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28. 10. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Verständnis hört nicht bei Worten auf

Projekt Frühstart verbindet frühe interkulturelle Erziehung mit Sprachförderung

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Früh übt sich...

Gelächter schallt durch den Hinterhof der Wetzlarer Kindertagesstätte. Die vierjährige Hülya steht verträumt neben den Plumpssack spielenden Kindern. "Was heißt bloß Essenspause auf türkisch", fragt sich Sabine, Erzieherin der Kindertagesstätte. Solche Situationen der Unbeholfenheit kennen etliche ihrer Kolleginnen und Kollegen. Dabei sind es natürlich eher die Kinder mit Migrationshintergrund, die unter dem Verständigungsproblem leiden. Freunde finden, gemeinsam spielen und schließlich lernen ist schwer, wenn nicht unmöglich, solange Kinder die deutsche Sprache nicht beherrschen. Noch schwieriger wird es in der Grundschule.

Dreigleisig fördern
Mit dem Projekt "Frühstart" möchten die Initiatoren diesen Missständen in Kindertagesstätten etwas entgegensetzen. Organisiert und unterstützt wird das Projekt von der gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Herbert-Quandt-Stiftung und der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung in Zusammenarbeit mit den Städten Frankfurt am Main, Gießen und Wetzlar sowie mit dem Hessischen Sozialministerium und dem Hessischen Kultusministerium. "Frühstart" hat im April des Jahres 2004 begonnen und speist sich aus einem Gesamtbudget von 500.000 Euro.

Neu ist der Ansatz des Projektes, drei Bereiche miteinander zu verbinden. Mit Sprachförderung, interkultureller Erziehung und Elternarbeit wollen die Initiatoren bereits im Kindergarten den Grundstein für eine erfolgreiche schulische Laufbahn von Zuwandererkindern legen.

  • Die Erzieherinnen sollen lernen, Kinder mit Migrationshintergrund im Rahmen ihrer Arbeit sprachlich gezielt zu fördern.
  • Interkulturelle Erziehung soll erreicht werden, indem Eltern, Erzieher und Erzieherinnen für kulturelle Prägungen sensibilisiert werden. Dabei lautet die Devise: "Eigene Kulturmuster reflektieren und fremde Kulturen verstehen".
  • Elternarbeit erfolgt u.a. durch Mitwirkung muttersprachlicher Elternbegleitern. Diese arbeiten ehrenamtlich und beraten Mütter, Väter und sonstige Bezugspersonen in Erziehungs- sowie Bildungsfragen. Außerdem vermitteln die zumindest zweisprachigen Ehrenamtler zwischen Kindertagestätten, Elternhäusern und Migrantenvereinen. 

Fortbildungen für Fortschritte
Erzieherinnen und Erzieher in Kindertagesstätten mit hohem Zuwandereranteil brauchen dringend zusätzliches Handwerkszeug, sprich zusätzliche Kenntnisse und Methoden, um auch Kinder mit Migrationshintergrund sprachlich wirksam zu fördern. Im Rahmen des Projektes "Frühstart", war eine schnelle, unkomplizierte und dennoch fundierte Weiterbildung nötig. Vor diesem Hintergrund entwickelten die Organisatoren von Frühstart ein Fortbildungsprogramm.

Die Fortbildung basiert auf dem Konzept "Wir verstehen uns gut - Spielerisch Deutsch lernen." Geleitet wird sie von Elke Schlösser, Sozialarbeiterin und Autorin, die auch das Konzept erstellt hat. Hier gehört unter anderem  die Arbeit mit Märchen, Gedichten, Abzählreimen und Rollenspielen auf den Stundenplan. Die Sozialarbeiterin gibt den Erzieherinnen vielfältige inhaltliche und didaktische Möglichkeiten an die Hand, die Sprachförderung in den Arbeitsalltag einzubeziehen. Die muttersprachlichen Elternbegleiter werden unter der Leitung von Frau Methap Sanli fortgebildet.
    
Alle ziehen an einem Strang

Erstmals arbeiten alle wichtigen Akteure - Erzieherinnen, Eltern, Kommunen, Kindertagesstätten und Ministerien zusammen, koordinieren und organisieren. Sozialministerin Silke Lautenschläger bezeichnete Frühstart als ein hervorragendes Beispiel für partnerschaftliche Kooperation: "Stiftungen, Land und Kommunen arbeiten hier Hand in Hand." Wenn das Projekt gelänge, werde Hessen über ein weiteres neues und effektives Instrument verfügen, um die Integration über ein gutes Stück weiter voranzubringen. Die Projektergebnisse sollen in den Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan aufgenommen werden und in die Kindergärten Eingang finden.

