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10. 03. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Ideenreichtum und Tatkraft gefragt

Zur Fachtagung "Berufliche Bildung benachteiligter Jugendlicher - Insbesondere mit Migrationshintergrund"

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Dr. Dagmar Beer-Kern am Rednerpult (links)

"Diese Tagung hat eine perspektivische Ausrichtung", sagte Paul Fülbier, der Geschäftsführer der "Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit" einleitend zur Fachtagung "Bildung benachteiligter Jugendlicher - Insbesondere mit Migrationshintergrund", die am 21. und 22. Februar in Bonn stattfand. Initiatoren waren: der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge sowie die Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit, im Bonner Gustav-Heinemann-Haus. Sie habe einen perspektivischen Charakter, weil in Zukunft die Bundeszuständigkeiten für Migrantenfragen immer mehr wegfallen würden und die Zuständigkeit stattdessen in die Hand der Kommunen gelegt würden, so Fülbier.

Insofern müssten auch freie und öffentliche Träger sich darum bemühen, Jugendlichen mit Migrationshintergrund den Weg zu einer guten Berufsausbildung zu ebnen, da diese doch der Schlüssel zur beruflichen und sozialen Integration sei. Es müsse also noch stärker das pädagogische Rüstzeug her, um die Berufsvorbereitung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund zu unterstützen. Auch die lokalen und regionalen Netzwerke der Träger sollten gestärkt werden und letztlich gelte es, den Blick auf die Kompetenzen statt auf die Defizite zu richten.  

Der Darstellung der Dagmar Beer-Kern aus dem Arbeitsstab der Beauftragten für Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, folgte eine lebhafte Diskussion der Teilnehmer, die größtenteils aus der Sozialarbeit stammten. Anschließend teilten sich die rund hundert Teilnehmer in vier Arbeitsgruppen: "Jobcenter für junge Menschen - Aufgaben, Struktur, Kooperationen", "Neues Fachkonzept Berufsvorbereitung und Berufliche Bildung und neue Förderstruktur in der Berufsvorbereitung", "Förderung von lokalen und regionalen Netzwerken" und die vierte Arbeitsgruppe beschäftige sich mit der "berufliche Bildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund - Kompetenzen fördern und weiterentwickeln".

Aufwachsen mit der Perspektive Arbeitslosigkeit
Die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen, Fachleute aus dem Bildungsbereich und, Mitarbeiter aus Migrantenvereinen, Jugendämtern oder der Jugendhilfe hörten interessiert der Referentin Dr. Dagmar Beer-Kern zu. Diese nannte die  Dinge beim Namen, sprach von der Stigmatisierung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, von der Abhängigkeit der Bildungschancen vom soziökonomischen Status.

Zugleich schilderte sie die Szenerie in westdeutschen Großstadt-Brennpunkten, in denen die überproportional von Arbeitslosigkeit bedrohten Kinder aufwachsen und mit vielen Risiken und Problemlagen konfrontiert werden. So gehe in den letzten Jahren die Ausbildungsbeteiligung von jungen Migranten kontinuierlich zurück. Oft würden sie weder die deutsche Sprache sprechen noch ihre Herkunftssprache auf einem funktionalem Niveau beherrschen, sich eher für schlecht bezahlte und für viele Menschen eher unattraktive Berufe interessieren, aus dem Glauben heraus "anderswo habe ich ohnehin keine Chance". 
 

Unternehmen die Berührungsängste nehmen
"Wir brauchen jetzt nicht mehr wahnsinnig viel Forschung, sondern mehr die Umsetzung in der Breite" sagte Dagmar Beer-Kern. In den letzten Jahrzehnten sei viel in Bezug auf die Situation von Migranten reflektiert und die Probleme seien oft genug benannt worden. Nun ginge es darum, dem etwas entgegen zu setzen. Hartnäckig müsse das Ziel der beruflichen Integration von jugendlichen Migranten verfolgt werden. Beer-Kern betonte die "harte Konkurrenz auf dem Ausbildungsstellenmarkt, auf dem Ausländer trotz guter Schulbildung die Verlierer sind". In der Außenwahrnehmung werde dieser Umstand auf die als defizitär wahrgenommene Eigenschaften, Qualifikation der Migrantinnen und Migranten, wie schlechte Schulleistungen zurückgeführt. Beer-Kern erklärte weiter "Betriebe wollen homogene Arbeitnehmergruppen, um Reibungsverluste zu vermeiden". Aus diesem Grunde entschieden sie sich bei der Wahl ihrer Auszubildenden oft gegen Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Mit Blick auf die Zusammenhänge
Eine wichtige Errungenschaft der vergangenen Jahrzehnte  seien die Beruflichen Qualifizierungsnetzwerke für Migrantinnen und Migranten (BQN). Sie dienten der Förderung der Chancengleichheit von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Mit der Einrichtung der BQN verbindet das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Hoffnung, dass Kooperation und Vernetzung zentraler Akteure, wie der Kammern, der Arbeitsagenturen, der kommunalen Einrichtungen, der Gewerkschaften, der Schulen, der Bildungsträger und insbesondere auch der Migrantenorganisationen auf lokaler und regionaler Ebene die Voraussetzung dafür schaffen, dass junge Migrantinnen und Migranten bessere Startchancen erhalten. Ihre Potenziale - bikultureller Hintergrund und Mehrsprachigkeit -  sollen weiterentwickelt und für die Belange einer globalisierten Wirtschaft und multikulturellen Gesellschaft entsprechend genutzt werden.
 
