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02. 08. 2000

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Gleichberechtigung erreicht man nicht über Programme"

Deutschlands jüngste Professorin zur Chancengleichheit von Frauen

Bild

Kerstin Thurow

Forum Bildung: Warum gibt es so wenige Professorinnen an den Universitäten?

Thurow: In den Ingenieurwissenschaften liegt das schon einmal ganz offensichtlich daran, dass nur 10% aller StudentInnen Frauen sind. Generell aber sind sowohl Männer als auch Frauen immer noch von einem bestimmten Rollenverständnis geprägt. Und in unserer Gesellschaft ist es nun einmal so, dass sie sich als Frau zu einem bestimmten Zeitpunkt zwischen Karriere und Familie entscheiden müssen. Viele Frauen gehen immer noch den traditionellen Weg und haben irgendwann nicht mehr die Kraft oder das Selbstvertrauen, eine Karriere zu machen.

Forum Bildung: Wie reagiert ihr berufliches Umfeld auf eine so junge Professorin? 

Thurow: Größtenteils positiv. Ich habe weder mit meinen Kollegen noch mit meinen Studenten Probleme. Ich spreche ja die gleich Sprache wie die Studenten, höre die gleiche Musik. Da ist der Zugang viel einfacher.

Forum Bildung: Gibt es dann nicht ein Autoritätsproblem mit Gleichaltrigen?

Thurow: Nein. Wenn man sein Fachgebiet beherrscht und auch gut vermitteln kann, stellt sich diese Frage nicht.

Forum Bildung: Sie sagten größtenteils positiv. Wo gibt es denn weniger positive Resonanz?

Thurow: Wenn man aneckt, dann leider auch bei Frauen. Es wird vom gleichen Geschlecht nicht unbedingt immer positiv aufgenommen, wenn man 30 ist, keine Kinder hat und Karriere macht. Denn das ist noch nicht das Verständnis, dass man in dieser Gesellschaft von einer Frau hat. Sie soll ruhig studieren und auch intelligent sein, aber irgendwann im Leben kommt der Punkt, an dem Mann, Kinder und Haushalt Priorität haben sollten.

Forum Bildung: Haben Sie das Gefühl, dass Sie es im Beruf schwerer hatten als männliche Kollegen?

Thurow: Es ist ein sehr subjektives Gefühl, dem viele Männer widersprechen werden, aber ich denke, dass Frauen es wirklich schwerer haben. Das merken sie bei Prüfungen, Promotionen und Habilitationen. Um den gleichen Titel oder die gleiche Note zu bekommen, wird von einer Frau mehr erwartet.

Forum Bildung: Sie haben ja eine zeitlang als Geschäftsführerin in einem Unternehmen gearbeitet. Ausflüge in die Privatwirtschaft sind aber im Hochschulbetrieb nicht gerade die Regel?

Thurow: Da muss man wieder die Studiengänge unterscheiden. In den Ingenieurwissenschaften hat man gerne Leute, die Firmenerfahrung haben und mal draußen "Luft geschnuppert" haben. Und zwar deshalb, weil man neben dem abgekapselten Hochschulbetrieb auch Erfahrungen sammeln muss im Bereich der Unternehmensführung, der Finanzen, des Personalwesens etc. Vielen Uniprofessoren fehlt dieses Wissen, obwohl sie hervorragende Wissenschaftler sind. Aber Professoren müssen heute auch Managerqualitäten haben.

Forum Bildung: Dann unterstützen Sie sicher auch die Forderung nach mehr Austausch zwischen Hochschule und Wirtschaft?

Thurow: In den Ingenieurwissenschaften an unserer Universität ist das schon in die Praxis umgesetzt, weil wir Studenten vom ersten Semester an in Industrieprojekte einbinden. So lernen diese die Anforderungen der Wirtschaft kennen und ihre potentiellen Arbeitgeber. Das Problem ist nur, dass eine Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Industrie generell in der Gesellschaft immer noch verpönt ist. Man will die Uni immer als isolierte Forschungslandschaft bewahren. Ich bin der Auffassung, dass staatlich finanzierte Unis auch in Lehre und Forschung dem Bedarf der Gesellschaft entsprechen müssen. Und die Industrie ist ein Teil unserer Gesellschaft, der auch weiterhin für viele Projekte das Geld bereit stellt. Ich sehe in dieser Zusammenarbeit überhaupt nichts Anrüchiges, sondern den Weg der Zukunft.

Forum Bildung: Ist durch Ihre Karriere das Vorurteil über "Frauen und Technik" widerlegt?

