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01. 09. 2000

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Zu Hause in einer Männerdomäne

Die Frau - eine Ausnahmeerscheinung!?

Von Karin Heister

Als Mitglied des Arbeitskreises Chancengleichheit der Deutschen Physikalischen Gesellschaft wird man häufig nach dem Sinn des Unternehmens "Chancengleichheit" gefragt. Ist Chancengleichheit in unserer Gesellschaft nicht eine Selbstverständlichkeit? Haben Frauen in der Physik es nötig, eine eigene Interessengemeinschaft für die Physikerinnen in Deutschland zu gründen? Schließlich heißt es im Grundgesetz unseres Landes "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" und im guten Glauben an diese heilige Schrift ist daher jede ihres eigenen Glückes Schmiedin. Doch sind die Grundbedingungen für Frauen und Männer wirklich gleich? Hier mag das Beispiel der Physikerinnen interessant sein.

Direkte Diskriminierung ist Vergangenheit

Physikerinnen sind stets eine Minderheit, wenn nicht ein Sonderfall in einer männlichen Domäne gewesen. Dies liegt zum Teil an dem hohen Status der Physik und zum anderen an dem nationalsozialistisch geprägten Image der Naturwissenschaft als unweibliches Fachgebiet. Die wenigen prominenten Naturwissenschaftlerinnen der Vergangenheit wie Marie Curie oder Lise Meitner sind nicht nur bekannt für ihre genialen Entdeckungen, sondern auch für die Ungerechtigkeit, die ihnen widerfahren ist. Die Zeiten der direkten Diskriminierung von Frauen mag man wohl der Vergangenheit zurechnen - so gilt es inzwischen sogar als rufschädigend offen frauenfeindlich aufzutreten -, doch dies ist erst der erste Schritt auf dem Weg in Richtung Gleichberechtigung und Chancengleichheit der Geschlechter.

Kaum Physikerinnen als Professorinnen

Bisher ging man davon aus, daß im Zuge der Emanzipation der Frau der Frauenanteil in der Physik allmählich ansteigen würde und sich ein natürlicher Gleichgewichtszustand einstellen würde. Tatsächlich lag der Frauenanteil unter den Physikstudierenden über Jahrzehnte konstant bei gerade mal 9% und hat sich erst in den letzten Jahren auf ganze 14% erhöht! Allerdings sinkt der Frauenanteil mit der Qualifikation von der Erstsemesterstudentin bis zur C4-Professorin auf 2% ab. Das zeigt zum einen, daß ein großer Teil der Frauen nie an die Physik herangeführt wurde, und zum anderen, daß das interessierte Potential im Laufe der Qualifizierungsphase abwandert. Bezüglich dieser Phänomene ist immer noch keine Trendwende absehbar.

Männliche Netzwerke

Viele Physikerinnen ignorieren diese Situation und versuchen, sich in der Männermehrheit zu assimilieren. Doch von ihrer männlich-dominierten Umgebung werden sie immer wieder in die weibliche Sonderrolle gedrängt. Stets ist frau zuerst Frau und dann Mensch, das spiegelt sich in Sätzen wieder wie "Wie kommt man als Frau dazu, Physik zu studieren?", aber auch darin, daß ein Vortrag einer Wissenschaftlerin vom Publikum eher als ein anregendes Beiprogramm als eine ernst zu nehmende Präsentation angenommen wird. In dieser exponierten Position ist die Physikerin sowohl einem besonderen Beobachtungs- und Erwartungsdruck ausgesetzt, wird aber im Zweifelsfall aufgrund ihres Anderssein nicht in die männlichen Netzwerke involviert.

Physikerinnen organisieren sich

Dieser Trend gewinnt in zunehmenden Maße an Bedeutung, sobald die Frauen in die Wissenschafts- bzw. Berufswelt eintreten und Verantwortung übernehmen. Viele Frauen werden in dieser Zeit für ihre besondere Situation sensibilisiert und sie haben sich in den letzten Jahren begonnen sich zu organisieren und den Arbeitskreis Chancengleichheit der DPG gegründet. Um der Sonderbehandlung der Frauen entgegenzuwirken, ist es notwendig, das Stereotyp des männlichen Physikers aufzubrechen und bewußt Frauen in den Vordergrund zu rücken, sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den Entscheidungsgremien.

