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10. 06. 2000

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

In nur fünf Worten zur Chancengleichheit

Jutta Limbach über die Gleichberechtigung von Frauen

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Jutta Limbach

Das Große Duden Wörterbuch der deutschen Sprache umschreibt den Begriff der "Chancengleichheit" als gleiche Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten für jeden ohne Rücksicht auf Herkunft und soziale Verhältnisse. Ich erlaube mir, diese Begriffsbestimmung zu ergänzen: Chancengleichheit bedeutet auch: gleiche Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten für jede ohne Rücksicht auf ihr Geschlecht. Diese Erweiterung der Definition ist nach wie vor notwendig.
Unser Grundgesetz hat mit den fünf schlichten Worten "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" die Grundlage für die Schaffung gleicher Chancen für Frauen und Männer gelegt. Denn ohne gleiche Rechte kann es keine gleichen Chancen geben. In den seit dem Inkrafttreten des Grundgesetzes vergangenen fünf Jahrzehnten sind die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Wettbewerb um beruflichen und sozialen Aufstieg im Sinne dieses Verfassungsauftrags weit vorangekommen. Dabei hat es immer wieder der Nachhilfe durch das Bundesverfassungsgericht bedurft, um klar zu machen, dass das damals noch herrschende Bewusstsein von der Vorrangstellung des Mannes und die traditionelle Prägung eines Lebensverhältnisses eine Ungleichbehandlung von Frau und Mann nicht zu rechtfertigen vermögen.

Die Frauen haben heute - auch als Ehefrau und Mutter - das Recht, erwerbstätig zu sein. Junge Mütter wie Väter können Erziehungsgeld in Anspruch nehmen. Frauen können heute fast jeden Beruf erlernen, aufgrund eines Urteilsspruchs der Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg vom Januar dieses Jahres sind sie nun auch grundsätzlich zum Dienst an der Waffe in der Bundeswehr zuzulassen.
Nicht nur im Recht, auch in der Wirklichkeit hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten einiges verändert. So sind eine stattliche Zahl von hohen Ämtern in der Bundesrepublik von Frauen besetzt; Frauen spielen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft eine immer größere Rolle. Auch in der internationalen Wirtschaft wirken immer mehr Frauen an exponierter Stelle mit.

Bei allen diesen guten Nachrichten dürfen wir aber nicht übersehen, dass nach wie vor ein Missverhältnis in der Verteilung von politischer und wirtschaftlicher Macht besteht. Dieses ist weder naturgegeben noch zufällig, sondern durch die gesellschaftlichen Umstände geprägt. Die Frauen in den Spitzenpositionen von Politik, Wirtschaft und Kultur haben meist Folgendes gemeinsam: sie sind entweder allein stehend, kinderlos oder sie sind als Mütter bereits "aus dem Gröbsten heraus". Nach wie vor ist die Kinderfrage eines der größten ungelösten Probleme der Frauenfrage. Die Zahl der so genannten "neuen Väter", die sich die Familien- und Hausarbeit mit den Müttern teilen, ist statistisch unerheblich. Vielmehr ist die Entscheidung für Kinder noch immer für die Mehrheit der Frauen Anlass, die eigenen Karrierewünsche einzuschränken; denn die Wirklichkeit der Arbeitswelt gestattet es ihnen im Regelfall nicht, Erwerbsarbeit und Familie in Einklang zu bringen. Gibt die Frau der Familienarbeit den Vorzug, rangiert sie im Arbeitsleben unter "ferner liefen". Die jungen Mütter streben dann überwiegend keine Beförderung mehr an, sondern nutzen die Teilzeitarbeit und Beurlaubung. Sie müssen aber die verschlechterten beruflichen Aufstiegschancen und die erhöhte Arbeitsintensität der Teilzeitbeschäftigung hinnehmen. Diese Entscheidung für die Rollenverteilung innerhalb der Familie wird nicht zuletzt durch wirtschaftliche Erwägungen geleitet. Die Einkünfte der jungen Väter sind zumeist höher, so dass die Existenzgrundlage der Familie erheblich eingeschränkt würde, nähmen sie den Erziehungsurlaub in Anspruch. Die Verwirklichung der Chancengleichheit hat daher auch an diesen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anzusetzen.

Jeder und jedem soll die Möglichkeit eröffnet werden, sich aufgrund einer autonomen Wahl - und nicht als Resultat sozioökonomischer Zwänge - zwischen den in einer pluralistischen Gesellschaft möglichen Lebens- und Arbeitsstilen zu entscheiden. Erst wenn dieses Ziel erreicht ist, ist auch die Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern gewährleistet.


 

Autor(in): Jutta Limbach
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Datum: 10.06.2000
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