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18. 11. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Keine Schaumschlägerei: Baden in drei Sprachen

Mehrsprachige Magdeburger Grundschule startet 2005

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Sprache als Badezusatz

Die erste dreisprachige Grundschule Deutschlands öffnet im kommenden Jahr in Magdeburg ihre Pforten. Schon jetzt können Eltern die künftigen Schülerinnen und Schüler anmelden, so informiert der Träger, die Evangelische Jugendhilfe, die Öffentlichkeit. Die Eltern wählen mit ihrem Kind selbst, ob es in einer deutsch-englischen oder einer deutsch-französischen Klasse unterrichtet werden soll. Die Schülerinnen und Schüler werden laut der Evangelischen Jugendhilfe den ganzen Tag über neben deutsch eine Fremdsprache hören, sie dadurch deuten, verstehen und sprechen lernen. Englisch- beziehungsweise Französisch-Muttersprachler unterrichten die Kinder in Fächern wie Mathematik und sprechen dabei konsequent in ihrer Sprache. Zudem werden die Lehrenden in der nachmittäglichen Hortzeit Hausaufgabenbetreuung anbieten.

Vom Grundschüler zum Weltenbürger
Mit Eintritt in ihr erstes Schuljahr steht schon eines der Bildungsziele der Schulanfänger fest: In einer trilingualen Grundschule sollen sie nach dem Konzept der Evangelischen Jugendhilfe zu Weltenbürgern erzogen werden.
Die Vielfalt der sozialen, religiösen und kulturellen Hintergründe eröffne Bildungs- und kulturelle Möglichkeiten, "die für die Bildung und Erziehung von Weltbürgern notwendig sind", ist in der Selbstdarstellung der Internationalen Dreisprachigen Grundschule Magdeburg zu lesen (siehe Link). In unserem derzeitigen Bildungssystem ist es noch eine Ausnahme und sozusagen ein Luxus, schon in der Grundschulzeit an eine oder auch an mehrere Fremdsprachen herangeführt zu werden.

Dabei beschlossen die Staats- und Regierungschefs der 15 EU-Staaten bereits im Frühjahr 2003 in Barcelona, dass alle EU-Bürger künftig vom frühesten Kindesalter an zwei Fremdsprachen lernen sollen. Die deutsche Kultusministerkonferenz entschied demzufolge im März 2003 mit Blick auf die PISA-Ergebnisse, an deutschen Schulen solle möglichst früh mit dem Fremdsprachenerwerb begonnen werden.

Die Vorteile der Vielsprachigkeit liegen auf der Hand: Der Horizont weitet sich, es eröffnet sich eine größere Bandbreite beruflicher Chancen, man kann mit einer Vielzahl von Menschen verschiedener Herkunft sprechen. Mehrsprachige Menschen haben Zugang zu vielfältigen Kulturen und Bräuchen, vermittelt auch über Bücher, Theater und Filme. Für die Verständigung in der Welt, nicht nur in beruflicher Hinsicht, werden Sprachen immer wichtiger. Das offene Europa, aber auch der sich öffnende europäische Arbeitsmarkt drängt geradezu nach einer stärkeren Gewichtung der Fremdsprachen auch im deutschen Schulsystem.

Bunte Runde entwickelte Ideen
Das Konzept der dreisprachigen Internationalen Grundschule Magdeburg ist das Arbeitsergebnis einer Gruppe, die sich vor cirka eineinhalb Jahren zusammengefunden hat. Eltern verschiedenster Professionen, interessierte Lehrerinnen und Lehrer staatlicher Schulen, Erzieherinnen und Erzieher, Sozialpädagogen der Stiftung Evangelische Jugendhilfe haben es gemeinsam entwickelt.

Nach mehrmonatigem intensiven Erfahrungsaustausch, Hospitationen und in verschiedenen Arbeitsrunden ist das Konzept entstanden. "Es knüpft eng an die Angebote, Dienste und Leistungen der Stiftung Evangelische Jugendhilfe an, gründet auf Elterninteressen, -vorstellungen und -erfahrungen", so die Stiftung.

"Tauchen in Sprache"
In Sprache baden, in sie eintauchen - solche Wortbilder verwendet man, um den Begriff Immersion zu umschreiben. Und Immersion ist ein wichtiges Prinzip der Sprachvermittlung. Doch was heißt das genau? Die neue, fremde Sprache ist die Umgangs- und Arbeitssprache für den Unterricht. Die Kinder erschließen sich die Sprache selbst, "nämlich aus dem Zusammenhang, in dem sie gebraucht wird". Immersion folgt den Prinzipien der Psycholinguistik, so lernt der Mensch auch seine Muttersprache.

Bei diesem "Sprachbad" wird die Sprache als solche nicht thematisiert, Vokabeln und Grammatik stehen nicht im Vordergrund, die Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrende unterstützen alles was sie sagen durch Gesten und Zeigen. "Die Sprache wird ganz natürlich gelernt. Deshalb überfordert Immersion auch nicht." Die Magdeburger Grundschule stellt deutsch- , englisch- , und französischsprachige Erziehende und Lehrende ein. Diese sprechen immer in der eigenen Muttersprache. Immersion sei weltweit die erfolgreichste Methode für den Spracherwerb. Sie erfordere, dass viel Zeit mit der neuen Sprache verbracht werde, so die Träger der Schule.