Thurow: Für mich sind das Klischees. Leider sehe ich das Problem, dass dieses Vorurteil sehr gepflegt wird. Das hält vielleicht auch manches Mädchen davon ab, sich in einer technische Richtung zu engagieren und selbstbewusst ihren Weg zu gehen.

Forum Bildung: Ist ihre Begabung für Naturwissenschaften schon in der Schule gefördert worden? 

Thurow: Ich war eigentlich immer ganz gut in der Schule. Ich hatte aber das große Glück, zwei gute Chemielehrer zu haben, die mich auch gefördert haben. Interesse und Lehrer reichen aber nicht aus. Man muss schon selbst eine gehörige Portion Kraft mitbringen. Auf dem Weg zum Erfolg sind es nun mal ein Prozent Inspiration und 99% Transpiration.

Forum Bildung: Sollen Frauen besonders gefördert werden?

Thurow: Nein. Davon halte ich nichts. Ich glaube nicht, dass man Gleichberechtigung über Programme erreicht. Das geht nur über die Köpfe der Menschen - insbesondere über die Köpfe der Männer. Die Gefahr in der Frauenförderung liegt darin, dass man hinterher die Leistung der Frauen nicht anerkennt und alles auf die Förderung schiebt.

Forum Bildung: Dann sind Sie auch gegen eine Frauenquote?

Thurow: Ja. Das lehne ich auch ab. Für die Gleichberechtigung können Frauen viel mehr erreichen, wenn sie Leistung zeigen und im direkten Vergleich mit den Männern beweisen, dass sie genauso gut oder besser sind.

Forum Bildung: In jüngster Zeit rücken junge Professorinnen wie Sie in das Medieninteresse. Verändert diese öffentliche Aufmerksamkeit etwas in der Gesellschaft? 

Thurow: Ich glaube schon. Aber nur, wenn objektiv berichtet wird und den Frauen die Chance gegeben wird, ihre eigenen Gedanken rüberzubringen. Damit zeigen sie anderen Frauen: "Die hat es geschafft auf ihre Art und Weise. Warum mache ich das in meinem Beruf oder meiner Karriere nicht einfach nach". Frauen Mut zu machen, dass sie sich in einer Männerwelt behaupten können, ist sehr wichtig.

Forum Bildung: Ist ihre Karriere eine typische Akademikerkarriere oder auch in der Wirtschaft denkbar?

Thurow: Es sind zwei ganz unterschiedliche Wege und deshalb schwierig zu vergleichen. Sie haben natürlich bei einer akademischen Karriere Anforderungen, die sie in der Wirtschaft nicht brauchen: Promotion, Habilitation und Publikationen. Das macht eine akademische Karriere komplizierter. Aber eine ähnliche Karriere wäre auch in der Wirtschaft möglich. Ich habe ja auch einige Zeit in der freien Wirtschaft gearbeitet.

Forum Bildung: Haben Sie eine Frau als Vorbild?

Thurow: Marie Curie. Sie war eine Topwissenschaftlerin in einer Zeit, als das Wort Gleichberechtigung noch nicht existierte und ich hab mir immer gedacht, wenn diese Frau das damals geschafft hat, muss es heute auch zu schaffen sein.

Forum Bildung: Was würden Sie in der Hochschulausbildung schnellstens ändern?

Thurow: Die Studienzeiten sind viel zu lang und den Studenten wird es auch leicht gemacht, lange zu studieren. Da würde ich restriktiv handeln, damit die Regelstudienzeiten eingehalten werden. Das ist für mich eines der dringendsten Probleme.

Forum Bildung: Sie kommen ja aus den neuen Bundesländern. Gab es in der ehemaligen DDR eine andere Tradition der Gleichberechtigung?

Thurow: Auf jeden Fall. Frauen in vergleichbaren Positionen wie ich - also mit technischen oder naturwissenschaftlichen Professuren - kommen heute häufig aus den neuen Bundesländern. Das liegt daran, dass es in der DDR normal war, dass Frauen arbeiten und auch in traditionellen Männerdomänen. Noch dazu kommt, dass der Schutz der Familie in der BRD an erster Stelle steht. Mit Blick auf das Steuerrecht ist es vom Staat ja regelrecht gewollt, dass Frauen nicht arbeiten. In der DDR war die Gleichberechtigung auf keinen Fall perfekt, aber es war auch viel einfacher zu arbeiten, weil wir eine hervorragende Kinderbetreuung hatten. Die Fragen, die sich Frauen heute stellen , wenn sie berufstätig sind - wohin mit meinem Kind- gab es damals nicht.

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 02.08.2000
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