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05. 06. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Sollen Kinder schon im Vorschulalter gebildet werden?

Immer mehr Länder setzen auf Bildungsprogramme für Kindertageseinrichtungen

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Dr. Sabine Hebenstreit-Müller

Bildung PLUS: Im Pestalozzi-Fröbel-Haus werden Kinder nicht nur betreut, sondern auch gebildet. Inwieweit werden die Erzieherinnen und Erzieher hier auf ihre Aufgaben vorbereitet?

Hebenstreit-Müller: Das Pestalozzi-Fröbel-Haus kann hier auf eine lange Tradition zurückschauen. Es wurde bereits 1874 von Henriette Schrader-Breymann, einer Großnichte von Friedrich Fröbel, gegründet und war die erste Einrichtung, in der Erzieherinnen ausgebildet wurden. Die zentrale Idee war, das hohe Niveau der Bildung in Fröbel-Kindergärten durch ein hohes Niveau der Ausbildung der Erzieherinnen zu sichern.

Bis zum heutigen Tag ist das Pestalozzi-Fröbel-Haus eine Modelleinrichtung, die dem Ausbildungskonzept der Gründerin verpflichtet ist, neben einem hohen wissenschaftlichen Anspruch die Verbindung von Theorie und Praxis zu gewährleisten. Ein Anspruch, der heute so aktuell ist wie damals. Als Verbund von Praxis und Ausbildung hat das Pestalozzi-Fröbel-Haus die Möglichkeit, die Fragen unmittelbar aufeinander zu beziehen, um die es aktuell geht, nämlich: Welche Bildung brauchen Kinder heute und welche Bildung brauchen diejenigen, die Kinder in ihren Bildungsprozessen unterstützen?

Dass hier ein Zusammenhang besteht ist einleuchtend. Die derzeitigen fachpolitischen Entwicklungen laufen jedoch nach wie vor aneinander vorbei. So werden derzeit in den einzelnen Bundesländern Bildungspläne für den Elementarbereich erarbeitet. Parallel dazu erfolgt die Umsetzung neuer Ausbildungsordnungen für den Erzieherbereich. Ich behaupte mal, beides gehört unmittelbar zusammen. Denn wer soll eigentlich die Bildungspläne umsetzen, wenn nicht die Erzieherinnen, die dann aber dafür ausgebildet sein müssen. Ein guter Bildungsplan braucht auch eine gute Ausbildung

Bildung PLUS: Brauchen wir in Deutschland die Einführung nationaler Curricula für Kindertagesstätten und Kindergärten?

Hebenstreit-Müller: Was wir vor allem brauchen sind Qualitätsstandards und mehr Verbindlichkeit. Wie gut oder wie schlecht ein Kindergarten arbeitet ist derzeit den einzelnen Erzieherinnen oder dem jeweiligen Träger anheim gestellt. Wenn aus Kitas Bildungseinrichtungen werden sollen, dann brauchen wir Qualitätsstandards, die überprüfbar sind. Die Erarbeitung von Bildungsplänen ist insofern ein wichtiger und bedeutsamer Schritt in diese Richtung. Zwar spricht auch das Kinder-und Jugendhilfegesetz davon, dass Kindergärten einen Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsauftrag haben. Dieser Bildungsauftrag ist allerdings nicht wie derjenige der Schule allgemein und verbindlich.

Bildung PLUS: Wird der Bildungsauftrag für Kitas nicht Ernst genommen?

Hebenstreit-Müller: Es ist den einzelnen Trägern und Einrichtungen überlassen, wie verbindlich sie den Bildungsauftrag nehmen. Dies hängt mit unserem System zusammen. Im Unterschied zu Schulen gehören die Kitas nicht zum Bildungssektor, sondern in die Jugendhilfe und damit in den Aufgabenbereich der Kommunen.

Hinzu kommt, dass wir es hier entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip mit einer Vielzahl unterschiedlichen Träger mit eigenen Gestaltungsspielräumen zu tun haben. Die spannende Frage bezüglich der Bildungspläne, die von den Ländern entwickelt und verabschiedet werden, wird insofern sein, ob diese tatsächlich für alle verbindlich sein werden und wer ihre Einhaltung überprüft. Erhalten hier beispielsweise die Landesjugendämter spezifische Aufgaben, die ja laut Gesetz durchaus dafür zuständig wären?

