mediendidaktik und Wissensmanagement an der Universität Duisburg-Essen. Nach dem Abitur absolvierte er Diplom und Promotion in Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum. 1989 wurde er Professor für Mediendidaktik und -psychologie an der Hochschule Furtwangen. Nach der Habilitation in Freiburg folgte er 1998 einem Ruf auf die Professur für Pädagogische Psychologie (Medien) an die Ruhr-Universität Bochum, 2001 an die Universität Duisburg-Essen. Dort baute er das Duisburg Learning Lab auf, eine Referenzumgebung für Forschung und Entwicklung zum mediengestützten Lehren und Lernen. Michael Kerres gehört zu den Pionieren des E-Learning im deutschsprachigen Raum. Bereits 1995 führte er die ersten internet-basierten Kurse durch. Heute leitet er die Masterprogramme „Educational Media" und „Educational Leadership" an der Universität Duisburg-Essen.




Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 20.06.2013
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