"Durch Sprachförderung, interkulturelle Erziehung und Elternarbeit soll bereits im Kindergarten der Grundstein für eine erfolgreiche schulische und berufliche Laufbahn von Zuwandererkindern gelegt werden," sagte Lautenschläger. Sind doch fehlende Deutschkenntnisse eine entscheidende Ursache dafür, dass Kinder mit Migrationshintergrund derzeit schlechtere Chancen und geringeren Erfolg in der Schule, Ausbildung und Beruf haben. "Frühstart" beginnt deshalb mit der Förderung bereits im Kindergartenalter. 

Hessen als Vorreiter
In allen deutschen Bundesländern tut sich etwas, wenn es um die Frage geht, wie Kinder noch vor Schulbeginn gefördert werden können. Doch Hessen sieht sich hier in einer Vorreiterrolle: So habe die hessische Landesregierung mit hohem Kraftaufwand den landesweiten Aufbau von Angeboten zur Sprachförderung bei Kindern mit Migrationshintergrund angeregt. "Hessen ist das erste Bundesland, das die Schaffung eines entsprechenden flächendeckenden Netzes angegangen ist", sagte Kultusministerin Karin Wolff. Langfristiges Ziel sei ein Gesamtförderkonzept, insbesondere für Schulen mit hohem Zuwandereranteil. Hessen hatte bereits im Frühjahr 2002 als erstes Bundesland verbindliche Sprachtests vor der Einschulung eingeführt.

Seitdem wird noch vor der Anmeldung an der Grundschule das Verständnis der Kinder für die deutsche Sprache geprüft. Kinder, die den Test nicht bestehen, werden kostenlose schulische Vorlaufkurse angeboten. "Die Bilanz spricht für sich: Zwei Schuljahre mit jeweils 600 Vorlaufkursen und je 5 000 teilnehmenden Kindern sind ein deutliches Zeichen für den festen Willen der Landesregierung, die Bildungschancen für Zuwandererkinder in den Schulen im Lande Hessen nachhaltig zu verbessern," sagte Wolff. 

Daten und Fakten zu Frühstart
In jeder Kindertagestätte werden in mindestens zwei Gruppen die Fortbildungsinhalte umgesetzt. Insgesamt profitieren 360 Kinder vom Projekt Frühstart. Insgesamt nehmen zwölf Kindertagesstätten teil, davon sechs im Frankfurter Gallus Viertel und jeweils drei in Gießen und Wetzlar.

Die Kitas wurden im Rahmen eines Wettbewerbs, mit Unterstützung der Träger der Kindertagestätten, ausgewählt. Über zwanzig Bewerbungen sind eingegangen. Eine unabhängige Jury hat im März über die Auswahl der insgesamt zwölf Kindertagesstätten entschieden.

Teilnahmebedingungen für Kitas:
Bedingung für die Teilnahme war, dass die Kitas einen hohen Anteil an Migrantenkindern zu verzeichnen haben, in Frankfurt (Gallus), Gießen oder Wetzlar ansässig sind und eine verbindliche Teilnahme von mindestens zwei und maximal vier Erzieherinnen pro Kita garantieren konnten.  

Auswahl der ehrenamtlichen Elternbegleiter/innen:
Die Ehrenamtlichen wurden über Migrantenvereine, Ausländerbeauftragte, Städte und Kommunen, Kitas aber auch durch Zeitungsanzeigen in der ausländischen Presse kontaktiert. Frühstart wählte insgesamt 30 Ehrenamtler aus. Bedingung war dass, die Personen einen zweisprachig sind, einen Migrationshintergrund haben und Bildungsinteresse sowie soziales Engagement mitbringen.

Fortbildung für Erzieherinnen:
Die Fortbildung hat im April 2004 begonnen, dauert zweieinhalb Jahre, umfasst 110 Stunden und gliedert sich in die Themenschwerpunkte vorschulische Sprachförderung, interkulturelle Pädagogik und Kommunikation, Sprachstandserfassung sowie Elternarbeit. Zwei Gruppen mit maximal zwanzig Erzieherinnen und Erziehern, eine in Frankfurt und eine in Gießen, nehmen an dieser Fortbildung teil. 

Zertifizierung für Kitas:
Im Mai 2004 wurden je drei Kindertagesstätten aus Gießen sowie Wetzlar und sechs Kitas aus dem Frankfurter Gallusviertel für ihre Teilnahme am Projekt "Frühstart - Deutsch und interkulturelle Erziehung im Kindergarten" zertifiziert.  Durch die Zertifizierung unterstreicht Frühstart, dass diese Kindertagesstätten Modellcharakter bei der Verwirklichung der frühkindlichen Bildung für Zuwandererkinder haben. Dies betrifft insbesondere die Verbindung von Deutsch lernen ab drei Jahren, interkultureller Erziehung und systematischer Zusammenarbeit mit den Eltern der Zuwandererkinder.

Schön, wenn sich der lebensweltorientiertere Ansatz des Projektes "Frühstart" häufiger in das Verständnis von Integration und Sprachförderung, nicht nur in der vorschulischen Bildung und nicht allein in Hessen niederschlüge.  

Autor(in): Katja Haug
Kontakt zur Redaktion
Datum: 28.10.2004
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