Bildung PLUS: Was heißt Bildung für Kinder?

Hebenstreit-Müller: Zunächst einmal: wenn in der öffentlichen Debatte von Bildung geredet wird, dann versteht man darunter oftmals bestimmte Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben, Rechnen. Bildung beginnt jedoch nicht erst mit der Schule. Das Fundament wird vielmehr im Kleinkindalter gelegt.

Elementare Bildungsprozesse finden da statt, wo Kinder sich aktiv ihre Welt aneignen. Bildung kann man nicht "machen". "Kinder" und hier zitiere ich Henriette Schrader-Breymann, "sollen an möglichst edlen Lebensverhältnissen gebildet werden, in denen das Kind von früh an seinen Kräften gemäß mit an der Bildung dieser Verhältnisse schafft". Kinder begreifen ihre Welt mit allen ihren Sinnen und durch aktives Tun.

Für Kinder, um ein Beispiel zu nennen, die eine Zitrone fühlen, schmecken, riechen und anfassen konnten, bleibt dies kein leerer Begriff. Der Bildung des Begriffs gehen vielmehr sinnliche Erfahrungen voraus. Notwendig ist, das Verständnis für solche elementaren Bildungsprozesse auf Seiten der Erzieherinnen zu entwickeln. Dazu gehört die Fähigkeit, Kinder genau zu beobachten und individuell fördern zu können.

An dieser Stelle können wir von anderen Ländern, z.B. von England, eine Menge lernen. In unserem Kinder- und Familienzentrum Schillerstrasse begeben wir uns in einen intensiven Austausch mit einem Early Excellence Centre im englischen Corby. Was wir dabei lernen sind vor allem Formen der Beobachtung von Kindern, die auf ihre Stärken und Kompetenzen gerichtet sind und eine darauf bezogene individuelle Förderung. Damit verbunden sind zugleich andere Formen der Zusammenarbeit mit den Eltern und ihre Einbeziehung in die Bildungsprozesse ihrer Kinder.

Bildung PLUS: Sind es nicht vor allem Eltern der Mittelschicht, die dabei erreicht werden?

Hebenstreit-Müller: Die Erfahrungen und Forschungsergebnisse aus England zeigen, dass dies gerade nicht der Fall ist. Allen Eltern ist unabhängig von ihrer Schichtzugehörigkeit eines gemeinsam, nämlich das Interesse für ihr Kind und seine bestmögliche Förderung. Eltern einzubeziehen in die Bildungsprozesse ihrer Kinder bedeutet, sie aufmerksam darauf zu machen, dass es um Bildung geht, wenn ihr Kind mit größtem Eifer Wasser von einem Behälter in den anderen umfüllt, wenn es malt oder mit Bällen jongliert. Entscheidend ist die Fähigkeit, dies wahrzunehmen und Kinder ernst zu nehmen in ihrem Tun.

Eine wissenschaftliche Studie an der Universität London, die im Herbst dieses Jahres veröffentlicht wird, kommt bezogen auf die Frage des Zusammenhangs von sozialer Schicht und kognitiver und sozialer Entwicklung von Kindern zu recht interessanten Ergebnissen. Dabei wird nachgewiesen, dass Kitas Herkunftsunterschiede ausgleichen können. Wichtiger als die soziale Schichtzugehörigkeit ist danach, was die Eltern tatsächlich mit den Kindern tun. Ein Ergebnis, das die Bedeutung von Elternarbeit erheblich unterstreicht.

Bildung PLUS: Wie müssen Kinder mit Migrationshintergrund gefördert werden?