Die Referentin Kleffner von der Bundesagentur für Arbeit betonte, ihre Behörde  gebe Anregung zu Jugendkonferenzen und dem Aufbau von Netzwerkstrukturen. Ziel sei der Abschluss einer beruflichen Ausbildung oder eines Studiums bei Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Zudem sei bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Zukunft eine stärkere gesamtfamiliäre Sichtweise und Handlungsweise der Bundesagentur für Arbeit gefragt, um früher intervenieren zu können. Ebenso sei von der Bundesagentur auch eine stärkere Einbindung der freien Wohlfahrtspflege und der kommunalen Netzwerke geplant, um Jugendlichen den Einstieg in den Beruf zu erleichtern.  Klar also: das Problem ist mehrdimensional und muss von vielen Seiten angegangen werden. 

Wir haben einen Schatz! 
"Wir müssen die Wirtschaft fit machen für junge Migrantinnen und Migranten", sagte Wolfgang Fehl, der die Arbeitsgruppe "Kompetenzen fördern und weiterentwickeln" moderierte. Schließlich seien allein in Köln 25 Prozent der Bevölkerung Jugendlichen und davon schon 40 Prozent ausländische Jugendliche. Das ist nicht nur eine Bürde, sondern birgt ein großes Potenzial: "Wir haben einen Schatz, wenn jemand eine andere Sprache mitbringt als Deutsch." Fehl erläuterte: "Wir müssen Jugendliche mit Migrationshintergrund dort abholen, wo sie eine Vorleistung bringen. Dabei sollte die Sprachförderung auch in der Berufsförderung eine größere Rolle spielen." Es müsse dabei ein Weg in die gesellschaftlichen Strukturen hinein gefunden werden, so dass man nicht bei einzelnen (und immer wieder auslaufenden) Projekten stehen bleibe, sondern dass mit den öffentlichen Geldern zukunftsweisende Projekte gefördert würden. 

Beispielhaft für ein innovatives Projekt sei  "QS + E - Qualifizierung durch Sprachen und Entwicklung". Reimar Rehse vom Kölner Berufskolleg Südstadt  sagte hierzu: "Wir sehen zwar unsere Zukunft in der Wissensgesellschaft, bauen aber die Potenziale nicht auf, sondern fördern Eliten, aber nicht die Fachkräfte, die mit der Elite kommunizieren soll. Nicht viele haben die Fähigkeit zu verstehen, was der Kunde will, und wissen was der Ingenieur meint."

Sprache an Berufskollegs systematisch fördern
Die Potenziale von jugendlichen Migrantinnen und Migranten müssten mehr genutzt und vor allem ausgebaut werden. So würden Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund am Berufskolleg in Köln oft weder ihre Muttersprache noch die deutsche Sprache ausreichend beherrschen. Für dieses Klientel bietet das Berufskolleg Südstadt den Unterricht auch auf türkisch und italienisch an. Sprachenlernen solle dabei stärker an die Beruflichkeit angebunden werden, da eine Fachsprache hohe Anforderungen an die Schüler stelle, so der Lehrer. Der Unterricht findet in der Sprache des Herkunftslandes der Schülerinnen und Schüler, setze am Stand der Vorkenntnisse an und möchte für die in- und ausländischen Wirtschaft hochqualifizierte Mitarbeiter mit beispielweise kaufmännischen Kenntnissen ausbilden. Dabei fänden im berufsbezogenen herkunftssprachlichen Unterricht auch landeskundliche Inhalte und kulturelle Fragestellungen ihren Raum.

Wichtig sei zudem, dass auch mit Technik befasste Lehrer für die Sprachvermittlung zuständig seien und grammatikalische Kenntnisse vermitteln würden. Rhese sprach sich für eine fundierte und praktikable Sprachstandsdiagnostik auch an Berufskollegs aus. 

Der erfolgreiche Start in die Berufsausbildung von jugendlichen Migrantinnen und Migranten nur dann gewährleistet ist, wenn in der Berufsvorbereitung ein systematischer Sprachaufbau vorgesehen ist. Und wenn freie und öffentliche Träger und Institutionen stärker zusammen arbeiten. Hier gilt es nun einerseits pädagogische Methoden zu entwickeln und eine Methodenvielfalt die von individueller Beratung in der Berufsvorbereitung bis hin zur Einführung von Sprachstandsdiagnostik an  Berufsschulen reicht. Nur so kann der kulturelle Schatz und die Kompetenzen, die  Jugendliche mit Migrationhintergrund mitbringen, für sie selbst und auch für die Wirtschaft angemessen gehoben werden. 

Autor(in): Katja Haug
Kontakt zur Redaktion
Datum: 10.03.2005
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