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29. 03. 2001

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Mädchen wird keine Lust auf diese Jobs gemacht"

Webgrrls-Vorstand Karin Maria Schertler im Interview

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Karin Maria Schertler

Forum Bildung: Was bedeutet denn Networking?

Schertler: Geben und Nehmen zum gegenseitigen Vorteil. Es geht bei beruflichen Netzwerken darum, Kontakte professionell aufzubauen, mit dem Ziel sich beruflich weiterzuentwickeln.

Forum Bildung: Das Netzwerk Webgrrls hat knapp 9000 Mitglieder. Die Nachfrage ist ja enorm. Warum brauchen Frauen in der heutigen Arbeitswelt so eine "Interessensgemeinschaft"?

Schertler: Ich würde statt Interessengemeinschaft lieber Austausch mit Gleichgesinnten sagen. Über ein Netzwerk wird eine Informationskultur etabliert, die mir den Zugang zu anderen Gleichgesinnten ermöglicht. Das Netz schafft die Infrastruktur dafür, dass Frauen Tipps und Tricks austauschen können und Probleme gemeinsam lösen - und das ist natürlich ein großer Vorteil.

Forum Bildung: Berufliche Seilschaften gab es ja schon immer - vor allem unter Männern. Aber das Internet eröffnet eine neue Dimension der Netzwerke: Schneller, größer und ortsunabhängig. Gibt's auch Nachteile?

Schertler: Das Internet ermöglicht es natürlich, Networking sehr viel effizienter zu betreiben als früher. Die Basis von gutem Networking kann aber nicht nur virtuell stattfinden. Es ist nur ein Instrument unter anderen. Das Internet ermöglicht es, Kontakte aufzubauen, aber pflegen kann man diese nur im richtigen Leben und im persönlichen Austausch.

Forum Bildung: Waren Ihre Mitglieder, als sie mit ihrer Karriere begannen, eher Quereinsteigerinnen in der Internet-Branche oder hatten sie eine spezielle Ausbildung?

Schertler: Ich schätze das Verhältnis von Quereinsteigerinnen und fachlich vorgebildeten Frauen auf Fifty-Fifty. Vor einigen Jahren waren es natürlich mehr Quereinsteigerinnen als heute.

Forum Bildung: Sind Quereinsteiger im Internet heute noch gefragt?

Schertler: Bei Quereinsteigern kommt es auch immer darauf an, was sie vorher gemacht haben. Es gibt einerseits sehr qualifizierte Quereinsteiger, die sehr talentiert sind und einen schnellen Zugang in ihr neues Berufsfeld finden. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder Leute, die denken, das Internet sei das goldene El Dorado und sie bräuchten nur einen Monat eine Weiterbildung machen und schon würden sie einen tollen Job bekommen. Da muss man seine Stärken besser und realistischer einschätzen. Nur mit Leidenschaft kann man auch einen guten Job machen. In der Internet-Branche ist der Arbeitseinsatz sehr hoch, die Leute müssen sich permanent selbst weiterbilden, weil das Wissen so schnell verfällt. Und wenn einem dann das nötige Engagement fehlt, tut man sich sehr schwer.

Forum Bildung: Im IT-Ausbildungsbereich gibt es nur 14% Mädchen. Den Schulen, Unis und Betrieben wird vorgeworfen, zu technikorientiert auszubilden. Frauen sind anscheinend eher an den Anwendungsmöglichkeiten interessiert. Sehen Sie das auch so?

Schertler: Man muss zwischen der Ausbildung und dem künftigen Job unterscheiden. Wenn man technisch ausgebildet wird, heißt das ja nicht, dass der Job nur aus Programmierung besteht. Das Problem ist, dass die Möglichkeiten nach einer Ausbildung im IT-Bereich nicht transparent gemacht werden. Es wird den Mädchen keine Lust auf diese Jobs gemacht. Andere Berufsbezeichnungen sind nur kosmetische Verbesserungen. Es könnten zum Beispiel sogenannte Role Models, Frauen aus der Branche, in die Schulen gehen und bei Schülerinnen die Werbetrommel rühren - IT-Berufe zum Anfassen.

Forum Bildung: Dann ist es also ein Marketingproblem?

Schertler: Ja, wahrscheinlich ist das so und man müsste das Ganze mal aus der Marketing-Perspektive betrachten, ob da nicht eine falsche Kommunikation läuft.

Forum Bildung: Sind Initiativen wie "Frauen ans Netz", die Frauen den Einstieg ins Internet erleichtern, nicht eine Nachhilfe, die langsam überholt ist?

Schertler: Langsam schon. Inzwischen brauchen Frauen keine Nachhilfe mehr. Bei den Neuzugängen im Internet zwischen 14-39 Jahren beträgt der Frauenanteil mittlerweile 58%. Ich bin überzeugt, dass Nachhilfe im großen Stil nicht mehr benötigt wird.

Forum Bildung: Warum waren diese Initiativen vor einigen Jahren noch sinnvoll?

Schertler: Man hat das Internet damals als etwas Technisches angesehen, der Nutzwert stand noch im Hintergrund. Heute ist es ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand geworden, den ich benutze, aber dabei auch nicht wissen muss, wie er funktioniert. Die Zeiten des technischen Monstrums, das abschreckt, sind wohl endgültig vorbei.

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 29.03.2001
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Die Redaktion des Online-Magazins Bildung + Innovation arbeitet journalistisch frei und unabhängig. Die veröffentlichten Beiträge bilden u. a. auch interessante Einzelmeinungen zum Bildungsgeschehen ab; die darin zum Ausdruck gebrachte Meinung entspricht nicht notwendig der Meinung der Redaktion oder des DIPF.