Hebenstreit-Müller: Hier denke ich an Ergebnisse der bereits genannten Untersuchung in England, die übrigens die erste und umfangreichste europäische Langzeitstudie zur Frage des Zusammenhangs von frühkindlicher Bildung und dem Besuch von Kindertageseinrichtungen ist. Als wichtigster Faktor für das soziale und kognitive Lernen der Kinder hat sich der Faktor "Diversity" herausgestellt. "Diversity" beeinflusst Lernfortschritte weit mehr als sprachliche oder mathematische Fähigkeiten. Diversity meint mehr als nur kulturelle Unterschiede, sondern jedwede individuellen Differenzen. Auch wenn dies Ergebnis zunächst überraschend war, leuchtet es dennoch unmittelbar ein.

Kinder lernen dann am ehesten, wenn sie sich akzeptiert fühlen. Dieses Ergebnis verträgt sich voll und ganz mit einer entschiedenen Betonung einer Förderung der Kinder in der englischen Sprache, denn diese allein garantiert eine gleichberechtigte Partizipation am gesellschaftlichen Leben. Bezogen auf die Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund in Deutschland sehe ich dies im Prinzip nicht anders: kulturelle Unterschiede als bereichernd erleben ist die eine Seite. Die andere ist eine intensive Förderung in der deutschen Sprache.

Bildung PLUS: Wie sollten Erzieherinnen und Erzieher in Deutschland ausgebildet werden?

Hebenstreit-Müller: Auch hier die Frage: Kann sich Deutschland leisten, mit Österreich das einzige Land in Europa zu sein, wo Erzieher/innen an einer Fachschule und nicht an einer Hochschule ausgebildet werden? Natürlich betrifft dies auch die Qualität der Ausbildung. Denn es macht einen Unterschied, ob die Schüler/innen als selbst noch Jugendliche und mit Realschulabschluss eine Ausbildung beginnen oder ob sie auf der Grundlage eines Abiturs ein Studium an einer Hochschule aufnehmen.

Gerade auch von Gewerkschaftsseite aus besteht deshalb die Forderung, die Ausbildung von Erzieherinnen an die Hochschulen zu verlegen. Damit ergeben sich zweifelsohne weitere wichtige Effekte. Weil die Ausbildung von Erzieherinnen nicht an Hochschulen stattfindet, gibt es nur wenige Professuren für frühkindliche Erziehung und entsprechend wenig Forschung. Für die fachliche Entwicklung spielt dies jedoch eine große Rolle - und im übrigen auch für die Politik, die eine ganz andere Grundlage hat, wenn sie sich auf empirische Daten stützen kann.

Ich bin gleichwohl skeptisch, ob die Verlagerung der Ausbildung an die Hochschule der richtige Weg ist. Ich bezweifle, ob eine Akademisierung der Ausbildung für sich genommen schon zu einer Qualitätsverbesserung führt. Für Erzieherinnen ist nicht nur wichtig, was sie über kindliche Entwicklung wissen. Sie müssen auch gelernt haben, mit Kindern umzugehen und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen. Der Praxisbezug ist ein wesentliches Qualitätskriterium der Ausbildung. Wir haben in Deutschland - im Unterschied zu vielen europäischen Ländern - eine lange Tradition einer praxisbezogenen Ausbildung. Darauf sollten wir aufbauen.

Wir müssen weg von einer Polarisierung nach dem Motto, an den Hochschulen wird Qualität vermittelt und woanders nicht. Wir brauchen vielmehr Kooperationsmodelle. Dabei muss die Ausbildung modularisiert und die Möglichkeit gegeben werden, dass ein Teil der Ausbildung an der Fachschule absolviert werden kann und die Studierenden anschließend unter Anerkennung der Module, die an der Fachschule absolviert wurden, an die Hochschule gehen können, um dort beispielsweise einen Master zu erwerben.

Bildung PLUS: Was macht einen guten Erzieher, eine gute Erzieherin aus?

Hebenstreit-Müller: Eine gute Erzieherin ist in der Lage, ein reflektiertes Verhältnis zu sich, den Kindern und zu deren Eltern zu entwickeln. Sie ist in der Lage, sehr genau Kinder zu beobachten. Sie kann kreativ Ideen  entwickeln wie Kinder gefördert werden können. Sie kann ihr Fachwissen auf die konkrete pädagogische Situation anwenden und ist in der Lage, in komplexen pädagogischen Situationen reflektiert zu handeln. Sie ist in der Lage, klar zu formulieren, auf der Grundlage welcher Konzepte sie mit den Kindern arbeitet und das, was sie tut, kritisch zu hinterfragen. Sie beherrscht Methoden der Arbeit mit Erwachsenen und ist in der Lage ihre Arbeit zu dokumentieren.