Unter zahlreichen Experten herrscht die Meinung, dass die intellektuellen Fähigkeiten von Kindern bis cirka 10 Jahren zum Erwerb einer anderen Sprache seien vorrangig intuitiv-imitativer Natur seien. Dementsprechend sei das Sprachbad beziehungsweise die Immersion die angemessenste Art und Weise, Kinder in Kindertagesstätten und Grundschulen an Sprachen heranzuführen, ohne sie zu überfordern.

"Sprachen lernen braucht Zeit"
Die Grundschule soll am 1. August 2005 als anerkannte Ganztagsschule eröffnet werden. Der Träger, die Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis, vertritt die Auffassung: "Sprachen lernen braucht Zeit, mehr Zeit, als in der Halbtagsschule zur Verfügung steht." Die Grundschule wird den 45-Minutentakt des Unterrichtes aufheben und für einen rhythmisierten Tagesablauf sorgen. Hierbei soll das individuelle Lernen im Vordergrund stehen.

In einer Halbtagsschule könne bei neun oder zwölf Wochenstunden à 45 Minuten der Fremdsprachenkontakt lange nicht zu den Ergebnissen führen, die die dreisprachige Internationale Grundschule ermögliche. Die Magdeburger Grundschule ist als Ganztagsschule mit Hort konzipiert. Dabei sollen die Schülerinnen und Schüler die Hälfte der Schulzeit mit Muttersprachlerinnen verbringen. Die Kinder haben also im Unterricht wöchentlich 19 Stunden Fremdsprachenkontakt.

Darüber hinaus bietet der Hort, der täglich vom frühen Morgen bis zum frühen Abend geöffnet ist, Betreuungs- und Bildungsangebote durch deutsch- und fremdsprachige Erzieherinnen an. Die Schulleitung ist überzeugt: "Nur in einer Ganztagsschule mit einem Hort, die die fremde Sprache über den gesamten Tag verteilt zu Verfügung stellt, ist Immersion tatsächlich möglich."

Bilinguale Grundschulen in Deutschland
Es gibt in Deutschland nicht viele Kindertagestätten und Schulen, die sich mit Immersion als Methode zur Frühvermittlung von Fremdsprachen beschäftigen. Häufiger sind solche Konzepte in Kanada, Finnland, Spanien und den USA zu finden. In Deutschland existieren Kitas und Schulen, die Immersion als Unterrichtsmethode gewählt haben, im Saarland, in Kiel und wie beschrieben in Magdeburg.

Bilinguale Kindergärten und Grundschulen sind in Deutschland hingegen stärker vertreten. Mit dem Begriff Bilingual ist keine bestimmte Methode verbunden - Zweisprachigkeit kann durch verschiedene Lehr- und Lernmethoden erreicht werden.

Zur Zeit gibt es in ganz Deutschland 59 bilinguale Grundschulen.

Wie sieht es in den einzelnen Bundesländern aus?

  • Bayern: 19 bilinguale Grundschulen (zwölf griechische, fünf englische, eine japanische und eine französische)
  • Berlin: 20 bilinguale Grundschulen (fünf englische, zwei französische, zwei russische, zwei spanische, zwei italienische, zwei türkische, eine griechische, zwei portugiesische, zwei polnische)
  • Hamburg: sechs bilinguale Grundschulen (eine Italienische, zwei türkische, zwei spanische und eine polnische)
  • Hessen: vier bilinguale Grundschulen (zwei italienische und zwei französische)
  • Niedersachsen: eine französische Grundschule
  • Nordrhein Westfalen: zwei Grundschulen (eine englische und eine französische)
  • Rheinland-Pfalz: drei bilinguale französische Grundschulen
  • Sachsen: drei Grundschulen (zwei sorbische und eine französische)
  • Schleswig Holstein: eine englische Grundschule


Nicht bilingual dafür aber Mehrsprachig ist eine Schule in Baden Württemberg: Grundschule, die zugleich weiterführende Schule ist (fünf europäische Sprachen).
In den Bundesländern Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Saarland und Thüringen gibt es derzeit keine bilingualen Grundschulen.

Es gilt, der längst überfälligen Forderung nach einer frühen Sprachförderung auch in Deutschland gerecht zu werden und den politischen Willensbekundungen Taten folgen zu lassen. Hier sind die Kultusministerien der Länder gefragt. Ein Blick über den Tellerrand lohnt sich sicher. Bestehende Konzepte können nachgenutzt werden und aus den Erfahrungen im In- und Ausland lässt sich lernen. Auch was die Methode der Immersion betrifft, die künftig in Magdeburg Anwendung findet.

Autor(in): Katja Haug
Kontakt zur Redaktion
Datum: 18.11.2004
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