Elternschaft bewirkt positive Arbeitseffizienz

Ein Grund weshalb Frauen oft nicht ernst genommen werden, ist die sogenannte "Frauenfrage", die sie ein Leben lang verfolgt. Zum einen beinhaltet dieses äußerst vielschichtiges Problem für den Arbeitgeber die verminderte Attraktivität einer Frau im Vergleich zu einem männlichen Kollegen aufgrund des möglichen Arbeitsausfalles im Falle einer Schwangerschaft. Zudem ist die Entscheidung zu treffen, ob und wie lange eine Mutter nach der Geburt im Beruf aussetzt und sich damit der Gefahr aussetzt, den Anschluß an die wissenschaftliche oder technische Entwicklung in ihrem Gebiet zu verlieren. Auf der anderen Seite ist bei einem Wiedereinstieg die berufstätige Mutter der Doppelbelastung Beruf/Familie in einem viel stärkeren Maße als ihr Partner ausgesetzt, da immer noch der Löwenanteil der Familienarbeit von Frauen geleistet wird. Trotz dieser Doppelbelastung haben Studien gezeigt, daß sich die Elternschaft eher positiv auf die Arbeitseffizienz auswirkt.

Abgesehen von diesem logistischen Problem ist jedoch schon die Existenz der Frauenfrage ein Problem an sich: Mädchen und Frauen müssen sich einen Großteil ihres Lebens damit auseinander setzen, wie sie Familie und Beruf miteinander vereinen sollen. Für Männer existiert dieses Problem nur theoretisch, dahingegen ist der gesellschaftliche Druck auf sie um so größer, Karriere zu machen und eine Familie zu ernähren. Dieses Problemfeld ist eine Folge der patriarchalischen Gesellschaftsordnung, die bis heute unser Denken, unsere Gesetze und die Infrastruktur unseres Landes bestimmt und die noch nicht auf die Gleichberechtigung der Geschlechter und sondern immer noch auf dem Prinzip der Aufgabenteilung zwischen den Geschlechtern beruht. Die Vernachlässigung dieses Problems zeigt wiederum wie patriarchalisch unsere Gesellschaft immer noch ist. Die männlich-dominierten Entscheidungsgremien haben die Dringlichkeit des Problems noch nicht erkannt.

"Frauenfrage" als Gesellschaftsfrage

Um diesen Gordischen Knoten zu lösen ist es notwendig, aus der "Frauenfrage" eine Gesellschaftsfrage zu machen. Die Familienpolitik muß in Zukunft auch im Hinblick auf den Arbeitsmarkt und somit auch als Standortfaktor gesehen werden, da die anderen Industrienationen hier wesentlich fortschrittlichere Konzepte haben. Eine erhöhte Flexibilität der Arbeitszeiten ist notwendig, um Eltern die Koordination ihrer beruflichen und privaten Aufgaben zu erleichtern. Tatsächlich haben jedoch viele moderne Unternehmen auch die positiven Wechselwirkungen zwischen Beruf und Privatleben entdeckt und fördern sie durch betriebseigene Kinderbetreuung, die Möglichkeit der Heimarbeit und eine familienfreundliche Zeitplanung. Das Ziel ist zum einen die Verbesserung der Motivation und damit der Effizienz der Mitarbeiter, in Zeiten der Nachwuchsprobleme allerdings auch die Nutzung von zuvor vernachlässigten Ressourcen wie die promovierten Hausfrauen.

Angesichts der tiefgreifenden Folgen muß das Problem aus der Nische des Privaten und des Weiblichen herausgeholt werden. Die Väter, die Gesellschaft und die Arbeitgeber müssen in die Verantwortung genommen werden. Dabei geht es nicht um eine Förderung der Frauen, sondern um die Möglichkeit des modernen Menschen, sein Leben unabhängig von geschlechtsspezifischen Einteilungen zu gestalten. Da wir derzeit noch weit davon entfernt sind, ist die anfängliche Frage nach der Chancengleichheit ganz klar zu beantworten: Es ist noch ein gewaltiger Kultur- und Strukturumbruch notwendig, damit Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern existiert.

 

Autor(in): Karin Heister
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Datum: 01.09.2000
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