Bildung PLUS: Es gibt wenig Männer als Erzieher. Für Jungen soll es gut sein, wenn sie sich schon früh auch an Männern als Vorbilder orientieren können. Welche Rolle sollen Männer im Erziehungsberuf in Zukunft spielen?

Hebenstreit-Müller: Erzieherinnen werden schlechter bezahlt als beispielsweise Lehrerinnen und sie haben nur geringe Aufstiegschancen. Insofern verwundert es nicht, wenn es sich nach wie vor um einen typischen Frauenberuf handelt. Wenn wir wollen, dass sich mehr Männer für diesen Beruf interessieren, dann kommen wir an einer Aufwertung und Besserstellung nicht vorbei. Bis sie zu einer weiterführenden Schule wechseln sind Kinder weitgehend nur mit Frauen zusammen. Kinder brauchen jedoch auch männliche Bezugspersonen.

Bildung PLUS: Kommunen haben wenig Geld zur Verfügung. Wie kann es gerechtfertigt werden, stärker in vorschulische Bildung zu investieren?

Hebenstreit-Müller: Die Frage ist doch eher: können wir es uns eigentlich leisten, diesen Bereich weiterhin zu vernachlässigen? Andere europäische Länder haben längst erkannt, dass der Elementarbereich das Fundament aller Bildungsprozesse ist. In späteren Jahren können Versäumnisse in diesem Bereich kaum noch ausgeglichen werden. Selbst Länder wie Portugal oder Griechenland, die ökonomisch am unteren Ende der europäischen Länder rangieren, haben hier in den letzten Jahren Prioritäten gesetzt und einen erheblichen auch qualitativen Ausbau betrieben. Bemerkenswert ist, dass dabei von Zukunftsinvestitionen gesprochen wird. Bildung ist der eigentliche "Rohstoff", ohne den moderne Wissensgesellschaften keine Perspektive haben. Mir scheint, dass wir in Deutschland von einem solchen Denken - trotz "Pisa" - noch weit entfernt sind.

Die Frage ist allerdings auch, ob die Strukturen im Kitabereich selbst zukunftsfähig sind. Derzeit sind die Kitas da verankert, wo am wenigsten Geld zur Verfügung steht, nämlich bei den Kommunen. Wir leisten uns völlig unterschiedliche Ausstattungs-Standards und vielfach wird der Besuch einer Kita abhängig gemacht von der Frage der Erwerbstätigkeit der Mütter bzw. Väter. Nicht der Anspruch auf Bildung des Kindes steht hier im Mittelpunkt, sondern die Lebenssituation der Eltern.

Bildung PLUS: Was müsste am dringendsten getan werden, um die vorschulische Erziehung zu verbessern?

Hebenstreit-Müller: Ein wichtiger Schritt wird gerade unternommen. Es werden Bildungspläne für den Vorschulbereich erarbeitet. Der Entwurf für einen Berliner Bildungsplan wird in dieser Woche der Öffentlichkeit vorgestellt. Hier wurde zudem durch den Bildungssenator ein weiterer wichtiger Schritt zur Verbesserung der Qualität getan, indem die Eingangsvoraussetzungen für den Besuch der Fachschule erhöht wurden. Studierende müssen zukünftig eine Fachoberschule mit einer Fachhochschulreifeprüfung abgeschlossen haben, wenn sie eine Fachschule besuchen wollen. Die Frage wird nun sein, ob und wie es gelingt, Bildungspläne und Ausbildungsordnungen inhaltlich aufeinander zu beziehen.

Und sicherlich stellt sich in absehbarer Zeit die Frage einer Durchlässigkeit der Fachschulausbildung nach "oben" hin zur Hochschule. Hier würde ich mir Möglichkeiten wünschen, unterschiedliche Modelle zu erproben.


 

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 05.06.2003
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