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29. 08. 2000

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Gender Mainstreaming

Hannelore Faulstich-Wieland über die Gleichstellung der Geschlechter

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Prof. Dr. Hannelore Faulstich-Wieland

Gender Mainstreaming

Mit dem Amsterdamer Vertrag wurde eine neue politische Strategie festgelegt: Alle Maßnahmen sind auf ihre potentielle Wirkung für beide Geschlechter zu durchforsten und nur dann zu realisieren, wenn sie zur Gleichstellung der Geschlechter beitragen - dies wird mit dem Begriff "Gender Mainstreaming" bezeichnet. Wenngleich viele Maßnahmen dem Sinne nach noch immer "Frauenförderung" sein müssen, nämlich zum Abbau struktureller Benachteiligungen von Frauen beitragen müssen, damit eine Gleichstellung der Geschlechter erfolgt, bedeutet Gender Mainstreaming doch eine deutliche Erweiterung des Blicks, indem auch politische Strategien, die vordergründig gar nichts mit Geschlecht zu tun haben, geprüft werden müssen, inwieweit sie die Situation von Frauen und Männern verändern.

Unbeabsichtigte Wirkungen von gut gemeinten Maßnahmen

Mit Frauenförderung wurde häufig nur auf die Frauen geachtet - insbesondere von denen, die Frauenförderung sowieso für überflüssig hielten (vgl. Lehnert 1999). Das Sichtbarmachen von Frauen, von ihrer Lebenssituation, ihren Möglichkeiten und ihren Einschränkungen war eine ganz wesentliche Strategie. Ohne sie wäre es wohl kaum zur Entwicklung der Frauenforschung und ihrer Wirkung auf die Wissenschaften allgemein gekommen. Dennoch kann man für die heutige Situation als Fortschritt verbuchen, dass Gender Mainstreaming auch den Blick auf unbeabsichtigte Wirkungen von gut gemeinten Maßnahmen lenkt. Zu solchen gehört, dass ein Ansetzen allein bei den Frauen die Gefahr der Polarisierung zwischen den Geschlechtern verstärkt. Zu ihnen gehört auch, dass die Gefahr einer inhaltlichen Bestimmung von "Weiblichkeit" alte Stereotypen fortschreibt oder neue schafft - und diese immer Einschränkungen für Frauen mit sich bringen. Barbara Stiegler formuliert dies sehr prägnant bezogen auf die Forderung nach einer Quote: "Die Tatsache des Ausschlusses qua Geschlecht ist die Begründung für die Geschlechterquote....Frauen werden ... nicht aufgrund irgendeiner Bestimmung von Weiblichkeit aufgenommen, sondern nur deshalb, weil das weibliche Geschlecht bislang als weniger bedeutend und damit für ausschließbar gehalten wurde. Diese formale Betrachtung ist die einzige, die die Quote wirklich begründet, jede weitere inhaltliche Begründung darf und kann sich nicht auf das Geschlecht berufen, weil sie Gefahr läuft, ins Gegenteil gewendet zu werden" (Stiegler 1998, S. 15).

Gender-Controlling als neuer Ansatz

Förderung von Frauen als diskriminierter Gruppe ist durchaus ein wichtiges Mittel zur Herstellung von Chancengleichheit, ebenso wie die Herstellung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen dafür und schließlich auch Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung, vor allem bei männlichen Akteuren. Insofern werden die bisherigen Maßnahmen nicht obsolet. Sie sind aber anders zu gewichten und zu ergänzen: Das neue des Mainstreaming-Ansatzes liegt im Gender-Controlling, d.h. in der Analyse jeder politischen Aktivität unter der Fragestellung, welchen Beitrag sie zur Herstellung von Geschlechtergleichheit leistet. Damit eine solche Analyse erfolgreich sein kann, müssen Fachwissen, Gender-Kompetenz und Macht zusammen kommen.

  • Fachwissen bezieht sich auch auf Prozess- oder Verfahrenswissen, d.h. dass man sich auskennen muss in den rechtlichen, politischen und bürokratischen Bedingungen des jeweiligen Handlungsfeldes.
  • Gender-Kompetenz meint vor allem die Entwicklung des kritischen Geschlechterblicks, der hilft, geschlechterhierarchische Verhältnisse zu erkennen. Nicht mehr allgemeine Patriarchatsstrukturen gilt es aufzuzeigen, sondern subtile Prozesse von Einengungen für Frauen wie für Männer zu erkennen.
  • Schließlich bedeutet Macht auch Definitionsmacht von Problemen - Barbara Stiegler spricht davon, "dass allen Operationen im politischen Raum der `Zwangsgedanke': Was bedeutet dieses für das Geschlechterverhältnis? eingegeben wird" (ebd., S. 25).

Gender Mainstreaming beinhaltet als zentrales Konzept die Forderung, Geschlechterfragen zu einem verpflichtenden Thema für alle Bereiche zu machen, es als Sonderthema für einige wenige abzulösen. Dieses als politisch und rechtlich verankertes Vorgehen, d.h. als Maßnahme von oben, erleichtert mit Sicherheit den engagierten Verfechterinnen und Verfechtern für eine Gleichheit der Geschlechter von unten zu sorgen.

Literatur:
Lehnert, Nicole: "... und jetzt wollen Sie uns wieder in die Frauenecke stellen!" Die Bedeutung der Kategorie Geschlecht in den Vorstellungen der Frauenförderung. Bielefeld: Kleine Verlag 1999.

Stiegler, Barbara: Frauen im Mainstreaming. Politische Strategien und Theorien zur Geschlechterfrage. Expertisen zur Frauenforschung. Friedrich Ebert Stiftung. Bonn 1998.
 

Autor(in): Prof. Dr. Hannelore Faulstich-Wieland
Kontakt zur Redaktion
Datum: 29.08.2000
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